Der internationale Wettbewerb um mobile Studenten - Theorie und Evidenz


Bachelorarbeit, 2008

61 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Studentenmobilität
2.1 Entwicklungen
2.2 Größenordnungen heute
2.3 Auswirkungen und Motivationen
2.3.1 Studenten
2.3.2 Staat und Gesellschaft

3. Theoretische Konzepte
3.1 Ein einfaches Wettbewerbsmodell
3.2 Wettbewerb um mobile Studenten
3.2.1 Bildungsqualität und Effizienzwirkungen von Studiengebühren
3.2.2 Höhe von Studiengebühren
3.3 Wettbewerb um mobile Absolventen
3.3.1 Bereitstellung von Bildungsleistungen
3.3.2 Private vs. öffentliche Finanzierung von Bildungsleistungen
3.3.3 Zeitinkonsistente Besteuerung von Humankapitalerträgen
3.3.4 Umverteilungswirkungen durch den Wettbewerb um mobile Absolventen
3.3.5 Steuerwettbewerb bei unterschiedlichen Mobilitätsgraden
3.4 Wettbewerb um mobile Studenten und mobile Absolventen
3.4.1 Welches Land sollte für die Bildung von ausländischen Studenten zahlen?
3.4.2 Auswirkungen von Studiengebühren
3.4.3 Optimale Bildungsqualität und multikulturelle Fähigkeiten
3.4.4 Auswirkungen des Wettbewerbs auf die Steuereinnahmen

4. Empirische Evidenz
4.1 Determinanten der Studentenmobilität
4.2 Regionale Verteilungseffekte der Hochschulfinanzierung
4.3 Einfluss des Wettbewerbs auf die Finanzierung von Bildungsleistungen

5. Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

A) Empirische Modelldaten von Kim (1998)
A.1 Modell und Variablendefinitionen
A.2 Deskriptive Statistik
A.3 Regressionsmodell

B) Folgen von zusätzlichen Absolventen auf den Arbeitsmarkt

C) Empirische Modelldaten von Büttner und Schwager (2004)

D) Empirische Modelldaten von Bailey et al. (2004)

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung ausländischer Studenten von 2000 - 2005.

Abbildung 2: Marktanteil an ausländischen Studenten in den Jahren 2000 und 2005 5

Abbildung 3: Entwicklung der Anzahl von Studenten, die außerhalb ihres Heimatlandes studierten. 5

Abbildung 4: Zu- und Abflüsse von Studenten 2005, nach Regionen. 6

Abbildung 5: Zu- und Abflüsse von Studenten 2005, ausgewählte Länder. 7

Abbildung 6: Steuerwettbewerb um Humankapital 13

Abbildung 7: Folgen von zusätzlichen Absolventen auf den Arbeitsmarkt (Anhang). 52

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Eine Investition in Wissen

bringt noch immer die besten Zinsen.“

(Benjamin Franklin, 1706 – 1790)

Das vorangestellte Zitat von Benjamin Franklin, einem der Gründungsväter der USA, hat heute mehr Relevanz den je. Er erkannte damals schon welche potenziellen Gewinne allein durch Wissen und dessen Anwendung möglich sind. Gerade für ein Land wie Deutschland, das im Dienstleistungszeitalter angekommen ist, spielt das Humankapital eines jeden Bürgers eine immense Rolle für Wachstum und Wohlstand der Gesellschaft (Kim 1998, S. 338). Dies gilt aber nicht nur für Deutschland, sondern für alle entwickelten Industriestaaten, deren Wachstum sich durch Forschung und Innovation bestimmt. Ein Verzicht auf hochqualifizierte Arbeitskräfte ist quasi nicht mehr möglich (Tremblay 2005, S. 197).

Die Quelle bzw. der Ursprung für hochqualifizierte Arbeiter sind meistens Universitäten und deren Studentinnen und Studenten.[1] Somit sind Studenten für ein Land eine wichtige Ressource, um ein nachhaltiges Wachstum zu sichern. Setzt man diese Erkenntnis in den Kontext der zunehmenden Globalisierung, ergeben sich für Menschen, Staaten und Gesellschaften neue Herausforderungen und Chancen.[2]

Allgemein bekannt ist hier die fast vollständige Mobilität des Kapitals. So dauert es nur noch wenige Sekunden um Milliardenbeträge von einem Ort der Erde zu einem anderen zu transferieren. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit gezeigt wird, nimmt aber auch die Mobilität des Produktionsfaktors Arbeit -hier hauptsächlich im Sinne von Studenten- ständig zu. Es ist deshalb für Staaten möglich, durch die Anziehung von Studenten das inländische Humankapital weiter zu erhöhen.

Politische und ökonomische Fragen entstehen dann, wenn junge Menschen sich entscheiden, entweder nicht im eigenen Land zu studieren, das Studium vorzeitig abzubrechen oder nach ihrer Ausbildung im Inland ins Ausland zu wechseln. Die Probleme entstehen vor allem dadurch, dass ein Großteil der Hochschulbildung in den industriealisierten europäischen Ländern nach wie vor staatlich finanziert wird (OECD 2007, S. 210 - 222). Staaten müssen sich demnach fragen, wie z.B. die bestmögliche Finanzierung und Qualität des Hochschulsystems sichergestellt werden kann, um im internationalen Vergleich nicht zurückzubleiben. Auf der anderen Seite dürfen sie die Belange der einheimischen Studenten nicht vernachlässigen, die nicht zwingend mit den Bedürfnissen ausländischer Kommilitonen übereinstimmen.

Neben diesen Fragen, die hauptsächlich auf Gefahren für eine Volkswirtschaft abzielen, gibt es auch Chancen durch die Mobilität von Studenten. So forciert die EU im Sinne des Bologna-Prozesses die Studentenmobilität, um einen Wettbewerb unter den Universitäten und somit unter den Mitgliedsländern anzustoßen. Sie verspricht sich davon eine erhöhte Qualität der Bildung[3]. Hiermit gingen produktivere Studenten einher, da diese eine bessere Ausbildung genießen (Mechtenberg und Strausz 2007, S. 110).

Ein weiterer Punkt ist eine erwartete effizientere Allokation der Studenten, wenn ein Wettbewerb sie dort hinlenkt, wo sie am ehesten gebraucht werden. Dadurch würde die Wohlfahrt der gesamten EU gesteigert (Biffl 2004, S. 65). Auf Grund der europäischen Relevanz des Themas stehen hauptsächlich europäische Länder sowie vereinzelte OECD-Staaten (z.B. die USA) im Mittelpunkt der folgenden Analysen.

