Die VALIE EXPORT’sche These über eine Selbstbestimmung der Frau(en) durch Kunst. Wie wird sie verhandelt?


Hausarbeit, 2019

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Pointierte Analyse des Manifests Woman’s Art hinsichtlich seiner These uber die Selbstbestimmung der Frau durch das Medium Kunst (VE)

3. Kunstausstellung: Magna Feminismus: Kunst und Kreativitat
3.1 Renate Bertlmann: Le charme indiscret de la bourgeoisie
3.2 Birgit Jurgenssen: Fehlende Glieder

4. Zusammenfuhrung der pointierten Analyse von Woman's Art aus Kapitel 2 und den beiden exemplarischen kunstlerischen Arbeiten aus Kapitel 3

5. Resumee

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

„die kunst kann ein medium unserer selbstbestimmung sein“ (VALIE EXPORT 1972: Z.52)1

- so formuliert VALIE EXPORT2 ihr Verstandnis von und ihren Anspruch an Kunst, bzw. genauer, feministische Kunst. Das Zitat entstammt dem Manifest Woman's Art, erstmalig veroffentlicht in der Zeitung Neues Forum (Kaiser 2013: 87) im Jahr 1972, und gilt als Konzept fur die 1975 in Wien realisierte Ausstellung Magna Feminismus: Kunst undKre- ativitat. Im Kontext und zum Anlass einer Zeit „politischer Mobilisierungsbereitschaft“ (Paul 2006: 482) seit den 1960er Jahren, verfasst VE ihr Manifest als Antwort auf gesellschaftliche Geschlechterkonstruktionen und als Aktivierung einer Gegenpraxis feministischer Kunst. Denn die zwar bereits durch die erste Feminismuswelle wahrend der Weimarer Republik er- reichten Erfolge - so die Literatur - wurden in der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der „die Frau“ wieder aus dem gesellschaftlichen und kunstlerischen Bewusstsein entruckt wird, zu- nichte gemacht (Eromaki/ Wagner-Kantuser 2002: 86-87).

Diese Arbeit untersucht das VE'sche Manifest hinsichtlich seiner einleitend zitierten These uber die Selbstbestimmung der Frau(en) durch Kunst, auf welcher das Hauptaugenmerk ihres Manifestes liegt - Was meint VE mit ebengenannter Aussage bzw. wie wird diese in ihrem Manifest verhandelt und inwiefern resultiert daraus ein Konzept feministischer Kunst?

Um die Auseinandersetzung mit dieser theoretischen These des Manifests zu intensivieren, wird sich darauffolgend mit zwei praktischen, auf der Magna ausgestellten, Arbeiten beschaf- tigt, indem diese beschrieben und analysiert werden. Hierfur werden die beiden exemplari- schen Arbeiten Le charme indiscret de la bourgeoisie der Kunstlerin Renate Bertlmann und Fehlende Glieder der Kunstlerin Birgit Jurgenssen herangezogen. Auf Basis der pointierten Untersuchung des Manifests aus Kapitel 2, soll daran anschlieBend untersucht und diskutiert werden, inwiefern und auf welche Weise die dargelegten kunstlerischen Positionen Jurgens- sens und Bertlmanns die These VEs verhandeln. Die Arbeit schlieBt mit einem ausblickenden Resumee.

Gemeinsam gelten VE, Jurgenssen und Bertlmann als Begrunderinnen eines 1960 beginnen- den revolutionaren Feminismus, indem sie mit kunstlerischen Ausdrucksformen und beson- ders ihrem Korper als „Projektionsflache kultureller Codes“ (Weibel 2010: 111) herrschende Konstruktionen und Bilder aufbrechen und diese neu bestimmen (Weibel 2010: 111). An die- ser Stelle sei kurz die Auswahl der Kunstlerinnen fur diese Auseinandersetzung zu thematisie- ren: Beispielsweise warnt Barbara Paul (2006: 480) in ihrem Aufsatz Feministische Interven- tionen in der Kunst und im Kunstbetrieb vor „Mythenbildungen um Kunstlerinnen und deren Starkult“. Diese Arbeit ware demnach pradestiniert fur eine ebensolche Reproduktion haufig rezipierter Kunstlerinnen, jedoch handelt es sich bei diesem Text um einen endlichen, wes- halb eine Auswahl hinsichtlich der kunstlerischen Arbeiten und der Medienwahl getroffen werden muss und kein Anspruch auf einen (inhaltlich oder medial) reprasentativen Quer- schnitt sogenannter neuer Frauenbewegung seit den 1960er Jahre gewahrleistet werden kann. AuBerdem liegt der Fokus dieser Arbeit in der spezifischen Auseinandersetzung mit dem the- oretischen Manifest Woman's Art und einer Transferleistung auf zwei ausgewahlte praktische Arbeiten der zum Manifest dazugehorigen Magna.

