Klassenzimmer als Lebensraum: Einflüsse der Raumgestaltung auf die Lernbereitschaft


Examensarbeit, 2006
115 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. VORWORT

2. EINLEITUNG

3. der (lebens)raum
3.1 Der Raum
3.1.1 Der „gelebte“ Raum
3.2 Kinder und ihr Lebensraum
3.2.1 Veränderungen im leben der Kinder

4. DER KLASSENRAUM ALS LERNFAKTOR
4.1 Das Klassenzimmer
4.2 Das Klassenzimmer als Lernumgebung
4.2.1 Die „Lernumgebung“
4.2.2 Lernumgebung im Klassenzimmer
4.2.3 Die Lernumgebung bei einigen ausgewählten Reformpädagogen
4.2.3.1 Rudolf Steiner (1861 – 1925)
4.2.3.2.Maria Montessori (1870 – 1952)
4.2.3.3 Peter Petersen (1884 – 1952)
4.2.3.4 Célestin Freinet (1896 – 1966)
4.3 Der Raum als Lernfaktor
4.4 Der pädagogische Hintergrund des Lernraumes
4.5 Einflüsse des Klassenraums auf die SchülerInnen
4.5.1 Das Verhalten
4.5.2 Die Lernbereitschaft

5. KLASSENRAUMGESTALTUNG
5.1 Gestaltung von Grundschulklassenzimmern
5.1.1 Wichtige Faktoren bei der grundsätzlichen Ausstattung
5.1.1.1 Die Größe und die Form
5.1.1.2 Die Farbgestaltung
5.1.1.3 Das Licht / Die Fenster und die Beleuchtung
5.1.1.4 Der Bodenbelag
5.1.1.5 Die Tische und die Stühle
5.1.1.6 Die Sitzordnung
5.1.1.7 das Raumklima
5.1.1.8 Die Akustik
5.1.1.9 Die Ästhetische Gestaltung
5.1.1.10 Die Pflanzen
5.2 Interessenvertretungen bri der Klassenraumgestaltung
5.3 Gründe für die großen Differenzen unter den Klassenzimmern
5.4 Mitgestaltung der Kinder

6. DIE EMPIRISCHE STUDIE „MEIN KLASSENZIMMER“
6.1 Vorbereitung der Studie
6.1.1 Empirische Sozialforschung
6.1.2 Methoden der empirischen Sozialforschung
6.1.3 Reaktive Verfahren
6.2 Der Fragebogen
6.2.1 Die Erstellung des Fragebogens
6.3 Drei idealtypische Phasen im Forschungsablauf
6.3.1 Entstehungszusammenhang
6.3.2 Verwendungszusammenhang
6.3.3 Begründungszusammenhang

7. AUSWERTUNG DER STUDIE „MEIN KLASSENZIMMER“

8. MEIN KLASSENZIMMER

9. FAZIT

10. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

11. SYNONYM GEBRAUCHTE BEGRIFFE

12. QUELLENVERZEICHNIS

13. ANHANG

1. VORWORT

Als die Frage nach einem Thema für meine wissenschaftliche Hausarbeit aufkam, war relativ schnell klar, dass sie etwas mit „Lernumgebung und Klassenraumgestaltung“ zu tun haben sollte.

- Warum habe ich mich so entschieden?

Interesse am Beruf des Lehrers hatte ich schon sehr früh. So habe ich bereits in der Mittelstufe meine Berufsbildendes Praktikum, das allgemein in der neunten Klasse absolviert wird, in einer Grundschule gemacht und auch nach dem Abitur habe ich, vor Beginn meines Studiums, einige Zeit in der Form eines Praktikums in Schulen verbracht.

So konnte ich über einen längeren Zeitraum beobachten, dass jede Schule ihren eigenen Stil und ihre eigene Philosophie verfolgt. Sie bildet zusammen mit dem Rektorat und dessen Interessen, dem Lehrerkollegium und dessen Engagement, sowie den SchülerInnen und deren Motivation eine eigene individuelle Einheit. Großen Unterschiede bilden Schulen nicht nur in der Art und Weise, wie unterrichtet wird oder wie der Ablauf organisiert ist, sondern eben auch in der Schulhof-, Schulgebäude- und Klassenraumgestaltung. Ich vertrete, aufgrund meiner eigenen Beobachtungen, die Ansicht, dass sich nicht nur die äußerlich gegebenen Rahmenbedingungen auf die optischen Aspekte des gesamten Schulgebäudes auswirkt, sondern beispielsweise auch die Art und Weise der Leitung einer Schule Einflüsse darauf hat. Der Unterschied kann von Schule zu Schule gravierend sein.

