Die Sprache in der Psychoanalyse und der 'Der Fall Signorelli'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Sprache
2.1 Die Wort- und Sachvorstellung
2.2 Die strukturale Linguistik bei Lacan

3 Das Unbewußte[1]
3.1 Das Topographische Modell als Ausgangspunkt
3.2 "Das Unbewußte ist strukturiert wie eine Sprache."[2]
3.3 Die Verschiebung und Verdichtung

4 Der Fall Signorelli
4.1 Die Hintergrundgeschichte
4.2 Die Genese der Verdrängung und des Vergessens
4.3 Freuds Analyse
4.4 Eine Interpretation nach Lacan

5 Folgerungen für den Stellenwert der Sprache in der Psychoanalyse

6 Literaturverzeichnis

„Sie sollen, daß meine ganze Anstrengung während Jahren darauf gerichtet war, dieses Instrument, das Sprechen, in deren Augen wieder zu seinem Wert kommen zu lassen – ihm seine Würde wiederzugeben und zu bewirken, daß das Sprechen für sie nicht bloß aus jenen von vorneherein entwerteten Worten besteht, die sie dazu nötigten, die Blicke anderswohin zu richten, auf der Suche nach einem Äquivalent.“[3]

1 Einleitung

Diese einleitenden Worte Lacans dienen als Ausgangspunkt für diese Arbeit. Sie machen das ernst zunehmende Problem deutlich, was hier behandelt werden soll. Die Sprache oder vielmehr das gesprochene Wort rückte bei der Erklärung des Unbewußten bzw. bei der Analyse dessen Auftretens immer mehr in den Hintergrund. Es wurde über verschiedenste Art und Weisen versucht das Unbewußte zu fassen. Von Nicht-Bewusst über romantische Erklärungen wurde probiert dem „dunklen“ Phänomen näher zu kommen. Dabei manövrierten sich die Denker jedoch immer weiter ins Mystische und Unerklärliche. Aus einer Wissenschaft wurde offenbar eher eine Märchenstunde.

Wenn das Unbewußte schon kaum fassbar ist, wie soll dann dessen Auftreten erklärt werden? Die Ansätze, die diese Frage zu beantworten versuchten, führten nur noch weiter weg vom Glaubhaften und gedanklich Fassbaren.[4] Das Sprechen wurde entwertet und verworfen, wobei dies doch eine Möglichkeit darstellen könnte das Unbewußte in seiner ganzen Vielfalt zu fassen. Durch was zeichnen sich denn psychoanalytische Methoden wie die von Freud geprägte ‚Freie Assoziation‘[5] aus?

„(…)die Grundregel der Psychoanalyse ruht auf dem Prinzip, daß das Sprechen der einzige Weg zur Wahrheit ist.“[6]

Die Psychoanalyse funktioniert ohne die Sprache nicht, d. h. ohne diese gäbe es auch keinen Weg zum Unbewußten und die ganze Psychoanalyse würde an Bedeutung verlieren. Dabei muss bei einer solchen Analyse schon von der Sprachlichkeit des Unbewußten[7] ausgegangen werden, denn ohne diese Voraussetzung ist eine tiefgründige und wissenschaftliche Psychoanalyse nicht denkbar. Erst der Aspekt der strukturalen Linguistik macht sie zu einer Wissenschaft in Abgrenzung zu einer mystischen Erzählung. Durch die Sprache erfährt das Unbewußte und dessen Phänomene eine klare Struktur und Verbindlichkeit. Freud hat das in den Ansätzen schon erkannt und Lacan hat dem Ganzen noch konkrete Begriffe, Gestalt und Form gegeben. Aufgrund dieser ganz wesentlichen Verbindung dieser beiden Psychoanalytiker und aufgrund Lacans Festhalten an Freud, entgegen vieler Mystiker und Antifreudianer, wird seine Theorie meist auch als ‚Rückkehr zu Freud‘ bezeichnet.[8]

Diese Arbeit soll am von Freud in „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ niedergeschriebenen Beispiel ‚Der Fall Signorelli‘ zeigen, dass die Sprache in der Psychoanalyse unabdingbar ist.

