Schrift und Schriftkultur in Japan

Versuch einer historischen, linguistischen und sozio-kulturellen Analyse


Hausarbeit, 2009

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung: Allgemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik

B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung
B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des Verschriftungsprozesses
B. I. 2 Entwicklung der Silbenschriften Katakana und Hiragana
B. I. 3 Einführung der lateinischen Schrift
B. I. 4 Moderne westliche Einflüsse auf die Schriftentwicklung
B. II Linguistische Analyse der verschiedenen Schriftsysteme
B. II. 1 Kanji als Bedeutungsträger: logographische Schrift
B. II. 2 Kana: phonographische Silbenschrift
B. II. 3 Lateinische Buchstaben und Zahlen
B. III Sozio-kulturelle Aspekte hinsichtlich der japanischen Sprache und Schrift
B. III. 1 Die Bedeutung der japanischen Sprache und Schrift für die Japaner
B. III. 2 Reformwillen und -unwillen als Spiegel des National-bewusstseins
B. III. 3 Der Gebrauch von fremdsprachlichen Ausdrücken und ihre Wirkung

C Zusammenfassung und Ausblick

D Glossar

E Anhang: Bilder

F Literatur- und Quellenverzeichnis

A Einleitung: Allgemeines zur japanischen Schrift und ihrer Problematik

„Wie vielleicht keine andere Sprache ist das Japanische in seiner Geschichte durch Einflüsse der Schrift bestimmt worden.“[1] schreibt Florian Coulmas über die japanische Schrift.

Die japanische Schrift ist trotz aller Reformen und Reformversuche eine der, wenn nicht die komplexeste noch gebräuchliche Schrift, nicht zuletzt weil sie sich vier verschiedener Schriftsysteme bedient, einer logographischen Schrift, die zudem noch kontextabhängig ver-schiedene Lesarten beinhaltet, zweier Silbenschriften und einer Alphabetenschrift[2]. Japanische Schüler und Studenten verwenden im Vergleich zum Westen mehr Zeit auf das Lernen und Studieren allein aufgrund der Schwierigkeit, die das Erlernen einer solchen Schrift und insbesondere der für jeden Fachbereich spezifischen Kanji* mit sich bringt. Ferner ist das heute übliche Schreiben am Computer ungleich zeitraubender für einen Japaner, da dieser jedes Wort zuerst in Kana*-Schreibweise eingeben muss, um dann aus einer oftmals bis zu zehn Elemente langen Liste das bzw. die richtige(n) Kanji* auszuwählen.

All dies wirft natürlich – insbesondere von einem europäischen Standpunkt aus gesehen – die Frage auf, warum sich ein solches Schriftsystem bis heute gehalten hat und warum Versuche, die japanische Schrift auf ein einziges Schriftsystem zu reduzieren, sei es z.B. auf ein originär japanisches, wie dies vergleichsweise in Korea mit Einführung der Hangul-Schrift geschehen ist, oder alternativ durch Übernahme des lateinischen Alphabets wie etwa in Vietnam geschehen, kaum Chancen auf Erfolg hatten und haben. Die Gründe hierfür werden wir im nachfolgenden anhand dreier Aspekte betrachten: erstens, anhand einer historischen Einführung zur Entstehung und Entwicklung aller vier Schriftsysteme, wobei wir auch stellenweise Vergleiche zu Verschriftungs- und Verschriftlichungsprozessen in anderen Ländern ziehen werden; zweitens, anhand einer Analyse der einzelnen Schriftsysteme und ihres jeweiligen Stellenwerts in einem japanischen Text, wobei wir wiederum Vergleiche mit anderen Sprachen und Schriften anstellen werden; sowie drittens, anhand einer sozio-kulturellen Analyse der Bedeutung der japanischen Sprache und Schrift für die Japaner und deren Auswirkungen auf etwaige Reformierungsüberlegungen.

Abschließend werden wir dann auf dieser Basis versuchen, die eingangs gestellte Frage, warum sich eine derart komplexe Schrift etabliert und bis heute gehalten hat, beantworten.

B. I Geschichtlicher Überblick über die Schriftentwicklung

Um eine Schrift, ihre Funktion und Bedeutung in ihrer heutigen Form verstehen und beurteilen zu können, muss zuallererst ihre historische Genese betrachtet werden. Dies ist insbesondere bei einer Schrift wie der japanischen der Fall, deren Entwicklung so stark mit der japanischen Kultur und nationalen Identität verbunden ist. Daher werde ich in diesem ersten Kapitel die Entstehung und Entwicklung aller vier Schriftsysteme vorstellen.

