Die Netzwerkstrukturen in der Techno-Szene

Eine ego-zentrierte Netzwerkanalyse


Hausarbeit, 2007

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen

3. Fragestellung

4. Auswahl der zu untersuchenden Szene

5. These

6. Überblick über die Forschungslage

7. Begriffsspezifikation

8. Methodenspezifikation
8.1 Gewählte Methode
8.2 Grundlegendes zur Netzwerkanalyse und ego-zentrierten Netzwerkanalyse

9. Untersuchungsdesign
9.1 Vorüberlegungen
9.2 Konstruierung des Namensgenerators und Namensinterpretators

10. Auswahlverfahren

11. Eventuelle Probleme

12. Literatur

1. Einleitung

Als zentral erscheint mir bei der Untersuchung von szeneimmanenten Hierarchiestrukturen in Jugendkulturen die Frage, warum ein Teil der Szenegänger zur Organisationselite aufsteigt, der weitaus größere Teil aber mehr oder weniger passiver Szenegänger bleibt. Natürlich ist die Anzahl der Positionen, an denen aktiv an den organisatorischen und künstlerischen Aufgaben der Szene mitgewirkt werden kann, begrenzt. Umso wichtiger erscheint die Frage, warum einigen der Einstieg gelingt und anderen nicht (zumindest dann, wenn man davon ausgeht, dass es mehr Interessenten an den Positionen gibt als Positionen selbst, dass es also eine gewisse Konkurrenz um Positionen der Organisationselite gibt, was dieser Studie als Grundannahme zugrunde liegt).

Diese Studie möchte sich mit einem möglichen Aspekt des Aufstiegs oder Nichtaufstiegs in den Szenekern beschäftigen: mit der sozialen Vernetzung der Szenemitglieder. Dabei wird die soziale Vernetzung als nur ein Aspekt begriffen, der für die Positionierung innerhalb einer Szene ausschlaggebend sein kann. Weitere Aspekte wie spezielle Kenntnisse, aufgewendete Zeit für die Szene, Interesse an organisatorischer Arbeit, Identifikation mit der Szene, Kommunikationsfähigkeit usw. sollen hier bewusst ausgeblendet werden.

Die Gründe, die zur Vernetzung zwischen den Szenemitgliedern geführt haben, sind nicht Gegenstand der Untersuchung. Ebenso kann die Untersuchung nicht klären, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen auftretenden Mustern in der Netzwerkstruktur der Organisationselite und dem Aufstieg von Einzelpersonen in die Ebene der Organisationselite gibt. Sollte sich aber ein weitgehend homogenes Bild zeigen, könnten weitere Studien zur Absicherung eines Zusammenhangs durchgeführt werden. Ziel dieser Studie wird es lediglich sein, eventuelle strukturelle Unterschiede in der Vernetzung von Szeneeliten und normalen Szenegängern aufzudecken.

2. Theoretische Grundlagen

Zugrunde liegt die von Hitzler aufgestellte Strukturierung von Szenen als Gebilde, die sich aus einer Organisationselite, diesen nahe stehenden Gruppen (als „Friends und Heavy-User“ bezeichnet) und normalen, nicht in die Szeneorganisation eingebundenen Szenegängern zusammensetzen.[1] Organisationseliten rekrutieren sich nach Hitzler größtenteils aus langjährigen Szenegängern, „…welche auf der Basis ihres umfangreichen Wissens um ästhetische und andere Kriterien in der Szene – in der Regel und unter anderem –

Events (vor-)produzieren und im Zuge dieser Tätigkeit zumeist kommerzielle Chancen nicht nur (er-)kennen, sondern auch nutzen.“[2] Die Mitglieder der Organisationselite erbringen für die Szene funktional notwendige Leistungen wie das Konzipieren und Organisieren von Events, die Herausgabe von Szenemagazinen und Weiteres. Hitzler bezeichnet sie als „Szenemotor“, der wesentlich zu Innovationen innerhalb der Szene beiträgt und die Rahmenbedingungen festlegt, unter denen die Szene kommunikativ zusammentrifft.[3] Als Ursache für die Herausbildung solcher funktionaler Eliten nennt Hitzler die Gruppenbildung in Szenen entlang funktionaler Leistungserbringung.[4] Durch die Kommerzialisierung von Jugendszenen entstanden Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten für einige Szenemitglieder innerhalb ihrer Szene.[5] Die Besetzung und Ausdifferenzierung dieser Positionen führte zum Entstehen einer Gruppe von Entscheidungs- und Innovationsträgern. Für die vorliegende Untersuchung wird diese Gliederung vereinfacht in die Unterscheidung zwischen Organisationselite und normale, nicht in organisatorische Tätigkeiten eingebundene Szenegänger. Die von Hitzler als „Friends und Heavy-User“ bezeichnete Gruppe wird in dieser Unterscheidung den normalen Szenegängern zugeordnet, da die zentrale Kategorie der organisatorischen Beteiligung bzw. Nichtbeteiligung bei ihnen gleichermaßen mit Nichtbeteiligung zugeordnet ist.[6]

3. Fragestellung

Die Fragestellung zielt auf die Ermittlung der Netzwerkstrukturen unter den Mitgliedern einer Szene mit dem Ziel, diese in den Kontext des Erreichens bestimmter Hierarchiestufen innerhalb der Szene zu stellen. Dabei soll außerdem zwischen den Netzwerkstrukturen beim Eintritt der Befragten und den Strukturen zum Zeitpunkt der Befragung verglichen werden, um eine eventuelle Veränderung festzustellen, die dann Rückschlüsse auf das Erreichen einer höheren Hierarchiestufe zulässt.

Die Untersuchung wird auf zwei Forschungsfragen aufbauen: zunächst auf der Frage, ob die Mitglieder der Organisationselite stärker innerhalb ihrer Gruppe vernetzt sind oder ob sie auch mit den normalen Szenegängern Freundschaftsbeziehungen unterhalten, und entgegengesetzt ob die normalen Szenegänger stärker in ihrer Gruppe vernetzt sind oder ob sie auch mit Mitgliedern der Organisationselite Freundschaftsbeziehungen unterhalten. Als zweite Forschungsfrage wird die Frage der Vernetzung in Bezug auf den Zeitpunkt des Einstiegs in die Szene gestellt. Gab es also hinsichtlich der Entwicklung des Netzwerks eine Veränderung?

Die zentrale Frage, die mit der Studie beantwortet werden soll, lautet: Gibt es strukturelle Unterschiede in der Vernetzung von normalen Szenegängern und Szeneeliten im Bezug auf ihre freundschaftlichen Beziehungen zueinander? Und weiter: Gab es Veränderungen in der Art der Netzwerkbeziehungen gemessen vom Beginn der Szenemitgliedschaft hin zum Zeitpunkt der Befragung?

Die Befragung der normalen Szenegänger ist wichtig vor dem Hintergrund, dass man so eine Kontrollgruppe erhält, welche die eventuell abweichende Netzwerkstruktur der Organisationselite sichtbar macht. Dies wäre ein Indiz dafür, dass es auch besondere Netzwerkbeziehungen sind, die den Aufstieg von Szenegängern in die Organisationselite ihrer Szene begünstigen.

Um die Ergebnisse in dieser Hinsicht auswerten zu können, werden im zweiten Teil der Befragung zusätzliche Fragen gestellt, die ermitteln sollen, wie lange sich der Befragte der Szene schon zugehörig fühlt, wann er das erste Mal engeren Kontakt zu einem Mitglied der Organisationselite hatte (insofern dies der Fall ist), seit wann er aktiv organisatorisch oder kreativ in der Szene tätig ist (gilt nur für die befragten Mitglieder der Organisationselite) und ob der Befragte jemals das Ziel oder die Absicht hatte, organisatorisch oder kreativ in der Szene tätig zu werden (denn wenn ein Szenegänger solch ein Aktivwerden von Beginn an ausschließt, können ihn auch seine guten Kontakte in die Organisationselite möglicherweise nicht davon abbringen, es muss hier also unterschieden werden zwischen denjenigen, die wegen fehlender Kontakte nicht zur Organisationselite aufgestiegen sind und denjenigen, die dies von Beginn an nicht wollten).

Zusammengefasst konzentriert sich die Befragung auf folgende Bereiche: erstens die Vernetzung in der Szene zu Beginn der Mitgliedschaft (hatte er/sie schon Bekannte/Freunde, die aus der Organisationselite stammen), zweitens die Vernetzung in der Szene heute und drittens einige Grunddaten der Szenekarriere – seit wann besteht die Zugehörigkeit, wann entstanden engere Kontakte zur Organisationselite, seit wann ist er/sie Teil der Organisationselite, bestand der Wunsch, selbst aktiv an organisatorischen oder kreativen Aufgaben der Szene mitzuwirken.