Dabei soll zunächst auf die Sprachbegriffe nach Freud und Lacan eigegangen werden. Als nächstes werden das Unbewußte und dessen Sprachlichkeit näher bestimmt. Dies erfolgt über das Topographische Modell Freuds und Lacans Theorie, bis hin zu den Mechanismen der Verschiebung und Verdichtung. Unmittelbar daran anknüpfend wird das zuvor Erläuterte am ‚Fall Signorelli‘ veranschaulicht. Zum Schluss sollen im Punkt ‚Folgerungen für den Stellenwert der Sprache in der Psychoanalyse‘ ein Resümee des Dargestellten erfolgen und Implikationen für die Psychoanalyse aufgezeigt werden.

2 Die Sprache

2.1 Wort- und Sachvorstellung

Freud, der Vater der Psychoanalyse, beschäftigte sich schon vor Saussure und Lacan mit dem Phänomen der Sprache, jedoch nicht unter diesem expliziten Begriff. Er befasste sich in seinen Büchern „Das Unbewußte“ und „Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie.“ näher mit dem gesprochenen Wort und dessen Dimensionen.

Das Wort besitzt zwei Ebenen, auf der es verarbeitet wird. Es handelt sich erstens um die Wortvorstellung, welche allein für das empirische Wort steht. Und zweitens um die Sach- bzw. Objektvorstellung, die direkt an die Wortvorstellung geknüpft ist. Dieser zweite Teil der Vorstellung repräsentiert die Sinneseindrücke, die mit dem Wort einher gehen, und besteht ihrerseits wiederum aus weiteren Assoziationsebenen. Die Wortvorstellung beschreibt also lediglich das Wort in Schriftbild, Lesebild oder Klangbild und ist somit ein abgeschlossener kognitiver Prozess. Die Objektvorstellung hingegen, die sich an die Wortvorstellung anschließt, ist ein nicht fassbares und weites Gebiet. Ein Wort kann unendlich viele Implikationen mit sich tragen.

„Die Wortvorstellung erscheint als ein abgeschlossener Vorstellungscomplex, die Objectvorstellung dagegen als ein offener.“[9]

Zur Veranschaulichung soll folgende Grafik dienen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik zur Wort- und Sachvorstellung (Abb. 1)[10]

Im unteren Bereich befindet sich die Wortvorstellung und im oberen Bereich, an den Doppelstrich anknüpfend, die Objektvorstellung. Das Wort erscheint zuvörderst über sein Schriftbild bzw. Bewegungsbild. An das Schriftbild fügt sich das Lesebild, diesem folgt das Klangbild.

„Unter den Objectassociationen sind es die visuellen, welche das Object in ähnlicher Weise vertreten, wie das Klangbild das Wort vertritt.“[11]

Die Sachvorstellung ist also über das Visuelle an das Klangbild des Wortes geknüpft. Das ist demzufolge auch die Schnittstelle, an der Wort- und Sachvorstellung miteinander verbunden sind. Freud erklärt dies anhand der Ähnlichkeit von Klangbild und Visuellem. Ein Beispiel soll diese Konstellation verdeutlichen.

Das Wort ‚Baum‘ erscheint. Wenn dieses Wort empirisch betrachtet wird, ist sein Schriftbild, bestehend aus den Buchstaben ‚B‘, ‚a‘, ‚u‘ und ‚m‘, entscheidend. Die nächste Stufe der Wortvorstellung wäre dann das Lesebild, hierbei fügen sich alle Buchstaben zusammen und ermöglichen ein flüssiges Lesen des Wortes ‚Baum‘. Mit dem Lesen wird das Wort ausgesprochen und formt somit das Klangbild, welches den ‚Baum‘ schlagartig auf die Sachvorstellungsebene bringt. Nun ist er geistig zu sehen, einen Stamm, viele Äste und Blätter. Weiter bewegt sich die Objektvorstellung über taktile Assoziationen, die eine eventuelle Berührung simulieren können, über akustische Vorstellungen, die z.B. das Rauschen der Blätter gedanklich hervorrufen. Jedoch kann jede dieser Vorstellungen weitere implizieren. Die taktile Assoziation kann beispielsweise an einen Unfall erinnern, der an einem Baum endete und kann mit dieser Vorstellung tausend weitere schreckliche Erinnerungen aktivieren. Aus diesem Grund ist das Verzweigungssystem auf der Seite der Objektassoziation nach oben offen. Die Untersuchung des Wortes als empirischer Sachverhalt ist relativ schnell beendet. Die damit zusammenhängenden Assoziationen hingegen können sehr vielschichtig sein und bedürfen einer genauen Analyse, die sich mit den Implikationen des gesprochenen Wortes auseinandersetzen muss, einer Psychoanalyse.