2. Pointierte Analyse des Manifests hinsichtlich der These uber die Selbst- bestimmung der Frau durch das Medium Kunst (VE)

Paul (2006: 482) stellt heraus, dass Kunstlerinnen zu dieser Zeit (seit 1960) stetig die „Not- wendigkeit feministischer Einspruche im Kunstbetrieb sowie in kultur- und gesellschaftspoli- tischen Fragen“ darlegen. Diese Tendenz ist auch bei VE zu beobachten, weshalb diese Ana­lyse des Manifests ihren Fokus auf VEs These uber die Selbstbestimmung der Frau durch das Medium Kunst legt. Durch eine solche Herangehensweise kommt dieses Kapitel ebenfalls zum VE'schen Konzept von feministischer Kunst.

Das Manifest Woman's Art ist in insgesamt sieben Absatzen verfasst und fullt im Wiederab- druck knapp eine ganze Seite. Drei Zeilen zu Beginn, in der Mitte und am Schluss sind durch Majuskel markiert, der gesamte restliche Text ist durchgehend in Minuskeln geschrieben. Ansonsten gibt es in der auBerlichen Gestaltung keine weiteren Auffalligkeiten.

Eingeleitet wird das Manifest durch die Aussage: „DIE STELLUNG DER KUNST IN DER FRAUENBEWEGUNG IST DIE STELLUNG DER FRAU IN DER KUNSTBEWEGUNG“ (VE 1972: Z. 1-2), wodurch schon zu Beginn eine wechselseitige Verbindung zwischen den Dimensionen Frau und Kunst deutlich wird. AuBerdem wird in der Aussage implizit deutlich, dass sowohl eine Frauen- als auch eine Kunstbewegung existieren. In diesen gibt es grund- satzlich unterschiedliche Stellungen und Verhaltensweisen der teilnehmenden Gesellschafts- mitglieder - diese Stellungen und Verhaltensweisen scheinen jedoch wandelbar zu sein.

Von VE wird exemplarisch dargelegt, dass (noch) eine mannliche Wirklichkeit in der Gesell­schaft vorherrsche, von dieser distanziert sie sich kritisierend, beispielsweise durch die For- derung, Frauen sollen „an der konstruktion der wirklichkeit via den medialen bausteinen teil- haben“ (VE 1972: Z. 15-16). Ziel einer dergleichen „Teilhabe“ ist es, Selbstbestimmung und eine veranderten gesellschaftlichen Stellung der Frau zu erreichen (ebd.).

Im Manifest wird hervorgebracht, dass eine solche strukturelle Veranderung gesellschaftli- cher Verhaltnisse einen „Kampf“ (VE 1972) in „allen bereichen des lebens“ (VE 1972: Z. 19­20) erfordert - jedoch - und darauf legt diese Arbeit ihren Fokus - in besonderem MaBe im Bereich von Kunst. Denn speziell durch kunstlerische Ausdrucksformen, VE nennt bei- spielsweise „plastiken, gemalde[], romane[], filme[], dramen, zeichnungen etc.“ (VE 1972: Z. 28), werden mannlich dominierte Bilder und Imaginationen von - laut VE - „erotik, schon- heit, ihre[r] mythologie der starke, kraft und strenge“ (VE 1972: 27-28) reprasentiert und so gleichzeitig reproduziert.

