Aurea Saecula. Das Goldene Zeitalter in Latium als literarisches Motiv


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ursprung des Weltaltermythos
1. Vier Auffassungen über die Bewertung der Menschheitsgeschichte
2. Hesiod als Begründer des Weltaltermythos

III. Die römische Tradition des goldenen Zeitalters in Latium als literarisches Motiv
1. Die spätrepublikanische Zeit: Lukrez
2. Die Augusteische Zeit
2.1 Vergil
2.2 Horaz
2.3 Tibull
2.4 Ovid

IV. Intentionen zur Verwendung des Goldaltermythos und historischer Allegorien

V. Schlussfolgerung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Aurea quae perhibent illo sub rege fuere
saecula: sic placida populos in pace regebat,
deterior donec paulatim ac decolor aetas
et belli rabies et amor successit habendi.

(Vergil, Aeneis, 8, 324-327)

Mit diesen Worten lässt P. Vergilius Maro (70-19 v.Chr.)[1] Latiums König Euander im achten Buch seines Heldenepos Aeneis ein Phänomen benennen, das als prägend für seine Zeit gesehen werden kann und demnach theoretisch auch in anderen Werken anderer Autoren gefunden werden könnte. Die Behandlung des goldenen Zeitalters und dessen Nachfolger bzw. Vorgänger sind sowohl bei Vergil, als auch bei Lukrez, Ovid, Horaz und Tibull, ein gängiges Motiv, denn „ ‚Goldene Zeit’ und ‚Verfall’ sind ewige Themen des Menschen und besonders in der Dichtung“[2]. Jedoch ist eine Deutung des zugrundeliegenden Weltaltermythos, welcher seinen Ursprung in den Werken des Griechen Hesiod fand, bei jedem dieser Autoren nicht eindeutig und bedarf einer individuellen Erörterung sowohl in soziokultureller als auch in intentionaler Hinsicht. Dies bedeutet, insbesondere die Aussagen über das Goldene Zeitalter vor dem Hintergrund der Herrschaft des Augustus zu bewerten.

Vor allem die Relevanz einer Behauptung steht bei dieser Untersuchung im Mittelpunkt: „Das Bewusstsein, in einer Zeit der Erfüllung historischer Erwartungen zu leben, gestattet es Vergil, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft produktiv zusammenzuschauen und Mythos und Geschichte miteinander zu versöhnen“[3]. Ausgehend von der bereits erwähnten Stelle des achten Buches der Aeneis Vergils wird im Folgenden das goldene Zeitalter in Latium als literarisches Motiv im Verhältnis zu anderen Darstellungen des Themas untersucht werden. Aufgrund der Vielfalt der Zeugnisse wird die Behandlung der Thematik auf ausgewählte Dichter der spätrepublikanischen bzw. augusteischen Epoche, ihres Zeichens Blütezeit der Kulturentstehungstheorien, eingegrenzt. Die Darstellungen des goldenen Zeitalters werden stets im Vergleich mit den vorrangegangenen und folgenden Epochen gedeutet, da auf diese Weise die Besonderheiten und Einschätzungen zur goldenen Epoche besonders zur Geltung kommen. Aufgrund der oft komplexen Interpretation und noch andauernden Diskussion, werden die Autoren in chronologischer Reihe genannt und nicht schon vorab in Kategorien eingeteilt.

II. Ursprung des Weltaltermythos

1. Vier Auffassungen über die Bewertung der Menschheitsgeschichte

Zunächst ist zu konstatieren, dass bei der Behandlung des Weltaltermythos unweigerlich auch Theorien und Deutungen über die Kulturentstehungslehre der Menschheit getroffen werden. Besonders Deutungen der goldenen Zeit sind in der antiken Literatur nicht deckungsgleich. Kubusch spricht sogar von einem Deutungswandel, den er durch Hesiod und Vergil besonders anschaulich repräsentiert sieht: So preist Hesiod die erste Phase der Menschheitsgeschichte, Vergil seine eigene Zeit als goldene Zeit.[4] Jedoch ist nicht nur die genaue chronologische Festlegung des goldenen Zeitalters verschieden, sondern auch dessen Vor- und Nachgeschichte.