Die bisherige Auswahl an vorgebrachten Argumenten, sowohl pro also auch contra Studentenmobilität, führt zu einer nicht eindeutigen Sicht, ob ein Staat sich am Wettbewerb beteiligen sollte oder ob er alles daran setzt, einen Konkurrenzkampf zu vermeiden bzw. zu unterbinden. Deshalb befasst sich die vorliegende Arbeit mit dem Phänomen des internationalen Wettbewerbs um mobile Studenten. Dabei werden Theorien zu verschiedenen Gebieten vorgestellt, die sich mit den Folgen mobiler Studenten für Staat und Gesellschaft auseinandersetzen.

Bei der Auswahl der betrachteten Studenten liegt der Fokus auf diejenigen, die ein komplettes Studienprogramm im Ausland absolvieren. Eher geringere Berücksichtigung finden dabei Studenten, die jeweils nur für ein oder zwei Semester im Ausland studieren. Solche Kurzzeitaufenthalte, z.B. gefördert durch Erasmusstipendien, sind auf jeden Fall eine Bereicherung für den kulturellen Austausch sowie eine Erweiterung der Lebenserfahrung des jeweiligen Studenten. Es ist allerdings strittig, ob ein solcher Kurzzeitaufenthalt dazu führt, dass ein Student im Anschluss emigriert (Avveduto und Brandi 2002, S. 7), was erhebliche politische Fragen aufwerfen würde (siehe 3.3 und 3.4).

Da sich diese Arbeit, wie bereits erwähnt, eher im Rahmen von OECD-Ländern bewegt, wird die klassische Brain Drain Literatur, die die Abwanderung von hochqualifizierten Menschen von Entwicklungsländern in entwickelte Länder betrachtet (siehe z.B. Grubel und Scott (1966), Bhagwati und Hamada (1974) oder Beine et al. (2001)), nur rudimentär angeschnitten. Es ist jedoch klar, dass eine eindeutige Abgrenzung zwischen der Migration von mobilen Studenten und Brain Drain nur schwer möglich ist.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird im Kapitel 2 ein Überblick über die wichtigsten stilisierten Fakten gegeben, um die Größenordnung sowie die Struktur von internationaler Studentenmigration zu erfassen. Außerdem beschäftigt es sich mit den Auswirkungen und Gründen für den Wettbewerb um mobile Studenten. Es werden dort Vor- und Nachteile für die beteiligten Gruppen (Studenten, Staat und Gesellschaft) dargestellt. Dies leitet zum Hauptteil der Arbeit in Kapitel 3 über, welches sich mit theoretischen Überlegungen zum Wettbewerb um mobile Studenten beschäftigt. Verschiedene Modelle, die den aktuellen Forschungsstand abdecken, werden beschrieben, bevor das Kapitel 4 empirische Befunde für den theoretischen Teil aufarbeitet. Die Arbeit schließt mit Kapitel 5, in dem eine kurze Zusammenfassung sowie Implikationen gegeben werden, wie sich die Politik auf den Wettbewerb um mobile Studenten einstellen sollte.

2. Studentenmobilität

Das folgende Kapitel gibt einen Überblick über die Entwicklung von
Migrationsbewegungen mobiler Studenten und deren jetziger Größenordnung. Außerdem werden Motive diskutiert, die Studenten dazu veranlassen, mobil zu werden sowie die Motivationen von Staaten und Gesellschaften, dies zu fördern oder zu unterbinden.

Möchte man die regionale Dynamik von Studenten abbilden, so sind in diesem Zusammenhang bei den international tätigen Organisationen, wie der UNESCO, der OECD oder EUROSTAT, wichtige Datenquellen zu finden. Allerdings sind die Daten nur unter Vorbehalt verwendbar. So gibt es kaum international einheitliche Definitionen, wann ein Student mobil ist oder wann er als einheimischer Student im Ausland oder als ausländischer Student im Inland gilt. Demnach differieren auch die nationalen Statistiken der einzelnen Länder, womit eine internationale Vergleichbar- und Aggregierbarkeit nur schwer zu erreichen ist (für Definitionen von ausländischen Studenten siehe z.B. OECD 2001, S. 98). Eine einheitliche Definition des internationalen Studenten schlägt z.B. die UNESCO wie folgt vor: „Students who have crossed a national or territorial border for the purposes of education and are now enrolled outside their country of origin.” (UNESCO 2007, S. 193).

2.1 Entwicklungen

Die Anzahl mobiler Studenten nimmt stetig zu. Allein in den Jahren 2001 bis 2005 stieg die Zahl der Studenten, die an einer Universität außerhalb ihres Heimatlandes eingeschrieben waren, im Vergleich zum Jahr 2000, um 50% weltweit.[4] Im gleichen Zeitraum stieg der Bestand an ausländischen Studenten, die in einem OECD-Land studierten, um 49%. Abbildung 1 veranschaulicht diesen Trend sehr deutlich. Zu sehen sind die jeweiligen prozentualen Veränderungen zum Jahr 2000.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung ausländischer Studenten von 2000 - 2005. Quelle: OECD 2007, S. 324.

Die Marktanteile, also die Verteilung der Studenten auf die jeweiligen Länder, sind in den letzten fünf Jahren relativ stabil geblieben, wie man in Abbildung 2 sehen kann. Außer in den USA, die einen größeren Verlust ihres Marktanteils hinnehmen mussten, kam es zu keinen nennenswerten Verschiebungen. Ein Grund für den Verlust des Marktanteils der USA können die Nachwirkungen des Terrorangriffs vom 11. September 2001 sein. Im Anschluss an die Angriffe verschärften die USA mit dem „Border Security and Visa Entry Reform Act“ die Visa- und Einreisebedingungen auch für Studenten. Folglich blieben ausländische Studenten weg und studierten an alternativen Orten (OECD 2005, S. 259).

Die Entwicklung einer zunehmenden Mobilisierung von Studenten gibt es aber nicht erst seit dem Jahre 2000. Abbildung 3 zeigt das Anwachsen der Studentenzahlen, die außerhalb ihres Heimatlandes studierten, ab dem Jahr 1975. Im Jahre 1975 waren dies noch knapp 600.000 Studenten. Für die letzten verfügbaren Daten, wiederum aus dem Jahre 2005, verzeichnet man mittlerweile eine Zahl von gut 2,7 Millionen Studenten. Verfolgt man die Entwicklung von 1975 bis zum Jahre 2005 registriert man, ebenfalls wie zwischen 2000 und 2005, eine stetige Zunahme der Internationalisierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Marktanteil an ausländischen Studenten in den Jahren 2000 und 2005.

Quelle: OECD 2007, S. 305.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Entwicklung der Anzahl von Studenten, die außerhalb ihres Heimatlandes studierten. Quelle: OECD 2007, S. 303.

