Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg in der Paarberatung


Seminararbeit, 2022

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Paarberatung als Tätigkeitsfeld in der Sozialen Arbeit
2.1 Bedarf und Ziel der Paarberatung
2.2 Definition: Paarberatung versus Paartherapie
2.3 Probleme in der Paarkommunikation als Anlass zur Paarberatung
2.4 Die Integrative Paartherapie nach Jellouschek (2005)
2.4.1 Beratungssetting
2.4.2 Beratungsverlauf
2.4.3 Beziehungsprobleme aus Sicht der Paarberatung
2.5 Zur Relevanz von Haltung und Beratungsbeziehung

3. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg
3.1 Lebensentfremdende Kommunikation
3.2 Der Prozess der GFK
3.3 Empathie in der GFK

4. Die GFK in der Paarberatung
4.1 Nutzen der GFK für Paarberater*innen
4.2 Nutzen der GFK für Paare
4.3 Kritik und Limitationen der GFK in der Paarberatung

5. Eigene Meinung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Deutschland wurden im Jahr 2021 rund 142.800 Ehen geschieden, was einer Scheidungsrate von fast 50 Prozent entspricht (DESTATIS, 2022; Roesler, 2018, S. 16). Zudem wirken sich Beziehungsprobleme und Trennungen von Paaren nicht nur auf die Partner*innen und ihre Beziehung zueinander aus, sondern auch auf ihr Umfeld, besonders wenn Kinder aus der Partnerschaft hervorgehen (Roesler, 2018, S.16). Auch der Wunsch nach einer erfüllenden Beziehung ist der Grund dafür, dass sich immer mehr Paare an Paarberater*innen wenden (ebd.). Neben vielen Privatpraxen widmen sich in Deutschland jährlich rund 900 Beratungsstellen mit etwa 100.000 Fällen der Paarberatung (ebd., S. 683), deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist (ebd., S. 579). Meist sind Probleme in der Paarkommunikation der Anlass für das Aufsuchen von Paarberater*innen (Jellouschek, 2005, S. 76; Hess & Belviso, 2018, S. 169). Gleichzeitig stellt Kommunikation das Hauptinstrument von Paarberater*innen und Sozialarbeiter*innen allgemein dar: „Für die klientenbezogene Arbeit an materiellen und psychosozialen Problemsituationen erhält das Gespräch eine zentrale Bedeutung“ (Widulle, 2020, S. 5).

Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg stellt als „Sprache des Lebens“ (Rosenberg, 2016) ein beliebtes und vielversprechendes Kommunikationskonzept dar, sodass die Frage naheliegt, ob und wie die GFK in der Paarberatung Anwendung findet. Daher geht die vorliegende Arbeit der Frage nach, welche Nutzen und Risiken die Gewaltfreie Kommunikation für die Paarberatung birgt.

Nach dieser Einleitung folgt im zweiten Kapitel eine nähere Betrachtung verschiedener Aspekte der Paarberatung, wonach im dritten Kapitel das Konzept der GFK skizziert wird. Das vierte Kapitel beinhaltet eine exemplarische Darstellung darüber, welche Nutzen und Risiken die GFK in der Paarberatung haben kann, bevor abschließend eine Stellungnahme meinerseits erfolgt und ein Fazit gezogen wird.

Der Titel dieser Arbeit Schatz, wir müssen reden stellt in diesem Zusammenhang einen polysemischen Ausdruck dar. Einerseits spiegelt er die Realität vieler Paare wider, in denen sich ein*e Partner*in aufgrund mangelnder Kommunikation und folglich immer größeren Problemen letztlich doch gezwungen sieht, die bisher gemiedene Situation eines gemeinsamen Gesprächs zu suchen. Andererseits widerspricht der Satz den Charakteristiken der Gewaltfreien Kommunikation und löst intuitiv Unbehagen beim Gegenüber aus, wie in Kapitel drei erläutert wird.

