Die Semantisierung des Raumes in Guy de Maupassants "L’auberge"

Eine Analyse am Beispiel der literarischen Sujetstruktur nach Juri Lotman


Hausarbeit, 2022

12 Seiten, Note: 2,0

Juliane Schnelle (Autor:in)


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

L’auberge

Die literarische Sujet-Struktur nach Lotman

Die topologische Raumstruktur in L’auberge

Die Bedeutung und konzeptionelle Einordnung der Termini Grenze und Ereignis/Sujet

Grenzüberschreitungen – L’auberge als revolutionärer Text ?

Das literarische Element des Wahnsinn

Wahnsinn als nicht topologische Grenzüberschreitung

Autobiographische Bedeutung des literarischen Elementes des Wahnsinns bei Guy de Maupassant

Literaturverzeichnis

Einleitung

Guy de Maupassants „L’auberge“ aus dem 20.19 Jahrhundert dient als paradigmatisches Werk zur Veranschaulichung der Struktur des Topos, da durch die Entfaltung räumlicher Relationen ein semantisch verflochtenes System konstruiert wird, in welchem seine Figuren platziert werden. Eingebettet in ebendieses System erlauben linguistische Zeichen oppositionelle Beziehungen und Räume zu schaffen, die sich in der ergiebigen Kulisse der Schweizer Alpen als funktionelle Bühne wiederfinden.

Auf diesem Hintergrund [A1] soll zunächst nach der unvoreingenommenen Betrachtung des Werkes und seiner grundlegenden Thematiken die Untersuchung der topologischen Raumstruktur in L’auberge aufgezeigt werden, gefolgt von der Einführung und Anwendung der Termini„ Ereignis“ und„ Grenze“ nach Lotmann Lotman, welche sofern von Nöten sind, als dass sie dem Konzept des Sujetaufbaus zugrunde liegen. Anschließend bietet sich die Auseinandersetzung mit der Frage an, inwiefern die Figuren der Erzählung jene Figurensich innerhalb semantischer Räume bewegenan, um schließlich das Element der Grenzüberschreitung spezifischer zu betrachten und diesesmim L’auberge aufzuspüren. Daran anknüpfend wird an dieser Stelle außerdem eine Klassifizierung des Textes im Sinne Lotmann Lotmans vorgenommen. Schließlich erfolgt eine Lösung von der Grenzüberschreitung aus räumlicher Sicht hin zu jener bezüglich des semantischen Feldes von Vernunft und Wahnsinn, welche die Annäherung an das Thema der Grenzüberschreitung aus einer anderen Perspektive zulässt. Zu guter Letzt erfolgt eine abschließende autobiographische Kontextualisierung des Werkes L’auberge mit Fokus auf dem Element des Wahnsinns.

L’auberge

Die Novelle L’auberge [A2] erschien ursprünglich am 1. September 1886 in der Monatszeitschrift Les lettres et les arts, danach wurde sie 1887 in seinem Sammelband der Novellen Le Horla aufgenommen und publiziert.1 In ihr wählt ihr Autor Guy de Maupassant die Region hoch über Loèche an der Gemmi, einem Gebirgspass in den Schweizer Alpen, als Schauplatz seiner Novelle und setzt seinen Figuren Grenzerfahrungen in Form von Begegnungen zwischen dem Menschen und der Natur aus, welche sich sowohl in physischer als auch psychischer Form/Weise Naturäußern. Dazu schickt er die Protagonisten Gaspard Hari, einen alten Bergführer, und seinen jungen Gefährten Ulrich Kunsi, begleitet von deren Hund Sam, hoch zur„ L’auberge de Schwarenbach[A3]“, welche sie über den Winter hüten sollen, während die die besitzhabende Familie Hauser, die Besitzer der Herberge, sich hinunter ins Tal nach Loèche[A4] begibt. Trotz des paradoxen Faktes[A5] , dass Ulrich Kunsi ein Neuling ist und der alte Gaspard Hari im Gegensatz zu ihm die notwendigen und routinierten Techniken des Überlebens kennt, um sich gegen die extremen Naturgewalten zu beweisen und inmitten ihnen ein Alltag zu etablieren, kehrt der Alte eines Tages nicht mehr von seiner Gemsjagd zurück. Ulrich sucht ihn fünfzig Kilometer von der Herberge entfernt, brüllt in die Unendlichkeit hinaus, doch muss erfolglos nach einer Nacht, eingeschneit in einem Schneeloch, nach Hause zurückkehren, wo er sich verängstigt verbarrikadiert. Kurze Zeit später sucht ihn der Wahnsinn heim, da er sich einbildet die Stimme seines erfrierenden Gefährten zu hören, ebenso wie er das Winseln und Kratzen des entwischten Hundes Sam für das Geräusch einer toten Seele tote Seelen und Geisterrufe hält. Mithilfe von Schnaps überlebt er den Winter und wird zu Beginn des Frühlings von der Familie Hauser verwahrlost und dem Wahnsinn verfallen aufgefunden. Kurze Zeit später, nachdem man ihn in ein Krankenhaus einweisen lassen hat, verstirbt er. [A6]

