Darf man provozieren auf Kosten der Opfer? Über die Moralität des Films „Elephant“ von Gus Van Sant


Essay, 2006
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen
2.1. Moral
2.2. Provokation

3. Das Massaker von Littleton und seinen Hintergrund

4. Methode

5. Analyse des Filminhalts
5.1. Ziel der Analyse
5.2. Über den Autor des Films
5.3. Wirkung des Filmes
5.4. Inhaltsanalyse des Films „Elephant“
5.4.1. Codiereinheiten
5.4.2. Auswertung der Analyse

6. Schlussfolgerung

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Film „Elephant“ und seinem Inhalt in Bezug auf die Opfer, der Autoren und der Gesellschaft.

Der Film „Elephant“ ist eine Verfilmung vom Schulmassaker in Littleton an der Columbine Highschool. 1999 bewaffneten sich zwei Schüler und erschossen an ihrer Schule 12 Menschen.

Mit dem Wort „Opfer“ sind nicht nur getötete oder verletzte Menschen gemeint, sondern auch Angehörige der ermordeten Schüler und Menschen, die das Ereignis an der Columbine Highschool miterleben mussten. Obwohl „Elephant“ für viele Filmkritiker ein gelungener Film ist, so gibt es viele Aspekte, die diese Verfilmung des Schulmassakers in Littleton als unmoralisch charakterisieren.

Es ist offensichtlich, dass der Film kritisiert und provoziert, aber versetze man sich in die Lage der Opfer des wirklichen Geschehens an der Columbine Highschool, so stellt man sich die Frage: „Wie wirkt dieser Film auf die Leittragenden des Massakers?“ Auch wenn der Film mit seinem Inhalt etwas bewirken will, sind die Grenzen dieser Provokation nicht hinreichend bestimmt. Provokation ist ein wirksames Mittel um die Gesellschaft wach zu rütteln, doch muss dies auf Grundlage eines tragischen Ereignisses geschehen?

Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit, welche ein Schock für die ganzen vereinigten Staaten war. Aber nicht nur für die USA war es ein Schrecken, sondern speziell für alle Schüler, Eltern und Lehrer. Daher ist die Umsetzung dieses Films als skeptisch zu betrachten. Jedoch wurden aber schon ganz andere Ereignisse dieser Art verfilmt. Fragwürdig ist aber, dass die jungen Täter wollten, dass ihre geplante Bluttat verfilmt wird. Dies wäre eventuell ein Grund, die Ermordung von 12 Schülern nicht zu verfilmen.

Auf der deutschen Website des Films „Elephant“ ist kurz erklärt, warum Vant Sant diesen Film drehte. Vant Sant wollte die „...aktuelle Realität einer High School darstellen, eine Realität, die in den letzten Jahren durch Schießereien und Gewaltausbrüche an solchen Schulen verändert wurde...“1. Van Sant begann darüber nachzudenken, wie er einen Film zu dem Thema machen könnte, „...einfach um die Sache mal genauer anzuschauen...“, wie er sagt. „Es gab so viele Schießereien an amerikanischen Schulen wie noch nie. Ich wollte einen Film machen, der einzufangen versuchte, was für eine Stimmung unter den Schülern herrschte, die damals zur Schule gingen.“2

Allerdings hätte man anstatt dieser Verfilmung einen allgemeinen Film über derartige Ereignisse produzieren können, ohne die gesamte Geschichte von Littleton zu verwenden. Der Regisseur benannte auch die Täter im Film wie die Täter an der Columbine Highschool, selbst die Darsteller trugen die Namen wie die Amokläufer.

Für einzelne Angehörige der getöteten Schüler wird es sicher nicht leicht sein den Film „Elephant“ in den Regalen der Kaufhäuser zu finden. Natürlich muss das nicht so sein. Dieser Film kann selbstverständlich auch eine weitere Form der Verarbeitung des Erlebnisses für die Angehörigen sein.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Fragen, ob „Elephant“ einerseits für das gesellschaftliche Zusammenleben förderlich ist und andererseits ob der Film den Hinterbliebenen und Angehörigen des Amoklaufs Leid zufügt indem sie das Geschehen mit eigenen Augen erleben lässt. Aus dem Blickwinkel der Angehörigen könnten einige provokante Szenen unmoralisch wirken. Daher müssen zunächst provokante Szenen herausgefiltert und bewertet werden. Nicht jede provokante Szene muss die Opfer thematisch auf empfindliche Weise treffen. Deshalb muss zwischen den provokativen Szenen differenziert werden. Daraufhin werden sie auf ihren moralischen Gehalt untersucht.

