Um die in den Romanen Erich Kästners und Irmgard Keuns vorherrschenden Männer- und Frauenbilder in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vollständig verstehen zu können, bedarf es einer umfassenden Vorbetrachtung. Im Folgenden soll deshalb zuerst der Versuch einer Definition der Epoche ‚Neue Sachlichkeit’ erbracht werden, da deren Begrifflichkeit weitgehend uneindeutig ist. Des Weiteren ist es nötig, den geschichtlichen und politischen Hintergrund der Romane aufzuzeigen, weil beide Werke, insbesondere jedoch Kästners Roman Fabian – Die Geschichte eines Moralisten, weitgehend authentische Abbildungen der Gegebenheiten der Weimarer Republik darstellen. Ein dritter Schwerpunkt der Vorbetrachtung dient der Klärung des kulturellen Hintergrundes der Romane, wobei neben der Darstellung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und des Einflusses aus dem Ausland, vor allem auf die Modernisierung des Geschlechterverhältnisses eingegangen werden wird. Zur Verdeutlichung des Ausmaßes, das die Revolutionierung der Geschlechterrollen auf das Leben der Menschen hatte, sollen Exkurse zum Männer- und Frauenbild vor dem Ersten Weltkrieg mit den Ansätzen des neuen Zeitalters verglichen werden.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Literaturepoche der ‚Neuen Sachlichkeit’ – Versuch einer Definition
1.1. Entstehung des Begriffs ‚Neue Sachlichkeit’
1.2. Probleme der Begriffsabgrenzung, Etablierung und zeitlichen Eingrenzung der Strömung
1.3. Inhalte der Neuen Sachlichkeit
2. Geschichtlicher und politischer Hintergrund
3. Kultureller Hintergrund der Weimarer Republik
3.1. Ein neuer Anfang mit alten Lasten
3.2. Widersprüchliche lebensweltliche Anschauungen in den ‚Goldenen Zwanzigern’
3.3. Das ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ zum Vorbild – die Amerikanismus - Welle schwappt nach Deutschland
3.4. Großstadt versus Provinz
3.5. Das Männer- und Frauenbild in der neusachlichen Kultur
Exkurs: Zum Konzept der Neuen Frau vor dem Ersten Weltkrieg
3.5.1. Traditionelles Bild der Frau versus. neues Bild der Frau
Exkurs: Zum Männerbild vor dem Ersten Weltkrieg
3.5.2. Traditionelles Männerbild vs. Suche nach dem ‚Neuen Mann’
3.6. Zum Verhältnis der literarischen Neuen Sachlichkeit und der allgemeinkulturellen Sachlichkeit
4. Männer- und Frauenbilder in Irmgard Keuns Gilgi - eine von uns und Erich Kästners Fabian – Die Geschichte eines Moralisten
4.1. Frauenbilder in Gilgi – eine von uns
4.1.1. Gilgi als Neue Frau und Girl
4.1.2. Gilgi – Ein Girl wird ‚gesellschaftsfähig’
4.1.3. Die Mütterbilder im Roman – Frau Kron, Frau Täschler, Frau Greif und Gilgi selbst als ‚Neue Mutter’
4.1.4. Das „Marzipanmädchen“ Olga – Neue Frau und Dame
4. 2. Männerbilder in Gilgi – eine von uns
4.2.1. Martin – Bummler, Tagedieb und Habenichts
4.2.2. Das Vaterbild im Roman – Herr Kron
4.2.3. Pit – Sozialist und Egoist
4.3. Männerbilder in Kästners Roman
4.3.1. Der Moralist Fabian
4.3.2. Das Vaterbild im Roman – Herr Fabian und Labudes Vater
4.3.3. Labude – Sozialist und Selbstmörder
4.4. Frauenbilder in Fabian – Die Geschichte eines Moralisten
4.4.1. Cornelia Battenberg - Heilige oder Hure?
4.4.2. Das Mutterbild im Roman – Fabian im Bannkreis der ‚Übermutter’
4.4.3. Frau Moll – Prototyp der ‚leichten Mädchen’
5. Schlussteil
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die veränderten Männer- und Frauenbilder in der neusachlichen Literatur der Weimarer Republik am Beispiel der Romane Gilgi – eine von uns von Irmgard Keun und Fabian – Die Geschichte eines Moralisten von Erich Kästner. Ziel ist es, die Auswirkungen gesellschaftlicher Umbrüche, wie der neuen Rolle der Frau und der wirtschaftlichen Instabilität, auf die Protagonisten und ihr Beziehungsverhältnis zu untersuchen.