Meine damaligen LehrerInnen, meine Praktikumsleiter und meine Mentoren, mit denen ich oft und ausführlich über das Thema gesprochen habe, bestätigten mir ebenfalls, ihre subjektiven Beobachtungen, dass nicht nur das Unterrichten in entsprechend individuell gestalteten Räumen mehr Spaß macht und viel flexibler gestaltbar ist, sondern auch, dass die Kinder entspannter, motivierter und engagierter bei der Sache sind. Einige schätzten es so ein, dass die Kinder einen höheren Lernerfolg erreichen können, wenn sie sich durch die Atmosphäre im Klassenraum und dessen Gestaltung, darin wohl fühlen. Sie halten das für eine grundlegende Vorraussetzung für ein gutes, engagiertes Lernverhalten.

Um diese Erkenntnis, die mir einleutete, reicher, irritierte es mich besonders, als ich eine Schule besuchte, in der Veränderungen in und an den Klassenzimmern von der Schulleitung untersagt wurden, um die neu umgebaute Schule nicht „zuzumüllen“. Dekorationsgegenstände oder weitere Möbelstücke, wie beispielsweise ein Sofa, waren in dieser Schule strikt verboten. Einige LehrerInnen versuchen seit Jahren, bei der Schulleitung eine Erlaubnis zur optischen Veränderung der Räume zu bekommen, die über die üblichen Mittel, wie z. B. die Wandgestaltung hinausgeht – leider ohne Erfolg. Im Zusammenhang damit hat es mich gewundert, als ich dazu in der Literatur folgendes fand:

„Jedem Lehrer muss Gelegenheit (und Freiheit!) geboten werden, dass er seinen Klassenraum nach den Bedürfnissen seiner/ihrer Kinder […] umstrukturieren kann.“[1]

Hier findet sich ein grundlegender Widerspruch unter der Einstellung verschiedener Pädagogen. Diesen gehe ich weiter nach.

Zurück zu der angesprochenen Schule. Dort gibt es auch Pädagogen, die der Meinung sind, dass Klassenzimmer in erster Linie funktionale Anforderungen erfüllen sollen und eine Umgestaltung nicht notwendig sei. Diese Räume bieten einerseits zwar keine Ablenkungsmöglichkeiten für die SchülerInnen, leider strahlen sie eine sehr nüchterne, kalte und wenig anregende Atmosphäre aus, in der es mir schwer fiel eine mich zufrieden stellende Stunde zu halten. Dass Kindern eine detaillierte und abwechslungsreiche Ausstattung wichtig sein kann, zeigt schon diese Zeichnung eines/r ViertklässlerIn, die ein Klassenzimmer malte, so wie es es gerne hätte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

All diese Aussagen, die sich in so unterschiedliche Richtungen bewegen und mein persönliches Empfinden, wenn ich Klassenräume betrete, haben von Anfang an mein Interesse geweckt. Deshalb galt meine Aufmerksamkeit neben den pädagogischen, didaktischen und methodischen Modellen, von Anfang meines Studiums an, auch diesen unterschiedlichen Sichtweisen dieses Themas.

Grundschulkinder halten sich mindestens vier Stunden am Tag in den Räumlichkeiten der Schule auf. Das ist vergleichbar mit einem Halbtagsjob eines Erwachsenen.

Aus meiner eigenen Schulzeit kenne ich sie Notwendigkeit einer angenehmen Umgebng für produktives und erfolgreiches Lernen. Das setzte sich so bis in meinem Studium fort. Bei mir musste der Raum, in dem ich lernte, immer gemütlich sein und ich musste mich darin wohl fühlen, um konzentriert arbeiten zu können. Ich habe oft ganz instinktiv zuerst Ordnung in meiner Umgebung geschaffen, bevor ich mit dem Lernen begonnen habe.

