Schlagworte wie „Legasthenie“, Dyskalkulie“, oder „ADS“ sind in aller Munde und gehören
längst zur Kehrseite unserer ambitionierten Lern- und Leistungsgesellschaft. Fällt ein Kind
häufiger „negativ“ im Unterricht auf, ist die Schablone zur Einordnung in diverse
Störungsbilder nicht weit. Das entlastet Lehrer und Eltern meist und auch leider davon ihren
Beitrag zum Störungsbild des nicht angemessen Lernverhaltens des Kindes zu reflektieren.
Dass Lernstörungen meist in ein hochkomplexes Ursachenfeld eingebettet sind, also das
Zusammenspiel mehrerer Faktoren auslösend wirkt, wird dabei oft vergessen. Regelrecht
geleugnet wird dabei in vielen Fällen die Verantwortung häuslicher Interaktionen, also das
Zusammenspiel von Eltern und Kindern. Ebenso sehen sich die Lehrer in ihrer Situation
oftmals überfordert und handlungsunfähig. Kein Wunder: Allein 38 Prozent der Kinder einer
Studie wiesen in einer Untersuchung zum Thema Lernstörungen Konzentrationsstörungen in
auffälliger Form auf, 18,7 Prozent hatten Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten und circa 50
Prozent mussten als verhaltensgestört klassifiziert werden, (vgl. Strobel 1975, S. 20). Dass
diese Erscheinungen lediglich in jedem zehnten Fall auf Intelligenzmangel zurückzuführen
sind, verschärft die Frage nach elterlicher und schulischer Verantwortungsübernahme, (vgl.
Riedel 1988, S. 1ff). Die Ansätze zur Erklärung von Lernstörungen sind vielfältig und
erstrecken sich auf unterschiedliche Bereiche (vgl. 2.). In dieser Arbeit werde ich zunächst der
Frage nachgehen, was die Institution Familie zur Entwicklung von Lern- und
Verhaltensstörungen bei Kindern beitragen kann. Hierzu werde ich auf drei mögliche
Ursachenbereich eingehen: Die elterlichen Erwartungen an das Kind, das
Erziehungsverhalten und eine Störung im Familiensystem. Anschließend werde ich die Frage
reflektieren, welche Interventionen in den von mir beschriebenen Ursachenfeldern greifen
könnten, wobei ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit der genannten Methoden erhebe.
Zunächst jedoch ist es unabdingbar den Begriff „Lernstörung“ zu klären, was ich im
folgenden Punkt tun werde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff Lernstörungen
3. Erscheinungsbild lern- und verhaltensgestörter Kinder
4. Familie als Ursachenherd für Lernstörungen
4.a. Elterliche Erwartungen
4.b. Erziehungsverhalten
4.c. Das Kind als Symptomträger
5. Interventionen
6. Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die Rolle der Familie als wesentlichen Ursachenfaktor für die Entstehung von Lern- und Leistungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Dabei wird analysiert, wie elterliche Erwartungen, Erziehungsstile und die Dynamik innerhalb des Familiensystems das schulische Leistungsvermögen und das Selbstkonzept des Kindes beeinflussen, um daraus fundierte Interventionsmöglichkeiten abzuleiten.
- Einfluss des elterlichen Selbstkonzepts und der Erwartungshaltung auf Schulleistungen.
- Wirkungsweisen verschiedener Erziehungsstile auf das Lernverhalten.
- Die Funktion des Kindes als Symptomträger in dysfunktionalen Familiensystemen.
- Ansätze für pädagogische und psychologische Interventionen zur Entlastung des Kindes.
Auszug aus dem Buch
c) Das Kind als Symptomträger
„Viele psychogene Störungen lassen sich zutreffend erfassen, wenn man sie überhaupt nicht als individuelle Krankheiten, sondern als Ehepaarneurosen oder als Familienneurosen beschreibt“, (Strobel 1975, S. 30). Demnach ist eine seelische Störung wie sie hier definiert ist als Lern- Leistungs- oder Verhaltensstörung nicht nur Sache des betreffenden Individuums sondern in vielen Fällen die Angelegenheit der ganzen Familie – das Kind fungiert als Symptomträger, der von den anderen Mitgliedern der Familie in eine kompensatorische Rolle gedrängt wird. Richter nennt diesen Zusammenhang „familiäre Charakterneurose“. Ein Kennzeichen dieser Charakterneurose ist es, dass ein Teil der Familie unbewusst in eine Krankenrolle geschoben wird und damit in eine Außenseiterposition gedrängt wird. Damit wird es möglich, Spannungen zu kompensieren, die beispielsweise die Ehepartner miteinander bzw. lösen müssten. Interne Familienprobleme werden regelrecht verleugnet, indem das Kind zum vermeintlichen „eigentlichen“ Problem gemacht wird. Manifestiert man ein Problem auf einer sichtbaren Ebene, die sich beispielsweise in Form von schlechten Noten, aufgeregten Anrufen der Lehrerin oder einfach eines „schwierigen“ Kindes zeigt, lässt es sich auch gleich viel leichter bekämpfen – ähnlich könnte man die den Eltern unbewusste Dynamik ausdrücken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung verdeutlicht die Relevanz des Themas im Kontext einer leistungsorientierten Gesellschaft und stellt die Forschungsfrage nach dem familiären Beitrag zu Lernstörungen.