Wie später noch gezeigt werden soll, hängen Wort- und Sachvorstellung ebenfalls so miteinander zusammen, dass beim Vergessen eines Wortes die Objektassoziation überpräsent wird, während das Schriftbild völlig verblasst. Dies wird am ‚Fall Signorelli‘ deutlich.

2.2 Die Strukturale Linguistik bei Lacan

Die Sprache bei Lacan lässt sich in verschiedene Forschungsetappen einteilen.[12] Hier soll jedoch die Auffassung aus den Jahren 1955 bis 1970 eine Rolle spielen. Diese lässt sich in erster Linie auf der Grundlage der Theorie Saussures beschreiben. Ihm zufolge ist die Sprache eine Struktur. Saussure unterscheidet, ähnlich wie Freud, zwischen einer Wort- und einer Sachvorstellung. Genauer bestimmt geht er davon aus, dass es den Signifikanten (der Bezeichnende) und das Signifikat (das Bezeichnete) gibt. Auf Freud bezogen, könnte die Wortvorstellung als Signifikant und die Sachvorstellung als Signifikat übersetzt werden. Jedoch weiter ist festzuhalten, dass die Sprache hierbei ein System ist, das sich über die Funktion und Struktur des Zeichens charakterisieren lässt. Das Zeichen setzt sich nämlich aus dem Gegensatz von Signifikat und Signifikant zusammen. Das Verhältnis dieser beiden unterliegt aber keinen formalen Gesetzen und gestaltet sich völlig willkürlich.[13] Es ist demnach also nicht apriorisch zu bestimmen, dass dem Sinnbild von ‚Baum‘ immer ein gleicher Signifikant zuzuordnen ist. Das Signifikat mag allenfalls identisch bleiben, wobei der Signifikant, also die Wortvorstellung, abweichen kann. Nun ist gezeigt, dass das Signifikat bei Saussure eindeutig primärer Natur ist. Damit ist das Verhältnis der beiden Begriffe zueinander jedoch noch nicht ganz beschrieben. Für Saussure ist ebenfalls deren inhaltliche Differenz von großer Bedeutung. Ein Signifikant konstituiert sich erst in der Differenz zu anderen Signifikanten. Das gleiche gilt für das Signifikat, Gedanken grenzen sich durch ihre Differenz zueinander erst ab. Dieser Sachverhalt ist wichtig für die Struktur der Sprache, denn dadurch erhält das einzelne Element (oder Zeichen) erst seine Identität.

„Was aber Saussure ebensosehr betont, ist, daß das Zeichen als solches eine Ganzheit bildet und dass ein Signifikant ohne Signifikat nicht zu denken ist.“[14]

Die Sprache ist also auch auf Beziehungen von Elementen zueinander angewiesen, die sich jedoch wiederum über ihre inhaltliche Differenz (Signifikat und Signifikant) voneinander abgrenzen. Die Theorie Saussures ist weitaus komplexer als hier vorgestellt und würde demzufolge den Rahmen für diese Arbeit sprengen.[15] Das hier Angeführte soll lediglich zum Verständnis der Lacanschen Sprachauffassung beitragen.

Lacan beschäftigte sich nämlich durchaus mit Saussure, beide lassen sich dem Strukturalismus[16] zuordnen. Lacan übernahm, laut Weber, jedoch bloß die Begriffe des schweizer Linguisten und nicht die Theorie. Im Folgenden soll dies untersucht werden.

„Für Lacan ist(…)die Sprache nicht ein System von Zeichen (wie für Saussure), sondern ein System von Signifikanten.“[17]

Lacan setzt sich über Saussures Konzeption des Zeichens hinweg und stellt den Signifikanten als Grundelement vor. Er erläutert die strukturale Linguistik als System aus Signifikanten. Hieraus geht eine Gleichsetzung der Begriffe Zeichen und Bezeichnendes hervor, die bei Saussure noch mit einem strikten Verhältnis bedacht waren. Das Zeichen wird demzufolge vom Signifikanten substituiert.