Diese Arbeit soll etwas dazu beitragen, der äußeren Umgebung der SchülerInnen, ihrer Lernumgebung, mehr Aufmerksamkeit zu schenken und auch aktiv mit in den Unterricht einzubeziehen.

An dieser Stelle möchte ich mich gerne bei Herrn Prof. Dr. phil. Alfred Holzbrecher und bei Dr. paed. Dipl.-Päd. Friedrich Gervé dafür bedanken, dass sie meinen Themenvorschlag angenommen haben und ich die Möglichkeit hatte, mich intensiv mit einem Thema, das mich sehr interessiert, auseinanderzusetzen.

Da die Arbeit nicht ausschließliche eine theoretische Betrachtung der „Klassenraumgestaltung“ werden sollte, war ich sehr auf die Kooperation einiger Grundschulen angewiesen. Mir war es wichtig, in dieser Arbeit auch das Interesse der Kinder zu vertreten. Ziel ist es somit, am Ende einen zunächst noch fiktiven Klassenraum zu gestalten, der sowohl eine angenehme Lernumgebung schafft und den Vorstellungen der SchülerInnen entspricht, so dass sie sich in diesem Zimmer wohl fühlen würden und sich darin gerne aufhalten würden. Vier Grundschulen gaben mir die Möglichkeit, mich mit den Kindern näher zu beschäftigen. Ich konnte auf diesem Weg 312 Kinder aus dritten und vierten Klassen zu ihrem Klassenraum befragen und mich auch mit ihnen unterhalten. Ich habe mir die Räume ansehen, verglichen und teilweise fotografiert.

Für die Hilfe, die Bereitstellung der Unterrichtszeit und auch die Beantwortung meiner Fragen, möchte ich mich hier auch noch einmal ganz herzlich bedanken. Vielen Dank für die Unterstützung! Dieser Dank gilt selbstverständlich auch den Kindern die mit großem Interesse und mit großer Sorgfalt den Fragebogen bearbeitet haben und mir gerne von ihrem Klassenraum erzählten. Dankeschön!

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ich habe, auf Wunsch der Rektoren, zugesagt, die Namen und die jeweiligen Orte der vier Schulen, die an dieser empirischen Studie teilgenommen haben, in dieser Arbeit nicht zu veröffentlichen. Es handelt sich um zwei größere Grundschulen mit jeweils vier Zügen sowie zwei kleine Schulen die je eine dritte und vierte Klasse haben.

2. EINLEITUNG

„Ich hasse Klassenzimmer, die erinnern mich an meine Schulzeit.“[2]

Für mich wäre es die absolute Horrorvorstellung, dass eine/r meiner SchülerInnen sich einmal so äußern würde. Im Volksmund sagt man doch immer so schön: „Den Kindern gehört die Zukunft.“ Ich denke aber, dass wir durch den Umgang mit unseren Kindern diese Zukunft wesentlich mitgestalten. Kinder haben eine ganz natürliche Lebensfreude und Energie. Sie bewegen sich mit einer Leichtigkeit und einer Selbstverständlichkeit, der die meisten Erwachsenen nur träumen können. Sie leben zunächst ohne irgendeine Konvention oder Verpflichtung und machen sich keine Gedanken darüber wie ihr Umfeld auf sie und ihr Verhalten reagiert. Ihr Instinkt bestimmt ihre Handlungsweisen. Wie lange die Kinder diese naturgegebenen Eigenschaften beibehalten und sie ausleben können, liegt zu einem gewissen Teil bei uns, die die Kinder auf ihrem Weg, erwachsen zu werden, begleiten und deshalb sollte ihnen unsere Aufmerksamkeit gelten. Man muss Kindern die Möglichkeit geben, ihre natürlichen Charaktereigenschaften nicht unterdrücken zu müssen. Ich denke wir müssen genau das Gegenteil erreichen. Pädagogen sollten die individuellen Charaktere jedes einzelnen Kindes fördern. Die Umwelt muss dem Kind die Möglichkeit geben, seine Freude zu behalten, zu wachsen, sich zu entfalten, sich nicht eingeengt oder bedrängt zu fühlen und sich entwickeln zu können – eine kindgerechte Umgebung ist die Grundlage dafür.