2. Die Paarberatung als Tätigkeitsfeld in der Sozialen Arbeit

2.1 Bedarf und Ziel der Paarberatung

Die Paarberatung als heutiges Tätigkeitsfeld in der Sozialen Arbeit hat ihre Wurzeln in der Familientherapie, welche in den 1960er Jahren in den USA und zehn Jahre danach auch in Europa Anklang fand (Hess & Belviso, 2018, S. 75-76). Schon zuvor zeichnete sich ein steigender Bedarf an Paarberatung ab, denn mit der Industrialisierung und der Entwicklung des modernen Staates war die Ehe nun nicht mehr das einzige mögliche Beziehungskonzept: „Die kirchlich bestimmte, patriarchal geordnete Ehe mit dem vorrangigen Ziel, Nachwuchs zu produzieren, hat sich zur Liebesehe gewandelt, was gesellschaftliche Folgen nach sich zog“ (Hess & Belviso, 2018, S. 71). Zuvor wurden Menschen, die sich für eine Scheidung und gegen das Gottesgesetz der Unauflöslichkeit der Ehe entschieden, durch Kirche und Staat sanktioniert sowie sozial geächtet, sodass „sich viele Menschen mit Beziehungen arrangierten, die heute niemand mehr ertragen würde (Jellouschek, 2005, S. 15). Auch Außenbeziehungen und Untreue führen heute schneller zur Trennung als damals (ebd.), was die heute im Vergleich zu damals höheren Scheidungsraten erklärt. Gleichzeitig vereinfachte die Ehe das gemeinsame Leben, indem sie als vorgeschriebenes Beziehungskonzept einen Verhaltenskatalog präsentiert, der unhinterfragt befolgt werden kann. Mit der neuen Möglichkeit, die eigene Beziehung unabhängig von kirchlichen Normen zu gestalten, gehen Unsicherheiten einher:

In den heutigen Paarbeziehungen treffen zwei Menschen aufeinander, die beide den Möglichkeiten und Zwängen einer selbst entworfenen Biografie unterstehen. Es müssen neue Arrangements für Partnerschaft und Beruf, neue Regelungen und Umgangsformen gefunden werden. Da ein allgemein verbindliches Muster fehlt, muss im Einzelfall ausgehandelt werden, wessen Pläne und Vorstellungen Priorität haben sollen bzw. welcher Kompromiss tragfähig erscheint. (Hess & Belviso, 2018, S. 73)

Paare wenden sich demzufolge an Paarberater*innen, um „das nötige Beziehungs­know-how zu lernen oder zu verbessern, damit die Wünsche und Sehnsüchte an die Beziehung erfüllt werden“ (Jellouschek, 2005, S. 16). Paarberatung verhilft so „zu einem realistischen Beziehungs-Lernen: Was muss ich, musst du ändern oder entwickeln, damit unverzichtbare Ansprüche an die Beziehung realisiert werden können?“ (ebd.), wobei die Antworten auf diese Fragen mithilfe der Paarberatung erörtert werden können.

2.2 Definition: Paarberatung versus Paartherapie

In der Literatur gibt es zahlreiche Versuche, Paarberatung und Paartherapie definitorisch voneinander abzugrenzen, was sich jedoch als schwierig erweist. Zur Unterscheidung der genannten Begrifflichkeiten schreiben Hess & Belviso (2018) folgendes:

Diese beiden Formen von Begleitung sind hinsichtlich der Methode nicht unterscheidbar. Die beiden Bezeichnungen dienen eher der Differenzierung und Definition der Beziehung zwischen den konkurrierenden Berufsgruppen. Gefühle zwischen den Partnern und ihre Beziehungsmuster stehen im Vordergrund der Betrachtung und im Zentrum der Bearbeitung. (S. 75)

Entsprechend ordnen sich dem Begriff der Paarberatung meist Sozialarbeiter*innen zu, während der Begriff der Paartherapie überwiegend von Psycholog*innen verwendet wird. Hierbei impliziert der Begriff Therapie meist eine Form der Pathologie, was sich im Kontext der Paartherapie primär auf die Beziehung und nicht auf die Partner*innen bezieht: „Die Beziehung ist gleichsam der Patient und in dem Sinne krank, dass die Partner sich in ihr dauerhaft nicht mehr wohl fühlen (und deshalb manchmal auch als Individuen körperlich/seelisch krank werden)“ (Jellouschek, 2005, S. 10). Neben Hess und Belviso (2018) verwenden auch Jellouschek (2005, S. 21) und Roesler (2018, S. 21) die Begriffe synonym, weshalb in der vorliegenden Arbeit sowohl Literatur mit Bezug zur Paarberatung als auch zur Paartherapie zitiert wird. Im Folgenden findet der Begriff der Paarberatung Anwendung, da diese Arbeit als Studienleistung in der Sozialen Arbeit erbracht wird.

