Sprache und Gesellschaft in Frankreich des 17. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2009

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politische / Wirtschaftliche Gegebenheiten

3. Gesellschaftsstrukturen

4. Das Ideal des honnête homme

5. Sprachentwicklung
5.1. Überblick
5.2. Sprachtheoretiker und ihr Wirken
5.3. Die Bedeutung des Hofes

6. Fazit

7. Bibliographie

8. Anhang

1. Einleitung

Das 17.Jahrhundert ist in der Sprachgeschichte eine der wichtigsten Perioden der Entwicklung des Französischen. Die Frage ist: Warum entwickelt sich eine Sprache und was ist grundsätzlich dafür von Bedeutung?

Schließlich unterliegt jede Sprache ständigen Einflüssen, die zu ihrer Weiterentwicklung und Veränderung beitragen.

Hierfür soll ein Punkt herausgegriffen werden, nämlich die Gesellschaft.

Ist jede Entwicklung im gesellschaftlichen Umfeld, in den Lebensbedingungen und den Lebensgewohnheiten der Menschen so bedeutend, dass sie sich auf die Sprache auswirken? Können auch politische Ereignisse und Strukturen diese Entwicklung beeinflussen?

Im folgendem soll also erörtert werden, inwiefern sich Sprache und Gesellschaft einander bedingen. Wer hat mehr Einfluss auf wen. Wie stark sind die Verhältnisse dieser Gegenspieler zueinander, wie sind ihre Wechselwirkungen.

Dabei wird die politische wie wirtschaftliche Situation klar umrissen, es werden Gesellschaftsstrukturen, die entscheidenden Instanz und Ideale, die das 17.Jahrhundert leiteten und prägten, aufgezeigt.

Ferner werden die Hauptvertreter dieser Zeit sowie deren Ziele dargestellt, indem ich näher auf ihren geschichtlichen sowie sozialen Hintergrund eingehe und die damit verbundenen Erneuerungen in der französischen Sprache aufzeige.

2. Politische / Wirtschaftliche Gegebenheiten

Das 17.Jahrhundert kann in der französischen Geschichte als das Jahrhundert angesehen werden, in dem sich die absolute Monarchie festigt.

Die Entwicklung begann 1589 mit der Thronbesteigung Heinrich IV., der den erneuten Aufstieg Frankreichs zur Vormacht in Europa einleitete. 1594 konnte er mit dem Edikt von Nantes den religiösen Frieden wieder herstellen, installierte eine zentral gelenkte, vom König völlig abhängige Bürokratie1 und schlug eine aggressive Außenpolitik gegenüber Spanien ein. Sein Berater und Minister, der Herzog von Sully, ordnete die Staats- und die königlichen Finanzen neu, unter anderem durch eine tief greifende Reform der Steuern und Zölle sowie durch eine nachdrückliche Förderung von Handel, Gewerbe und Landwirtschaft. Daneben wurden im Interesse des Handels wie auch der Verwaltung zahlreiche Straßen, Wasserstraßen und so weiter gebaut beziehungsweise wiederhergestellt.

Während seiner Vorbereitungen für einen neuen Krieg gegen die Habsburger in Spanien wurde Heinrich IV. 1610 ermordet. Ihm folgte sein erst neunjähriger Sohn Ludwig XIII. (1610-1643) auf dem Thron, der nahezu während seiner gesamten Herrschaftszeit (1610- 1643) unter dem Einfluss zunächst seiner Mutter Maria von Medici, dann, ab 1624, des Kardinals und Ersten Ministers Richelieu stand. Unter ihm strebte das absolutistische Königtum in Frankreich seiner Vollendung zu. Im Interesse eines starken Königtums verfolgte er die Protestanten: 1628 eroberte er La Rochelle, den wichtigsten Sicherheitsplatz der Hugenotten, und 1629 nahm er den Hugenotten ihre im Edikt von Nantes garantierten Sonderrechte. Den Hochadel, neben den Hugenotten die zweite Gefahr für ein starkes Königtum, entmachtete er weitgehend; verschiedene Aufstände, die sich vor allem gegen die zunehmenden Steuern richteten, unterdrückte er.

Ludwig XIII. starb 1643. Anna von Österreich, maßgeblich unterstützt von Kardinal Mazarin als leitender Minister, übernahm die Regentschaft für ihren vierjährigen Sohn, König Ludwig XIV. (1643-1715). Die betriebene Politik vom 1642 verstorbenen Vorgänger Richelieu wurde im Inneren und Äußeren nahtlos fortgesetzt.