2.2 Größenordnungen heute

Wie man im vorherigen Abschnitt sehen konnte ist die Zahl der Studenten, die ein Studium im Ausland durchführen oder durchgeführt haben, in den letzten Jahren sehr stark angestiegen. Die aktuellsten Daten liegen aus dem Jahre 2005 vor. Zu diesem Zeitpunkt waren insgesamt ca. 2,73 Millionen Studenten außerhalb ihres Heimatlandes an einer ausländischen Hochschule eingeschrieben. Davon studierten 84% in OECD-Ländern (OECD 2007, S. 302). Prognosen gehen davon aus, dass im Jahre 2025 über 8 Millionen Studenten im Ausland studieren könnten (Altbach 2004, S. 19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Zu- und Abflüsse von Studenten 2005, nach Regionen.

Quelle: UNESCO 2007, S. 136 – 143.

Abbildung 4 gibt einen Eindruck darüber, welche Region der Erde heutzutage die meisten ausländischen Studierenden anzieht und von wo sie kommen. Die roten Balken stellen einen Abfluss von einheimischen Studenten in andere Regionen dar. Die blauen Balken hingegen stehen für den Zufluss fremder Studenten aus anderen Regionen. Auffällig ist, dass Nordamerika und Westeuropa mit Abstand die meisten Zuflüsse an fremden Studenten erhalten. Dagegen ist diese Region nur Zweiter bei der Entsendung von Studenten. Dort ist der Bereich Ostasien und Pazifik Spitzenreiter. Die Länder mit dem höchsten Entsendeanteil an Studenten in diesem Gebiet sind China (394.669), Südkorea (97.395), Japan (65.229) und Malaysia (45.055) (UNESCO 2007, S. 139 und 140).

Auf Grund der Verteilung zugunsten der nordamerikanischen und westeuropäischen Staaten sowie einiger hoher Anteile von ostasiatischen Staaten lohnt sich an dieser Stelle ein detaillierter Blick. Abbildung 5 zeigt deshalb die Verteilung ausländischer Studenten in ausgewählten Ländern Nordamerikas, Westeuropas und Ostasiens.[5] [6] Dabei stellen die roten Balken die Anzahl der Studenten dar, die im Ausland studieren (outbound mobility). Hingegen repräsentieren die blauen Balken den anderen Fall und zwar, dass Ausländer im Inland studieren (inbound mobility). Die hellen Balken geben die Differenz der beiden Größen wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Zu- und Abflüsse von Studenten 2005, ausgewählte Länder.

Quelle: UNESCO 2007, S. 136 - 143.

Die USA dominieren mit Abstand bei den Zuflüssen von ausländischen Studierenden. Im Jahr 2005 waren dies 590.128 (UNESCO 2007, S. 142). Dagegen ist der Abfluss an Studenten, die im Ausland studieren, relativ gering. Ähnliche Bilder ergeben sich bei den weiteren OECD-Ländern UK, Deutschland, Frankreich, Kanada und auch noch teilweise Japan. Alle diese Länder sind Nettoempfänger von Studenten. D.h. sie ziehen mehr Studenten an, als sie aussenden. Welche Folgen dies hat, wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch thematisiert.

2.3 Auswirkungen und Motivationen

Warum konkurrieren Staaten um mobile Studenten bzw. warum gibt es den Wettbewerb um mobile Studenten? Warum werden Studenten mobil und wie kann ein Staat davon profitieren? Diese Fragen werden in den nachfolgenden Unterabschnitten diskutiert. Hinzu kommen einleitende Überlegungen, welche Auswirkungen Studentenmobilität auf verschiedene Institutionen, wie den Staat oder die Gesellschaft, haben könnten. Das dritte Kapitel knüpft dann an diese Überlegungen an, vertieft sie teilweise und zeigt wesentliche Erklärungsansätze anhand von theoretischen Konzepten auf.

2.3.1 Studenten

Hauptakteure im Prozess des Wettbewerbs um mobile Studenten sind natürlich die Studenten selbst. Deshalb ist es vor allem für Regierungen wichtig, die Intentionen zu verstehen, warum Studenten im Ausland studieren wollen. Nur so ist es für sie möglich, potenzielle Strategien zu entwickeln, um möglichst viele Studenten anzulocken oder falls man als Staat zu dem Schluss kommt, dass zusätzliche Studenten sich nachteilig auswirken, sie abzublocken.[7]

So individuell die Menschen auch sind, so unterschiedlich können auch die Gründe für ein Auslandsstudium sein. Deshalb können die nun folgenden Motive keine vollständige Aufzählung darstellen. Ein erster allgemein anerkannter Grund dürfte durch die zunehmende Globalisierung erkennbar sein. So wird es für international tätige Unternehmen immer wichtiger, auf ebenfalls international erfahrenes Personal zurückgreifen zu können. Ein Auslandsstudium bereitet besonders gut auf diese Aufgaben vor (Bennell und Pearce 2003, S. 216).

Weiterhin differieren die Motivationen von Studenten für ein Auslandsstudium auch danach, ob sie in einem Entwicklungsland oder entwickelten Land heranwachsen. Aus den empirischen Beobachtungen in Kapitel 2.1 und 2.2 sieht man, dass vor allem die entwickelten Länder als Ziele für Auslandsstudien dienen. Danach lässt sich die Studentenmobilität theoretisch in zwei Bereiche aufteilen. Einmal gibt es die vertikale Studentenmobilität, die zwischen entwickelten Ländern und Entwicklungsländern besteht.[8] Auf der anderen Seite gibt es dann noch die Mobilität zwischen Ländern gleicher Entwicklungsebene. Diese wird auch horizontale Studentenmobilität genannt (Rivza und Teichler 2007, S. 459).

Ein Motiv für Studenten aus Entwicklungsländern in einem entwickelten Land zu studieren ist z.B., dass sich das Studium später in einem höheren Einkommen niederschlägt. Weitere Gründe können ein limitierter Zugang zur Hochschulbildung, z.B. hervorgerufen durch zu wenige Studienplätze, sein (Gribble 2008, S. 26) oder dass der gewünschte Studiengang nicht verfügbar ist (Altbach 2004, S. 20). Natürlich spielen auch höhere Qualität und höheres Prestige eines Bildungssystems eine Rolle (ebd., S. 21). Diese Wanderungsursachen kommen in entwickelten Staaten, teilweise in abgeschwächter Form, ebenfalls zum Tragen.

Die Limitierung von Studienplätzen tritt auch in industrialisierten Ländern auf. Hier kann es zu einem starken Wettbewerb um Studienplätze kommen, so dass die Voraussetzungen eines Studenten für die Aufnahme in einen Studiengang sehr hoch werden. Dieser könnte sich nach Möglichkeit dafür entscheiden, im Ausland das gleiche Studium mit niedrigeren Qualifikationsanforderungen aufzunehmen (ebd.). Ebenfalls einen Einfluss auf die Aufnahme eines Auslandsstudiums haben koloniale bzw. postkoloniale Verbindungen, wie sie z.B. zwischen Indien und Großbritannien bestehen (Rivza und Teichler 2007, S. 459). Ein weiterer Entscheidungsgrund ist die Sprache, die im gewünschten Land gesprochen wird. Je weniger international eine Sprache ist, desto weniger Studenten neigen dazu, dort zu studieren (OECD 2001, S. 99).