Die literarische Sujet-Struktur nach Lotmann Lotman

Dem Sujet zugrundeliegenden strukturalistisch-semiotischen Raummodell angewandt auf literarische Texte widmet sich Juri Lotmann Lotman in diversen Publikationen [A7] wie in Die Struktur literarischer Texte oder in Die Innenwelt des Denkens [Fußnote mit Literaturangaben] aus verschiedenen Perspektiven, aus mit denen auch L’auberge sich betrachten lässt.

Die topologische Raumstruktur in L’auberge[A8]

Zunächst ist grundsätzlich zu konstatieren, dass ein literarischer Raum, in welchem die Handlung einer Erzählung eingebettet ist, eine Abbildung der Welt darstellt/repräsentiert demonstriert, welche mit Bedeutung versehen und räumlich unterteilt ist. Diesem werden nun topologische und schließlich semantische Oppositionen zugewiesen, die sich komplementär zueinander verhalten und deren Verständnis auf jeweils kulturspezifischen Bedeutungen basiert.2 L’auberge bedient sich in diesem Zuge der Gegenüberstellung von seit jeher in der Kultur verankerten semantischen Oppositionen wie l’être humain vs l’animal/la bête, vieux vs jeune, printemps vs hiver und raison vs folie, welche dem Text seine semantische Struktur verleihen.

„Infolgedessen wird die Struktur eines Textes zum Modell der Struktur des Raumes der ganzen Welt, und die interne Syntagmatik der Elemente innerhalb des Textes zur Sprache der räumlichen Modellierung.“3

Zur Untersuchung der topologischen Raumstruktur, welche den Rahmen für die Wirkung und den Verlauf der Handlung bedingt und somit die Semiosphäre maßgeblich anreichert, lassen sich ferner Gegensatzpaare wie haut vs bas, à l’extérieur vs à l’intérieur identifizieren, welche mit kultursemiotischen, wertenden Assoziationen wie solitude vs compagnie, ouvert vs fermé, refuge vs prison, mobile vs immobile und sécurité vs danger versehen werden und differenzieren damit eine weitere, komplexere semantische Dimensionen, die die Handlung charakterisierten. In diesem Kontext erlaubt dies dem Rezipient mentale Grenzen [A9] zu erschaffen und die Figuren ebenjenen Grenzen auszusetzen. Praktisch angewandt schlägt sich dieses Konzept in L’auberge nieder, indem die Familie Hauser sich über den Winter in das Tal nach Loèche zurückzieht (haut vs bas) während der junge Ulrich Kunsi und der alte Gaspard Hari (vieux vs jeune) zusammen mit dem Hund Sam (l’être humain vs l’animal/ la bête) hoch in die L’auberge de Schwarenbach gehen. Diese wird schnell durch die Naturgewalten zu einem Zufluchtsort (l’intérieur vs l’extérieur) und nach der Tragödie schließlich zu einem Gefängnis für Ulrich wird (prison vs refuge), wo ihn schnell der klare Verstand verlässt (raison vs folie), da er dort alleine eingesperrt den Winter überstehen muss (solitude vs compagnie, mobile vs immobile, ouvert vs fermé).

Konkludierend bleibt festzuhalten, dass die Struktur der Topographie in L’auberge durch in topologische Relationen mit semantischen und kulturspezifischen Oppositionen hinterlegt gekennzeichnet ist/geprägt wird, welche mentale und semantische Komplementierungen, [A10] sowie Grenzen erschaffen und den Text maßgeblich dimensionieren. Der Raum ist des Weiteren mehrfach gegliedert, statt lediglich zweigeteilt. Außerdem können nicht-topologische Konzepte „durch ihre räumliche Modellierung erfahrbar gemacht“ und dargestellt werden.4 Nachstehend folgt eine genauere analytische Betrachtung der Termini Grenze und Ereignis, bzw. Sujet, welche zwei weitere in diesem Zusammenhang relevante Konzepte zur Raumsemantik Lotmann Lotmans sind. [Evtl. wäre es sinnvoller, zuerst alle theoretischen Konzepte, die zu dem Modell gehören, zu erklären (Raumstruktur, Grenze, Sujet) und das Modell erst danach auf die Erzählung anzuwenden]

