Überlegungen zum Verhältnis von Sprache und Denken mit Bezug auf die Sapir-Whorf-Hypothese und auf regionale Beispiele zur räumlichen und zeitlichen Orientierung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

19 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Verhältnis von Sprache und Denken
2.1 Die Ideen von Benjamin Whorf (1988)
2.2 Die Sapir-Whorf-Hypothese der linguistischen Relativität
2.3 Neuere Forschung

3. Die räumliche Orientierung anhand des Regionalbeispiels Bali von Jürg Wassmann und Pierre Dasen (1998)
3.1. Die Space games
3.2 Animals in a Row und Steve’s Maze
3.3 Abschließende Überlegungen

4. Die zeitliche Orientierung anhand der Aymara von Rafael Núnez und Eve Sweetser (2006)

5. Fazit

6. Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der nachfolgenden Arbeit werde ich zunächst der Frage nachgehen, in welchem Verhältnis Sprache und Denken miteinander stehen und ob die eine Variable von der anderen bestimmt wird. Anschließend werde ich auf Wilhelm von Humboldt (1806) und den Sprachwissenschaftler Edward Sapir (1921) zu sprechen kommen, die sich mit jener Thematik beschäftigt haben sowie auf Benjamin Lee Whorf (1965). Dessen Ideen werden hier vorgestellt sowie die vielzitierte Sapir-Whorf-Hypothese näher erläutert. Dabei werde ich die zugrundeliegenden Untersuchung von den Hopi und den Vergleich mit dem SAE (Standard Average Europe) kurz anreißen, die wichtigsten Erkenntnisse formulieren und mit der Hauptkritik an der Hypothese sowie der neueren Forschung diesen Themenblock anschließen. Nachfolgend werde ich mich mit zwei regionalen Beispielen zu den Themenbereichen räumliche Orientierung und zeitliche Orientierung beschäftigen, wobei ich einmal die Forschung auf Bali von Jürg Wassmann und Pierre Dasen (1998) präsentieren werde und danach die aktuelle Forschung von Rafael Núnez und Eve Sweetser (2006) bei den Aymara.

2. Das Verhältnis von Sprache und Denken

Beeinflusst unsere Kultur durch das Mittel Sprache unsere Art zu denken? Viele Erfahrungen unterstützen diese Idee, besonders unsere verschiedenen Klassifikationen von der Welt werden hier als eine Art Beweis gehandelt. Jedoch bleibt ein Objekt immer dasselbe, egal wie man es benennt und die Welt ist somit eine widerspenstige Realität, welche „imposes its structure on our thinking and our speaking and that the veil of linguistic difference can be ripped aside with relative ease“ (Gumpertz & Levinson 1996: 1). Die Ursprungsidee, mit der sich wie im Nachfolgenden gezeigt sowohl Humboldt, Sapir und Whorf beschäftigten, war, dass die semantischen Strukturen der verschiedenen Sprachen miteinander nicht vergleichbar seien und somit auch das Handeln und Denken in den spezifischen Sprachen sich unterschiedlich gestalte. Denken, Sprache und Kultur seien stark ineinander verwoben und die Forscher hielten es für ihre Aufgabe, Übersetzungsschwierigkeiten zu lösen. Es wurde davon ausgegangen, dass Sprache das Denken universal determiniere.

Nach Humboldt (1806) ist Sprache die „Seele der Nation“, in der sich der ganze Charakter eines Volks ausprägt und alle Individuen zu einer Einheit werden. Sprache fungiert als ein „Mittel zwischen der Tatsache und der Idee“ (1973: 6) sowie als ein Medium zum Vergleich mehrerer Völker. Das Wort ist für Humboldt ein Individuum innerhalb der Sprache- einer Welt die zwischen der uns umgebenden Welt und der in uns innewohnenden Welt liegt. In dieser Zwischenwelt werden unsere äußeren Eindrücke und unsere inneren Empfindungen zu Begriffen geformt und mit anderen verbunden, wodurch neue Wortschöpfungen entstehen.

Edward Sapir (1921), ein US-amerikanischer Ethnologe und Linguist, sagt, dass unsere reale Welt sehr von unserer Sprache bestimmt werde und das dies in einem unbewussten Prozess abläuft. Hören, Sehen und jegliche andere Art der Erfahrung mit unserer Umwelt sei abhängig von unseren Sprachgewohnheiten, welche auch alle unsere persönlichen und kulturellen Handlungen determinieren. Sapir war der Erste, der von solchen kulturspezifischen Faktoren (wie Sprache) behauptete, dass sie „necessarily shape our cognition at the most basic level“ (Núnez & Sweeters 2006: 441). Noch heute gilt er als einflussreichster Vertreter der strukturellen Linguistik seiner Zeit und beruft sich auf seine Forschung über Sprachgemeinschaften der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung, besonders über die Wakash-Sprachen. Seine revolutionäre Weltsicht von der Beziehung von Sprache und Denken wurde von Benjamin Whorf weitergeführt.