Generell kann man festhalten, dass Studenten sich danach ausrichten, welcher Studienplatz ihnen die meisten Vorteile bringt. Dazu haben Mazzarol und Soutar (2002) ein dreistufiges Modell aufgestellt, welches ein Student durchläuft, um sich zu entscheiden, ob er im Heimatland studiert oder nicht. Dabei kommt es nicht darauf an, ob der Student aus einem entwickelten Land oder einem Entwicklungsland stammt. In der ersten Stufe muss der Student sich entscheiden, im Ausland zu studieren. Dies kann durch eine Reihe von Push-Faktoren innerhalb des Heimatlandes bedingt sein. Der Student strebt danach, im Ausland zu studieren, da er mit den heimischen Bedingungen nicht zufrieden ist. Als nächste Stufe muss er sich für ein Zielland entscheiden. Pull-Faktoren sorgen hier dafür, dass ein Land komparativ besser erscheint als ein anderes. In der letzten Phase hat sich der Student ein Land ausgesucht und muss nun noch die Institution wählen, an der er studieren möchte. Dies wird wieder durch zusätzliche Pull-Faktoren, wie z.B. Reputation der Universität, Umfang des Kursangebots, Grad der Innovation, Nutzung von Informationstechnologien usw., beeinflusst (Mazzarol 1998, S. 165 - 167).

Im weiteren Verlauf der Arbeit von Mazzarol und Soutar (2002) wurden sechs Push-Faktoren für Studenten aus China, Indien, Taiwan und Indonesien ermittelt, die für die Entscheidung im Ausland zu studieren, am wichtigsten sind. Diese sind einmal der Bekanntheitsgrad des Ziellandes, persönliche Empfehlungen von Eltern, Bekannten oder Freunden, Kosten, Studienumgebung im Zielland, geographische Nähe sowie soziale Kontakte durch z.B. bereits vorhandene Familienangehörige oder Freunde, die im gewünschten Land bereits studieren, studiert haben oder wohnen. Obwohl diese Faktoren für Entwicklungsländer herauskristallisiert wurden, haben sie jedoch auch Bewandtnis für entwickelte Länder (siehe 4.1).

2.3.2 Staat und Gesellschaft

Nach der Darlegung von Intentionen von Studenten für ein Auslandsstudium sollen nun die Motivationen für Staat und Gesellschaft präsentiert werden. Da jedes Land eigene Motivationen hegt, ist eine Vollständigkeit wieder schwer sicherzustellen.

Traditionell wird aber die Abwanderung von Studenten als schädlich gesehen, da eine knappe Ressource noch weiter verringert wird (Gribble 2008, S. 27). Umso wichtiger wird dies für ein Land, welches kaum über natürliche Ressourcen verfügt. Die Akkumulation von Humankapital, sei es eigenes oder fremdes, wird dann essentiell für Wohlstand und Wirtschaftswachstum (Andersson und Konrad 2003a, S. 211).

Kim (1998) beschäftigt sich diesbezüglich mit den Auswirkungen von mobilen Studenten auf das Wirtschaftswachstum einer Volkswirtschaft. Er zeigt, dass Studenten aus Entwicklungsländern, die in entwickelten Ländern studiert haben und später zurückkehren, überproportional positiv zum Wirtschaftswachstum beitragen.[9] Er findet außerdem empirische Evidenz für diesen Sachverhalt (siehe Anhang D).

Unabhängig vom Entwicklungsstand des Landes profitiert der Heimatstaat sogar zweifach, wenn die auswärtigen Studenten nach ihrem Studium in ihrem Heimatland eine Arbeit aufnehmen. Einmal wird der Student als hochqualifizierter Arbeiter in der Volkswirtschaft tätig. Zum anderen erhält das sendende Land eine kostenlos ausgebildete Arbeiterschaft, da die ausländische Regierung für die Bildungskosten aufkommen musste (Gribble 2008, S. 27).[10]

Aber auch während des Auslandsaufenthalts des Studenten kann das Heimatland profitieren. Denn viele Migranten halten weiterhin finanzielle, kulturelle und manchmal politische Verbindungen zum Heimatland aufrecht (ebd.). Probleme für das sendende Land entstehen dann, wenn sich die entsprechenden Personen überlegen, nach ihrem Studium endgültig in das andere Land überzusiedeln.

Weiterhin bietet die Anziehung von Studenten, ob nun von anderen entwickelten Ländern oder von Entwicklungsländern, eine Vielzahl von Vorteilen. So können durch die zusätzlichen Studenten finanzielle Mittel für Hochschulen und sonstige öffentliche Aufgaben generiert werden, solange diese im Gastland Steuern und / oder Studiengebühren zahlen (Gribble 2008, S. 27). Schätzungen zufolge belaufen sich die Beiträge ausländischer Studenten in den USA zur wirtschaftlichen Leistung auf ca. zwölf Milliarden Dollar pro Jahr (Altbach 2004, S. 20).

Weitere positive Effekte entstehen, wenn es Ländern gelingt, diejenigen ausländischen Studenten anzulocken, deren Fachrichtung im eigenen Land unterbesetzt ist (Gribble 2008, S. 26). Bleiben diese nach ihrer Ausbildung, kann man Produktivitätslücken in den betreffenden Bereichen schließen. Diese potenziellen Gewinne durch die Migration der ausländischen Studenten nach ihrem Abschluss stellt sich bei jeder weiteren Berufsgruppe ebenfalls mehr oder weniger ein (ebd., S. 27).[11] Ein Nachteil könnte eventuell auftreten, wenn der Anteil an Studenten eines Fachgebiets zu groß würde. So besteht dann die Gefahr eines Überangebots auf dem jeweiligen Fachgebiet, was zu sinkenden Löhnen und partieller Arbeitslosigkeit führen könnte (Ehrenberg und Smith 2006, S. 46).[12]

Ein anderer Aspekt, der für die Anlockung ausländischer Studenten spricht, kommt auf, wenn diese im fortgeschrittenen Stadium ihres Studiums (vor allem auf dem Doktorandenlevel) bereits an Forschungsarbeiten teilnehmen. Dies kann anschließend in produktiven Ergebnissen und marktreifen Produkten münden (Tremblay 2005, S. 201).

Die Gesellschaft profitiert von allen angesprochenen Gesichtspunkten insofern, dass sich die gesamte Wohlfahrt einer Volkswirtschaft erhöht, wenn mehr gut ausgebildete Arbeitskräfte in einem Land arbeiten. Hanushek und Wößmann (2007, S. 108) haben in diesem Zusammenhang in einer Studie festgestellt, dass ein erhöhtes Bildungsniveau die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts positiv beeinflusst. Ausgehend von der Prämisse, dass auch die EU ein hohes Maß an gesamtwirtschaftlichem Wohlstand möchte, sollte sie dafür sorgen, dass Studenten die Möglichkeiten haben, den Studienplatz frei zu wählen. Unter diesen Voraussetzungen wäre, wie schon einleitend erwähnt, eine effizientere Allokation der Ressource Student bzw. dessen Humankapital, möglich (siehe z.B. Biffl 2004, S. 65 oder Poutvaara 2001, S. 355). In diesem Sinne wurde auch der Bologna-Prozess angeschoben, der durch einen einheitlichen europäischen Bildungsraum dafür sorgen soll, dass Studenten mobiler werden können (siehe zum Bologna-Prozess und dessen Ziele: Hochschulrektorenkonferenz [Internetquelle]). Für weitere Kosten- und Nutzenursachen von ausländischen Studenten auf Staat und Gesellschaft sei auf Throsby (2001, S. 33 - 37) und De Villé et al. (1996, S. 207 - 213) verwiesen.

Durch den hohen Anteil staatlicher Finanzierung im Bildungssektor sind die Auswirkungen von mobilen Studenten auf das Bildungssystem eng verknüpft mit eben diesen Auswirkungen auf den Staat. So sollen im Folgenden vor allem die Konsequenzen des Wettbewerbs um mobile Studenten auf die Bildungsbereitstellung, -qualität und -finanzierung dargelegt werden. Da das nun anschließende Kapitel dieses ausführlich diskutiert, wird eine tiefer gehende Analyse zu diesem Zeitpunkt unterlassen.

3. Theoretische Konzepte

Kapitel 3 behandelt die bisherigen theoretischen Arbeiten, die im Zusammenhang mit dem Wettbewerb um mobile Studenten stehen. Der Hauptfokus liegt dabei auf der Steuer- und Subventionswettbewerbsliteratur im Kontext mobiler Studenten. In Abschnitt 2.3 wurden bereits einige Aspekte vorgestellt, warum ein Land bzw. eine Regierung daran interessiert sein könnte, Studenten anzuziehen oder nicht. Auf der einen Seite stehen die Kosten, die ausländische Studenten verursachen. Auf der anderen Seite ergeben sich aber auch gewisse Vorteile durch die Anziehung intelligenter Menschen. Aus diesem Grund können die Sichtweisen differieren, welche Seite des Wettbewerbs überwiegt. So gliedert sich der theoretische Teil nach den strengsten Annahmen, die bei der Erstellung der jeweiligen Modellwelt vorgenommen werden, da dadurch eine maßgebliche Beeinträchtigung der zentralen Ergebnisse entstehen kann. Diese sind einmal, dass im ersten Fall nur die Studenten mobil sein können. D.h. sie suchen sich vor ihrem Studium aus, in welchem Land sie studieren möchten. Davon unterscheiden sich die Modelle, in denen nur die Studenten mobil sind, die nach ihrem Studium die Wahl haben in ein anderes Land zu gehen.[13] In einem dritten, neueren Ansatz wird die Mobilität von beiden Gruppen zugelassen.

3.1 Ein einfaches Wettbewerbsmodell

Zum Anfang wird ein einfaches Wettbewerbsmodell vorangestellt, welches veranschaulichen soll, wie sich Staaten generell im Wettbewerb um Studenten, dargestellt als Humankapital, verhalten. Der ausführlich vorgestellte Mechanismus kommt dann häufiger zum Einsatz. Dabei ist das Wirkungsprinzip meistens gleich, so dass an den entsprechenden Stellen auf dieses Modell verwiesen werden kann, ohne jeweils eine komplette Herleitung vornehmen zu müssen.

Der Steuerwettbewerb zwischen zwei Staaten um Humankapital führt in der Regel dazu, dass beide Staaten mit ineffizient niedrigen Steuersätzen und Steuereinnahmen operieren, solange ein nicht kooperatives Verhalten unterstellt wird. Dies mutet auf den ersten Blick paradox an, da ein höherer Steuersatz aus Sicht beider Länder wesentlich effizienter wäre. Jedoch hat jede Regierung immer den Anreiz, von einem ausgeglichen Steuersatzniveau abzuweichen, um eine höhere Steuerbasis anzulocken. In Anlehnung an Wellisch (2000) soll das folgende Modell diesen Prozess illustrieren.

Dargestellt sind zwei identische Länder Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten und Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, die um Humankapital konkurrieren. Die Funktion Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten stellt die marginale Produktivität des Faktors Humankapital H dar. Das Humankapital ist vollständig mobil und kann sich frei zwischen den Staaten i und j bewegen. Es wird eine abnehmende Grenzproduktivität unterstellt, die zur Vereinfachung als linear angenommen wird. Jedes Land kann dann einen Steuersatz t auf die Produktivität des Humankapitals erheben, um Steuereinnahmen zu generieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Steuerwettbewerb um Humankapital (in Anlehnung an Wellisch (2000), S. 82)

Von weiteren Kosten wird hier abstrahiert. Ebenso werden die Steuereinnahmen nicht an die Bevölkerung zurücktransferiert. Im Punkt A befinden sich dann beide Länder in der gleichen Situation. Beide erheben den gleichen Steuersatz und ziehen wegen der Symmetrieannahme einen identischen Betrag an Humankapital an. Allerdings stellt sich dieses Gleichgewicht nicht als stabil heraus. Das Land i hat z.B. den Anreiz, seinen Steuersatz marginal zu senken, um so einen Großteil des Humankapitals aus dem Land j anzulocken. Damit kreiert es einen negativen externen Effekt für Land j, da Land i nicht die Abwanderung der Steuerbasis aus Land j in seinem Optimierungskalkül berücksichtigt. Land j wird daraufhin ebenfalls seinen Steuersatz senken müssen, damit es wieder attraktiver für die Halter des Humankapitals wird. Dieser Prozess geht solange bis man sich im Zustand B einfindet.

Zustand B unterscheidet sich von Zustand A aus Sicht der Regierungen nur durch einen niedrigeren Steuersatz, d.h. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Die niedrigeren Steuersätze führen bei gleicher Verteilung des Humankapitals zu geringeren Steuereinnahmen. Die Träger des Faktors Humankapital verbessern sich durch den Steuerwettbewerb, in dem sie weniger ihrer Produktivität an den Staat abführen müssen.

