Mit dem weit verbreiteten Gattungsbegriff 'Märchen' assoziiert man intuitiv die bekannten Volksmärchen, die heute in Form von Sammlungen vorliegen, etwa in derjenigen der Brüder Grimm. Zum Figurenpersonal dieser Märchen zählen bekanntermaßen auch Tiere, die meist als treue Begleiter der Helden auftreten. Im Falle E.T.A. Hoffmanns "Der goldne Topf" - einem Kunstmärchen - verhält es sich allerdings anders; die Tiere fungieren als Funktions- und Bedeutungsträger, die auf im Text verborgene Quellen und Stoffe verweisen und Beziehungen zu nicht unmittelbar ersichtlichen Bedeutungsebenen herstellen. Damit sind hermetische und naturphilosophische Schriften gemeint, aber auch die geheimnisvolle Welt der Alchemie. In diesem Text werden die wichtigsten Tiere und ihr metaphorischer Gehalt untersucht. So kann entschlüsselt werden, welche symbolische Funktion sie übernehmen und worauf sie anspielen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Kunstmärchen
2.1 Die geschichtliche Entwicklung des Kunstmärchens
2.2 Zum Gattungsbegriff
3. Die poetisch- ästhetische Funktion der Tierfiguren
3.1 Tiere als Verkünder paradiesischer Harmonie
3.2 Tiere als Repräsentanten des Unheimlichen und Dämonischen
4. Tierfiguren und deren Verbindung zur Alchemie
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Funktionen und die symbolische Bedeutung von Tieren und Tiermetaphern in E.T.A. Hoffmanns Märchen "Der goldne Topf". Dabei wird analysiert, wie diese Figuren als Träger ästhetischer, strukturierender und alchemistischer Bedeutungen zur Charakterisierung der Handlung beitragen.
- Die poetisch-ästhetische Funktion von Tierfiguren
- Tiere als Vermittler paradiesischer Harmonie
- Repräsentation des Unheimlichen und Dämonischen durch Tiere
- Verbindung von Tierfiguren zur alchemistisch-hermetischen Symbolik
- Die Rolle der Tiere im Entwicklungsprozess des Protagonisten Anselmus
Auszug aus dem Buch
3. Die poetisch- ästhetische Funktion der Tierfiguren
Die ersten Tiere, die dem tollpatschigen und melancholischen Studenten Anselmus in Dresden begegnen, sind die drei grün- golden glänzenden Schlangen. Sie sind die Töchter des Archivarius (bzw. Salamander) Lindhorst, hervorgegangen aus dessen "Liebe zur grünen Schlange" (vgl. HOFFMANN 1999, S. 85). Es ist Lindhorst, der die Tiere aus dem Hintergrund und für den Leser zunächst nicht ersichtlich manipuliert und dirigiert und somit für die ästhetische, die Harmonien schaffende wie die strukturelle Funktion der Schlangen verantwortlich ist. Auch wenn die Schlangen zunächst als Trio auftreten, agieren zwei von ihnen doch hauptsächlich, um die dritte, Serpentina, einzuführen (vgl. BEARDSLEY 1985, S. 42). Serpentina ist es, die Anselmus' verborgen schlummernde poetische Sinne weckt und ihm zur endgültigen Aufnahme in ihre paradiesische Heimat, ins Reich der wiederhergestellten Harmonie, verhilft. Dieses Paradies ist im Märchen mit Atlantis bezeichnet. Wie dies geschehen soll, wird in der achten Vigilie erzählt:
Findet sich dann in der dürftigen armseligen Zeit der innern Verstockt ein Jüngling, der ihren Gesang vernimmt, ja, blickt ihn eine der Schlänglein mit ihren holdseligen [blauen] Augen an, entzündet der Blick in ihm die Ahnung des fernen wundervollen Landes, zu dem er sich mutig emporschwingen kann, wenn er die Bürde des Gemeinen abgeworfen, keimt mit der Liebe zur Schlange in ihm der Glaube an die Wunder der Natur, ja an seine eigene Existenz in diesen Wundern glutvoll und lebendig auf, so wird die Schlange sein. (vgl. HOFFMANN 1999, S. 88)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung bettet das Werk "Der goldne Topf" in den Kontext der Romantik ein und erläutert die Bedeutung von Tieren als Funktions- und Bedeutungsträger im Kunstmärchen.
2. Zum Kunstmärchen: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Kunstmärchens nach und definiert dessen zentrale Merkmale im Gegensatz zum Volksmärchen.
3. Die poetisch- ästhetische Funktion der Tierfiguren: Die Analyse der Tiergestalten zeigt deren gegensätzliche Rollen bei der Vermittlung von paradiesischer Harmonie einerseits und dämonischem Unbehagen andererseits auf.
4. Tierfiguren und deren Verbindung zur Alchemie: Das Kapitel verknüpft die Tierdarstellungen mit der esoterischen Tradition der Alchemie und der metaphorischen Verwandlung des Helden.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Fruchtbarkeit alchemistischer Deutungsansätze zur Entschlüsselung des Symbolgehalts der Tiere.
Schlüsselwörter
E.T.A. Hoffmann, Der goldne Topf, Kunstmärchen, Romantik, Tierfiguren, Alchemie, Symbolik, Serpentina, Anselmus, Atlantis, hermetische Literatur, Phantasie, Metamorphose, Äpfelweib, Archivarius Lindhorst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die spezifische Rolle und Funktion von Tieren und Tiermetaphern innerhalb der Erzählung "Der goldne Topf" von E.T.A. Hoffmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die ästhetische Gestaltung des Kunstmärchens, die dualistische Darstellung der Tiere (gut vs. böse) sowie die Einbettung der Tierwelt in alchemistische Kontexte.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor der Arbeit?
Ziel ist es, den Symbolgehalt der Tiere als strukturierende Elemente zu entschlüsseln, die den Entwicklungsweg des Studenten Anselmus zum Dichter maßgeblich beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, welche die Primärliteratur vor dem Hintergrund romantischer und hermetischer Traditionen sowie alchemistischer Fachbegriffe interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert zum einen die Tiere als Verkünder der paradiesischen Ordnung (insbesondere Serpentina) und zum anderen deren Einsatz als Repräsentanten des Dämonischen und Unheimlichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Wesentliche Begriffe sind E.T.A. Hoffmann, Kunstmärchen, Alchemie, Tierfiguren, Romantik, Symbolik und die Metamorphose des Protagonisten Anselmus.
Welche Bedeutung kommt der Figur der Serpentina im Kontext der Tiere zu?
Serpentina dient als Symbol der Poesie und paradiesischer Harmonie, die den Protagonisten Anselmus aus seinem bürgerlich-philiströsen Leben in das Reich Atlantis führt.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Äpfelweibes von der des Archivarius Lindhorst in Bezug auf die Tierwelt?
Während Lindhorst Tiere zur Konstruktion ästhetischer Harmonien einsetzt, nutzt das Äpfelweib (Liese Rauerin) Tiere als Werkzeuge für dunkle Magie und zur Störung der Entwicklung des Helden.
Warum spielt die Alchemie eine so wichtige Rolle für das Verständnis der Erzählung?
Viele der Tierfiguren und deren Interaktionen spiegeln den alchemistischen Prozess der Transmutation wider, was dabei hilft, den "poetischen Werdegang" des Studenten Anselmus allegorisch zu deuten.
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- Sebastian Körtels (Author), 2002, Tiere und Tiermetaphern in E.T.A. Hoffmanns 'Der goldne Topf', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129191