2.1 Die Ideen von Benjamin Whorf (1988)

Der Schüler Edward Sapirs griff dessen Ideen auf und kam zu der These, dass „gewissen Denk- und Verhaltensweisen (...) oft einfach nur ein bestimmter Sprachgebrauch zugrunde [liegt]“ (Whorf 1988: 74) und dass es eben jenen Einfluss zu erkennen gelte sowie seine Auswirkungen auf andere kulturelle und persönliche Aktivitäten. Die sprachliche Bedeutung eines Objekts beeinflusse unser Verhalten ihm gegenüber (z.B.: Benzintonnen versus leere Benzintonnen) auch wenn aus ihr heraus nicht unbedingt eine klare Verhaltensaufforderung hervorgehe (auch leere Tonnen können noch explosive Gase enthalten). Der Schlüssel zum Verständnis eines gewissen Verhaltens liegt für Whorf (1988: 77) „oft in den Analogien der sprachlichen Formulierungen, mit denen man über eine Situation spricht und sie in gewissem Grade analysiert, klassifiziert und in jede Welt einordnet, die ‚sehr weitgehend unbewusst auf den Sprachgewohnheiten der Gruppe erbaut wird’“. Die grammatikalischen Kategorien einer Sprache enthalten eine versuchte Interpretation der ganzen Welt und bestimmen somit, wie die Erfahrungen des Einzelnen aufgegliedert werden sollen. Es fällt den Menschen schwer sich dieser Kategorien bewusst zu sein solange sie ihre Muttersprache verwenden- erlernen sie jedoch eine Fremdsprache, betrachten sie diese durch eine Art Brille ihrer Sprache und entdecken somit deren Regeln und Kategorien neu. Um den Einfluss der Grammatik auf die Gedanken herauszufinden, führte Whorf (1988) einen Vergleich durch zwischen der Sprache der Hopi und des SAE (Standard Average Europe). Es galt herausfinden, ob die Begriffe von Zeit, Materie und Raum wesentlich bestimmt seien durch Erfahrung und somit universal oder ob sie durch die unterschiedlichen Strukturen der Sprachen bedingt wären. Auch wollte er untersuchen, ob es Affinitäten zwischen Verhaltensregeln und kulturellen Normen und großen linguistischen Strukturen gebe. Verglichen wurde die Pluralbildung und das Zählen, die Substantive der physischen Quantität, zyklisch wiederkehrende Phasen, temporale Verbformen, Dauer, Intensität und Tendenz sowie Denkgewohnheiten. Besonders interessant war hier die Feststellung, dass für die Hopi Zeit keine Bewegung im Raum ist wie bei uns, sondern „ein Späterwerden von allem, was je getan wurde, und daher ist bloße Wiederholung nicht verschwendet, denn sie akkumuliert sich“ (Whorf 1988: 93). Zurückkehrend auf die Ausgangsfrage kam der Forscher zu der Erkenntnis, dass die Begriffe der Materie und der Zeit abhängig seien von der Sprache (der fashions of speaking), in der sie entwickelt wurden und nicht allen Menschen in der gleichen Weise- durch Erfahrung- gegeben werden. Bei dem Begriff des Raumes fand sich zwischen den Hopi und dem SAE keine so große Differenz wie bei den vorherigen Begriffen, womit wahrscheinlich ist, dass die Auffassung des Raumes im wesentlichen durch die Erfahrung determiniert wird und nicht von der Sprache abhängig ist. Whorf hat auch bezüglich seiner zweiten Frage Antworten gefunden; es gibt Zusammenhänge zwischen kulturellen Normen und sprachlichen Strukturen, jedoch sind es keine Korrelationen. Diese findet man allerdings nur, wenn Sprache und Kultur sehr lange zusammenbestanden haben und man beide als ein Ganzes untersucht.