2.3 Probleme in der Paarkommunikation als Anlass zur Paarberatung

Die Themen, die Paare in eine Paarberatung führen, sind vielfältig. Am häufigsten sind es Probleme in der Paarkommunikation (Jellouschek, 2005, S. 76; Hess & Belviso, 2018, S. 169). Diese treten zum Beispiel auf, wenn Partner*innen davon ausgehen, dass ein vollkommenes Verstehen des Gegenübers möglich sei, eine höhere Dauer des Zusammenlebens automatisch mit einem besseren gegenseitigen Verstehen gleichgesetzt wird oder wenn die Annahme besteht, dass sich Partner*innen jede Aussage ihres Gegenübers, wie sie getätigt wurde, merken können (Hess & Belviso, 2018, S. 169).

Berater*innen fungieren als „Übersetzungshilfe“, die den Partner*innen hilft, „Missverständnisse ihrer Kommunikation aufzudecken und sie neue Formen finden zu lassen, sich sicherer und besser zu verstehen“ (ebd., S. 169-170). Damit dies möglich ist, ist die Suche nach einer treffenden Problembeschreibung wichtig, denn „wenn Probleme nicht gelöst werden können, kann es auch daran liegen, dass sie nicht richtig beschrieben werden“ (Jellouschek, 2005, S. 22), sodass die Problembeschreibung den ersten Schritt in der Beratung darstellt. Oft verdeutlichen sich bereits hier die Kommunikationsprobleme, wenn sich die Sichtweisen der Partner*innen auf das Paarproblem voneinander unterscheiden.

2.4 Die Integrative Paartherapie nach Jellouschek (2005)

Es gibt zahlreiche Ansätze und Modelle für die Paarberatung, welche sich insbesondere in ihrer Perspektive, ihren Zielen und der Haltung der Berater*innen unterscheiden (Hess & Belviso, 2018, S. 109). Hess und Belviso (2018) nennen exemplarisch die Psychoanalytische Paartherapie nach dem Mehrgenerationenansatz, die Verhaltenstherapeutische Paarberatung, die Systemische Paartherapie, die Personenzentrierte Psychotherapie mit Paaren sowie Integrative Paartherapieansätze (S. 81-88). Besonders Letztere seien hervorgehoben, da sie verschiedene Methoden und Elemente diverser Beratungsmodelle kombinieren, um bestmögliche Beratungsergebnisse zu erzielen. Einer dieser vielzitierten Integrativen Ansätze stammt von Hans Jellouschek, welcher 2005 durch das Buch Die Paartherapie größere Bekanntheit erlangte. Sein Ansatz kombiniert die situative Betrachtung der aktuellen Lebensumstände des Paares mit der Betrachtung von individuell biografischen und auch partnerschaftlichen Themen aus der Vergangenheit, bevor die Vision über eine mögliche Zukunft des Paares im Fokus der Beratung steht.

2.4.1 Beratungssetting

Die Paarberatung besteht aus Gesprächssitzungen zwischen Berater*in und Paar, denn auch wenn Einzelsitzungen möglich sind, sollten diese nur begrenzt stattfinden, da ansonsten ein Ungleichgewicht in der Beziehung des Paares entstehen kann, wenn sich nur ein*e Partner*in der Weiterentwicklung der Beziehung widmet (Jellouschek, 2005, S. 11). Sitzungen finden innerhalb der Paarberatung zwischen einmal wöchentlich bis einmal monatlich statt und die Gesamtanzahl beträgt drei bis fünf, kann aber auch fünfzehn oder mehr Sitzungen umfassen, was sich erst im Verlauf der Beratung herausstellt (ebd., S. 12). Das Setting kann variieren, so können auch mehrere Berater*innen gleichzeitig mit dem Paar sprechen und auch eine Gruppentherapie mit mehreren Paaren ist möglich (ebd., S. 11-13).