Die diesem Bedeutungswandel zugrundeliegenden Theorien teilt Goerdt in vier Kategorien ein: Die Aszendenztheorie, die Ambivalenz-Wahrnehmung, die Deszendenztheorie und das zyklische Denken. Die Aszendenztheorie ist eng mit einem Fortschrittsdenken verbunden, dass von einer stetigen Verbesserung der Menschheitsgeschichte ausgeht. Die Ambivalenz-Wahrnehmung wiederum lobt einen technischen Fortschritt auf der einen Seite, kritisiert aber auch den einhergehenden moralischen Verfall auf der anderen Seite. Im starken Kontrast zur Aszendenztheorie, beurteilt die Deszendenztheorie die Menschheitsgeschichte als Niedergang aus einem vormals paradiesischem Zustand. Das zyklische Denken wiederum beinhaltet alle drei vorigen Theorien indem es davon ausgeht, dass die menschliche Kultur einem stetigen auf und ab unterworfen ist, als Teil einer Natur, in der auch die Jahreszeiten konstant wechseln.[5]

Die Existenz dieser Theorien und deren literarische Thematisierung wurde schon für antike Zeiten festgestellt.[6] Die Kenntnis dieser unterschiedlichen Kulturtheorien wird im späteren Verlauf noch von Bedeutung sein, um diese, wenn möglich, den ausgewählten Autoren zuzuordnen. Jedoch ist für alle Darstellungen der Weltalter folgendes festzustellen:

It seems impossible that one should be able to distinguish accurately between what is genuine or ‘primitive’ myth and myths which are ‘secondary’, that is, ‘the products of antiquarian industry, literary activity, a desire for impressive antecedents, a good nose for suggestive analogies and for what might pass for a credibly antique story, a talent for creating a seductive but illusory pattern of hoarily ancient authenticity, and, lastly, wide reading’.[7]

Demzufolge ging es auch den folgenden Autoren nicht vordergründig um eine höchstmögliche Authentizität und detaillierte Geschichtsschreibung, sondern vielmehr um die Darstellung eines Kulturellen Gedächtnisses und die eigene poetische Entfaltung. Deshalb liegt die Annahme auch nicht fern, dass aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Befunde, unbekannten Phänomenen, wie eben der Entstehung der Kultur und des Menschen im Allgemeinen, eine göttliche Erklärung zugeschrieben wurde.[8] Diese These erklärt zumindest die „Entstehung der mythologisch-idealistischen Ansichten“[9] vieler Autoren.

2. Hesiod als Begründer des Weltaltermythos

Der Grieche Hesiod wird als der erste Dichter angesehen, der sich bewusst mit der Entwicklung der Menschheit beschäftigte.[10] Hesiod selbst wiederum soll, so lautet die eingängige Forschungsliteratur, von orientalischen Mythen, zum Beispiel von babylonischen Erzählungen inspiriert worden sein. Er behandelt die Weltzeitalter sowohl in seiner Theogenie als auch in den Erga. In der Theogenie beschreibt Hesiod die Anfänge der Welt und die Entstehung der Götter, hierbei unterscheidet er zwischen den Zeitaltern unter Uranos, Kronos und Zeus. In seinen Erga betrachtet Hesiod nun die Entwicklung der Menschen, von einem goldenen, paradiesischen Zustand hin zu einem silbernen und ehernen Geschlecht. Diese Deszendenz der Menschheit wird nur kurzfristig aufgehalten, nämlich durch das vierte Geschlecht der Heroen, wie Herakles und Odysseus. Die Verschlechterung der Zustände nimmt jedoch unweigerlich ihren Lauf und gelangt schließlich zu dem eisernen Geschlecht, dessen Zeit Hesiod auch seine eigene Person zuschreibt.[11]

Wie schon in II.1 erwähnt, bezeichnet Hesiod das erste Menschengeschlecht unter Kronos als das einzig goldene. Seiner eigenen, der ehernen Zeit lässt er nur noch die Hoffnung, dass die letzten sittlichen Werte, personifiziert durch die Götter Aidos und Nemesis, noch nicht wie alle anderen Werte von der Erde geflohen sind.[12] Diese Gegenüberstellung der paradiesischen Vergangenheit und harten Realität macht besonders die Intention Hesiods deutlich. Die Beschreibungen dienen als Warnung für seine Zeitgenossen, dass eine weitere

Depravation der moralischen und sozialen Zustände stattfinden könnte, wenn diese sich nicht zum rechtschaffenden Leben wenden würden.[13]