Insofern ist die Idee einer feministischen Kunst konsequent, um mit denselben kraftvollen Mitteln das Konstruierte zu dekonstruieren und neue Bilder zu produzieren. Fur VE ist es 1972 „AN DER ZEIT“ (VE 1972: Z. 31), Kunst als Ausdrucksmittel der Frau heranzuziehen, um die Ziele einer „menschlichen wirklichkeit“ (VE 1972: Z. 34) zu erreichen. Zunachst skizziert VE in ihrem Manifest den kritischen Ist-Zustand „[der] kunst“ (VE 1972: Z. 35): Eine Kunst, dessen Inhalte und Darstellungsformen durch eine mannliche Wirklichkeit ge- pragt sind: mannliche Sujets, mannliche Probleme und mannliche Antworten und Losungen zu diesen. Der Soll-Zustand von Kunst sieht nach VE so aus, dass Frauen ihre „aussagen arti- kulieren“ (VE 1972: Z. 37) und neue Bedeutungen fur die mannlich aufgeladenen Begriffe wie „liebe, treue, familie, mutterschaft, gefahrtin“ (VE 1972: Z. 38) hervorbringen. Als erstes musse Kunst den Ist-Zustand „zerstoren“ (VE 1972: Z. 42), um daraufhin durch neue Aus- drucksformen neue Werte in und fur Kunst zu erschaffen, welche dann schlieBlich in der Ge­sellschaft ankommen. VE identifiziert also die Moglichkeit einer Wechselwirkung von Kunst und Frauen, indem in und durch Kunst neue Bedeutungen entworfen werden konnen. Auf metaphorische Weise formuliert VE: „dieser funke kann den prozeB unserer selbstbe- stimmung entzunden“ (VE 1972: Z. 45-46) An dieser Stelle fallt auf, dass VE hier hypothe- tisch bleibt, sie demnach die Moglichkeit und das Potential sieht, dieses aber nur durch die Aktivierung, Initiativen und Aktionen von Frauen wirkungsvoll passieren konne. Namlich nur dann, wenn Frauen ihre „spezifischen situationen“ (VE 1972: Z. 47) in kunstlerische Ausdrucksformen ubersetzen und ebendort verhandeln. Die Resultate dieser Auseinanderset- zung, der Beschaftigung einer gesellschaftlichen Situation der Frau in Formen von kunstleri- schem Ausdruck, lassen einen ruckwirkenden Effekt auf tatsachliche gesellschaftliche Ver- haltnisse und Ungleichberechtigungen zu. Mit diesem von VE herausgestellten Potential von Kunst und besonders mit dem breiten Vokabular, das Kunst mitbringt, schreibt VE Kunst ei- ne sehr groBe Macht und Rolle in der Gesellschaft zu. Im Prinzip pladiert sie an „die Frauen“, diese Macht fur die eigenen Zwecke zu mobilisieren - insofern meint eine Selbstbestimmung durch Kunst, diese als Waffe gegen patriarchale Strukturen zu nutzen.

Durch die Umsetzung dieser dargestellten Strategien wird Kunst zu einer feministischen Kunst. Zusammenfassend meint VE also mit Kunst als Medium der Selbstbestimmung dem- nach einerseits die Macht von Kunst als Spiegel gesellschaftlicher Verhaltnisse und gleich- zeitig das Potential, gesellschaftliche Verhaltnisse ebenso durch kunstlerische Bilder (neu) zu pragen. Bezogen auf ihr Verstandnis der Frau hieBe es, dass Frauen, um Selbstbestimmung zu gelangen, Kunst als Mittel nutzen sollen, damit vorherrschende gesellschaftliche Bilder de- konstruiert und abgelost werden. Dafur, ebenfalls mit den Mitteln von Kunst und Medien neue Bilder, mit tatsachlich „weiblichen“ Werten und Sichtbarkeiten „der Frau“, zu produzie- ren. Trotz einer zunachst fakultativen Formulierung, schlieBt VE ihr Manifest - in optimisti- scher Mani er - mit dem Ausblick, dass „DIE ZUKUNFT DER FRAU [...] DIE GE- SCHICHTE DER FRAU SEIN [WIRD]“ (VE 1972: Z. 45). Vielleicht legt sie die hypotheti- sche Formulierung zum Ende hin ab, weil sie zeigen mochte, dass es keine bessere Moglich- keit zur Erreichung von einer „weiblichen“ Selbstbestimmung gibt.

[...]


1 Vgl. im Abbildungsverzeichnis: Abbildung 1: Hier ist das Manifest mit Zeilenangaben zu finden, auf die in Kapitel verwiesen werden.

2 Der Kunstlerinnenname VALIE EXPORT wird in dieser Arbeit abgekurzt durch VE.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die VALIE EXPORT’sche These über eine Selbstbestimmung der Frau(en) durch Kunst. Wie wird sie verhandelt?
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
23
Katalognummer
V1290055
ISBN (Buch)
9783346752888
Sprache
Deutsch
Schlagworte
valie, export’sche, these, selbstbestimmung, frau, kunst
Arbeit zitieren
Frederike Gadeberg (Autor:in), 2019, Die VALIE EXPORT’sche These über eine Selbstbestimmung der Frau(en) durch Kunst. Wie wird sie verhandelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1290055

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