Die Desintegrationstheorie, als soziologisch inspirierte, obgleich transdisziplinär angelegte Theorie, stellt ein vergleichsweise zeitgemäßes Modell dar, welches in der Konflikt- und Gewaltforschung eine wichtige Rolle einnimmt. Heitmeyer, welcher als Professor für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialisation an der Universität Bielefeld lehrt, entwickelte diese Theorie zusammen mit Reimund Anhut in den 1990er Jahren. Spezifischer Erklärungsansatz dieser Theorie sind Phänomenbereiche, wie Rechtsextremismus, Gewalt sowie ethnisch-kulturelle Konflikte in Form der Abwertung und Abwehr ethnisch Anderer (vgl. Reimund & Heitmeyer, 2007: 55). Diese schreibt der Desintegrationsansatz den unzureichenden Integrationsleistungen einer modernen Gesellschaft zu. Zudem liefert er vor allem in Bezug auf die Ursachen rechtsextremistischer Handlungen und Einstellungen wichtige Deutungsmuster, weshalb ich im ersten Abschnitt meines Essays die grundlegenden Aussagen Wilhelm Heitmeyers Desintegrationstheorie darstellen werde. Im zweiten Teil geht es mir darum, inwiefern andere sozialwissenschaftliche Konflikttheorien, wie die von Karl Marx, Sigmund Freud (Psychoanalyse), Georg Simmel, Axel Honneth (Anerkennungstheorie) sowie die Rational-Choice Theorie, einen alternativen Erklärungsansatz in Bezug auf diese Thematik liefern.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Begriffsdefinition
2.1.1 Desintegration
2.1.2 Rechtsextremismus
2.2 Theoretische Erklärungsansätze
2.2.1 Grundlage: Integration
2.2.2 Prozesse zur Abnahme sozialer Integration
2.2.3 Beeinflussende Faktoren in Bezug auf anti-soziale Einstellungen und Handlungen
2.2.4 Erklärung rechtsextremistischer Handlungen und Einstellungen
2.3 Alternative Erklärungsmuster rechtsextremer Handlungen und Einstellungen
2.3.1 Die Honneth’sche Annerkennungstheorie
2.3.2 Simmels Konflikttheorie
2.3.3 Freuds Psychoanalyse
2.3.4 Die Rational Choice-Theorie
2.3.5 Marx Konflikttheorie
3 Zusammenfassung
4 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Modell von Wilhelm Heitmeyer zur Erklärung rechtsextremistischer Einstellungen und Handlungen durch das Konzept der Desintegration. Dabei wird geprüft, inwiefern ergänzende sozialwissenschaftliche Konflikttheorien alternative Erklärungsansätze für diese Phänomene bieten.
- Desintegrationstheorie nach Wilhelm Heitmeyer
- Strukturen und Ursachen rechtsextremer Gewalt
- Vergleichende Analyse mit Honneth, Simmel, Freud, Rational-Choice und Marx
- Sozialisationstheoretische Ansätze und Konfliktpotentiale
- Prozesse sozialer Integration und deren Abnahme
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Desintegration
Reimund Anhut definiert in seinen Ausführungen zur Konflikttheorie der Desintegrationstheorie den Begriff „Desintegration“ als „die nicht eingelösten Leistungen von gesellschaftlichen Institutionen und Gemeinschaften, in der Gesellschaft existentielle Grundlagen, soziale Anerkennung und persönliche Unversehrtheit zu sichern.“ (Anhut, 2002: 381). Dies führt unweigerlich zu der Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe.
Mit Desintegration gehen kollektive wie auch individuelle Wahrnehmungen oder Verhaltensweisen einher, die Ohnmacht bzw. Machtlosigkeit ebenso einschließen wie Indifferenz. Alle diese Erscheinungsformen von Anomia können aufgrund ihrer verunsichernden Substanz auch zur Auslösung von Konflikt- und Gewaltpotentialen führen (vgl. Heitmeyer, 1997: 634).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Desintegrationstheorie als Modell zur Erforschung von Rechtsextremismus und Gewalt sowie Darlegung des Ziels, diese Theorie mit weiteren Konflikttheorien in Beziehung zu setzen.
2 Hauptteil: Detaillierte Definition der Begriffe Desintegration und Rechtsextremismus, gefolgt von einer tiefgehenden Analyse der Integrationsfaktoren und der Prüfung alternativer Erklärungsmodelle durch klassische und moderne Soziologen.
3 Zusammenfassung: Fazit der Arbeit, welches die Relevanz der Desintegrationstheorie unterstreicht und die Notwendigkeit betont, neben der Unterdrückung rechtsextremistischer Bestrebungen auch präventive gesellschaftliche Maßnahmen zu entwickeln.
4 Bibliographie: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Literatur zur Untermauerung der theoretischen Analysen.
Schlüsselwörter
Desintegration, Rechtsextremismus, Gewaltforschung, Sozialisation, Anerkennungstheorie, Konflikttheorie, Rational-Choice, Klassenkampf, soziale Integration, Anomie, Fremdenfeindlichkeit, soziale Differenzierung, Identitätsentwicklung, politische Sozialisation, gesellschaftliche Spaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung von rechtsextremistischen Einstellungen und Handlungen auf Basis der Desintegrationstheorie von Wilhelm Heitmeyer.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die gesellschaftlichen Ursachen für soziale Desintegration, die Entwicklung von Gewaltpotentialen und die Rolle von Ausgrenzung und Anerkennungsverlusten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Modell Heitmeyers darzustellen und durch die Einbeziehung weiterer theoretischer Perspektiven zu prüfen, wie rechtsextreme Phänomene alternativ erklärt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die einen Literaturvergleich zwischen verschiedenen sozialwissenschaftlichen Konflikttheorien vornimmt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsbestimmung, die detaillierte Erläuterung des Desintegrationsansatzes und die anschließende Anwendung von Theorien wie jener von Honneth, Simmel, Freud, der Rational-Choice-Theorie sowie der marxistischen Konflikttheorie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Desintegration, Rechtsextremismus, soziale Integration, Anerkennung, Konfliktpotentiale und Identität.
Inwiefern spielt das Konzept der Anerkennung bei Honneth eine Rolle?
Honneths Theorie dient dazu zu zeigen, dass fehlende soziale Anerkennung zu Kränkungen führen kann, die wiederum rechtsextreme Einstellungen als kompensatorische Reaktion begünstigen.
Warum ordnet der Autor die marxistische Sichtweise ein?
Die marxistische Theorie wird genutzt, um soziale Konflikte durch den Klassenkampf und ökonomische Ungleichheit zu erklären, was als komplementärer Erklärungsansatz zu Heitmeyer dient.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Gewalt bei Simmel?
Die Arbeit erläutert, dass Simmel Konflikte nicht nur negativ betrachtet, sondern sie als dynamisches Element der Vergesellschaftung sieht, wobei rechtsextreme Gewalt jedoch als „unechter“ Konflikt zur reinen Selbstzweck-Spannungsentladung gewertet werden kann.
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- Theresa Hiepe (Author), 2007, Theoretische Erklärungsansätze rechtsextremistischen Handelns, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128764