„Die Natur liefert, sagen wir doch das Wort: Signifikanten, und diese Signifikanten organisieren auf inaugurierende Weise die menschlichen Verhältnisse, geben ihnen Struktur, modellieren sie.“[18]

Lacan versteht den Signifikanten als Grundelement. Auf die Sprache bezogen, könnte hier unter anderem von Phonemen die Rede sein. Lacan geht aber noch weiter in der Tradition des Strukturalismus und wendet sein Grundelement auf das menschliche Leben an, welches sich im Signifikanten konstituiert. Wenn also Lacan von Sprache bzw. Struktur schreibt, dann meint er damit nicht nur das gesprochene Wort, sondern jegliche Beziehung aller Signifikanten zueinander in der Struktur des Symbolischen. Dies können Dinge, Beziehungen oder Symptomhandlungen[19] sein. In der Betonung des Verhältnisses der Signifikanten zueinander wird deutlich, dass wie bei Saussure sich diese erst durch ihre Differenz zueinander identifizieren. Diesen Verhältniskomplex nennt Lacan eine Signifikanten-Kette („chaine du signifiante“), in der der Signifikant je nach Position in dieser eine andere Bedeutung bekommt.[20] Diese Position bestimmt sich durch den fundamentalsten aller Signifikanten, den ‚Namen des Vaters‘. Dieser fundamentalste aller Signifikanten verleiht dem Subjekt, seines Zeichens ebenfalls Signifikant, erst die unumstößliche Bedeutung in der Kette. Der ‚Name des Vaters‘ ist also die Differenz, die eine definitive Unterscheidung gegenüber anderen Subjekten möglich macht und den Platz in der gesellschaftlichen Struktur festlegt.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird entgegen der neuen Rechtschreiberegelung an der ursprünglichen Schreibweise dieses traditionellen Begriffes festgehalten.

[2] Lacan Se XI, S. 26 (für die Überschrift von mir geändert, M.W.).

[3] Lacan Se XI, S. 24.

[4] Vgl. Lacan Se XI, S. 30.

[5] Weitere Aspekte zur ‚Freien Assoziation‘ sind in folgendem Buch zu finden, Sigmund Freud: Die Traumdeutung, Gesammelte Werke II/III.

[6] Evans 2002, S. 282.

[7] Vgl. Lacan Se XI.

[8] Vgl. Weber 1978.

[9] Freud 1975, S. 172.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda.

[12] Vgl. Evans 2002, S. 280.

[13] Vgl. Weber 1978, S. 27.

[14] Ebenda, S.28.

[15] Saussures Werk gibt noch mehr die Möglichkeit seine Theorie nachzuvollziehen und in seiner ganzen Komplexität vor Augen zu führen. Die Literatur dazu ist: Ferdinand de Saussure (1915): Cours de linguistique générale.

[16] Der Strukturalismus spielt bei Jakobson eine große Rolle. Lacan orientierte sich mitunter stark an dessen Werk. Zur Vertiefung bietet sich Jakobson (1974): Form und Sinn. Sprachwissenschaftliche Betrachtungen. an.

[17] Evans 2002, S. 270.

[18] Lacan Se XI, S. 26.

[19] In Bezug auf die Symptomhandlungen soll das das noch folgende Beispiel ‚Der Fall Signorelli‘ Aufschluss geben. Dabei handelt sich um das Vergessen als hauptsächliche Symptomhandlung oder Signifikant des Unbewussten.

[20] Vgl. Evans 2002, S. 271.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Sprache in der Psychoanalyse und der 'Der Fall Signorelli'
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Lacans Theorie des Subjekts
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V128705
ISBN (eBook)
9783640356379
ISBN (Buch)
9783640356744
Dateigröße
771 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lacan, Psychoanalyse, Sprache, Signorelli, Freud, Signifikant, Signifikat, Weber, Pabst, Das Unbewusste, Traumdeutung, Versprecher
Arbeit zitieren
Martin Weber (Autor:in), 2009, Die Sprache in der Psychoanalyse und der 'Der Fall Signorelli', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128705

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