Obwohl bei Hesiod und den meisten seiner Nachfolger der Begriff des „goldenen Zeitalters“ verwendet wird, ist festzustellen, dass das Attribut „golden“ nicht den Reichtum dieser Zeit beschreiben soll, denn die Menschen kannten den Rohstoff des Goldes noch nicht. Vielmehr bezeichnet Hesiod hiermit einen glückseligen Zustand der Menschen, bedingt durch Sorglosigkeit (ἀκηδέα θυμὸν ἔχοντες, Erga, 112) und die Gaben der Natur (καρπὸν δ' ἔφερε ζείδωρος ἄρουρα αὐτομάτη πολλόν τε καὶ ἄφθονον, Erga, 117/118).[14] Dies ist jedoch mehr als Wunschbild Hesiods zu interpretieren, ebenso wie das silberne Zeitalter. Doch ist dieses Wunschbild aufgrund der Untätigkeit der Menschen in dieser Epoche, die Hesiod für die psychische und physische Degeneration der Menschen verantwortlich macht, nicht erstrebenswert.[15]

III. Die römische Tradition des goldenen Zeitalters in Latium als literarisches Motiv

1. Die spätrepublikanische Zeit: Lukrez

At genus humanum multo fuit illud in arvis
durius, ut decuit, tellus quod dura creasset,
et maioribus et solidis magis ossibus intus
fundatum, validis aptum per viscera nervis,
nec facile ex aestu nec frigore quod caperetur
nec novitate cibi nec labi corporis ulla.
multaque per caelum solis volventia lustra
vulgivago vitam tractabant more ferarum.

(Lukrez, De rerum natura, 5,925-932)

Vor allem das 5. Buch des Lehrgedichts De rerum natura des Titus Lucretius Carus (98/96 v. Chr. – ca. 55 v. Chr.)[16] stellt ein monumentales Zeugnis der antiken Kultur- und Entstehungslehre dar.[17] Eng angelehnt an die Lehre Epikurs und dessen Werk Peri physeos[18] beabsichtigt Lukrez die epikureische Lehre in Rom zu verbreiten. Die Intention hinter diesem Werk ist es demnach, den Menschen ein rationales Weltbild zu vermitteln. Lukrez macht physikalische Kausalitäten für die Entstehung und Entwicklung der Welt und ihrer Lebewesen verantwortlich.[19]

Kubusch teilt die Phasen der Kulturentstehung im fünften Buch in 3 Phasen ein:

Phase I: 925-1010

Phase II: 1011-1104

Phase III: 1105-1447[20]

Etwas genauer nimmt es Schindler, der nach Themenkomplexen 8 Phasen unterteilt:

1. Abschnitt: Der Naturzustand (925-1010)
2. Abschnitt: Die Familien- und Hüttengesellschaft (1011-1104)
3. Abschnitt: Die Sprache (1028-1090)
4. Abschnitt: Das Feuer (1091-1104)
5. Abschnitt: Das politische Leben (1105-1160)
6. Abschnitt: Die Einstellung zu den Göttern (1161-1240)
7. Abschnitt: Die Künste (1241-1457)
8. Abschnitt: Der „Triumph“ des Lukrez (1436-1457)[21]

[...]


[1] Riemer (u.a.), S.175.

[2] Goerdt, S.51.

[3] Von Albrecht, Band 3, S.15.

[4] Vgl. Kubusch, S.3.

[5] Vgl. Goerdt, S.51.

[6] Vgl. Ibid.

[7] Smith, S.4; Horsfall bei Smith, ibid.

[8] Vgl. Tumová, S.3.

[9] Ibid., S.3.

[10] Vgl. Goerdt, S.52; Kubusch, S.3.

[11] Vgl. Goerdt, S.52; Kubusch, S.3 ff.

[12] Vgl. Kubusch, S.4.

[13] Vgl. Goerdt, S.52.

[14] Vgl. Tumová, S.7.

[15] Vgl. Roser, S.75.

[16] Vgl. von Albrecht, Band 1, S.365.

[17] Vgl. Müller, S.305.

[18] inwieweit Lukrez die Schriften Epikurs in sein Werk mit eingebunden hat, ist jedoch noch nicht gänzlich

geklärt, vgl. hierzu Fuhrmann, S.188; Müller, S.305 ff.

[19] Vgl. Fuhrmann, S.187 f.

[20] Kubusch, S.59.

[21] Schindler, S.46-63.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Aurea Saecula. Das Goldene Zeitalter in Latium als literarisches Motiv
Hochschule
Universität Trier  (Lateinische Philologie)
Veranstaltung
Vergil, Aeneis Buch 8
Note
2,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V129063
ISBN (eBook)
9783640354061
ISBN (Buch)
9783640353699
Dateigröße
1340 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aurea, Saecula, Goldene, Zeitalter, Latium
Arbeit zitieren
Anne-Mareike Franz (Autor), 2007, Aurea Saecula. Das Goldene Zeitalter in Latium als literarisches Motiv, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129063

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