Das Elternhaus der Kinder ist die erste Instanz, die erreichen sollte, dass die Kinder ein Gefühl dafür erhalten, sich seinen Anlagen gemäß zu verhalten. Hier kann eine Lehrperson eigentlich gar keinen Einfluss ausüben, sondern allerhöchstens eine beratende Funktion übernehmen. Mir ist aufgefallen, dass es hierfür immer vermehrter Elternratgeber und Literatur gibt, was mir zeigt, dass sich sowohl die Eltern, wie auch die Experten damit auseinander setzen und auch miteinander kommunizieren. Die kann dann beispielsweise so klingen:

„Zuerst sollten Sie überprüfen, ob die äußeren Bedingungen und das Lernumfeld Ihres Kindes wirklich optimal sind: von A wie Arbeitsplatz bis Z wie Zeiteinteilung.“[3]

Das ist eine positive Entwicklung an der die Pädagogen anknüpfen können, denn nach dem Elternhaus folgen als nächste Ebene direkt der Kindergarten und die Schule. Die liegt dann wiederum im Entscheidungsbereich von KintergärtnerInnen und LehrerInnen, wie die Umgebung in diesen Bereichen zu gestalten ist.

„Kinder erhalten in der Grundschule einen festen Raum und müssen nicht ständig umziehen.“[4]

Dessen müssen sich die Pädagogen und alle anderen einflussnehmenden Personen, selbst die Reinigungskräfte und der Hausmeister, bewusst sein. Es ist der Raum der Kinder, in dem sie viel Zeit verbringen, denn GrundschülerInnen sind ungefähr 20 bis 25 Stunden in der Woche in diesem festen Raum – in ihrem Klassenzimmer. Ich bezeichne es ganz bewusst als IHR Klassenzimmer. Denn in erster Linie gehört der Raum der Klasse und jedem/r einzelnen SchülerIn, der/die es besucht.

Bei cirka 38 Schulwochen sind es 260 bis 325 Stunden in einem Schuljahr, in denen die Kinder ihre vier Schulwände von innen sehen. In ihrer gesamten Grundschulzeit sind die SchülerInnen 1040 bis 1300 Stunden in diesen Räumen. Die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, ist schon Grund genug, um ihnen dort einen Ort zu schaffen, an dem sie sich wohl und angenommen, ja, ich möchte schon fast sagen, in dem sie sich zu Hause fühlen.

Heutige Schulen haben den Anspruch, die negativen Assoziationen wie „Leistungsdruck“, „Frontalunterricht“ und „Stillarbeit“ abzubauen und durch Begriffe wie „angenehme Lernatmosphäre“, „Freiarbeit“ und „Individualität“ zu ersetzen. Eine sinnvolle und zeitgemäße Einrichtung des Klassenraumes und eine kindgerechte Umgebung wirken hierbei sehr unterstützend. Ein Grundsatz hierfür sollte sein:

„Pädagogik wirkt sich auf den Raum, der Raum auf die Pädagogik aus.“[5]

Das ist ebenfalls eine Aussage, die den wenigsten Pädagogen wirklich bewusst ist. Ich glaube, dass man schon allein dadurch, dass man den Klassenraum eines/r LehrerIn betritt sehen kann, welche Art von Unterricht er/sie im Wesentlichen macht. Natürlich sind die Details in Didaktik und Methodik nicht erkennbar, aber ob sich die Grundtendenz zu Abwechslung und Flexibilität, Kreativität und Ideenreichtum oder zu einheitlichen Methoden und Eintönigkeit hin bewegt, erkennt man sofort.

„Wer Schule weniger als Schulraum mit bewahrender Funktion, sondern stärker als Handlungs und Erprobungsfeld sieht, weniger als Zentrum des Informationsempfangs, sondern auch als Stätte der Einübung in soziale Verhaltensweisen, muß auch auf die Schaffung der dafür notwendigen äußeren Bedingungen drängen.“[6]

Das Umfeld, in der ein/e LehrerIn seine/ihre Stunden gestaltet, bestätigt, meine vorangegangene Hypothese. Der Raum hat nach dieser Aussage einen entscheidenden Einfluss auf den Unterricht selber.

