Der Rational-Choice-Ansatz – kritisch betrachtet


Hausarbeit, 2007

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Methodologischer Individualismus

3) Der HomoOeconomicus

4) Das „RREEMM“ - Modell nach Lindenberg

5) Die Theorie der Rationalität nach Jon Elster

6) Die Spieltheorie

7) Anwendung der Theorie der Rationalen Wahl: Familiensoziologie

8) Kritik am Rational Choice Ansatz

9) Schluss

10) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Wer die Wahl hat - hat die Qual. Eine Redensart, die man immer wieder hört. Oft muss der Mensch im Leben eine Wahl treffen. Wie der Mensch letztlich zur Entscheidung gelangt, damit setzt sich unter anderem auch die Theorie der rationalen Wahl auseinander, sie versucht „(...) sozialwissenschaftlich relevante Ereignisse auf die Mikrostrukturen des Handelns zurückzuführen“, (vgl. Schmidt, S. 22). „Im Kern der Rational-Choice-Erklärung sozialer Prozesse steht die Erklärung des Handelns von Akteuren“, (Esser, S. 20). Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, dass die Handlungen rational handelnder Akteure die Phänomene der Sozialwelt bestimmen, wobei den Akteuren unterstellt wird, sie wählten eine bestimmte Alternative, weil sie - vereinfacht ausgedrückt - den maximalen Nutzen erwarten lässt. Der Rational-Choice-Ansatz tauchte in den 1980er Jahren auf und lässt sich auf keinen Hauptvertreter zurückführen. Die „Familie der Rational Choice-Theorien“, wie es Schmidt benennt, gliedert sich im Wesentlichen in zwei Theorievarianten: In die Nutzentheorie und in die Spieltheorie, wobei - kurz gesagt - erstere Anwendung findet in Situationen strategischer Unabhängigkeit und letztere bei Situationen mit strategischer Interpendenz, (vgl. Schmidt, S. 22).

In dieser Arbeit werde ich zunächst auf die Ursprünge der Theorie der Rationalen Wahl verweisen. Es soll das Bild des homo oeconomicus skizziert werden, das seine realitätsnähere Weiterentwicklung im „RREEMM“ Modell nach Lindenberg findet. Anhand der Theorie von Elster soll anschließend dargelegt werden, welche Beschränkungen - abgesehen von Grenzen der äußeren Umwelt - rationales Handeln im Akteur selbst finden kann, womit aufgezeigt wird, dass Rationalität immer auch ein Stück weit ein relativer Begriff ist, der vom Akteur selbst abhängt und sich nur mit Mühe in ein wissenschaftlich berechenbares Schema einordnen lässt. In Form des Gefangenendilemmas soll ein Einblick in die Spieltheorie gewährt werden. Bevor ich schließlich auf die Kritik zum Ansatz der Rationalen Wahl eingehe, werde ich die Anwendung der Rational-Choice-Theorie in der Familiensoziologie aufzeigen.

2) Methodologischer Individualismus

Beschäftigt man sich eingehender mit den Theorien Rationaler Wahl sieht man sich immer wieder mit dem Begriff des so genannten „Methodologischen Individualismus“ konfrontiert, der im Folgenden kurz umrissen werden soll - Burkart spricht von einer seit einiger Zeit zu verzeichnenden „Renaissance des Methodologischen Individualismus“ - vor allem in Gestalt von Rational-Choice-Theorien, (vgl. Burkart, S. 1). Im Gegensatz zu Theorien, in denen das Handeln eines Individuums aus makrosoziologischen Erklärungen abgeleitet werden kann, fokussiert der Methodologische Individualismus das Individuum selbst und dessen Bedürfnisse, Motive und Handlungen. Die wissenschaftstheoretische Position des Methodologischen Individualismus geht von der Grundannahme aus, dass soziale Sachverhalte letztlich zurückführbar sind auf Individuen. Statt gesamtgesellschaftlicher Strukturen untersucht man also das Verhalten von Einzelnen oder mehrerer Individuen, (vgl. Treibel, S. 88). Der Mensch handelt aus dieser Sichtweise nicht aufgrund determinierender Strukturzwänge sondern vielmehr aufgrund individueller Entscheidungsmacht, (vgl. Burkart, S. 1). Gesellschaft entsteht hier (...) „nicht primär aus Institutionen, Normen und Strukturen, sondern aus Austauschbeziehungen von zweckrational agierenden Individuen, die alle versuchen, ihre individuellen Interessen durchzusetzen, (vgl. Burkart, S. 7).

Der Methodologische Individualismus fußt einerseits auf der sozialphilosophischen Lehre des Utilitarismus, andererseits auf dem so genannten Behaviorismus.

Im Hinblick auf dem Utilitarismus wurde insbesondere von Bentham und Mill die Auffassung vertreten, dass Nützlichkeit die Grundlage sittlichen Verhaltens sei, und dassjeder Mensch nach Gewinn-, Lust- und Statusmaximierung strebe und dadurch erst käme der gesellschaftliche Fortschritt zustande, (vgl. Treibel, S. 89).

Beim Behaviorismus handelt es sich um ein theoretisches System der Psychologie, in dem insbesondere in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts versucht wurde, menschliches Verhalten auf eine einfache Reiz-Reaktions-Formel zu reduzieren, wobei es sich hier um beobachtbares Verhalten handelt. Der hiermit verknüpfte Lernbegriff stellt einen Menschen in den Mittelpunkt, dessen Handlung sich - vereinfacht gesprochen - orientiert an der Vermeidung von negativen Folgen und dem Aufsuchen von Situationen, die positive Folgen für das Individuum versprechen, (vgl. Zimbardo, S. 206ff; S. 782).