2.4.2 Beratungsverlauf

Zunächst erfolgt ein Erstgespräch zwischen Berater*in und Paar, das auch mehr als eine Sitzung in Anspruch nehmen kann, bei dem das Paarproblem definiert, Ziele für die Paartherapie festgelegt und ein Vertrauensverhältnis zwischen Paar und Berater*in aufgebaut werden sollen (Jellouschek, 2005, S. 32-37). Jellouschek nennt vier Ebenen, auf denen die Paarprobleme liegen können: „Dysfunktionale Interaktion“, „Gegenwärtige Lebensorganisation“, „Unerledigtes aus der Paar­Geschichte“ und „Unerledigtes aus den Herkunftsfamilien“ (ebd., S. 38). Diese Ebenen werden im Laufe der Paarberatung gemeinsam mit dem Paar angeschaut, denn „die schlecht funktionierende Kommunikation ist meist nicht Ursache, sondern Folge von Schieflagen in ihrer Lebensorganisation“ (ebd., S. 44). Dies bedeutet, dass Paare zwar meist wegen Kommunikationsproblemen in die Paarberatung kommen, die Probleme in der Paarkommunikation aber nicht nur in der dysfunktionalen Interaktion liegen, sondern zusätzlich Indikatoren für tiefergehende Probleme darstellen. Diese haben ihren Ursprung beispielsweise in Verletzungen aus der bisherigen Paarbeziehung oder in Themen aus der Kindheit und Jugend der Partner*innen, da „wir unsere Beziehung häufig nach dem Muster der Beziehungen in unseren Herkunftsfamilien konstellieren“ (ebd., S. 54). Diese Probleme sollen mithilfe der Paarberater durch Einsicht und konkrete Schritte der Veränderung, möglicherweise auch durch Hausaufgaben, bearbeitet werden (ebd., S. 41-41). Anschließend wird ein Blick auf die gemeinsame Zukunft des Paares geworfen und das Paar entscheidet, ob und wie es die Paarbeziehung zukünftig gestalten möchte; auch eine Trennung ist möglich (ebd., S. 63). In manchen Fällen folgt mit einem zeitlichen Abstand von sechs bis zwölf Monaten ein Nachgespräch (ebd., S. 69).

2.4.3 Beziehungsprobleme aus Sicht der Paarberatung

Laut Jellouschek betrachtet die Paarberatung partnerschaftliche Beziehungsprobleme aus drei verschiedenen Perspektiven. Zum einen geht er davon aus, dass immer beide Partner*innen für ein gemeinsames Beziehungsproblem verantwortlich sind. Konflikte äußern sich meist mit einer Schuldzuweisung, was bei der*dem Betroffenen meist zu einer Abwehrreaktion führt. Wenn diese*r wie so „häufig in derselben Weise »zurückschlägt«, führt dies in die Blockade, und das Problem bleibt ungelöst“ (Jellouschek, 2005, S. 22). Auch eine Annahme der Problemzuschreibung ist nicht hilfreich: „Damit lädt der Betreffende sich die ganze Verantwortung auf, überfordert sich damit und macht eine Problemlösung ebenfalls unmöglich“ (ebd.). Darüber hinaus stellt ein Beziehungsproblem bereits einen Lösungsversuch dar: „Es wird deutlich, dass das eigentliche Problem nicht sein Verhalten ist, sondern dieses auf das eigentliche Problem hinweist“ (ebd., S. 26). Zuletzt geht er davon aus, dass Beziehungsprobleme im Kontext der Paarbeziehung zu betrachten sind, weil sie als Herausforderung für die gemeinsame Beziehung mit Ziel zur Entwicklung dienen (ebd.). Insgesamt geht es also bei der Paarberatung darum, sich an den Ressourcen des Paares zu orientieren, um Krisen zu bewältigen und eine Weiterentwicklung der gemeinsamen Beziehung zu ermöglichen (ebd., S. 29).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg in der Paarberatung
Hochschule
Hochschule Mannheim  (Fakultät für Sozialwesen)
Note
1,3
Autor
Jahr
2022
Seiten
15
Katalognummer
V1289874
ISBN (Buch)
9783346750129
Sprache
Deutsch
Schlagworte
GFK, Gewaltfreie Kommunikation, Paarberatung, Rosenberg, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Michelle Geißler (Autor:in), 2022, Gewaltfreie Kommunikation nach Dr. Marshall B. Rosenberg in der Paarberatung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1289874

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