B. I. 1 Übernahme der chinesischen Schriftzeichen als Beginn des Verschriftungsprozesses

Es kann nicht mit absoluter Sicherheit gesagt werden, wann zum ersten Mal Schrift in Japan verwendet worden ist. Die ältesten beschrifteten Artefakte, die in Japan gefunden wurden, sind chinesische Münzen, die zwischen 8 und 25 n.Chr. geprägt worden sind.[3] Ebenfalls gibt es Hinweise auf Schriftelemente in Form von Inschriften auf Schwertern oder Spiegeln, die vor dem 4. Jh. aus China oder Korea eingeführt worden sind.[4] Gewiss ist jedoch, dass die Japaner keine eigene Schrift hatten, bevor diese aus China – wahrscheinlich über Korea – importiert worden ist; dabei wurden wohl Kopien der Konfuzianischen Klassiker von koreanischen Reisenden im 4./5.[5] Jh. nach Japan gebracht.[6] Offiziellen Aufzeichnungen zufolge wurden aber erstmals im Jahr 531 dem japanischen Kaiser Kinmei vom König von Paekche (Teil des heutigen Korea) buddhistische Schriften und Bilder präsentiert. Von da an strömte immer mehr Literatur nach Japan und der Buddhismus verbreitete sich in weiten Teilen des Landes. Die aus China importierten buddhistischen und konfuzianischen Schriften wurden vervielfältigt und damit wurde auch die damals führende chinesische Kultur und Schrift adaptiert.[7] In diesem lange währenden Prozess wurden dieselben Hanzi* teilweise nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals zu verschiedenen Zeitpunkten zwischen dem 5. und 14. Jh. nach Japan importiert.[8] Im 5. und 6. Jh. wurden chinesische Bücher sowie chinesische Übersetzungen von Sanskrit-Arbeiten zum Buddhismus nach Japan gebracht und dort studiert.[9] Im 7. Jh. finden sich erstmals von Japanern verfasste Schriftzeugnisse, geschrieben in Kabun, einem chinesischen Schreibstil nach dem Vorbild des klassischen Chinesisch.[10] Ursprünglich war nur der Adel an der Schrift interessiert; die eigentliche Verbreitung der Schrift unter der Bevölkerung begann um das Jahr 600, nachdem der japanische Kronprinz Shotoku-taishi den Buddhismus zur Staatsreligion erklärt hatte. Da das buddhistische Gedankengut jedoch in Hanzi* geschrieben war und so nur einer Minderheit zugänglich war, mussten diese Hanzi* auf sinngleiche Wörter der eigenen Sprache übertragen werden. Dieser systematische Prozess der Umwandlung der Hanzi* in Kanji* wurde etwa um das 8. Jh. abgeschlossen.[11]

Hierbei sollte erwähnt werden, dass die chinesische Schrift damals „einer der Kristallisationspunkte asiatischer Kultur“[12] war und diese daher aufgrund der kulturellen und ökonomischen Vorherrschaft Chinas von mehreren ost- und südostasiatischen Ländern übernommen wurde, wo sie auf keine bestehende Schrifttradition stieß.[13]

Es zeigte sich jedoch bald nach der Einführung der Hanzi*, dass diese für die Niederschrift der japanischen Sprache eher ungeeignet waren, da das Japanische (ebenso wie das Koreanische und das Vietnamesische, die ebenfalls die chinesische Schrift übernommen hatten) im Gegensatz zum Chinesischen eine agglutinierende Sprache ist, wodurch es zu grammatischen Problemen bei der Adaption kam.[14] Darüberhinaus war[15] das Chinesische eine monosyllabische, das Japanische jedoch eine polysyllabische Sprache, was eine solche Übernahme ebenfalls erschwerte.[16] Aus diesen Gründen wurden die Hanzi* wohl auch anfangs in Japan nur dazu verwendet, um Chinesisch zu schreiben.[17] Erst im frühen Mittelalter wurden zusätzliche Silbenschriften entwickelt, um die chinesische Schrift auch für japanische Texte besser verwendbar zu machen.[18] (s. hierzu Kapitel B.I.2)

Bei der Übertragung der chinesischen Schriftzeichen in das Japanische wurden zwei verschiedene Adaptionsstrategien verwendet:

Bei der lautorientierten Adaptionsstrategie, heute sino-japanische oder On-Lesart* genannt, wurde ein Schriftzeichen allein aufgrund seines Lautes übernommen und dieser Laut der japanischen Phonetik angepasst.[19] Diese Art der Adaption war insbesondere nötig, um japanische Namen schreiben zu können, und war bereits in China zu diesem Zwecke weit verbreitet.[20] Ursprünglich wurde diese Lesart auch zur Schreibung von Verbendungen und dergleichen verwendet, für die es kein chinesisches Pendant gab, jedoch führte dies zu einem weiteren Problem, nämlich dem der phonetischen Polyvalenz, da für denselben Laut mehrere Schriftzeichen übernommen wurden, viele sogar mehrmals während verschiedener Epochen, da sich die chinesische Phonologie im Laufe der Jahrhunderte veränderte.[21]

Die zweite Adaptionsstrategie war eine bedeutungsbezogene, heute auch originär-japanische oder Kun-Lesart* genannt. Dabei wurde ein Schriftzeichen für die Schreibung eines bedeutungsgleichen japanischen Wortes übernommen und mit der entsprechenden japanischen Aussprache versehen.[22] Dies führte dazu, dass ein einzelnes Kanji*, dass im Chinesischen grundsätzlich nur mit einer Silbe ausgesprochen wird, im Japanischen meistens mehrsilbig ausgesprochen wird.

Ferner wurden die zahlreichen[23] chinesischen Lehnwörter mit ihren entsprechenden Hanzi* geschrieben.[24] Da die phonetischen Töne des Chinesischen bei der Entlehnung ignoriert worden waren, wurde das Japanische zu einer Sprache voller Homonyme, weitaus mehr als im Chinesischen selber, wo dies bereits ein Problem darstellt.[25] Nur in der Schrift können solche Ambiguitäten behoben werden.[26]

Die Tatsache, dass Kanji* auf diese Weise auf zwei Arten gelesen werden können, bedeutet, dass zwischen der sino-japanischen und originär-japanischen Lesart der Wörter formal kein Zusammenhang in der gesprochenen Sprache besteht, nur in der Schriftsprache sind sie graphologisch miteinander verbunden. Und da diese Verbindung wiederum eng mit der Bedeutung eines Kanji* verbunden ist, ist diese Verbindung üblicherweise auch eine semantische. Daher sind Kanji* oftmals semantisch transparent, d.h. ihre Bedeutung kann unabhängig von Zusammensetzung und Aussprache erschlossen werden.[27] Aus diesem Grund ist es Japanern auch ohne weiteres möglich, 70-80% eines durchschnittlichen chinesischen Textes zu verstehen, ohne jemals ein Wort Chinesisch gelernt zu haben.

Die Ursachen für eine Schriftentwicklung oder –adaption und vor allem deren Verwendung und Verbreitung sind in aller Regel religiös begründet.[28] So auch in Japan: die chinesische Schrift ist eng mit dem Buddhismus verbunden. Als der Buddhismus 594 zur Staatsreligion erklärt wurde, womit er den Shintoismus als weit-verbreiteste Religion verdrängte, wuchs sowohl der kulturelle Einfluss Chinas als auch die Verbreitung der chinesischen Schrift, in der die buddhistischen Texte niedergeschrieben waren. Mit der Verbreitung des Buddhismus und seiner religiösen Durchdringung aller Gesellschaftsschichten waren die Voraussetzungen für eine Verschriftlichung gegeben.[29]

B. I. 2 Entwicklung der Silbenschriften Katakana und Hiragana

Die Kana*-Silbenschriften Katakana* und Hiragana* wurden im 9. Jahrhundert entwickelt; ein Text aus dem Jahr 828 ist das älteste gefundene Exemplar eines chinesischen buddhistischen Textes mit Okototen* als Lesehilfe. Da die Okototen* unter die Kun-Lesart* fallen, lässt dies stark vermuten, dass es sich dabei um eine erste Form der Übersetzung handelt.[30]

Die Okototen* und die Katakana* wurden gemeinsam entwickelt: japanische Priester benutzten in der frühen Heian-Zeit[31] Man’yôgana* zusammen mit Okototen*, um Partikel, Flexionsendungen und Kun-Lesarten* zu schreiben. Im 9. Jh. vereinfachten sie die komplexen Man’yôgana* zu Katakana*, welche allesamt mit Ausnahme des ン(-n) aus den Man’yôgana* entstanden sind.[32]