Wenn ich heute, nachdem ich bereits ein paar Klassenräume gesehen habe, eines betrete, stelle ich mir ganz unbewusst die Fragen, wie ich mit den äußeren Gegebenheiten eine Unterrichtsstunde gestalten könnte:

- Was bietet dieses Klassenzimmer?
- Wie flexibel kann der Schulalltag hier ablaufen?
- Welche Gestaltungsmöglichkeiten sind hier gegeben?
- Wie beeinflusst diese Gestaltung das Lernverhalten und die Motivation der Kinder?

Hildegard Kasper schreibt in dem Buch „Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung“, dass es für die Arbeit in der Grundschule, für die Kinder und den direkten Umgang mit ihnen wichtig sei:

„[…] Schulwelt und Lebenswelt, Lernen und Identität in Verbindung zu bringen, sich viel mehr bemühen, Grundschule als Lebens- und Erfahrungsraum mit Kindern zu gestalten“[7]

Klingt schön und scheint auch sehr einfach, wenn man eine Idealtypisierung dieser Art vor sich hat. Wie das umgesetzt werden kann, was man tun muss und worauf man bei der Gestaltung einer Lernumgebung zusammen mit den SchülerInnen achten muss, stellt auch einen wesentlichen Teil dieser Arbeit dar.

Schon die Reformpädagogen um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert beschäftigten sich mit Unterrichtsmethoden, die den Kindern ein effektives Lernen ermöglichen. Das „entdeckende Lernen“ und „offene Unterrichtsformen“ sind Schlagworte, die in dieser Pädagogik zu Kernaspekten wurden. Die hierfür raumgestalterischen Änderungen, stellten auch sie schon fest. Die Art, wie einige ausgewählte Reformpädagogen das umzusetzen versuchten, wird im Zuge dieser Arbeit auch einen Platz finden.

Bei der Betrachtung eines Lernraumes darf aber nicht nur auf Arbeitsmaterialien und Unterrichtsgegenstände Wert gelegt werden. Weitere psychologisch wichtige Faktoren müssen auch ihren Stellenwert erhalten. Architektonische Aspekte, wie beispielsweise die Farbgestaltung oder die Raumbeleuchtung spielen eine große Rolle. Farben und Licht haben beim Menschen psychologische Auswirkungen und vermitteln bestimmte Gefühle. Diese und weitere Einflüsse sind maßgebliche Teile einer angenehmen Lernumgebung, die in dieser Arbeit genauer ausgeführt werden.

Bis jetzt habe ich schon viele verschiedene Faktoren angesprochen, die ich anfangs alle ausführlich behandeln wollte. Beim Einlesen in die Literatur erkannte ich schnell, dass dieses Thema sehr kontrovers diskutiert werden kann, die Einstellungen in verschiedene Richtungen behandelt werden und die Ansatzmöglichkeiten oft unterschiedlich gewählt werden. Wenn man die konkrete Raumgestaltung von medizinischen, psychologischen oder praktischen Aspekten her betrachtet, erhält man drei unterschiedliche Raumkonzepte. Ich habe versucht so eine Art Mittelweg zu finden und das Thema möglichst umfassend zu behandeln.

Der Abschluss dieser Arbeit wird sich nach den theoretischen Auseinandersetzungen mit den Wünschen der Kinder beschäftigen. Es soll ein Klassenzimmer entstehen, welches nach den Wünschen und Interessen der 312 befragten Kinder gestaltet wurde. Ich möchte mir in diesem Rahmen nicht anmaßen, das perfekte Klassenzimmer zu schaffen, aber es kann ein kleiner Spiegel dessen sein, was die Kinder sich vorstellen und was für LehrerInnen auch realisierbar sein kann.

Ich glaube, dass es ein vergleichbar geringer Aufwand ist, einen Schulraum so zu gestalten, dass man einen methodisch und didaktisch abwechslungsreichen Unterricht machen kann.

