Die deutsche Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Unter den großen west- und mitteleuropäischen Nationalstaaten war Deutschland der letzte, der die Bühne der Geschichte betrat, Jahrhunderte nach Frankreich, England, Spanien, und ein Jahrzehnt nach dem ebenfalls verspäteten Italien.
Doch wie eingangs bereits gezeigt, wurden die Ereignisse in Versailles (beziehungsweise deren Folgen) hinsichtlich ihrer Bewertung (und je nach Perspektive) schon damals durchaus unterschiedlich wahrgenommen und beurteilt. Und auch unter Historikern galten die Umstände der deutschen Reichsgründung nach 1945 als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund des internationalen Systems des 19. Jahrhunderts und der europäischen Suche nach dem Gleichgewicht der (Groß-)Mächte in ebenjener Zeit, zu dessen fundamentalen historisch-politischen Schlüsselproblemen stets auch die Organisationsform des geographisch exponierten Deutschlands zählte, gibt die Reichsgründung sicher Rätsel auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Europas Gleichgewichtssystem im 19. Jahrhundert
3. 1871 – Gründung des deutschen Kaiserreichs
3.1. Der deutsche Dualismus
3.2. Die politische Ausgangslage um 1862/1863
3.3. 1864-1866: Der Weg zur Einheit durch „Blut und Eisen“
3.4. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871
4. Die Reichsgründung und Großbritannien
4.1. Die britische Außenpolitik 1862-1871
4.2. Die Reichsgründung im Urteil der britischen Politik
4.3. Folgen für die britische Außenpolitik
5. Schlussbetrachtung
6. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Urteil der britischen Politik und Öffentlichkeit gegenüber der deutschen Reichsgründung von 1871. Ziel ist es, die komplexen Ereignisse und innerdeutschen Bedingungsfaktoren der Einigung zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen, warum Großbritannien trotz wahrgenommener machtpolitischer Verschiebungen in Europa keine Intervention unternahm.
- Analyse des europäischen Mächtegleichgewichts im 19. Jahrhundert
- Untersuchung des preußischen Einigungsprozesses (1864, 1866, 1870/71)
- Beurteilung der britischen Außenpolitik und öffentlichen Wahrnehmung
- Kontextualisierung des deutsch-britischen Verhältnisses nach 1871
- Auswertung zeitgenössischer Quellen, insbesondere privater Briefwechsel
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Reichsgründung im Urteil der britischen Politik
Denn nimmt man nun das Verhältnis der englischen Weltmacht zum neu gegründeten Deutschen Reich genauer in den Fokus, so ist zunächst sicherlich zu prüfen, ob nach 1871 von jener besonderen Haltung Großbritanniens zu Deutschland gesprochen werden kann, die rückblickend oftmals als selbstverständlich angenommen wird. Vor diesem Hintergrund sind folglich besonders all jene Stimmen sorgfältig zu beachten und angemessen zu gewichten, welche nach dem preußisch-deutschen Sieg über Frankreich und nach der Annexion von Elsass und Lothringen über die neue kontinentale Vormacht (in dokumentierter Form) urteilten. Positive Einschätzungen dürften diesbezüglich denn auch sichtlich in der Minderzahl sein, und wohl nur wenige, wie etwa der schottische Essayist und Historiker Thomas Carlyle, mögen den preußischen Sieg über Frankreich ehedem als „the hopefullest fact that has occurred in my time“ empfunden haben.
Warnende Kommentare herrschten angesichts der französischen Niederlage und des deutschen Triumphes durchaus vor. Sie reichten dabei von der Prophezeiung des englischen Diplomaten Sir Henry Bulwer, Europa habe anstelle einer mistress einen master erhalten, bis hin zu der bekannten und eingangs bereits erwähnten Äußerung des Oppositionspolitikers Disraeli, der das Ausmaß der „deutschen Revolution“ in allen ihren primär für England folgenreichen Konsequenzen düster malte, um das vom Gladstonianism befallene, nur der inneren Reform zugewandte Land aufzurütteln und an seine außenpolitischen Aufgaben zu erinnern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der britischen Reaktion auf die deutsche Reichsgründung.
