Die Bedeutung von Religion als grundlegendes Muster menschlichen Handelns wird seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt wahrgenommen, sowohl von der Geschichtswissenschaft als auch von den ökonomischen Disziplinen.
Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Religionsökonomie als Unterdisziplin der Religionswissenschaft. Neben Finanzierungsfragen von Religion und der Beschreibung von Religion mittels ökonomischer Modelle behandelt sie die Frage, in wie weit religiöses Handeln und Verhalten von Einzelnen und Gemeinschaften wirtschaftlich relevant ist.
Auch in den ökonomischen Disziplinen hat man begonnen, sich mit Kultur und damit auch mit Religion als einem Teil von Kultur auseinander zu setzen. Einflüsse von Kultur auf ökonomisches Handeln werden erforscht und die gewonnen Erkenntnisse umgesetzt.
Das Bild des Menschen, das vom Paradigma der rationalen Wahl propagiert wird, ist der nach Nutzenmaximierung strebende, perfekt informierte Homo-Oeconomicus, mit dem bisher ökonomisches Verhalten erklärt wurde. In diesem Modell kommt Religion aber nicht vor. Die Institutionenökonomik als ein Teilbereich der Ökonomik hat in jüngerer Zeit mit dem sich von der Rational-Choice-Theorie absetzenden Konzept der überindividuell geteilten mentalen Modelle einen Ansatz hervorgebracht, mit dem die Beschreibung von Einflüssen religiöser Vorstellungen auf das Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen möglich ist. Ihn zeichnet aus, dass er sich in Unsicherheit befindet, also nicht alle Handlungsalternativen und daraus resultierenden Konsequenzen kennt und daher nur begrenzt rational handeln kann.
Zunächst werden in Kapitel2 Begriffsbestimmungen vorgenommen. In Kapitel3 soll zunächst die Rational-Choice-Theorie dargestellt werden. Sie ist das Modell, mit dem wirtschaftliches Verhalten bislang beschrieben wurde. Es schließt sich die Untersuchung an, ob Religion in der Rational-Choice-Theorie Platz findet. Kapitel4 stellt das Konzept der mentalen Modelle dar, welches kulturelle Faktoren in die Beschreibung von wirtschaftlichen Zusammenhängen einführt. In Kapitel5 wird die Übertragung des Konzepts der mentalen Modelle auf den Bereich Religion unternommen. Anschließend findet in Kapitel6 eine Diskussion der beiden Ansätze auf ihre Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Darstellung von Religion in wirtschaftlichen Situationen statt. Kapitel7 schließt mit einer Annäherung an die Realität und einer Schlussbetrachtung die Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
2 Begriffsbestimmungen
2.1 Handeln
2.2 Wirtschaftliches Handeln
2.3 Religion
2.4 Modell
3 Darstellung der Rational-Choice-Theorie
3.1 Historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus-Modells
3.2 Darstellung der Rational-Choice-Theorie
3.2.1 Der Homo-Oeconomicus als Menschenbild der Rational-Choice-Theorie
3.2.2 Sechs Grundannahmen des Modells
3.2.3 Der Homo-Oeconomicus in Entscheidungssituationen
3.2.4 Koordination und Interdependenz des Homo-Oeconomicus
3.3 Kritische Würdigung der Rational-Choice-Theorie unter Zuhilfenahme der drei Dimensionen nach R. Manstetten
3.3.1 Die axiomatische Dimension des Modells: Kritik am methodologischen Individualismus
3.3.2 Die phänomenologische Dimension: Kritik an der Realitätsferne der Annahmen
3.3.3 Die ethisch-politische Dimension: Kritik am Menschenbild der Rational-Choice-Theorie
3.4 Die Rational-Choice-Theorie und Religion
3.4.1 Vom Haushaltsmodell zum Markt der Religionen – Die Anwendung Ökonomischer Theorie zur Beschreibung von Religion
3.4.2 Religion als Präferenz im Ökonomischen Modell
3.5 Fazit
4 Darstellung des Konzepts der Shared Mental Models
4.1 Forschungsprogramm der Institutionenökonomik
4.2 Kritik an der Rational-Choice-Theorie durch die Institutionenökonomik
4.3 Modellierung von Entscheidungssituationen in der Institutionenökonomik
4.4 Verhaltenswirkung mentaler Modelle
4.4.1 Der deskriptive Charakter von mentalen Modellen
4.4.2 Der präskriptive Charakter von mentalen Modellen
4.4.3 Lernen: Über die Entstehung mentaler Modelle
4.4.4 Direktes Lernen aus eigener Erfahrung
4.4.5 Indirektes Lernen durch Kommunikation
4.5 Kommunikation und Kultur
4.6 Ideologien
4.7 Institutionen
4.8 Organisationen
4.9 Fazit
5 Das Konzept der Shared Mental Models und Religion