- Analyse der Epoche der "Neuen Sachlichkeit" und ihres kulturellen Hintergrunds
- Untersuchung der Typen der "Neuen Frau" (Angestellte, Girl, femme fatale) und des "Neuen Mannes"
- Vergleich der Rollenbilder in Keuns und Kästners Werken
- Reflexion des Generationskonflikts und der Vater-Kind-Beziehungen
- Diskussion über die Authentizität und sozialkritische Dimension der untersuchten Romane
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Gilgi als Neue Frau und Girl
Wenn ich ihn nicht wiedersehe... ach, warum darf man nicht nur Frau sein – nur, nur, nur! Ist denn der Tag wichtiger als die Nacht – warum wird man in Nächte und Tage geteilt. Warum das Gesetz der Nacht im Blut – der ewig verlangende Schoß – in tausend Stücke bin ich geteilt – mein Verstand sagt ja zu Ordnung und Tag und Helle. Und meine Hände sind ratlos und wissen nicht, wohin sie gehören – meine Schenkel, meine Knie warten...nur Hyazinthen brauche ich zu denken, und ein Duft trennt mir die Einheit meiner Lippen...zuckendes, sengendes Licht über weiße Kissen – dein dunkler Kopf – dein Mund – deck nicht die Lider über deine Augen – geliebter Schmerz – du – ich – wir – verfluchte Qual – gewünschte Qual – helfe mir Gott – ich will nicht – aber ich verbrenne in Sehnsucht nach dir... meine Nägel in deinem Fleisch – deine Zähne, die meine Lippen bluten machen – soll die Welt drüber sterben – Menschen, Menschen, Menschen sterben – du, du, du – helfe mir Gott - (G., 260)
Dieser letzte, längere, innere Monolog im Roman Gilgi – eine von uns zeigt die Protagonistin Gilgi in höchster Aufruhr und Verwirrung. Sie kann buchstäblich nicht mehr ‚klar denken’, eher Gedankensplitter als zu Ende Gedachtes reihen sich im Bewusstseinsstrom aneinander. Als letzte Instanz bittet Gilgi, die sich hier schon als Frau, nicht mehr als Mädchen bezeichnet, Gott um Hilfeweil sie selbst nicht mehr in der Lage ist, zu beurteilen, ob die Trennung von Martin oder eine Rückkehr zu ihm die richtige Entscheidung für sie und ihr ungeborenes Kind ist.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in die Epoche der Neuen Sachlichkeit und die Thematik der veränderten Geschlechterrollen in der Weimarer Republik ein.
1. Die Literaturepoche der ‚Neuen Sachlichkeit’ – Versuch einer Definition: Dieses Kapitel erörtert die Entstehung, Abgrenzung und inhaltliche Ausrichtung der literarischen Strömung.
2. Geschichtlicher und politischer Hintergrund: Hier wird der historische Kontext der Weimarer Ära dargelegt, insbesondere die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftslage.
3. Kultureller Hintergrund der Weimarer Republik: Das Kapitel beleuchtet den kulturellen Wandel, den Einfluss des Amerikanismus sowie das Spannungsfeld zwischen Großstadt und Provinz.
4. Männer- und Frauenbilder in Irmgard Keuns Gilgi - eine von uns und Erich Kästners Fabian – Die Geschichte eines Moralisten: Der Hauptteil analysiert detailliert die Protagonisten sowie zentrale Nebenfiguren hinsichtlich ihrer Typisierung als Neue Frau oder Mann und ihrer Entwicklung.
5. Schlussteil: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und beantwortet die leitenden Forschungsfragen zur Authentizität und Wirkung der Romane.
Schlüsselwörter
Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Frauenbild, Männerbild, Neue Frau, Fabian, Gilgi, Geschlechterrollen, Moderne, Großstadtleben, Amerikanismus, Generationenkonflikt, Sozialkritik, Irmgard Keun, Erich Kästner
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit untersucht die Darstellung von Männer- und Frauenbildern in zwei bedeutenden Romanen der Neuen Sachlichkeit, Gilgi – eine von uns und Fabian – Die Geschichte eines Moralisten, vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche in der Weimarer Republik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Rolle der "Neuen Frau" und des "Neuen Mannes", der Einfluss des amerikanischen Lebensstils, der Generationskonflikt zwischen Vorkriegs- und Nachkriegsgeneration sowie die soziale Problematik der Angestelltenkultur.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu ergründen, ob die fiktionalen Charaktere die zeittypischen Frauen- und Männerporträts bestätigen oder ob sie in traditionellen Mustern verharren, und wie die Autoren die Authentizität dieser Zeit darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text mit historischen, politischen und soziologischen Hintergründen der Weimarer Zeit verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfassende Vorbetrachtung des kulturellen Kontexts der Weimarer Republik und eine tiefgehende Analyse der Romanfiguren in Keuns und Kästners Werken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Analyse wird durch Begriffe wie "Neue Sachlichkeit", "Neue Frau", "Sozialkritik", "Generationenkonflikt" und die explizite Auseinandersetzung mit dem "Angestelltenmilieu" definiert.
Wie entwickelt sich die Figur der Gilgi im Roman?
Gilgi wandelt sich vom egoistischen "Girl", das sein Leben "fest in der Hand" halten will, zu einer sozial verantwortungsvollen Frau, die ihre Identität durch die Entscheidung zur Mutterschaft unabhängig von gesellschaftlichen Normen definiert.
Warum wird der Protagonist Fabian als "statische Figur" bezeichnet?
Fabian bleibt ein Beobachter, der trotz seines moralischen Anspruchs nicht aus seiner Handlungsunfähigkeit ausbrechen kann und dessen letzte Tat, der Versuch ein Kind zu retten, eher als Ersatzhandlung für das eigene Scheitern interpretiert wird.
- Quote paper
- Maria Osburg (Author), 2006, Frauen- und Männerbilder in der Literatur der Neuen Sachlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129032