Ambivalente und widersprüchliche Strukturen sind nicht erst spätmittelalterlichen Texten inhärent und entfalten dort einen besonderen ästhetischen Wert. Anhand von zwei Texten aus dem 15. Jahrhundert, Melusine und Hug Schapler, soll das Phänomen der Ambiguität analysiert werden. Ihrer durchaus heterogenen Thematik, Motivik und (Erzähl-)Tradition zum Trotz, weisen beide Texte signifikante Gemeinsamkeiten auf, die sie dem gleichen Genre zuordnen und als Schwellenromane markieren lassen. Neben ihrer Herkunft aus dem französischen Sprachraum, der Entstehungszeit und ihrem großen Erfolg präsentieren beide Prosaromane auch ambivalente Figuren. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die Anwendung von Ambivalenz als Erzählprinzip zusammen mit anderen innovativen und experimentellen Entwicklungen einen schleichenden Umbruch – sowohl der Epoche als auch des Genres – signalisiert. Zudem wird davon ausgegangen, dass es die Faszination der ambivalenten Figuren selbst ist, der die Prosaromane einen Teil ihres Erfolgs verdanken. In einem ersten Schritt werden deshalb Konzepte von Ambivalenz, Widersprüchlichkeit, Ambiguität, Oppositionen und Zweideutigkeit als ästhetisches Erzählprinzip definiert, um im Anschluss die Figuren Hug Schapler und Melusine auf diese Merkmale hin zu analysieren. Durch diese vergleichende Betrachtung der beiden Figuren kann gezeigt werden, wie sich Ambivalenz in beiden Figuren äußert und dargestellt wird. Ziel der Untersuchung ist es, die Bedeutung ambivalenter Figuren für den frühneuhochdeutschen Prosaromanen herauszuarbeiten.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Ambivalenz als Erzählprinzip – Begriffsbestimmung
- Ambivalente Figuren in frühneuhochdeutschen Prosaromanen
- Ambivalenz der Protagonistin in Melusine
- Ambivalenz des Protagonisten in Hug Schapler
- Vergleich der ambivalenten Protagonisten Melusine und Hug Schapler
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Ambivalenz in frühneuhochdeutschen Prosaromanen, insbesondere in den Werken "Melusine" und "Hug Schapler". Der Fokus liegt auf der Analyse der Figuren und deren mehrdeutige Konstruktionen als Ausdruck einer sich verändernden Epoche und eines sich entwickelnden Genres.
- Ambivalenz als erzählstrategisches Element in der Literatur des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts
- Analyse von "Melusine" und "Hug Schapler" im Hinblick auf die Darstellung ambivalenter Figuren
- Die Bedeutung von Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit in der Figurenzeichnung und der Narration
- Die Verbindung von Ambivalenz und dem Konzept der Schwellenromane
- Die Rolle der Ambivalenz als Indikator für gesellschaftliche und kulturelle Umbrüche
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung stellt die Ambivalenz als ein zentrales Merkmal spätmittelalterlicher Texte vor und führt in die Analyse der beiden Prosaromane "Melusine" und "Hug Schapler" ein. Sie verdeutlicht, dass die beiden Texte trotz ihrer unterschiedlichen Themen und Motive Gemeinsamkeiten aufweisen und als Schwellenromane betrachtet werden können.
- Ambivalenz als Erzählprinzip – Begriffsbestimmung: Dieses Kapitel definiert und erläutert die Begriffe Ambivalenz, Ambiguität und Hybridität. Es untersucht, wie diese Konzepte die Darstellung von Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit in der Literatur beeinflussen und die Funktion solcher Strukturen in literarischen Texten erläutert.
- Ambivalente Figuren in frühneuhochdeutschen Prosaromanen: Dieses Kapitel beleuchtet die Ambivalenz der Protagonisten in "Melusine" und "Hug Schapler". Es untersucht die komplexe Konstruktion der Figuren und die Art und Weise, wie ihre Widersprüchlichkeit durch die Erzählweise und die Darstellung der Figuren selbst verdeutlicht wird.
- Vergleich der ambivalenten Protagonisten Melusine und Hug Schapler: Dieser Abschnitt vergleicht die beiden Hauptfiguren in Bezug auf ihre Ambivalenz und zeigt auf, wie diese in beiden Figuren dargestellt wird. Der Vergleich unterstreicht die Bedeutung ambivalenter Figuren für die Entwicklung des frühneuhochdeutschen Prosaromans.
Schlüsselwörter
Ambivalenz, Ambiguität, Hybridität, Schwellenromane, Frühneuhochdeutsch, Prosaroman, Melusine, Hug Schapler, Figurenkonstruktion, Erzählprinzip, Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit, Epochenumbruch.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Ambivalenz als Erzählprinzip in Prosaromanen?
Es beschreibt die gezielte Nutzung von Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit bei der Charakterzeichnung und Handlung, um komplexe ästhetische Wirkungen zu erzielen.
Warum werden "Melusine" und "Hug Schapler" als Schwellenromane bezeichnet?
Diese Texte stehen am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit und markieren einen Umbruch in der Literatur durch innovative Erzählstrukturen.
Wie äußert sich die Ambivalenz in der Figur der Melusine?
Melusine ist eine hybride Figur – teils Mensch, teils übernatürliches Wesen –, deren Handeln zwischen mütterlicher Fürsorge und dämonischem Geheimnis schwankt.
Welche Rolle spielt die Ambiguität für den Erfolg dieser Romane?
Die Faszination für widersprüchliche Charaktere bot dem zeitgenössischen Publikum Identifikationsflächen für gesellschaftliche Umbrüche und steigerte den Unterhaltungswert.
Was unterscheidet Ambivalenz von Hybridität in der Literaturwissenschaft?
Ambivalenz bezieht sich auf widersprüchliche Gefühle oder Wertungen, während Hybridität die Vermischung verschiedener Gattungen oder Wesensarten (wie Mensch/Tier) beschreibt.
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- Anonym (Autor), 2022, Erzählen von Ambivalenzen in frühneuhochdeutschen Prosaromanen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288297