Die Aufstände der Fronde, die zwischen 1648 und 1653 die Monarchie erschütterten, versuchten die Minderjährigkeit des Königs zu nutzen und die absolutistische Macht der Krone zu schwächen; der Bürgerkrieg scheiterte.

Diese Ereignisse beeindruckten Ludwig stark und überzeugten ihn von der Notwendigkeit, in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft für Ordnung und Stabilität zu sorgen, Reformen durchzuführen, aber auch und vor allem die Autorität der Krone wieder zu stärken. Nach dem Tod Kardinal Mazarins übernahm König Ludwig XIV. 1661 die Regierung allein. Unter ihm gelangte Frankreich auf den Gipfel seiner Macht. Der König selbst verfügte dabei über eine enorme Machtfülle im Staat, das Zeitalter des Absolutismus brach endgültig an. (vgl. Berthier: 115-122 / Abb.2 im Anhang)

Er reformierte den Staat von Grund auf, indem er die Bürokratie effektiv ausbaute, die Wirtschaft massiv förderte, die französische Armee zur leistungsstärksten, fortschrittlichsten und größten des Kontinents ausbaute, die Flotte neu schuf und das Rechtswesen vereinfachte. Dabei stand ihm der geniale Colbert zur Seite.2

Sein Schloss Versailles und die staatliche Organisation Frankreichs wurden überall als wegweisend kopiert. Paris wuchs zur größten Stadt der Welt und zum wissenschaftlichen und intellektuellen Zentrums Europas heran.

Auf der anderen Seite führten die vielen Kriege, die die Finanzen und die Wirtschaft Frankreichs zerrütteten, am Ende aber wenig einbrachten, das Land an den Rand des Staatsbankrotts; breite Bevölkerungsschichten verarmten und waren von Hungersnöten bedroht. Das absolutistische Königtum französischer Ausprägung verlor gegen Ende der Regierungszeit Ludwigs rapide an Ansehen, zumal Ludwig es versäumt hatte, dringend notwendige Reformen in Staat und Gesellschaft durchzuführen.

3. Gesellschaftsstrukturen

Eine Gesellschaft wird gewöhnlich nach politisch-herrschaftlichen Verhältnissen, nach zugehöriger Wirtschaftsweise und nach soziokulturellen Phänomenen klassifiziert. Die Gesellschaft im 17.Jahrhundert war ein hierarchisch gegliedertes Ständesystem, welches hauptsächlich stark nach gesellschaftlichem Ansehen geordnet war.

Die Angehörigen des jeweiligen sozialen Rangs, hatten ihre eigenen Rechte, Privilegien und Pflichten Die Zugehörigkeit zu einem Stand ergab sich aus Herkunft (Ebenbürtigkeit), Beruf bzw. den Berufsstand oder gesellschaftliche Rolle (Geistlichkeit) und wurde von ihren Mitgliedern durch ihre moralischen Werte, ihre Lebensführung und ihren gesellschaftlichen Umgang (Standesbewusstsein) bekräftigt. . (vgl. Brockhaus 1986)

Zusätzlich unterscheidet sich die Ständegesellschaft des Absolutismus von den Mittelalterlichen dadurch, dass die Vertreter des Königtums an Macht allen anderen weit überlegen waren.

Nach den Mitgliedern des königlichen Hauses folgten die drei Spitzenkader: hoher Adel, Klerus und hohe Gerichts- und Verwaltungsbeamte.

Dann folgen alle Bürger, die sich aus arbeitslosen (Renten-)einkommen finanzieren. Geringes Ansehen wurde dem Lebensunterhalt aus (körperlicher) Arbeit beigemessen.

Alle diejenigen bilden grob den dritten Stand. (vgl. Mager:1980: 74 / Abb.3 im Anhang) Besondere Beachtung gilt hier jedoch dem ersten Rang, denn der Hof und das höfische Leben bildeten den Ursprungsort für die gesamte Erfahrung, für die Menschen- und Weltauffassung dieser Zeit. (vgl. Elias 1969: 69)

Im Schloss von Versailles lebten rund 10 000 Menschen um ihrem König nahe zu sein. Sie hatten eine Wohnung im königlichen Haus (und auch noch eine Wohnung in der Stadt, das "Hotel").1 Der König war ihr Machthaber. Loyalität wurde durch die entsprechenden Zeremonien und Förmlichkeiten immer wieder beglaubigt. Eine genaue Etikette verband sie untereinander.