Theoretisch geht der Wettbewerb solange weiter, bis das stabile Nash-Gleichgewicht bei Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten erreicht wird. Von diesem Punkt aus, hat kein Land mehr einen Anreiz abzurücken, da eine Erhöhung des Steuersatzes zum Verlust der Steuerbasis führen würde. Die Länder befinden sich in einem klassischem Gefangendilemma, da für sie jeder Zustand, außer dem Nash-Gleichgewicht, pareto-besser wäre. Brennan und Buchanan (1980) folgern daraus, dass ein Steuerwettbewerb unter eigennutzmaximierenden Regierungen (Leviathan-Regierungen) immer vorteilhaft für die Bevölkerung ist. Bailey et al. (2004) würden dieses rationale Verhalten des Runterkonkurrierens der Steuersätze als ein „Race to the Bottom“ interpretieren.

Ein ähnlicher Mechanismus kann formuliert werden, wenn Staaten über Bildungsleistungen -oder allgemein über Subventionen- konkurrieren. Staaten verhalten sich dann in umgekehrter Weise, wie bei einem Steuerwettbewerb, so dass auf eine ausführliche Herleitung verzichtet werden kann und hier nur der Ansatz dieses Wettbewerbs aufgezeigt wird. Setzt also Land i die Bildungsqualität oder die Bildungsleistungen höher an als Land j, so erhält Land i mehr Studenten als Land j. Land j reagiert darauf mit einer Erhöhung seiner Qualität. Man würde also ein „Race to the Top“ feststellen (vgl. Bailey et al. 2004). Dies impliziert, dass ein Wettbewerb um mobile Studenten zu einer höheren Bildungsqualität führt.

Inwieweit diese Verhalten theoretisch und empirisch belegt werden können, wird in den folgenden Abschnitten aufgearbeitet.

3.2 Wettbewerb um mobile Studenten

Abschnitt 3.2 verfolgt den Wettbewerb um mobile Studenten und deren Auswirkungen. Der Hauptteil der Literatur beschäftigt sich in diesem Kontext hauptsächlich mit der Frage der Finanzierung von Bildung und deren Bereitstellung. Weitestgehend wird in diesen Analysen von den positiven Effekten mobiler Studenten abstrahiert. Ein Beispiel für einen solchen positiven Effekt wäre z.B. der Aufbau einer zukünftigen größeren Steuerbasis (Kemnitz 2007, S. 11).

3.2.1 Bildungsqualität und Effizienzwirkungen von Studiengebühren

Büttner und Schwager (2004) untersuchen die Bereitstellung von Bildungsleistungen sowie deren Qualität, wenn Studenten zwischen einzelnen Universitäten verschiedener Länder i frei wählen können. Dafür modellieren sie ein Modell mit zwei nicht unbedingt symmetrischen Staaten, die um mobile Studenten konkurrieren. Die Entscheidungsfindung des Individuums hängt im Modell einmal von den persönlichen Migrationskosten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten ab[14] sowie dem Lohn Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten, den die Studenten im Anschluss an ihre Ausbildung erhalten. Dieser ist abhängig von der Qualität der besuchten Hochschule Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Mit Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten sind landesspezifische Migrationskosten beschrieben, die unter Personen eines Landes gleich sind, aber von Land zu Land verschieden. Die Entscheidung, ob ein Student migriert oder nicht, hängt von dem Lohn ab, den er erzielen kann, wenn er im Inland oder im Ausland (abzüglich den Migrationskosten) studiert:

(1) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten (Entscheidungsbedingung für eine Migration).

Die Qualität der Hochschule ist zusätzlich für einen Forschungsertrag verantwortlich, der nicht direkt an die Bevölkerung ausgezahlt wird, aber dennoch der Wohlfahrt der Menschen zu Gute kommt. Verantwortlich dafür sind z.B. positive externe Effekte auf umliegende Unternehmen, die von der Forschungsleistung der jeweiligen Universität profitieren.[15]

(2) beschreibt dann die Wohlfahrtsfunktion des Landes i, die von einer benevolenten Regierung maximiert wird. Das Integral auf der rechten Seite gibt den aggregierten Lohn aller Abiturienten des Landes i an, die in einem anderen Land j studieren. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten drückt den aggregierten Lohn der Studenten aus, die im heimischen Land bleiben und dort studieren. Die beiden verbleibenden Ausdrücke beschreiben noch den Forschungsertrag Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten sowie die Kosten für die Bereitstellung der Hochschulen Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Beide Beträge werden jeweils gewichtet durch einen landesspezifischen Parameter Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten bzw. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

(2) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Keine Berücksichtigung in der Wohlfahrtsfunktion finden die vom Ausland einwandernden Abiturienten, da die Politik im Inland durch die annahmegemäß immobilen Eltern bestimmt wird. Diese entscheiden nur zum Wohle ihrer Kinder.

Büttner und Schwager (2004) leiten dann eine Gleichgewichtssituation her, indem beide Länder simultan ihre Zielfunktion maximieren. Im Gleichgewicht herrscht allerdings eine ineffizient niedrige Versorgung mit Bildungsleistungen. Dies ist auf ein Trittbrettfahrerverhalten (Free-Riding) der ausländischen Studenten zurückzuführen, die das heimische Bildungssystem kostenlos nutzen können. So berücksichtigt ein Staat in seinem Optimierungskalkül nur die Produktivität der eigenen Studenten, aber nicht die positiven Auswirkungen auf die ausländischen Zuwanderer. Durch den positiven fiskalischen externen Effekt auf die ausländischen Studenten wird dann weniger Bildung angeboten als es gesamtgesellschaftlich optimal wäre. Ein Gleichgewichtszustand, in welchem ein zentraler Planer die Bildungsniveaus aller Länder gemeinsam betrachtet, führt in diesem Fall zu einer effizienten Allokation, da alle externen Effekte vollständig berücksichtigt werden. Unter einer dezentralen Bestimmung der Bildungsleistungen kann deshalb die Einführung von Studiengebühren zu einer Effizienzerhöhung führen, da ebenfalls die positiven fiskalischen externen Effekte, zumindest teilweise, internalisiert werden könnten.[16]

Daran anknüpfend stellen Büttner und Schwager (2004) eine strategische Substitutionalität der bereitgestellten Bildungsqualitäten fest. Wenn z.B. ein Land seine Qualität ausweitet, so wird es für einige Studenten des anderen Landes attraktiver dort zu studieren. Dies führt dazu, dass das Land mit der relativ niedrigeren Qualität seine Hochschulausgaben zurückfährt, da weniger Studenten die heimischen Hochschulen nutzen. Es entsteht kein exzessiver Wettbewerb um mobile Studenten über höhere Bildungsqualitäten und damit kein „Race to the Top“ (siehe 3.1). Die Bildungsqualität stellt sich somit als ein effektives Instrument für diejenigen Staaten heraus, die Studenten anlocken wollen. Empirische Evidenz für das Vorliegen einer solchen regionalen Verteilungswirkung unter den Bundesländern in Deutschland wird im nächsten Kapitel gegeben. Ob so eine Verteilungswirkung auch zwischen ausländischen Staaten besteht, konnte noch nicht verifiziert werden.

