Darstellung und Diskussion zu George Herbert Meads 'Die Entstehung des Selbst'


Seminararbeit, 2007

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Symbolische Interaktion
2.1 Symbolische Interaktion als Basis des kooperativen Handelns
2.2 Probleme der Symbolischen Interaktion
2.3 Unterschied zu Behaviorismus und Psychoanalyse

3 Drei Stadien der kindlichen Identitätsbildung
3.1 Nachahmendes Spiel (Play)
3.2 Wettkampf (Game)
3.3 Der verallgemeinerte Andere (generalized other)

4 “I” versus “ME”
4.1 Funktion des “I” (“Ich”)
4.2 Funktion des “ME” (“ICH”)
4.3 Entstehung von Identität (SELF) - Funktion des Individuums in der Gesellschaft
4.4 Problem der Entstehung von Gesellschaft bei Mead

5 Vergleich von Mead und Parsons

6 Schlussfolgerung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der amerikanische Soziologe George Herbert Mead (1863-1931) hat eine Theorie entwickelt, um die Entstehung von Identität, der Entwicklung von Sozialisation und des Menschlichen Zusammenspiels, zu erklären. Diese Handlungstheorie basiert auf Kommunikations- und Interaktionsprozessen in Form von Gesten und Sprache. Er gilt aufgrund dessen als Begründer und wichtigster Vertreter des „Symbolischen Interaktionismus“. Die meisten schriftlichen Zeugnisse, die Mead hinterlassen hat und die unter seinem Namen veröffentlicht wurden, beruhen auf Vorlesungsmitschriften seiner Studenten. Wie auch sein Hauptwerk „Mind, Self, and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist” von 1934, dessen Auszüge Fanzjörg Baumgart in seinem Studienbuch „Theorien der Sozialisation“ mit „Die Entstehung des Selbst“ betitelte.[1] Die Textauszüge und sein Einführungstext zu Mead sollen nun Ausgangspunkt der folgenden Darstellung und Diskussion zur Entstehung des „Selbst“ bilden.

2 Symbolische Interaktion

Heinz Abels definiert die Theorie des „Symbolischen Interaktionismus“ wie folgt: „Persönlichkeit und soziales Handeln sind durch Symbole geprägt, die im Prozess der Sozialisation erworben werden und im Prozess der Interaktion von den Handelnden wechselseitig bestätigt oder verändert werden“[2]. Die zugrundeliegende Fragestellung hierbei ist, wie Menschen ihre Handlungen aufeinander abstimmen können bzw. sich kooperatives Handeln zwischen den Individuen erklärt. Die „Symbolische Interaktion“ basiert für Mead auf einem Austausch von signifikanten Symbolen, wie zum Beispiel Gesten und Sprache, um zwischenmenschliche Kommunikation möglich zu machen. Nach Mead „verweisen (wir) auf den Sinn einer Sprache, wenn wir ein Symbol verwenden (...) es handelt sich bei ihnen (sc. Symbole) um Teile der Erfahrung, die andere Teile der Erfahrung aufzeigen oder repräsentieren, die gegenwärtig oder in der gegebenen Situation nicht direkt vorhanden, aber alle in der Situation präsent sind.“[3] Wenn wir jedoch von einem signifikanten Symbol sprechen, meinen wir eine spezielle Definition des Symbolbegriffs und die Basis einer funktionierenden Kommunikation nach Mead.

2.1 Symbolische Interaktion als Basis des kooperativen Handelns

Mead unterscheidet gleich zu Anfang qualitativ zwischen Geste und Sprache, indem er die Kommunikation des Menschen mit der des Tieres vergleicht, da die sprachliche Interaktion beide unterscheidet. In einem Wolfsrudel zum Beispiel reagiert ein Wolf auf ein das drohende Knurren eines ranghöheren Tieres unbewusst und instinktiv auf einen Reiz, es läuft also ein Reiz-Reaktions-Schema ab ohne, dass sich die Beteiligten der Bedeutung der Gesten bewusst sind. Bei der menschlichen Kommunikation jedoch sind sich Sprecher und Hörer in der Regel der Bedeutung des Gesagten bewusst. Aus diesem Grunde kommt es zu einem Verständnis untereinander, da die Worte für sie eine gemeinsame Bedeutung haben. Durch diese Bedeutung nämlich werden bloße vokale Laute, also akustische Reize, zu einem signifikanten Symbol. So kann zum Beispiel das Wort „Feuer“ gebildet werden, das für beide Parteien (Sprecher und Hörer) die gleiche Bedeutung hat und bei beiden die gleichen oder ähnliche Reaktionen auslöst.[4]

Der Nachteil der Geste gegenüber der Sprache bei diesem Kommunikationsprozess ist der, dass der Akteur eine Geste, wie zum Beispiel einen Gesichtsausdruck, nicht selbst wahrnehmen kann, sondern nur mittels der Reaktionen der anderen. Diese wirkt also nicht in gleicher Weise auf ihn wie auf den Adressaten. Gesten bewirken demnach auch nur instinktive Reaktionen. Sprache hingegen wirkt auf Sprecher und Hörer gleich, da auch der Sprecher seine Worte hören kann und es dadurch ermöglicht wird, dass diese im Sprecher nahezu die gleiche Reaktion wie im Hörer auslösen.[5] Mead nennt hier das Beispiel des Dozenten, der einen Stuhl benötigt und einen seiner Studenten bittet, einen Stuhl zu besorgen. Die Bitte, die der Dozent an den Studenten richtet, gibt er, laut Mead, auch gleichzeitig an sich selbst. Daraus ergibt sich die These, dass wir zur Koordination unserer Handlungen mit anderen gezwungen sind, uns vorzustellen, welche Reaktion mit unserer Handlung bei dem anderen ausgelöst wird.[6] Dass es sich hierbei jedoch nur um eine Tendenz handelt, dass in einem selbst die gleiche Reaktion ausgelöst wird wie im Zuhörer, stellt Mead mit folgendem Beispiel deutlich fest, denn „der Löwe wird sich kaum merkbar durch sein eigenes Gebrüll schrecken lassen“[7].