Die Bedeutung und konzeptionelle Einordnung der Termini Grenze und Ereignis/Sujet

Wenn nun also ein literarischer Handlungsraum in bedeutungshafte Raumoppositionen untergliedert ist, so erweist sich das Element der Grenze als zentrales und wichtigstes Strukturmerkmal jener Teilräume. Nicht zuletzt fußt auf ebendieser Lotmann Lotmans gesamtes narratologisches Modell. Dabei hängt ihre Existenz nicht von ihrer expliziten Benennung ab, da sie als literarische Figur [A11] auf unterschiedlichste Weise umgesetzt werden und Gestalt annehmen kann.5 Obgleich[A12] die topologische Erstellung diverser Grenzen im theoretisch simpelsten Sachverhalt durch die Aufteilung jener in, so Lotmann Lotman, „zwei disjunkte Teilräume“6 greifbar wird, entsteht in L’auberge ein multitopographisches Gefüge, welches im Zusammenhang mit der Mobilität, bzw. Immobilität und Versetzung der Figuren innerhalb dieses Raumes eine komplexe, metasprachliche Beschaffenheit erlangt. Seine Theorie lässt folglich die Mehrfachbedeutung gleicher Ereignisse zu und erlaubt die Repräsentation mehrerer Bedeutungssysteme, welche mehrfach codiert sein können. [Quelle für diese Interpretation von Lotmans Theorie?]

An der Stelle ist die Einführung des Terminus Sujet, oder auch Ereignis genannt, für das Modell der Raumstruktur unabdinglich, da er komplettierend zur Grenze wirkt und wichtiger Operant, bzw. Merkmal der Handlung und somit des Textes ist. Klar zu erkennen ist, dass Lotmann Lotmans Definition eines Ereignisses sich spezifisch von der herkömmlichen Verwendung des Begriffs im Sinne eines jeglichen beliebig punktuellen Ereignisses differenzieren lässt, indem er es als die „kleinste unzerlegbare Einheit des Sujetaufbaus“ beschreibt.7 Ein Sujet kann dann entstehen, wenn die für den Held permeable Grenze[A13] , welche einen literarischen Raum teilt und mit semantisch aufgeladenen Untermengen versehen ist, entgegen hingegen der vorgesehenen Ordnung und Regeln überwunden wird. Dieses Übertreten/dieser Übergang Eintreten von einem Teilraum in den anderen, welches den meisten Figuren verwehrt bleibt und meistens dem Held als entscheidendes Element zukommt, bezeichnet die sogenannte Grenzüberschreitung, die für Lotmann Lotmanden Charakter des Ereignis konstituiert. Dieses Prinzip wird in Die Struktur literarischer Texte folgendermaßen formuliert:

„Ein Ereignis im Text ist die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes.“8

In diesem Fall kann davon gesprochen werden, dass der Text „sujethaft“ ist, wohingegend „sujetlose“ Texte lediglich einen „klassifizierenden, stratifizierenden und ordnenden Charakter“ haben.9 Werden bewegliche Figuren in diesem Zuge vollkommen entfernt und verlieren als logische Konsequenz [A14] ihre narrative Natur, so kann gar eine ganz andere literarische Gattung entstehen, zu der beispielsweise ein Kochbuch oder eine Landkarte gehören, in welchem eine bestimmte Welt und die dazugehörigen Elemente immobil und statisch sind, also ihren seinen Ort nicht verlassen. Nur durch den räumlichen Wechsel kommt die Dynamik einer Handlung, bzw. des Sujets zustande. Des Weiteren werden sujethafte Texte als revolutionär betitelt, während sujetlose Texte als restitutiv kategorisiert werden[A15].

Grenzüberschreitungen – L’auberge[A16] als revolutionärer Text ?

Auf Basis des vorliegenden Zusammenhangs kann anhand von L’auberge nun exemplarisch analysiert werden, ob und inwiefern Grenzen, sowie diverse Grenzüberschreitungen vorliegen und ob es sich folglich hierbei um einen revolutionären oder restitutiven Text handelt.