4. Auswahl der zu untersuchenden Szene

Die Studie wird sich auf die Untersuchung einer Szene beschränken. Für die Auswahl der Szene war als Kriterium relevant, dass sie über relativ ausgeprägte Hierarchiestrukturen verfügt. Die Techno-Szene verfügt nach Studien Ronald Hitzlers über solch eine innere Hierarchisierung.[7] Grund dafür ist die weitgehende Kommerzialisierung der Szene im Zuge der Expansion in den 1990er Jahren.

Als Bestimmung dessen, was als zur Techno-Szene zugehörig betrachtet werden soll, wird eine Definition von Erik Meyer übernommen. Er rückt als zentrales Element die gemeinsam konsumierte, elektronisch erzeugte und auf rhythmische Elemente konzentrierte Musik in den Vordergrund.[8] So lasse sich Techno „von anderen popmusikalischen Genres abgrenzen, die sich an einer Liedstruktur orientieren, für die sowohl Melodieführung als auch Gesangs- bzw. Sprechvortrag in Strophenform und mit wiederkehrendem Refrain, signifikante Merkmale sind.“[9] Die Techno-Szene ist überall dort, wo diese Form der elektronischen Musik gemeinsam oder allein konsumiert wird. Zu ihren Mitgliedern zählen alle, die sich dieser Musik verbunden und dieser Szene zugehörig fühlen.

Auf die interne Differenzierung der Techno-Szene in Stile wie Trance, Jungle, House und so weiter soll in dieser Untersuchung nicht eingegangen werden. Techno wird als Oberbegriff für alle elektronischen und Rhythmus betonenden Musikstile verwendet.[10] Die Untersuchung bezieht sich auf alle, die so beschriebene Musik hören und in eine entsprechende Szene integriert sind.

5. These

Meine These geht davon aus, dass diejenigen, die schon früh in Kontakt mit der Szeneelite gekommen sind, auch bessere Chancen haben, selbst einmal in einer verantwortlichen Position innerhalb der Organisationselite zu stehen. Mit der Szeneelite befreundete Szenegänger werden eher in organisatorische Aufgaben, insofern sie Interesse daran haben, eingebunden, als andere Szenegänger. Über diese Einbindung erwerben sie Erfahrungen und Kompetenzen, die ihnen bei ihrem eigenen Einstieg in die Organisationselite helfen. Über ihre Kontakte müssen sie so weniger Aufwand betreiben als die normalen Szenegänger, um Chancen zur Etablierung in der Organisationselite einer Szene zu erhalten. Die Kommunikationschancen, die sich mit einem Netzwerk verbinden, werden also als spezifisches, je nach Zusammensetzung des Netzwerks begünstigendes Kapital für einen Aufstieg in die Organisationselite aufgefasst.

[...]


[1] Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 213. Als weitere, für die Konstituierung einer Szene wichtige Gruppe nennt Hitzler das Publikum, welches von außen die Szene betrachtet und teilweise auch an Szeneevents. teilnehmen kann, ohne sich der Szene zugehörig zu fühlen. Diese Gruppe soll aber für die vorliegende Fragestellung ausgeklammert werden.

[2] Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 27.

[3] Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 27.

[4] Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 27.

[5] Hitzler betont den besonders hohen Kommerzialisierungsgrad in hedonistischen Szenen wie der Techno-Szene, die also vor allem um Spaß und Freizeitvergnügen organisiert sind. Vgl. Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 231.

[6] Zur näheren Definition der Begriffe Organisationselite und normaler Szenegänger siehe Kapitel 7.

[7] Hitzler, Ronald: Leben in Szenen. S. 43. Die Gothic- und sie Hardcore-Szene sind nach Hitzler beispielsweise wenig hierarchisiert. Dies begründet er mit dem hohen Stellenwert der Mitwirkung in der Selbstdefinition dieser beiden Szenen.

[8] Meyer, Erik: Die Techno-Szene. S. 35.

[9] Meyer, Erik: Die Techno-Szene. S. 35.

[10] Die Entwicklung von Techno aus Disco und HipHop in den späten 1970er Jahren bis hin zur Ausdifferenzierung in verschiedene Substile wird übersichtlich geschildert bei Meyer, Eric: Die Techno-Szene. S. 36ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Netzwerkstrukturen in der Techno-Szene
Untertitel
Eine ego-zentrierte Netzwerkanalyse
Hochschule
Universität Leipzig
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V128935
ISBN (eBook)
9783640401376
ISBN (Buch)
9783640401161
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerkstrukturen, Techno-Szene, Eine, Netzwerkanalyse
Arbeit zitieren
Anja Riedeberger (Autor), 2007, Die Netzwerkstrukturen in der Techno-Szene, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128935

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