Da die Definitionen von Moral und Provokationen vielfältig sind, sollen diese noch einmal aufgeführt werden.

2. Definitionen

2.1. Moral

Jeder Mensch hat in seinem Leben gelernt, was gut und böse bedeuten. In der Gesellschaft wurden Gesetze festgelegt, aber auch Normen und Werte, die keinerlei Verankerung in Gesetzestexten finden. Schon in frühster Kindheit beginnt sich ein Gewissen in uns auszubilden. Der Mensch weiß also, was der Unterschied zwischen moralisch und unmoralisch ist. Der Begriff Moral kommt aus dem Lateinischen und bedeutet die Sitte betreffend oder die Sittlichkeit im Allgemeinen, auch Ethos genannt und die Sittenlehre. Im modernen Sprachgebrauch hat sich in diesem Zusammenhang der Begriff Ethik durchgesetzt, während unter Moral die tatsächliche Verwirklichung einer sittlichen Haltung verstanden wird. Moral kann auch die Haltung eines Einzelnen oder einer Gruppe, ferner die Nutzanwendung einer Geschichte bedeuten3.

Die Moral beschreibt die Gesamtheit der sittlichen Normen, Werte, Grundsätze, die das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft regulieren und von ihrem überwiegenden Teil als verbindlich akzeptiert oder zumindest hingenommen werden. Moral ist eine Instanz, die es uns ermöglicht in Systemen zusammenzuarbeiten.

Moralisches Handeln bedeutet demnach ein Verhalten nach Sitte und Norm. Das moralische Verständnis wird schon mit der Muttersprache vermittelt. Sprachliche Beispiele wären Pflicht, Gewissen oder Verantwortung und ein Verhaltensbeispiel wäre das gesunde Gerechtigkeitsempfinden gegenüber von Fehlurteilen und Fehlverhalten. Durch Normen und Sitten entwickelt sich das Gewissen, was uns die Grenzen unseres Handelns zeigt. Nach moralischen Verhalten muss ein Mensch Verantwortung übernehmen, für das, was er tut. Jeder hat zwar seinen freien Willen, darf aber nicht so weit gehen, dass er andere Menschen gefährdet. Deshalb muss auf andere geachtet und Rücksicht genommen werden. Das moralische Handeln wird am besten durch den „Kategorischen Imperativ“ ausgedrückt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“4 und „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“5.

2.2. Provokation

Die Provokation ist ein oft bewusstes Reizen, das als Ziel hat, beim Gereizten meist übermäßige Reaktionen hervorzurufen. Provokationen können Übertreibungen bis hin zur Regelverletzung sein. Sie können dazu eingesetzt werden, um Situationen eskalieren zu lassen, etwa bei Demonstrationen oder Streiks.6 Man kann Provokation auch als eine Herausforderung begreifen oder als bewusstes Abweichen im Verhalten von gesellschaftlichen Normen, um auf Schwierigkeiten aufmerksam zu machen oder das Verhalten des "Provozierten" zu ändern.7

Die Provokation ist eine manipulative Strategie, ähnlich wie bei der Intrige oder der Verschwörung wird versucht, jemanden zu einem Verhalten oder zu einer Handlung zu bringen, welche er ohne die Intervention nicht oder nicht so gezeigt hätte. Sie dient unter anderem der Selbstbestätigung oder der subjektiven Realitätskonstruktion. Provokationen sind Auslöser und Verstärker sozialer Konflikte und sie fordern Reaktionen heraus, die ihrerseits wieder als Provokationen aufgefasst werden können.8

Paris definiert Provokation als „...einen absichtlich herbeigeführten überraschenden Normbruch, der den anderen in einen offenen Konflikt hineinziehen und zu einer Reaktion veranlassen soll, die ihn, zumal in den Augen Dritter moralisch blamiert und entlarvt.“9

Der Provokateur legt es darauf an, dass nicht er, sondern der andere als Normbrecher dasteht. Anstatt den anderen offensiv anzugreifen, provoziert man den Angriff des anderen, man kann sich als Opfer des anderen darstellen. Eine Provokation kommt nur zustande, wenn der Andere versteht und annimmt, er muss verstehen, dass er angegriffen wurde und die Herausforderung annehmen, indem er reagiert.10