Da die topographische Kulisse, in welche die Figuren platziert werden, in L’auberge auffällig umfangreich und zahlreich angereichert ist[A17] , ist es zunächst sinnvoll, schematisch von groß nach klein zu dimensionieren, um einen spezifischeren Überblick über die für die Handlung signifikanten Örtlichkeiten zu erhalten. So kann man die Schweiz als limitierende Lokalität, bzw. Umriss für den gesamten Handlungsraum festlegen, welcher sich dann im Detail auf genau die relevanten Räume aufteilt, in welchen sich die Geschichte konkret abspielt. Hier greift Lotmann Lotmans Modell der Raumsemantik, indem sich grob das Tal und der Berg als zentral voneinander gesonderte, bedeutungstragende Topologien identifizieren lassen, welchen die semantischen Untermengen von sécurité vs danger zuteilwerden. Zur Verdeutlichung dient folgende Textstelle:

„Les deux hommes et la bête demeurent jusqu’au printemps dans cette prison de neige, n’ayant devant les yeux que la pente immense et blanche du Balmhorn, entourés de sommets pâles et luisants, enfermés, bloqués, ensevelis sous la neige qui monte autour d’eux, enveloppe, étreint, écrase la petite maison, s’amoncelle sur le toit, atteint les fenêtres et mure la porte.“10

An Metaphern wie prison de neige oder Attributen wie enfermé und bloqué ist klar zu erkennen, dass von Anfang bezüglich des Berges als topologischer Raum kein neutrales Bild geschaffen, sondern eine subjektiv negativ codierte Semantik aufgebaut wird. [gut!, außerdem: ensevelis; écrase] Lediglich die Gemmipassage verbindet die gefährliche Bergspitze von dem im Winter sicheren und bewohnten Tal, wobei ab dem Moment des Wintereintritts, welcher den ersten Schneefall mit sich bringt, sukzessiv durch diesen, nach Lotmann Lotman, zwei disjunkte Teilräume entstehen. Nachfolgend bewegen sich der Protagonist Ulrich Kunsi und der Deuteragonist Gaspard Hari innerhalb dieses eingegrenzten topologischen und semantischen Feldes. Die Grenzen ihres möglichen Handlungsfeldes werden besonders an jener Stelle deutlich, in welcher der junge Ulrich Kunsi zum Gebirgshals des Gemmipasses wandert, um von dort abgeschieden das Tal und das dort gelegene Dorf Loèche zu betrachten, wissentlich, dass sich hier eine für ihn unüberschreitbare Grenze mittels der Naturgewaltenge bildet hat. Semantisch gesehen greift diese Grenze bereits, nicht zuletzt wird dies durch Ulrichs Gedanken an die junge Louise Hauser dargestellt, was abermals[A18] sein heimliches Schwärmen für sie widerspiegelt. Louise befindet sich unterdessen unten fern in Loèche, wo die Familie Hauser den Winter verbringt und ist für ihn somit unerreichbar:

„La petite Hauser était là, maintenant, dans une de ces demeures grises. (…) Comme il aurait voulu descendre, pendant qu’il le pouvait encore!“ 11

[...]


1 Vgl. Guy de Maupassant, Le Horla, Le Gil Blas, 1886.

2 Vgl. Thomas Klinkert, Einführung in die französische Literaturwissenschaft, Grundlagen der Romanistik, Berlin, 2017.

3 Vgl. Juri Lotmann Lotman, Die Struktur literarischer Texte, München, 1972, 312.

4 Vgl. Juri Lotmann Lotman, Die Struktur des künstlerischen Textes, Frankfurt am Main, 1973, 329.

5 Ebd., 327

6 Ebd.

7 Vgl. Juri Lotmann Lotman, Die Struktur literarischer Texte, München, 1972, 330

8 Ebd., 332

9 Vgl. Juri Lotmann Lotman, Die Innenwelt des Denkens: Eine semiotische Theorie der Kultur, Berlin, 2010, 205

10 Guy de Maupassant, Contes et nouvelles. L’auberge, Paris, 1073, 1073

11 Vgl. Guy de Maupassant, Contes et nouvelles. L’auberge, Paris, 1073, 1076

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Semantisierung des Raumes in Guy de Maupassants "L’auberge"
Untertitel
Eine Analyse am Beispiel der literarischen Sujetstruktur nach Juri Lotman
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Narration
Note
2,0
Autor
Jahr
2022
Seiten
12
Katalognummer
V1288561
ISBN (Buch)
9783346747693
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Guy de Maupassant, Französische Literatur, Semantisierung des Raumes, Raumsemantik, Juri Lotman, Ereignisbegriff, Raumstruktur, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Juliane Schnelle (Autor:in), 2022, Die Semantisierung des Raumes in Guy de Maupassants "L’auberge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288561

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