Ich möchte in meiner zukünftigen Schule, in meinem Klassenzimmer und in meiner Arbeit mit meinen SchülerInnen einmal erreichen, dass sie sagen können:

„Ja, ich komme morgens gerne in mein Klassenzimmer.“[8]

3. der (lebens)raum

3.1 Der Raum

3.1.1 Der „gelebte“ Raum

Zunächst möchte ich den Begriff des Raumes ganz allgemein betrachten. Das Umfeld in dem sich ein Mensch bewegt hat Einflüsse auf physische Belange des Körpers, wie auch auf seine Psyche.

Die beiden Basisdimensionen, die man sich zunächst verdeutlichen muss, sind die Unterscheidung von Außen- und Innenraum. Otto Friedrich von Bollow beschreibt:

„Das eine ist die weite Welt, in der der Mensch in der Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen seine Arbeit zu leisten hat […], das andere ist der engere Raum, in dem er sich zurückziehen, an dem er sich ausruhen und nach den Anstrengungen des Lebens wieder zu sich selbst kommen kann.“[9]

-Was bedeutet nun der Außen- und der Innenraum in der Schule?

Ein Klassenraum sollte meiner Meinung nach eigentlich beide Dimensionen in sich vereinen. Er sollte sowohl ein Raum der Gemeinschaft sein, wie auch Rückzugsmöglichkeiten bieten, aber das wird in den späteren Kapiteln noch ein genauer behandelt werden.

Zurück zum Raum im Allgemeinen: Man muss sich bewusst sein, dass man den Raum nicht als neutrales Feld betrachten kann. Oft heißt es, man befände sich in einer neutralen Umgebung. Eine neutrale Umgebung kann nie gegeben sein, denn

„ er ist stets vom Mensch erlebter und gelebter Raum.“[10]

Selbst ein völlig leeres Zimmer, ohne Einrichtung oder Gegenstände jeglicher Art, ist nicht neutral. Schon diese Leere selber nimmt die Neutralität bereits wieder. Das so viel gebrauchte Sprichwort: „Wir bewegen uns auf einem neutralen Raum.“, kann also niemals gegeben sein. Neutrale Räume gibt es nicht! Dass immer eine Wechselwirkung zwischen menschlichem Verhalten und dem allgemeinen Wohlbefinden eines Menschen und dem Faktor „Raum“ besteht, erlebt jeder von uns ständig am eigenen Leib. Manchmal fühlen wir uns in einer bestimmten Umgebung nicht wohl. Sei es nun die Wohnung eines/r Freundes/in, ein Hotelzimmer im Urlaub, der Arbeitsplatz oder eine ganze Stadt. Otto Friedrich von Bollow sieht den Raum als einen Faktor, der sowohl positiv, wie auch negativ beeinflussen kann und sich auch so auf die Befindlichkeit auswirkt, auch wenn der Mensch das vielleicht nicht möchte oder es nicht bewusst merkt.

„Der Mensch befindet sich nicht in einem Raum, so wie sich etwa ein Gegenstand in einer Schachtel befindet und er verhält sich auch nicht so zum Raum, als ob er zunächst etwa wie ein raumloses Subjekt vorhanden wäre, das sich dann hinterher auch zu einem Raum verhielte, sondern das Leben besteht ursprünglich aus diesem Verhältnis zum Raum und kann davon nicht einmal in Gedanken abgelöst werden.“[11]

Jeder Mensch hat natürlich seine Vorlieben und auch seinen eigenen Geschmack, aber in den Grundlagen hat der Mensch doch einen Anspruch an seine Umgebung, der sich nicht sehr von denen in seiner Gesellschaft herrschenden Gepflogenheiten unterscheidet.

Dieser Umstand wurde schon von einigen verschiedenen Blickrichtungen untersucht. Hier erläutere ich einige dieser Betrachtungen:[12]

- den erkenntnistheoretischen und anthroposophischen Aspekt
- den verhaltenstheoretischen Blickwinkel
- die psychotherapeutische Betrachtung
- die psychosomatische Ansicht
- die Sozialpsychologie

So sah Imanuel Kant beispielsweise den erkenntnistheoretischen und anthroposophischen Aspekt. Er beschreibt den Raum als die Grundkategorie des menschlichen Seins. Er bietet den Menschen Entfaltungsmöglichkeiten zur Auslebung ihrer Interessen und Wünschen und ihrer psychischen Angelegenheiten, denn

„Jede Veränderung im Menschen bedingt eine Änderung seines gelebten Raumes.“[13]

Kennen wir das nicht auch aus unserem Alltag? Findet eine wesentliche Veränderung in unserem Leben statt oder hat sich etwas an unserem allgemeinen Gefühlszustand verändert, so tendieren wir Menschen doch oft dazu auch unsere Umgebung zu verändern. Sei es nun die extreme Variante, dass wir umziehen oder in ein anderes Land auswandern oder dass wir im kleineren Rahmen einfach unseren Wohnraum verändern und umgestalten. Das ist ein Vorgang, der vielen von uns bekannt sein dürfte.