5.1 Übertragung des Modells auf den Bereich Religion
5.2 Wirkung von Religion auf wirtschaftliches Verhalten
5.2.1 Funktionale Wirkung von Religion
5.2.2 Dysfunktionale Wirkung von Religion
5.3 Fazit
6 Diskussion des Konzepts der Shared Mental Models
6.1 Historisch-Kritische / Hermeneutische Diskussion
6.2 Diskussion des Konzepts der mentalen Modelle
6.2.1 Menschenbild
6.2.2 Religion
6.2.3 Interaktion und Koordination
6.2.4 Restriktionen versus Präferenzen
6.2.5 Transaktion
6.3 Fazit
6.4 Zur Anwendung des Konzepts der mentalen Modelle in der Religionswissenschaft
6.4.1 Aussagekraft von Modellen
6.4.2 Religionswissenschaft und mentale Modelle
6.4.3 Religionswissenschaft und Rational-Choice
7 Ausblick und Schlussbetrachtung
7.1 Ausblick: Annäherungen an die Wirklichkeit
7.2 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, den Einfluss von Religion auf wirtschaftliche Entscheidungssituationen aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive zu beschreiben. Dabei wird untersucht, ob das Konzept der Shared Mental Models aus der Institutionenökonomik einen adäquateren Analyserahmen bietet als die klassische Rational-Choice-Theorie, um religiös geprägtes menschliches Handeln in wirtschaftlichen Zusammenhängen abzubilden.
- Vergleich zwischen klassischer Rational-Choice-Theorie und dem Konzept der Shared Mental Models
- Analyse der Wirkungsweisen von Religion als kultureller Faktor in ökonomischen Modellen
- Untersuchung von funktionalen und dysfunktionalen Wirkungen religiöser mentaler Modelle auf wirtschaftliches Handeln
- Diskussion der Anwendbarkeit konstruktivistischer Ansätze der mentalen Modelle in der Religionswissenschaft
- Reflexion über die Grenzen ökonomischer Modellierungen bei der Beschreibung religiöser Überzeugungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus-Modells
Im siebzehnten Jahrhundert wurde damit begonnen, die Regierenden zu beraten, »durch welche Maßnahmen in ihrem Staat die Produktivität gefördert und der Wohlstand vermehrt werden könnte – wobei sich das Interesse letztlich auf die Vermehrung des Staatsschatzes erstreckte.« (Manstetten 2000, 39) Diese »politische Ökonomie« beschäftigte sich mit Güterproduktion, Distribution, Märkten, Verkehrsverhältnissen, Geldwesen sowie rechtlichen, politischen und sozialen Institutionen (vgl. Manstetten 2000, 38).
Die im Verlauf dieses Kapitels betrachteten Theorien der rationalen Wahl orientieren sich an dem Programm der schottischen Moralphilosophen, deren wichtigster Vertreter – neben David Hume und Adam Ferguson – insbesondere Adam Smith und seine klassische Ökonomie ist (vgl. Vanberg 1975, 5). Dieser treibt mit seinem Werk die Trennung von Staat und Wirtschaft voran. Seine Empfehlungen zur Vermehrung des Besitzes sind nicht mehr vornehmlich an die Herrschenden des Staates gerichtet, sondern an den einzelnen im Staat wirtschaftenden Bürger. Er geht davon aus, »dass die Wirtschaft ein System sei, dessen Funktion für das politische Ganze am besten gewährleisten werde, wenn man ihm weitgehend freien Lauf lasse« (Manstetten 2000, 47) und postuliert 1776 in seinem Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the wealth of Nations ein System der »natürlichen Freiheit des Menschen«, in dem der Staat dem Bürger erlaubt, »frei sein eigenes Interesse zu verfolgen und demgemäß seinen Erwerbsfleiß und sein Kapital einsetzen lässt« (Manstetten 2000, 47). Dadurch »wird Wirtschaft als System in (annähernd) reiner Form erkennbar: als ein sozial nützlicher Ordnungszusammenhang, der sich einstellt, wenn die Menschen im Rahmen der Gesetze die Freiheit haben, so tätig zu sein, wie es ihre Natur ihnen eingibt. Smith selbst verwendet den Begriff Homo-Oeconomicus nicht. Sein Vertrauen in die Menschennatur entsprang eher einem ethisch religiösen Hintergrund als in heutigem Sinne ökonomische Erwägungen. Aber die Denkmigur des Systems der natürlichen Freiheit wurde, losgelöst von den Kontexten, in denen Smith sie konzipiert hatte, zur Grundlage der Wissenschaft der Ökonomik« (Manstetten 2000, 47).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz von Kultur und Religion für ökonomische Disziplinen ein und formuliert das Forschungsziel, die Eignung des Konzepts der Shared Mental Models für die Religionswissenschaft zu prüfen.