Ziel der Provokation ist es, den anderen als den darzustellen, der er in den Augen der anderen der Provokateur ist, die Provokation ist also nicht nur eine Technik der Selbstdarstellung, sondern auch der Darstellung des Anderen.11

Aber der Provokateur muss auch die Interpretationsmuster seiner Zuschauer kennen. Er läuft sonst Gefahr, dass seine Handlung als Provokation, als ein niedriger Akt erkannt und geahndet wird. Sie kann dem Zweck dienen, sich von Autoritäten zu befreien, alte und überkommene Konventionen zu brechen, mit ihnen kann auf Probleme und Doppelmoral aufmerksam gemacht werden, sie können zu Diskussionen und so zu einer Modernisierung der Gesellschaft führen. Die Schattenseite der Provokation ist vor allem darin zu sehen, dass der Provokateur das Risiko trägt, sich zu irren, dass seine Annahmen über den Gegner falsch sind oder dass sein Verhalten erst den Gegner zu dem macht, für den er ihn gehalten hat. Außerdem laufen einige Formen des Mobbing auf Provokationen hinaus.12

3. Das Massaker von Littleton und seinen Hintergrund

Das Schulmassaker von Littleton wurde von zwei Schülern an ihrer High School in Columbine nahe Denver im US-Staat Colorado begangen. Eric Harris und Dylan Klebold erschossen am 20. April 1999 in ihrer Schule zwölf Mitschüler, einen Lehrer und schließlich sich selbst.13

Die beiden Schüler erbrachten im Unterricht gute bis sehr gute Leistungen. Beide Jugendlichen waren Außenseiter der Schule. Sie waren mit einigen Mitgliedern einer Gruppe von Außenseitern, die „Trenchcoat Mafia“ genannt wurde, befreundet.14 Die Mitglieder der „Trenchcoat Mafia“ waren meist schwarz gekleidet, hörten Gothic und unterhielten sich teilweise in deutscher Sprache. In der „Trenchcoat Mafia“ waren die beiden jedoch nicht integriert.15

Die beiden Täter interessierten sich für Computer und Philosophie, bewunderten aber auch den Nationalsozialismus, sowie Adolf Hitler. Sie mochten Gewaltfilme, schrieben brutale Gedichte und waren begeistert von 3D Shooter.16 Erfüllt vom Hass gegen die Gesellschaft planten sie das Littleton-Massaker schon ein Jahr zuvor. Der 20. April war kein Zufall, denn es war Hitlers 110. Geburtstag.17

[...]


1 Vgl. www.elephant-derfilm.de/produktion.php

2 Vgl. www.elephant-derfilm.de/produktion.php

3 Vgl. www.wissen.de

4 Vgl. www.ilja-schmelzer.de/Anarchie/Imperativ.html

5 Vgl. www.ilja-schmelzer.de/Anarchie/Imperativ.html

6 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schulmassaker_von_Littleton

7 Vgl. www.sociologicus.de/lexikon/lex_soz/o_r/provokat.htm

8 Vgl. www.students.uni-marburg.de/~Deolivei/provokation.html

9 Paris, Rainer (1998): Stachel und Speer - Machtstudien. Suhrkamp. Frankfurt. S. 58

10 Paris, Rainer (1998): Stachel und Speer - Machtstudien. Suhrkamp. Frankfurt. S. 62

11 Vgl. www.students.uni-marburg.de/~Deolivei/provokation.html

12 Vgl. www.students.uni-marburg.de/~Deolivei/provokation.html

13 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schulmassaker_von_Littleton

14 Vgl. www.elephant-derfilm.de/hintergrund.php

15 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schulmassaker_von_Littleton

16 Vgl. www.elephant-derfilm.de/hintergrund.php

17 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Schulmassaker_von_Littleton

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Darf man provozieren auf Kosten der Opfer? Über die Moralität des Films „Elephant“ von Gus Van Sant
Hochschule
Technische Universität Ilmenau
Veranstaltung
Interkulturelle Kommunikation
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V129198
ISBN (eBook)
9783640361335
ISBN (Buch)
9783668104648
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grenzen, Provokation, Darf, Kosten, Opfer, Moralität, Films
Arbeit zitieren
Andrea Koch (Autor), 2006, Darf man provozieren auf Kosten der Opfer? Über die Moralität des Films „Elephant“ von Gus Van Sant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129198

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