Verhaltenstheoretisch wird beschrieben, dass die Wahrnehmung von Raum von drei Faktoren abhängt: Die Wahrnehmung mit allen Sinnen, die Veränderbarkeit bzw. Fixierung des Raumes und die Gestaltung der Raumdistanz vom Menschen. Die Sinneswahrnehmung, den Raum betreffend, beschäftigt sich besonders mit dem Geruchssinn, dem Gesichtssinn, dem Tastsinn und dem Wärmeempfinden. Bei der Fixierung des Raumes geht es um die Festlegung einer Funktion in einem Zimmer. Sei es nun Küche, Bad, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Werkstatt oder auch das Klassenzimmer. Räume, die eine bestimmte Funktion haben, sind ähnlich aufgebaut und man findet sich grob, auch ohne ihn zuvor schon einmal betreten zu haben, darin zu Recht. Wir wissen auch, dass im einem bestimmten Raum, eine bestimmte Verhaltensweise von uns erwartet wird, sei es nun in einem Restaurant, eine Kirche oder auf einem Fest. Wir kennen die Erwartungen an unser Verhalten in diesem Rahmen und richten uns meistens danach. Diese dem Raum zugeschriebenen Verhaltensweisen gelten im Übrigen auch für das Klassenzimmer. Kinder lernen dieses Verhalten früh und richten sich ebenfalls danach, was ein später genanntes Beispiel noch mal verdeutlichen wird.

Die Raumdistanz beschreibt die emotionale Distanzierung des Menschen von bestimmten Räumen, wenn sie beispielsweise überfüllt sind oder einfach eine Abneigung im Menschen hervorrufen. Auch das ist ein Vorgang, den wir alle kennen. Es gibt Umgebungen, die mögen wir einfach nicht und können oft nicht einmal erklären, warum.

Bruno Bettelheim stellte die Theorie auf, dass psychotherapeutisch gesehen der Raum und dessen Einrichtung Stützfaktoren sein können. Diese Faktoren können mit für das Gefühl, sich als wertvoller Mensch zu fühlen, verantwortlich sein. Ganz subjektiv aus eigenen Beobachtungen betrachtet, kann ich mir das gut vorstellen. Wie oft berufen wir Menschen uns auf die materielle Umgebung, auf unsere sog. Statussymbole. Oft konkurrieren Menschen oder ganze Gesellschaftsschichten damit untereinander und fühlen sich dadurch in ihrem Umfeld besser anerkannt. In der Schule habe ich Sätze dieser Art auch von Kindern schon gehört: „So was hat nur unsere Klassenzimmer, sonst kein anderes hier in der Schule.“ Einerseits ist das eine ganz natürliche Eigenschaft des Menschen, andererseits muss man aufpassen, dass diese nicht zu sehr gefördert wird und der Stellenwert der materiellen Dinge in einer Klassengemeinschaft nicht zu hoch bewertet wird. Deswegen würde ich es als sinnvoll ansehen, wenn die Klassenzimmer in einer Schule nicht zu unterschiedlich sind und das Lehrerkollegium da vielleicht mehr Hand in Hand arbeiten würde.

Unmenschliche Architektur hat eine Auswirkung auf unsere Lebensprozesse und beeinträchtig sie negativ. So sieht das die Psychosomatische Theorie. Seien es nun zu kleine, zu dunkle oder zu unübersichtliche Räume. Es gibt grundlegende Gegebenheiten, die der Mensch in seinem Umfeld nicht besonders mag und sie meidet.