2 Begriffsbestimmungen: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Handeln, wirtschaftliches Handeln, Religion und Modell, die für die weiteren Analysen der Arbeit die methodische Grundlage bilden.
3 Darstellung der Rational-Choice-Theorie: Es erfolgt ein Überblick über die historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus und eine kritische Würdigung der Rational-Choice-Theorie anhand dreier Dimensionen nach R. Manstetten, gefolgt von einer Untersuchung ihrer Anwendung auf Religion.
4 Darstellung des Konzepts der Shared Mental Models: Dieses Kapitel führt in die Institutionenökonomik ein und erläutert detailliert das Konzept der mentalen Modelle, deren Entstehung durch Lernen sowie ihre verhaltenssteuernde Wirkung.
5 Das Konzept der Shared Mental Models und Religion: Hier wird das Konzept der mentalen Modelle direkt auf den Bereich Religion übertragen und diskutiert, wie Religion als identitätsprägender Faktor wirtschaftliches Verhalten funktional oder dysfunktional beeinflussen kann.
6 Diskussion des Konzepts der Shared Mental Models: Das Kapitel bietet eine historisch-kritische Einordnung und diskutiert die Leistungsfähigkeit des Ansatzes im Vergleich zur klassischen Rational-Choice-Theorie sowie dessen Anwendungspotenzial für die Religionswissenschaft.
7 Ausblick und Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die Faktoren, die menschliche Präferenzen beeinflussen, und zieht ein Fazit zur Tragfähigkeit des Konzepts für die Beschreibung religiösen Einflusses auf die Wirtschaft.
Schlüsselwörter
Rational-Choice-Theorie, Homo-Oeconomicus, Shared Mental Models, Institutionenökonomik, Religion, Religionsökonomie, Mentale Modelle, Individuum, Institutionen, Verhalten, Wirtschaft, Methodologischer Individualismus, Konstruktivismus, Kultur, Interdependenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Diplomarbeit untersucht das Verhältnis von Religion und wirtschaftlichem Handeln. Sie analysiert, wie religiöse Einflüsse in ökonomischen Entscheidungssituationen modelliert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die klassische ökonomische Theorie (Rational-Choice), die Institutionenökonomik, das Konzept der mentalen Modelle sowie die Religionswissenschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu ermitteln, ob das Konzept der "Shared Mental Models" besser geeignet ist, religiös geprägtes Verhalten in ökonomischen Zusammenhängen zu beschreiben, als das bisher dominierende Rational-Choice-Modell.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die einen interdisziplinären Ansatz zwischen Ökonomik und Religionswissenschaft verfolgt, indem sie existierende Theorien und Modelle (Rational-Choice und Shared Mental Models) kritisch aufeinander bezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Rational-Choice-Theorie, deren Kritik durch die Institutionenökonomik, die detaillierte Einführung des Konzepts der mentalen Modelle und deren Anwendung auf religiöse Phänomene sowie eine abschließende Diskussion der Anwendbarkeit dieser Modelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Rational-Choice-Theorie, Homo-Oeconomicus, Shared Mental Models, Institutionenökonomik, Religion, mentale Modelle und wirtschaftliches Handeln.
Warum wird der Homo-Oeconomicus als Modell kritisiert?
Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Realitätsferne der Annahmen (z.B. perfekte Information, rein eigennütziges Handeln) und die Vernachlässigung kultureller und ethischer Faktoren, die menschliches Verhalten maßgeblich beeinflussen.
Wie unterscheiden sich direkte und indirekte Lerneffekte bei mentalen Modellen?
Direktes Lernen erfolgt durch die eigene Erfahrung des Individuums in der Umwelt, während indirektes Lernen durch Kommunikation mit anderen Individuen und den Austausch über geteilte Wissensbestände stattfindet.
Was versteht die Arbeit unter einer funktionalen Wirkung von Religion?
Funktionale Wirkungen sind solche, die durch religiöse Überzeugungen transaktionskostensenkend wirken, etwa durch die Etablierung von Vertrauen innerhalb religiöser Gemeinschaften oder die Stabilisierung altruistischen Verhaltens.
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- Christian Holtbrügger (Author), 2008, Shared Mental Models - Ein institutionenökonomischer Ansatz zur Beschreibung des Einflusses von Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129145