Mead formuliert das erforderliche Verhalten zur erfolgreichen Interaktion und die Bedingung zur eigenen Identität wie folgt: „Wir müssen andere sein, um wir selbst sein zu können“[8]. Die Methode des „Sich – hinein - Versetzens“[9] in die Haltung des anderen ist nicht nur die Basis von funktionierender Interaktion sondern auch vielmehr Voraussetzung für die Entstehung des Selbst. Denn ohne dass ein Individuum die Perspektiven der anderen übernimmt und sich selbst als Objekt sieht, kann es keine unverwechselbare Identität entwickeln. Diese resultiert nämlich auch daraus, dass diese Übernahme gleichzeitig das Individuum über das Verhalten und die Einstellung anderer ihm gegenüber aufklärt. Durch die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, kann das Individuum Handlungen bis zu einem gewissen Maß im Voraus planen und dementsprechend auf die Reaktionen des anderen reagieren.[10]

Der entscheidende Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier bei einer Kommunikation durch Übernahme der Perspektive des anderen ist, dass der Mensch durch sein Denken fähig ist seine Reaktionen zu verzögern. Er kann auf diese Weise mögliche Konsequenzen seines Handelns abwägen und sich für eine Reaktion entscheiden.[11] Der Mensch ist so in der Lage, diese Erwägungen in der Form einer Idee zu verarbeiten, denn „Ideen sind im Unterschied zu Handlungen einfach das, was kein sichtbares Verhalten nach sich zieht; sie sind Möglichkeiten sichtbarer Reaktionen, die wir implizit im Zentralnervensystem prüfen und dann zugunsten jener zurückstellen, die wir tatsächlich ablaufen lassen“[12]. Mögliche falsche Deutungen und somit eine missverständliche Entscheidung des Handelns verhindern laut Mead die schon erwähnten signifikanten Symbole, die beim Adressaten die gleiche Reaktion auslösen wie beim Sender selbst. Diese signifikanten Symbole garantieren also auch in diesem Fall trotz unterschiedlicher Interpretationen der Parteien eine funktionierende Kommunikation.[13] Ein signifikantes Symbol ist hiernach „ein Symbol, das einer Bedeutung in der Erfahrung des ersten Menschen entspricht und diese Bedeutung auch im zweiten Menschen. An dem Punkt, an dem die Geste diesen Zustand erreicht, wird sie zu dem, was wir Sprache nennen.“[14]

Der Mensch lernt jedoch erst die Haltung eines anderen zu übernehmen, sich in dessen Rolle zu versetzen und mit seinem eigenen Handeln darauf zu reagieren, wenn er einen „langwierigen Sozialisationsprozess“[15] durchlaufen hat. Denn ein Säugling kann zuerst nur auf Gesten und Gebärden reagieren, die von seiner Bezugsperson, zum Beispiel der Mutter, gesendet werden. Erst wenn es eine Sprache erlernt, wird der eben beschriebene Interaktionsprozess in Gang gesetzt.[16] Mead unterscheidet bei dieser Entwicklung zwischen drei unterschiedlichen Stadien der Rollenübernahme, die im nächsten Hauptpunkt näher erläutert werden sollen. Zunächst werde ich jedoch noch auf ein gravierendes Problem in dieser „Symbolischen Interaktion“ eingehen und seine Theorie mit den zu seiner Zeit vorherrschenden Thesen zu Behaviorismus und Psychoanalyse vergleichen.

[...]


[1] Vgl. Baumgart, S.119/120.

[2] Abels, S.17.

[3] Mead, GIG, 19804, S.162.

[4] Vgl. Baumgart, S.120.

[5] Vgl. Scheffler, S.160.

[6] Vgl. Baumgart, S.121.

[7] Mead, GIG, 19804, S.103.

[8] Mead, GIG, 1973, S.327.

[9] Baumgart, S.121.

[10] Vgl. Abels, S.21/22.

[11] Vgl. Abels, S.19.

[12] Mead, GIG, 19804, S.139.

[13] Vgl. Abels, S.19.

[14] Mead, GIG, 19804, S.85.

[15] Baumgart, S.121.

[16] Vgl. Baumgart, S.121.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Darstellung und Diskussion zu George Herbert Meads 'Die Entstehung des Selbst'
Hochschule
Universität Trier  (Bildungswissenschaften - EWL)
Veranstaltung
Theorien der Sozialisation für Lehramtstudierende
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V129061
ISBN (eBook)
9783640354047
ISBN (Buch)
9783640353675
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Diskussion, George, Herbert, Meads, Entstehung, Selbst
Arbeit zitieren
Anne-Mareike Franz (Autor), 2007, Darstellung und Diskussion zu George Herbert Meads 'Die Entstehung des Selbst', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129061

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Darstellung und Diskussion zu George Herbert Meads 'Die Entstehung des Selbst'



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden