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Eine Tatort-Folge über den Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Über Inzestvorwurf, Vorurteile und künstlerische Freiheit

Title: Eine Tatort-Folge über den Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Über Inzestvorwurf, Vorurteile und künstlerische Freiheit

Scientific Essay , 2003 , 40 Pages

Autor:in: Dr. phil. Ahmet Terkivatan (Author)

Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
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Am 23.12.2007 wurde von der ARD der Tatortfilm „Wem Ehre gebührt“ ausgestrahlt. Dabei ging es um einen Inzest-Fall in einer alevitischen Familie, der einen Mord nach sich zog. Die Mitglieder der alevitischen Gemeinschaft und die Alevitische Gemeinde Deutschlands (AABF) waren hierüber zutiefst entsetzt. Über tausend Menschen versammelten sich vor dem ARD-Hauptstadtbüro. Die deutsche Öffentlichkeit war und ist nicht imstande, diese Empörung und diesen Protest nachzuvollziehen. Wie denn auch? Sie beruft sich zwar auf die Kunst- und Redefreiheit, kennt aber weder die Aleviten und das Alevitentum noch die historischen (gesellschaftlichen) Hintergründe für die Empörung über den im Film gezeigten Inzest-Fall in einer alevitischen Familie.

Freiheit und ihre Spielarten, also auch die Kunst- und Redefreiheit gehören zu den wesentlichen Elementen des Alevitentums. Der Protest der Aleviten richtete sich nicht gegen diese starken Prinzipen und Grundlagen offener Gesellschaften, sondern einzig und allein gegen die unreflektierte Darstellung des Inzest-Falles im Zusammenhang mit einer alevitischen Familie.
Der vorliegende Beitrag will aufklären. Er will die historischen Hintergründe dieses Protestes aufzeigen. Er versucht zu ergründen, wie und weshalb Menschen zu gewissen entwürdigenden Vorurteilen gelangen können.

Wer aber – bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich – gewisse entwürdigende Vorurteile (gegen wen und in welcher Form auch immer) weitertransportiert und sich dabei auf Kunst- und Redefreiheit beruft, der verklärt und handelt unverantwortungslos.
Grundlage und Maß menschlicher Freiheit in Form der Kunst- und Redefreiheit ist die Würde des Menschen. Wer für diese Freiheitsformen eintritt, der sollte dabei ebenso die Würde des Menschen beachten. Kein Mensch, keine Kultur, keine Gemeinschaft und dergleichen darf aufgrund seiner Andersartigkeit ausgegrenzt und gedemüdigt werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Explikation der Fragestellung, Prämissen und einiger methodologischer Grundsätze der Arbeit

2. Kritische Explikation einiger die Moral der Kizilbas betreffender Vorurteile

2. 1 Explikation des Vorurteils, die Kızılba würden Inzest betreiben

2. 2 Urheber, Genese und Kontext dieses Vorurteils

3. Kritik des die Moral der Kızılba betreffenden Vorurteils. Drei Argumente, die gegen M sprechen

3. 1 Erstes Argument und Erklärungsversuch

3. 2 Zweites Argument

3. 3 Drittes Argument

4. Abschließende Bemerkung: Was tun?

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht kritisch den entwürdigenden Inzestvorwurf gegenüber der alevitischen Gemeinschaft (Kızılbaş). Ziel ist es, die historischen, politischen und psychologischen Hintergründe dieses Vorurteils aufzudecken, seine inhaltliche Unhaltbarkeit aufzuzeigen und die Notwendigkeit eines rationalen, diskursiven Umgangs mit derartigen Diffamierungen vor dem Hintergrund der Menschenwürde zu begründen.

  • Historische und gesellschaftliche Genese von Vorurteilen gegenüber den Kızılbaş.
  • Kritische Analyse von Quellen (z.B. Sultanerlasse des 16. Jahrhunderts) und Wörterbucheinträgen.
  • Erkenntnistheoretische und moralphilosophische Widerlegung der Inzest-Unterstellungen.
  • Diskussion psychologischer Erklärungsansätze für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Diffamierung.
  • Plädoyer für die Achtung der Menschenwürde als Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Auszug aus dem Buch

2. 1 Explikation des Vorurteils, die Kızılba würden Inzest betreiben

Das Vorurteil, von dem hier nun die Rede sein wird, besteht in der Meinung, dass die Kızılba Inzest (lat. Geschlechtsverkehr und Fortpflanzung zwischen Verwandten) betreiben würden. Genauer besteht das hier gemeinte Vorurteil in der Meinung (im Folgenden M), dass es bei den Zusammenkünften der Kızılba, wo Frauen und Männer sich nächtens zu kultischen Feiern einfinden, zu zügellosen geschlechtlichen Vereinigungen käme.

Der problematische Kern dieser Meinung besteht bei näherer Betrachtung in der Annahme, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen der Moral der Kızılba und Inzest gäbe. Damit wird den Kızılba indirekt vorgeworfen, dass sie eine Sexualbeziehung zwischen Verwandten pflegen und diese Sexualbeziehung stets bejahen, fördern und nicht moralisch tadeln würden.

Wäre eine solche Meinung M tatsächlich zu bestätigen, gäbe es also tatsächlich einen solchen inneren Zusammenhang, so müssten wir ihn irgendwie nachweisen können und alsbald dürften wir folgern, dass die Kızılba gegen eines der ältesten, aus magisch-religiösen Quellen gespeistes Sexualtabu verstoßen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Explikation der Fragestellung, Prämissen und einiger methodologischer Grundsätze der Arbeit: Der Autor definiert das Verständnis von Vorurteilen als entwürdigende Meinung und legt seine Absicht dar, den spezifischen Inzestvorwurf gegen die Kızılbaş kritisch zu hinterfragen.