2.2 Die Sapir-Whorf-Hypothese der linguistischen Relativität

Diese Hypothese ist ganz klar aus einem tiefen, geschichtlichen Ursprung entstanden, in dem ein besonderes intellektuelles Umfeld vorherrschte. Die Originalhypothese wurde nie getestet und besteht aus zwei Thesen, welche das linguistische Relativitätsprinzip sowie den linguistischen Determinismus betreffen. Unter letzterem versteht man, dass das linguistische System einer jeden Sprache die Gedanken der Menschen formt, „Schema und Anleitung für die geistige Aktivität des Individuums ist, für die Analyse seiner Eindrücke und für die Synthese dessen, was ihm an Vorstellungen zur Verfügung steht“ (Whorf 1963: 12) verantwortlich ist. Das Formulieren von eigenen Gedanken ist somit keine unabhängige Tätigkeit sondern beeinflusst von der Grammatik und somit von Grammatik zu Grammatik und von Sprache zu Sprache verschieden. Das Organisieren und Kategorisieren der Welt findet in einem Abkommen statt, das in einer ganzen Sprachgemeinschaft ähnlich ist und in den Strukturen der Sprache kodifiziert ist. Whorf (1963) sieht dieses Übereinkommen als implizit und unausgesprochen an, doch ist der Inhalt absolut obligatorisch und es ist den Menschen auch unmöglich zu kommunizieren, wenn sie sich nicht der Ordnung und der Klassifikation des Gegebenen unterwerfen, welche von diesem Übereinkommen vorgeschrieben wird. Die zweite These beschäftigt sich mit dem linguistischen Relativitätsprinzip, welches besagt, dass „kein Individuum [die] Freiheit hat, die Natur mit völliger Unparteilichkeit zu beschreiben, sondern eben, während es sich am freiesten glaubt, auf bestimmte Interpretationsweisen beschränkt ist“ (Whorf 1963: 12). Die Ergebnisse der Beobachtungen der gleichen Umwelt kann zu ganz unterschiedlichen Weltbildern führen, da die linguistischen Hintergründe der Personen verschieden sind- sind sie sich ähnlich oder können auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, gelangen sie durch Beobachtungen zu einem ähnlichen Weltbild. Die These führt somit zu der Aussage, dass Texte nicht in andere Sprachen übersetzt werden können ohne dass man sie ihrem Sinn nach verfälscht. Bis heute ist die Sapir-Whorf-Hypothese umstritten, da keine Untersuchungen durchgeführt wurden konnten, welche die Rolle der Sprache beim Denken und Wahrnehmen der Menschen beweisen konnte. Whorf, der eigentlich Ingenieur war, wird vorgeworfen, dass er seine Forschung bei den Hopi nicht selbst durchgeführt hat und nur auf Sekundarinformationen zurückgriff.

2.3 Neuere Forschung

Durch das Entstehen der Kognitionswissenschaften nach der kognitiven Wende in der Psychologie in den 1960ern, wo der Behaviorismus abgelehnt wurde, wurde ein neuer Schwerpunkt gesetzt- auf die Gemeinsamkeiten der menschlichen Kognition und ihre Basis in der menschlichen genetischen Ausstattung. Dieser Fokus wurde durch Entwicklungen in der linguistischen Ethnologie gestärkt, welche die signifikanten semantischen Universalien bei den Farbbegriffen (Berlin & Kay 1969), der Einteilung der ethnobotanischen Benennung und den Verwandtschaftsbegriffen entdeckte. Es gab eine Veränderung hin zu einer Zwischenposition, wo linguistischen und kulturellen Unterschieden mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Die kognitive Ethnologie sah sich einem methodischen Problem gegenüber, welches sie nur mit Hilfe der Nachbardisziplinen und ihren Methoden lösen konnte. Es entwickelte sich ein 3-Stufen-System, wo zunächst Daten durch Befragungen gesammelt wurden und anschließend alltägliches Verhalten der Menschen beobachtet wurde. Im dritten Schritt kam es zu einer Art Versuch ähnlich wie in der Psychologie- jedoch nicht in künstlichen Umgebungen wie einem Labor, sondern in der natürlichen Umwelt der Personen durch herbeigeführte Situationen. Außer Sprache zählte zu den Untersuchungsgebieten auch Wahrnehmung, Problemlösen, Gedächtnis, Lernen und Aufmerksamkeit. Die Fähigkeiten sollten auf ihre Eigenarten hin untersucht werden und wenn möglich in formalen Modellen beschrieben werden. Zur Sprachfähigkeit des Menschen haben sich besonders Jean Piaget und Noam Chomsky (Zimbardo 2004) zu Wort gemeldet, welche eine sehr gegenteilige Ansicht vertraten. Für den Psychologen Piaget ließ sich die Sprachfähigkeit von der Denkfähigkeit des Menschen ableiten und Sprache werde erworben durch die Aufdeckung der Sprachregeln während des Dialogs mit anderen Menschen. Der Linguist Noam Chomsky plädierte hingegen für eine nativistische Position und erklärte, dass jeder Mensch mit einem im Gehirn angesiedelten Sprachorgan ausgestattet sei, welches ihm den Spracherwerb ermögliche und sprachlicher Input von anderen sei Menschen hier nicht ausreichend. Jedem Menschen sei eine Art Universalgrammatik von Geburt an gegeben. Die neuere Forschung rund um die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Denken hat sich ihre Interdisziplinarität zu Nutzen gemacht und durch die Zusammenarbeit verschiedener Forscher vor Ort neue wichtige Erkenntnisse erlangt, wie anhand der nächsten beiden regionalen Beispiele mit Fokus auf räumliche und zeitliche Orientierung gezeigt wird.

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zum Verhältnis von Sprache und Denken mit Bezug auf die Sapir-Whorf-Hypothese und auf regionale Beispiele zur räumlichen und zeitlichen Orientierung
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kognitionspsychologie meets Ethnologie
Note
1.3
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V129083
ISBN (eBook)
9783640354153
ISBN (Buch)
9783640353774
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Sprache, Denken, Bezug, Sapir-Whorf-Hypothese, Beispiele, Orientierung
Arbeit zitieren
Leona Dotterweich (Autor), 2007, Überlegungen zum Verhältnis von Sprache und Denken mit Bezug auf die Sapir-Whorf-Hypothese und auf regionale Beispiele zur räumlichen und zeitlichen Orientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129083

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