2. Europas Gleichgewichtssystem im 19. Jahrhundert: Darstellung der Entstehung und Strukturmerkmale der europäischen Pentarchie nach dem Wiener Kongress.
3. 1871 – Gründung des deutschen Kaiserreichs: Überblick über die Ereignisse und Etappen des Einigungsprozesses zwischen 1850 und 1871 unter besonderer Berücksichtigung Bismarcks.
3.1. Der deutsche Dualismus: Analyse des preußisch-österreichischen Gegensatzes und der wirtschaftlichen Vormachtstellung Preußens.
3.2. Die politische Ausgangslage um 1862/1863: Untersuchung der Handlungsspielräume in der deutschen Frage und des Amtsantritts Bismarcks.
3.3. 1864-1866: Der Weg zur Einheit durch „Blut und Eisen“: Betrachtung der Einigungskriege von 1864 und 1866 als Wegmarken für die deutsche Vormachtstellung.
3.4. Der Deutsch-Französische Krieg 1870/1871: Analyse des Kriegsausbruchs, der Entwicklung des Konflikts und der entscheidenden Rolle der Emser Depesche.
4. Die Reichsgründung und Großbritannien: Einleitung des Kernteils zur Wahrnehmung der Reichsgründung durch die britische Politik.
4.1. Die britische Außenpolitik 1862-1871: Skizzierung der britischen Interessenlage und des Einflusses der liberalen Regierung.
4.2. Die Reichsgründung im Urteil der britischen Politik: Detaillierte Auswertung zeitgenössischer Reaktionen und Bewertungen in England.
4.3. Folgen für die britische Außenpolitik: Untersuchung der langfristigen Auswirkungen der Reichsgründung auf das Verhältnis zwischen beiden Staaten.
5. Schlussbetrachtung: Synthese der Ergebnisse zur britischen Passivität und den machtpolitischen Folgen für Europa.
6. Quellen- und Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und wissenschaftlichen Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Deutsche Reichsgründung, Otto von Bismarck, Britische Außenpolitik, Europäisches Mächtegleichgewicht, Preußen, Deutsch-Französischer Krieg, 1871, Diplomatie, Lord Odo Russell, Britische Öffentlichkeit, Hegemonie, Kontinentale Vormachtstellung, Balance of Power, Nationalstaat, Einigungskriege.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Deutsche Reich bei seiner Gründung 1871 von der damals führenden Weltmacht Großbritannien beurteilt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Themen sind die europäische Mächtebalance, Bismarcks Einigungspolitik und die britische Reaktion auf die deutsche Vormachtstellung im 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, warum Großbritannien trotz kritischer Reaktionen auf die Reichsgründung tatenlos blieb und keine Intervention gegen Preußen einleitete.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Analyse zeitgenössischer Quellen, insbesondere der digital archivierten Briefwechsel von britischen Diplomaten und Politikern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Einigungsetappen des Deutschen Reiches und eine spezifische Untersuchung der britischen Außenpolitik im Zeitraum 1862-1871.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Reichsgründung, Bismarcks Politik, Britische Außenpolitik, Mächtegleichgewicht und deutsch-britische Beziehungen im 19. Jahrhundert.
Warum war die "Krieg-in-Sicht"-Krise 1875 so bedeutsam für die britische Einschätzung?
Sie gilt als Wegscheide, da Großbritannien hier entschlossen reagierte und dem neuen Reich die Grenzen seiner Macht demonstrierte, was zur Bestätigung von Bismarcks Friedenskurs führte.
Welche Rolle spielte die Emser Depesche in dieser Analyse?
Die Analyse zeigt auf, wie Bismarck die Depesche nutzte, um den Konflikt mit Frankreich anzuheizen, wobei sie den eigentlichen Kriegsauslöser laut neueren Studien nicht allein darstellt.
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- Dipl. Geogr. Alexander Trabitzsch (Autor:in), 2022, Die deutsche Reichsgründung 1871 im Urteil der britischen Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288227