Gegen Ende der Heian-Zeit wurden Katakana* zusammen mit Kanji* frei benutzt, um japanische Sätze zu schreiben.[33] Das heißt, die Katakana* waren ursprünglich eine Hilfsschrift[34], die dazu verwendet wurde, um die chinesischen buddhistischen Texte richtig auszusprechen.[35] Dabei wurden abgekürzte bzw. graphisch vereinfachte Zeichen in verkleinerter Form neben die Kanji* geschrieben, um deren Aussprache anzuzeigen.[36] Diese sog. Furigana* sind auch heute noch in bestimmten Situationen gebräuchlich.[37]

Da damals nur Männer Chinesisch gelernt und geschrieben haben, während die Frauen vom Studium der Hanzi* ausgeschlossen waren, entwickelten letztere einen eigenen Schreibstil, der entsprechend on’nade (女 on‘na Frau) genannt wurde[38]: bei diesen handelt es sich um die Hiragana*, die in der Heian-Zeit aus vereinfachten Sôgana (d.s. Man’yôgana* in Kursivstil) entstanden sind. Die ersten Hiragana* wurden wahrscheinlich in Gedichten, privaten Briefen und Notizen verwendet, von denen jedoch heute keine mehr erhalten sind.[39]

[...]


[1] Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 78

[2] Klassischerweise spricht man von drei Schriftsystemen unter Ausschluss des Alphabets; diese Ansicht ist jedoch m.E. überholt. Manchmal wird auch die Romaji*-Schrift als viertes Schriftsystem benannt, dies ist jedoch ebenfalls nicht richtig (s. hierzu Kapitel B.II.3, B.III.3 und D Glossar: Romaji).

[3] Seeley 1991, S. 9

[4] Habein 1984, S. 7f

[5] Anderen Quellen zufolge geschah dies bereits im 3. Jh. (vgl. Lewald 1997, S. 33f)

[6] Hosking 1966, S. 45f, u.a.

[7] ebd.

[8] Graap 1993, S. 67

[9] Habein 1984, S. 8

[10] ebd.

[11] Lewald 1997, S. 33f

[12] Zitiert nach: Coulmas 1982, S. 62

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] Erst in der Neuzeit, als neue Begriffe, insbesondere aus dem Westen, in die chinesische Sprache einflossen, entstanden auch zwei- und, seltener, drei- oder mehrsilbige Wörter, die im Wesentlichen Zusammensetzungen einsilbiger Hanzi* sind.

[16] Stalph 1985, S. 8

[17] Seeley 1984a, S. 214

[18] Haarmann 1991, S. 395

[19] Stalph 1985, S. 8f

[20] Seeley 1984a, S. 215

[21] Coulmas 1982, S. 63ff

[22] ebd., Stalph 1985, S. 8f

[23] Etwa die Hälfte des heutigen japanischen Vokabulars ist chinesischen Ursprungs. (Coulmas 1982, S. 78)

[24] Coulmas 1982, S. 65

[25] So ist es in China z.B. nicht unüblich, dass, wenn bei einer Unterhaltung Verständnisschwierigkeiten auftreten, der Sprecher das Hanzi* des Wortes mit der intendierten Bedeutung mit dem Finger auf seine Handfläche zeichnet.

[26] ebd., S. 68f

[27] Backhouse 1984, S. 223

[28] Haarmann 1991, S. 113

[29] Wendt 2004, S. 46f

[30] Habein 1984, S. 22

[31] 794-1192 n.Chr.

[32] ebd., S. 23

[33] ebd.

[34] Wobei es zu diesem Zeitpunkt auch schon reine Katakana-Texte gab (vgl. Kodansha 1983, S. 131f).

[35] Kodansha 1983, S. 131 ff

[36] Coulmas 1982, S. 66f

[37] s. hierzu: Teil D Glossar: Furigana

[38] Habein 1984, S. 21

[39] ebd., S. 25

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Schrift und Schriftkultur in Japan
Untertitel
Versuch einer historischen, linguistischen und sozio-kulturellen Analyse
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Fakultät für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Geschichte der Schriftkultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V129038
ISBN (eBook)
9783640353989
ISBN (Buch)
9783640353613
Dateigröße
796 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schrift, Schriftkultur, Japan, Versuch, Analyse
Arbeit zitieren
Esther Fischer (Autor), 2009, Schrift und Schriftkultur in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129038

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