Am Hof liefen demnach alle Fäden der Gesellschaft zusammen, von hier hingen nach wie vor Rang, Ansehen und selbst bis zu einem gewissen Grade das Einkommen der höfischen Menschen ab.2 Ferner kann durch die Zahlung einer jährlichen Gebühr (die Paulette) schließlich das Bürgertum, sich auch den Adelstitel aneignen (noblesse de robe) und den alten Adel (noblesse d’epée) politisch in den Hintergrund drängen.

Im Machtkampf zwischen altem und neuem Adel, auf dem der Triumph des Abso- lutismus am Hof von Versailles beruht 2 , geht es darum, die Sitten einer Gesellschaft neu zu definieren, die sich Stück für Stück von den überkommenen Feudalverhältnissen ablöst. Die noblesse d’epée versucht in ihren Salons das Wertsystem der Ritterlichkeit, der geänderten historischen Situation anzupassen und die Ideale der honnêteté gegen die Arroganz der noblesse de robe am Hofe zu vertreten. Und der neue Adel will den vollkommenen Hofmann mittels der Zivilisierung seiner Sitten nach den Modellen der italienischen Traktate des savoir-vivre bilden. (vgl. Stenzel 1995: 54-60)

Die Notwendigkeit sich inmitten solcher Umstände zu behaupten oder durchzusetzen, prägte den höfischen Menschen.

Durch die starke Abgrenzung der Aristokraten vom Volk ergaben sich auch verschiedene Entwicklungen der Sprache, die zwar alle aus der Volkssprache abgeleitet waren, aber die Sitten und Gebräuche der feinen Gesellschaft im 17. Jahrhundert bewirkten, dass ihr Wortschatz sehr klein war. Sie hatten kein Interesse daran Begriffe und Ausdrücke aus anderen Berufsständen kennen zu lernen. Auch die politische Sprache der absoluten Monarchie war eine Fachsprache mit sehr begrenztem Geltungsbereich und die Aristokraten sahen auch keine Notwendigkeit den politischen Fachwortschatz in die allgemeine Sprache zu übertragen.3

Ferner entstanden in Paris Zirkel, in denen über Kunst, Literatur, Politik und sonstige Dinge diskutiert wurde. Dabei prägte das Ideal des honnête homme, eines universal gebildeten und eloquenten Menschen, nicht nur den Hof, sondern auch die Welt der Salons, auf den jetzt im nächsten Kapitel näher eingegangen wird.

[...]


1 Er schuf nur scheinbar die Bedingungen dafür, dass das Bürgertum seine verlorenen Rechte zurückerlangte, so dass es rein dem Anschein nach ein Gleichgewicht zwischen den divergierenden Standesinteressen gab. (vgl. Sergijewski: 161)

2 Zwar erreichten die Staatseinnahmen nie gekannte Höhen; einer nachhaltigen Sanierung der Finanzen durch Colbert wirkten aber Ludwigs aufwendiger Lebensstil und vor allem seine zahlreichen Kriege entgegen. (siehe Übersicht im Anhang)

1 Im Laufe des 16. Jahrhunderts lösten die wiederholten Versuche Frankreichs, Spaniens und der Habsburger Monarchie, ihre Macht auf die reichen Städte Norditaliens auszudehnen, die Krise des republikanischen und bürgerlichen Humanismus aus. Nicht mehr die Städte, sondern die Höfe wurden zu den kulturellen und sozialen Zentren. (vgl. Ardagh 1992)

2 Ein nie erlöschender Konkurrenzkampf (Affären, Intrigen) um Status- und Prestigechancen hält den Adel im Atem. Diese Gegensätze und Eifersüchteleien zwischen den Adligen war die Herrschaftsstrategie des absolutistischen Königs. Jeder hing vom anderen ab, alle vom König. (vgl. Elias 1969: 99)

3 Im ersten Wörterbuch der Academie française erschienen daher auch kaum Fachausdrücke aus dem Handwerk und Gewerbe und auch bei den weiteren Auflagen des Wörterbuchs wurde darauf geachtet, dass nur Wörter aus der Umgangssprache der feinen Gesellschaft aufgenommen wurden. (vgl. Wolf 1979)

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Sprache und Gesellschaft in Frankreich des 17. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Potsdam  (Fakultät für Romanistik)
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V128859
ISBN (eBook)
9783640341559
ISBN (Buch)
9783640337903
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, Gesellschaft, Frankreich, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Adrian Golly (Autor), 2009, Sprache und Gesellschaft in Frankreich des 17. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128859

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