3) Der homo oeconomicus

Nicht weit von den Vorstellungen des Utilitarismus und des Behaviorismus entfernt ist das theoretische Menschenmodell, wie es in der individualistischen Perspektive der Soziologie auftaucht. Dieses Menschenmodell ist ein theoretisches Konstrukt und ist nicht zu verwechseln mit einem tatsächlichen Menschenbild. Denn Modelle, so Hartfiel „erstreben keine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, sie wollen nicht Schemata zum begrifflichen Durchdringen, Ordnen und Klassifizieren der in der Realität vorfindbaren Gegenstände sein (...)“ - vielmehr dienten sie letztlich dazu, Erkenntnismittel für die Erklärung des Zustandekommens und des Ablaufes tatsächlicher Gegenstands- und Merkmalsbeziehungen gewinnen zu können, (vgl. Hartfiel, S. 32).

Treibel bringt auf den Punkt, dass im Methodologischen Individualismus die Menschen in heutigen Gesellschaften mit allem so umgingen, als wären sie Unternehmerinnen und Unternehmer - selbst in ihren privaten Beziehungen, (vgl. Treibel 103 f). Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Stichwort „homo oeconomicus“ auf. Das oberste Prinzip des homo oeconomicus istjenes der Nutzenmaximierung, d.h. er versucht seinen Nutzen oder Gewinn (das Streben nach Verbesserung der Lebenssituation oder nach Bedürfnisbefriedigung) zu maximieren und die dafür aufgebrachten Kosten oder den Einsatz (z.B. Zeit, Arbeit, Geld, Aufmerksamkeit etc. die er zur Erreichung des Nutzens investieren muss) möglichst gering zu halten, (vgl. Hill, S. 56f). Oder auf den Punkt gebracht: „Dieser Mensch () ist vollkommen über mögliche Macht- und Tauschbeziehungen informiert, verfügt über eine vollkommene Voraussicht und trifft seine Entscheidungen rational“, (vgl. Treibel, S. 95).

Das Modell des homo oeconomicus läuft jedoch Gefahr, dass sich die soziologische Handlungstheorie bei der Theoriebildung in realitätsfernen Prämissen erstickt. Deshalb muss jede soziologische Handlungstheorie andere Konstanten in ihre Überlegungen miteinbeziehen, (vgl. Hill. S. 40). Der Rational-Choice-Ansatz rückt vom allzu rigiden Modell des homo oeconomicus ab (vgl. Treibel, S. 102) und berücksichtigt weitere Parameter, die eine rationale Wahl mit beeinflussen können, schafft somit ein hinreichend offenes und integrationsfähiges Modell. Vor allem Lindenberg bietet mit seinem „RREEMM-Modell“ eine realitätsverträglichere Variante als den homo oeconomicus.

Lindenbergs Modell soll im Folgenden erläutert werden.

4) Das „RREEMM-Modell“ nach Lindenberg

Mit seinem „RREEMM“-Modell erweitert Lindenberg den homo oeconomicus um die natürlichen Vorgaben, die jedes Handeln eines Menschen beschränken. „RREEMM“ ist eine Abkürzung und steht für zentrale Eigenschaften, die er Menschen in seiner Theorie unterstellt. Diese sind ,,Resourceful“: dieses Schlagwort umschreibt die Tatsache, dass der Mensch über bestimmte materielle und mentale Ressourcen verfügt, wie etwa Intelligenz, Kreativität und Lernfähigkeit und diese in seine Handlungen einbringt. ,,Restricted“ verweist darauf, dass die Handlungsmöglichkeiten aber auch begrenzt sind, weil die materielle und soziale Umgebung nicht alle theoretischen Optionen zulässt - ein wesentlicher Unterschied zum Modell des homo oeconomicus, dem ja die Ressource Zeit beispielsweise unbegrenzt zur Verfügung steht, oder auch unterstellt ist, dass er vollständig informiert ist. „Evaluating“ verdeutlicht, dass Menschen die Konsequenzen ihres Handelns beurteilen und die subjektiv wahrgenommenen Handlungsalternativen abschätzen. Der Mensch bewertet also Zustände und Situationen und strebt diese dann an oder vermeidet sie. „Expecting“ bezieht sich auf die Erwartungen, die wir mit unseren Handlungen verbinden, dass manche Dinge beispielsweise mit großer Sicherheit zu erwarten sind oder ihr Eintreffen eher unwahrscheinlich ist. „Maximizing Mari’‘ erfasst die Tendenz, dass Menschen mit ihren Handlungen ihren Output maximieren wollen, also diejenige Handlung auswählen, von der sie sich den größten Nutzen erwarten.

Esser resümiert, dieses Modell unterstelle, dass der Akteur sich Handlungsmöglichkeiten, Opportunitäten bzw. Restriktionen ausgesetzt sähe, dass er aus Alternativen seine Selektionen vornehmen könne, er immer eine Wahl habe, dass seine Selektionen einerseits über Erwartungen, andererseits über Bewertungen gesteuert würden und schließlich, dass die Wahl der Handlung in der Regel der Nutzenmaximierung folge, (vgl. Esser, S. 46).

In diesem Modell lässt sich der homo sociologicus, der sich auch an sozialen Normen und Rollen orientiert, aber auch der Akteur, welcher Situationen bewertet und danach seine Handlungsentscheidung nach der er persönlich den größten Nutzen erwartet, trifft, wieder erkennen, (vgl. Hill, 40f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Rational-Choice-Ansatz – kritisch betrachtet
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Einführung in soziologische Theorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V128783
ISBN (eBook)
9783640348688
ISBN (Buch)
9783640348206
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rational-Choice-Ansatz
Arbeit zitieren
Michaela Walther (Autor), 2007, Der Rational-Choice-Ansatz – kritisch betrachtet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128783

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