3.2.2 Höhe von Studiengebühren

Nach der Erkenntnis, dass Studiengebühren zu einer Effizienzerhöhung führen, bleibt als nächster Schritt die Ermittlung einer optimalen Höhe. Schwager (2007) nutzt deshalb das Modell von Büttner und Schwager (2004) und modifiziert es geringfügig. So kommt die Annahme hinzu, dass ausländische, mobile Studenten m, mehr durch die ihnen zukommende Bildung profitieren, als immobile Studenten l. Dies wird dadurch begründet, dass mobile Studenten höher motiviert sind oder auch eine höhere akademische Befähigung mitbringen.[17] Eine weitere Modifikation ist, dass die Kosten für die Hochschule nicht nur von der Hochschulqualität q abhängen, sondern ebenfalls davon, wie viele Studenten die Hochschule besuchen. Die Kostenfunktion lautet dann Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten. Jeder Staat hat die Möglichkeit seine eigenen Studiengebühren t zu setzen. Weiterhin können sie frei über die Hochschulqualität sowie die maximale Anzahl an ausländischen Studenten bestimmen.

Unter Maximierung der Wohlfahrtsfunktion (3), die auch die Studiengebühren berücksichtigt, stellt Schwager (2007) die Marginalbedingung (4) auf, dass im Optimum ein zusätzlicher ausländischer Student die zusätzlichen Kosten tragen sollte, die er verursacht.[18] Trägt somit jeder Student seine Kosten für sein Studium, so kommt es zu keinen externen Effekten und die Wohlfahrt der Gesellschaft wird maximiert.

(3) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(4) Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allerdings ist die Hochschulfinanzierung zu einem großen Teil in öffentlicher Hand, die keine Gebühren zur vollständigen Deckung der Studienkosten erhebt (OECD 2007, S. 210 - 222). Warum dies unter Umständen auch sinnvoll ist, wird noch in den nächsten Abschnitten näher betrachtet.

Del Rey (2001) und Gérard (2007) stellen wegen der öffentlichen Beteiligung an der Hochschulfinanzierung fest, dass Staaten aus Effizienzsicht eine Preisdiskriminierung zwischen inländischen und ausländischen Studenten vornehmen sollten, da die ausländischen Studenten wieder in ihr Heimatland zurückkehren könnten und somit keinen Beitrag zur Finanzierung des Bildungssystems leisten.[19] Die inländischen Studenten bezahlen ihre Bildung hingegen entweder über ihre Eltern, die Steuern zahlen oder durch ihre eigenen Steuerzahlungen im Anschluss an das Studium. Solange die beiden Arten der indirekten Bildungsfinanzierung von ausländischen Studenten nicht genutzt werden, sollten die Studiengebühren für ausländische Studenten höher ausfallen. Ein massives Free-Riding des Studiensystems, ohne irgendeine Form der Kompensation, führt sonst wiederum zu einer Unterversorgung mit Bildungsleistungen.

Schwager (2007) kann aber dennoch auf den ersten Blick kein allgemeines Marktversagen im Bezug auf die dezentrale Bereitstellung von Bildung erkennen. Die Marktlösung auf dezentraler Basis wird nur dann verfehlt, wenn die Länder ihre Gebühren nicht frei festlegen dürfen. Wird die Gebühr sehr niedrig angesetzt bzw. vorgegeben, so reicht es eine niedrige Qualität anzubieten, um mobile Studenten anzulocken. Die niedrige Qualität würde aber die immobilen Studenten schädigen. Bei sehr hohen Studiengebühren muss auch die Qualität dementsprechend hoch sein, um Studenten zu akquirieren, die bereit sind, die Gebühren zu leisten. Dann allerdings zahlt der Staat für eine Hochschulbildung, die über den Bedürfnissen der einheimischen Studenten liegt. Wird also die Höhe der Studiengebühren zentral festgelegt, verzerrt dies immer die Entscheidung, welche Qualität zu wählen ist.

3.3 Wettbewerb um mobile Absolventen

Nachdem nun in Abschnitt 3.2 die Auswirkungen des Wettbewerbs um mobile Studenten behandelt wurden, geht es nun um die Konsequenzen des Wettbewerbs um mobile Absolventen. Die Literatur macht hier häufig keine Unterschiede zwischen Fachkräften, hochqualifizierten Arbeitern oder Absolventen. So wird bei manchen Arbeiten nur im einem Nebensatz darauf hingewiesen, dass es sich bei den Fachkräften um Absolventen handeln könnte (vgl. z.B. Justman und Thisse 2000, S. 248 oder Poutvaara 2000, S. 701).

3.3.1 Bereitstellung von Bildungsleistungen

Justman und Thisse (2000) untersuchen die optimale Bereitstellungsmenge an Bildungsleistungen, wenn Staaten um mobile Absolventen konkurrieren. Aus Vereinfachungsgründen wird dabei die Bereitstellung zunächst der öffentlichen Hand überlassen. Es wird explizit angenommen, dass manche Absolventen eine höhere Neigung haben zu migrieren als andere. Hauptsächlich ist in dem Modell aber die Migrationsentscheidung von Lohndifferenzen zwischen den Ländern abhängig. Ein weiterer Faktor bilden sonstige Subventionen, die der Staat stiftet. Steuern spielen hier keine Rolle, weshalb ein Steuerwettbewerb nicht beobachtet werden kann. Justman und Thisse (2000) nehmen weiterhin an, dass es neben den bereits angesprochenen gebildeten Arbeitskräften, nur noch einen zweiten immobilen Produktionsfaktor gibt. Die Migrationskosten in diesem Modell sind strikt größer null, im Gegensatz zu anderen Modellen (vgl. Schwager und Büttner 2003 oder Krieger und Lange 2008), was eine Affinität zum Heimatland impliziert.

Als Ergebnis erhalten Justman und Thisse (2000), dass aus Allokationssicht eine zentrale Lösung am effizientesten ist. Die Bewertung einer dezentralen Bereitstellung von Bildungsleistungen ist hingegen nicht eindeutig. Sie hängt davon ab, welchen politischen Anteil die Regierung den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in ihrer jeweiligen Wohlfahrtsfunktion beimisst (siehe ebenfalls Poutvaara 2006).[20] Allgemein bestimmt sich die Zielfunktion B für die Region i wie in (5) dargestellt. Der erste Term der Zielfunktion steht dabei für den Lohn der heimischen Fachkräfte, die im Heimatland bleiben. Der nachfolgende Term steht für den Lohn der eingewanderten Fachkräfte. Der mittlere Teil beschreibt den Teil der heimischen Fachkräfte, die emigriert sind. Die letzten beiden Terme bestimmen dann noch einmal das Einkommen des heimischen immobilen Faktors sowie die Bildungsausgaben im Land i.[21]

[...]