2. Der Begriff Lernstörungen: Hier erfolgt eine Definition und Kategorisierung der verschiedenen Formen von Lernstörungen, differenziert nach primären, psychisch bedingten und gesellschaftlich bedingten Faktoren.
3. Erscheinungsbild lern- und verhaltensgestörter Kinder: Dieses Kapitel beschreibt das typische Profil eines lerngestörten Kindes, inklusive der damit einhergehenden psychischen und verhaltensauffälligen Symptome.
4. Familie als Ursachenherd für Lernstörungen: Der Hauptteil analysiert die Mechanismen innerhalb des Elternhauses, wie Erwartungsdruck, Erziehungsstile und die Rolle des Kindes als Symptomträger, welche Lernstörungen begünstigen können.
5. Interventionen: Es werden pädagogische und therapeutische Ansätze diskutiert, um durch positive Verstärkung und veränderte Erziehungshaltungen Lernblockaden abzubauen.
6. Schluss: Die Arbeit resümiert die Bedeutung der familiären Reflexion und betont, dass Lernstörungen oft Ausdruck tiefsitzender Dynamiken sind, die durch elterliches Umdenken adressiert werden können.
Schlüsselwörter
Lernstörungen, Leistungsstörungen, Familie, Erziehungsverhalten, Symptomträger, Selbstkonzept, Schulleistungen, Intervention, Charakterneurose, Parentifizierung, Erwartungsdruck, Pädagogik, Sozialisation, Psychologie, Entwicklungspsychologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Familie als möglichem Ursachenherd für die Entstehung von Lern- und Leistungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die psychologischen Aspekte des elterlichen Erziehungsverhaltens, die Auswirkung des Selbstkonzepts auf den Schulerfolg sowie die Rolle der Familie bei der Entwicklung von Symptomen beim Kind.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie familiäre Interaktionsmuster und Erwartungshaltungen das Kind in seiner schulischen und persönlichen Entwicklung beeinflussen und welche Interventionsmöglichkeiten bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die auf psychologischen und pädagogischen Studien sowie theoretischen Modellen (z.B. Selbstkonzept, Familienneurose) basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert elterliche Erwartungen, verschiedene Erziehungsstile sowie das Phänomen, bei dem das Kind als Symptomträger innerhalb eines dysfunktionalen Familiensystems fungiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Lernstörungen, Erziehungsverhalten, Symptomträger, elterliche Erwartungen und Interventionsstrategien definiert.
Was versteht man unter dem in der Arbeit erwähnten „Symptomträger“-Konzept?
Das Konzept beschreibt, dass das Kind durch Lern- oder Verhaltensauffälligkeiten unbewusst systemische Probleme der Eltern (z.B. Eheprobleme) kompensiert, um das Familiengleichgewicht nach außen hin zu wahren.
Wie beeinflussen elterliche Erwartungen laut der Autorin den Lernerfolg?
Elterliche Erwartungen können sich als „selbsterfüllende Prophezeiungen“ auswirken; wird ein Kind vom Elternhaus als unfähig wahrgenommen, verfestigt sich dies im Selbstbild des Kindes und führt tatsächlich zu einer Leistungsminderung.
Welche Rolle spielt die „Parentifizierung“ bei Kindern mit Lernstörungen?
Parentifizierung beschreibt den Prozess, in dem Kinder aufgrund des Versagens der Eltern die Rolle eines Erwachsenen oder Partners übernehmen müssen, was sie massiv überfordert und ihr eigenes Lernwachstum behindert.
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- Michaela Walther (Author), 2007, Lern- und Leistungsstörungen im Kindes- und Jugendalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128784