2. Kritische Explikation einiger die Moral der Kizilbas betreffender Vorurteile: In diesem Kapitel werden konkrete Beispiele für Diffamierungen gesammelt, wobei der Fokus auf dem "Mum Söndü"-Vorurteil und dessen historischer Verankerung in osmanischen Erlassen liegt.

2. 1 Explikation des Vorurteils, die Kızılba würden Inzest betreiben: Das Kapitel präzisiert den Inhalt des Inzestvorwurfs und erläutert die implizierte Unterstellung eines moralischen Zusammenhangs zwischen alevitischer Lebensweise und Inzest.

2. 2 Urheber, Genese und Kontext dieses Vorurteils: Hier werden die historischen Ursprünge der Vorurteile, insbesondere im 16. Jahrhundert, sowie ihre Tradierung durch Quellen und Wörterbücher untersucht.

3. Kritik des die Moral der Kızılba betreffenden Vorurteils. Drei Argumente, die gegen M sprechen: Der Autor führt eine dreigliedrige Argumentation (historisch, moralisch, pragmatisch) ein, um die Unhaltbarkeit der Inzest-Behauptung nachzuweisen.

3. 1 Erstes Argument und Erklärungsversuch: Das erste Argument befasst sich mit der quellenkritischen Analyse und weist nach, dass die historischen Dokumente keine sachliche Grundlage für die Vorwürfe bieten.

3. 2 Zweites Argument: Das zweite Argument beleuchtet die Moral der Kızılbaş aus der Binnenperspektive und zeigt, dass Inzest mit deren ethischen Prinzipien (wie dem Beherrschen von Händen, Lenden und Zunge) fundamental unvereinbar ist.

3. 3 Drittes Argument: Das dritte Argument diskutiert die pragmatische Schädlichkeit des Vorurteils und argumentiert gegen die irrationale Missachtung der Menschenwürde.

4. Abschließende Bemerkung: Was tun?: Das Kapitel fordert zu einem aktiven Umgang mit Vorurteilen durch Erziehung und Bildung auf und unterstreicht die Notwendigkeit, Menschen trotz Differenzen mit Achtung zu begegnen.

Schlüsselwörter

Aleviten, Kızılbaş, Vorurteil, Inzest, Inzestvorwurf, Menschenwürde, osmanische Geschichte, Religionsphilosophie, Ethik, Diskriminierung, Aufklärung, Exkommunikation, Moral, Identität, Vorurteilsforschung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich kritisch mit der Untersuchung und Widerlegung entwürdigender Vorurteile, speziell des Inzestvorwurfs, die historisch und aktuell gegenüber Aleviten bzw. Kızılbaş erhoben werden.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die historische Analyse osmanischer Sultanerlasse, die philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Vorurteils, die Moral der Kızılbaş sowie die Bedeutung der Menschenwürde in einer pluralistischen Gesellschaft.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist es, die Unhaltbarkeit der Inzest-Unterstellungen aufzuzeigen und zu ergründen, warum Menschen zu entwürdigenden Vorurteilen gelangen, um so einen Beitrag zur Aufklärung und zum Abbau von Diskriminierung zu leisten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine methodisch-kritische Vorgehensweise, die Elemente der Diskursanalyse, Quellenkritik, Religionsphilosophie und psychologische Erklärungsmodelle (wie die Terror Management Theory) kombiniert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden zunächst die Vorurteile expliziert, ihre historischen Ursprünge analysiert und anschließend mittels dreier Argumentationslinien (historisch, moralisch, pragmatisch) als faktisch falsch und moralisch verwerflich widerlegt.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Kızılbaş, Inzestvorwurf, Entwürdigung, Menschenwürde, rationale Aufklärung und historische Quellenkritik charakterisiert.

Wie bewertet der Autor den Einfluss von Wörterbüchern auf die Vorurteilsbildung?

Der Autor kritisiert scharf, dass bestimmte Wörterbücher den Begriff "Kızılbaş" irreführend mit Inzest übersetzen, ohne diesen als Vorurteil zu kennzeichnen, was zur Festigung und Legitimierung der Diffamierung in der Gesellschaft beiträgt.

Welche Rolle spielen die "Drei Postulate" für die Argumentation des Autors?

Die drei Postulate (Seiner Hände, Lende und Zunge Herr zu sein) dienen als moralischer Beleg dafür, dass Inzest mit der alevitischen Ethik absolut unvereinbar ist, da die Beherrschung dieser Aspekte eine grundlegende Pflicht darstellt.

Wie erklärt die Arbeit die Grausamkeit der Osmanen gegenüber den Kızılbaş?

Der Autor führt dies auf eine Kombination aus politischem Machterhalt, der Wahrnehmung der Kızılbaş als Abtrünnige und psychologischen Mechanismen wie der Angst vor der eigenen Endlichkeit und dem Bedürfnis zur Weltstabilisierung zurück.

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Details

Title
Eine Tatort-Folge über den Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Über Inzestvorwurf, Vorurteile und künstlerische Freiheit
Author
Dr. phil. Ahmet Terkivatan (Author)
Publication Year
2003
Pages
40
Catalog Number
V128772
ISBN (eBook)
9783640346936
ISBN (Book)
9783640346639
Language
German
Tags
Inzestvorwurf Aleviten/Kizilbas Vorurteilen Verstand
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. phil. Ahmet Terkivatan (Author), 2003, Eine Tatort-Folge über den Inzest-Fall in einer alevitischen Familie. Über Inzestvorwurf, Vorurteile und künstlerische Freiheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128772
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