[1] Da der Begriff „Student“ im Folgenden häufiger verwendet wird, wird er aus Gründen der Vereinfachung für weibliche sowie für männliche Studenten genutzt.

[2] Diese Entwicklung findet ihre Ursachen z. B. in dem ständig wachsenden Welthandel oder der Expansion von international tätigen Unternehmen (Salt 1997, S.3). Aber auch sinkende Transportkosten und die fortschreitende Entwicklung in der Kommunikationstechnologie haben zur Mobilität beigetragen (Gribble 2008, S. 26).

[3] „Bildung“ bezieht sich im weiteren Verlauf der Arbeit auf die Hochschulbildung des tertiären Bildungsbereichs.

[4] Im Jahr 2000 gab es 1.818.759 Studenten weltweit, die nicht in ihrem Heimatland studierten. Davon entfielen 1.545.534 auf OECD-Länder (OECD 2007, S. 324).

[5] Die Auswahl der Staaten erfolgte einmal nach Größe der Zu- und Abflüsse, europäischer Relevanz sowie nach einigen interessanten Sonder- und Referenzfällen, wie z.B. Zypern.

[6] China wurde in der Abbildung 5 nicht beachtet, da keine Werte für die „inbound mobility“ im Jahre 2005 vorlagen.

[7] Siehe Abschnitt 4.1 für empirische Arbeiten zu diesem Thema.

[8] In diesem Kontext spricht man auch häufig von Brain Drain im klassischen Sinne und zwar genau dann, wenn die Studenten nach ihrem Studium nicht wieder zurück kehren. Obwohl sich die Arbeit nicht explizit mit Brain Drain beschäftigt, so sei der Vollständigkeit halber, diese Intention zur Mobilität mit aufgezeigt.

[9] Kim (1998) behandelt aber nicht den klassischen Brain Drain Effekt, der dann entstehen würde, wenn die Studenten, die im Ausland studieren, nicht in ihr Land zurückkehren. So nimmt er an, dass die auswärtigen Studenten mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit zurück kehren.

[10] Empirische Evidenz für eine anschließende Heimkehr nach dem Studium haben Jahr et al. (2002, S. 36) festgestellt. So gehen 47% der europäischen Studenten, die im Ausland studiert haben, nach ihrem Studium wieder zurück in ihr Heimatland.

[11] Ebenfalls Jahr et al. (2002, S. 36) konnten herausfinden, dass 42% aller Studenten, die im Ausland studierten, noch mindestens vier Jahre nach Studienende im Gastland arbeiteten.

[12] Für eine graphische Herleitung der einzelnen Effekte siehe Anhang B.

[13] Diese Studenten werden im weiteren Verlauf der Arbeit als Absolventen, Fachkräfte oder auch als qualifizierte Arbeiter behandelt.

[14] Die Migrationskostenmüssen nicht unbedingt positiv sein, da sie auch nichtmonetäre Nutzeneinbußen oder -gewinne beinhalten, wie z.B. dass getrennt sein von der Familie als negativer Effekt oder die Erfahrungen einer anderen Kultur als positiver Effekt.

[15] Denkbar ist in diesem Zusammenhang, dass Unternehmen von der Expertise der Universitäten profitieren. Außerdem könnten durch Unternehmensgründungen aus der Universität neue Arbeitsplätze im Umfeld entstehen.

[16] Das Allokationsergebnis einer dezentralen Lösung steigt ebenfalls, wenn die Mobilität der Studenten zurückgeht. Da die Staaten nur den Lohn der im Inland Studierenden beeinflussen können, lohnen sich Bildungsinvestitionen umso mehr, je höher die Mobilitätskosten steigen (Büttner und Schwager 2004,
S. 11 und 12).

[17] Diese Annahme scheint plausibel zu sein, wenn man überlegt, dass die Zulassung an einer ausländischen Universität häufig von den Noten abhängig ist oder von den erreichten Punkten eines „Intelligenztest“ wie den GRE oder GMAT. Außerdem ist eine hohe Motivation der Studenten erforderlich zur Bewältigung aller administrativen Angelegenheiten (z.B. eventuell Visa, Wohnungssuche, Anreise, Sicherung der Finanzierung usw.).

[18] (3): Der erste Summand beschreibt das Einkommen der immobilen Studenten, indem lj die Anzahl der Studenten in der Gebietskörperschaft j sind und die Lohnfunktion für einen immobilen Studenten. Mit mj ist die Anzahl der mobilen Studenten in j beschrieben. Diese ergeben zusammen mit der Studienabgabe tj das Gebührenaufkommen der mobilen Studenten. Der letzte Teil beschreibt die Kosten in Abhängigkeit der Hochschulqualität qj sowie die Anzahl der Studenten in j, lj + mj.

[19] Die Preisdiskriminierung verstößt allerdings gegen europäisches Recht, so dass dieser Schritt für europäische Länder eine rein theoretische Überlegung bleibt (vgl. dazu das Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 13.02.1985, Fall 293/83, Gravier vs. Stadt Lüttich [Internetquelle]).

[20] Unabhängig von der Gewichtung der Emigranten in der jeweiligen Wohlfahrtsfunktion sind die effizienzerhöhenden Wirkungen von Studiengebühren (vgl. Poutvaara 2006).

[21] (5): stehen für die Gewichtungen der politischen Kräfte zugunsten der jeweiligen Bevölkerungsgruppe. w beschreibt den Lohn bzw. den Faktorpreis für Humankapital im Inland i bzw. im Ausland j. p steht für die Wahrscheinlichkeit, dass ein Absolvent nach seiner Ausbildung die Region verlässt und in eine andere Region migriert (pij) bzw. nicht migriert (pii). si ist gleich der Menge der zur Verfügung stehenden Bildung (im Sinne von Ausbildungsplätzen). Mit c als marginaler Kostenrate für Bildung pro Einheit Humankapital (konstant in allen Ländern) beschreibt csi die Bildungsausgaben in Land i. ri ist der Faktorpreis des immobilen Faktors und mi steht für die Höhe des immobilen Faktors.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Der internationale Wettbewerb um mobile Studenten - Theorie und Evidenz
Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
61
Katalognummer
V129092
ISBN (eBook)
9783640352548
ISBN (Buch)
9783640352364
Dateigröße
1251 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Studenten, Wettbewerb, Bildungsökonomie, Bildung, Bildungsfinanzierung, Absolventen, Student
Arbeit zitieren
Jens Ruhose (Autor), 2008, Der internationale Wettbewerb um mobile Studenten - Theorie und Evidenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129092

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