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich bereits direkt mit den Lernumwelten und legt vier Kriterien zu ihrer Gestaltung fest:

- Ermöglichung des Wechsels der Handlungsperspektiven (Perspektivenprinzip)
- straffreie Erkundung (Autotelisches Prinzip)
- selbstständige Problemlösung (Produktivitätsprinzip)
- Rückmeldung der eigenen Handlungen (Personalisierungsprinzip)

All das sind Gesichtspunkte, die die Lernumwelt, das Lernverhalten und somit auch den Lernerfolg der SchülerInnen beeinflussen und möglichst optimal strukturiert sein müssen.

3.2 Kinder und ihr Lebensraum

3.2.1 Veränderungen im leben der Kinder

Der Begriff der „veränderten Kindheit“ wird in Zusammenhang mit dem Leben von heutigen Heranwachsenden nicht selten genannt. Kinder erleben ihr Erwachsenwerden heute anders, als noch die Generationen zuvor. Zum einen entwickelten sich ihre materiellen Gegebenheiten weiter, denn Kinder haben heute mehr und anderes Spielzeug, Zugänge zu technischen Geräten und die modernen Medien zur Gestaltung ihres Tagesablaufes. Vergleicht man das Leben eines Kindes mit dem Leben vor ca. 30 Jahren, so stellt man fest, dass vieles anderes geworden ist, wie beispielsweise:

- die Modernisierung des Alltags
- die Wohnbedienungen
- die Ausstattung der Kinderzimmer
- die Entwicklung im Straßenverkehr
- der Zugang zu den modernen Medien

Aus all diesen Dingen ergeben sich veränderte Spielweisen und ein komplett anderes Bild einer heutigen Kindheit.

Ein weiterer wichtiger Einschnitt in dieser Entwicklung ist die vermehrte Beruftätigkeit beider Elternteile. Hierdurch ergaben sich neue Fragen und einen wichtigen Einschnitt in der Erziehungsfrage.

- Wer ist verantwortlich für die Erziehung der Kinder?

Die Eltern natürlich – das wäre sicher die natürlichste Antwort von den meisten Menschen. Das wäre auch die Antwort, die am Nahesten liegt. In der Realität bewegt sich die Verantwortung allerdings immer weiter von den Eltern weg, hin in die Verantwortung von Pädagogen. Diese Frage wird im nächsten Kapitel allerdings noch ausführlicher diskutiert.

Gehen wir zunächst einmal wieder zurück zu den Merkmalen von denen die Veränderungen in der heutigen Kindheit abhängen:

- Eine Aneignung der Kultur, auch der materiellen, die überwiegend auf konsumierende Weise stattfindet. Kinder schaffen weniger Dinge aus eigener Hand. Sie basteln weniger, forschen kaum mehr und haben überwiegend vorgefertigtes Spielzeug zur Verfügung. Spielzeugautos wurden bis vor ein paar Jahren noch selbst gebaut, Ritterburgen aus Sand konstruiert und Verkleidungen aus Alltagsgegenständen improvisiert. Heutzutage werden diese Dinge überwiegend gekauft.
- Kinder halten sich immer häufiger in Räumen auf. Schaut man heute auf die Straße, dann spielen viel weniger Kinder im Freien, als es beispielsweise noch in meiner Generation der Fall war. Dass aber durchaus das Bedürfnis nach dem Aufhalten in der Natur, zeigt dieses Bild, dass ein/e SchülerIn im Rahmen meiner Umfrage gemalt hat. Ein Umstand, dem sich Eltern und Pädagogen bewusst sein müssen und nach dem sie handeln müssen. Ich rede hier nicht von einem Zwang von Seiten der Erziehenden, aber von einer bewussten Heranführung an die Natur, ihrer Vielfalt und ihrer Wichtigkeit, was im Übrigen auch im neuen Bildungsplan verankert ist.
- Erfahrungen werden immer weniger selber gemacht, sondern aus sekundären Quellen, wie dem Fernsehen oder dem Internet gesammelt. Kinder probieren immer weniger selber aus. Mit einem Mausklick haben sie die meisten Dinge herausgefunden, die sie wissen wollen.
- Professionelle Erziehungskonzepte stehen der natürlichen Entwicklung entgegen und Kindheit wird zur Wissenschaft. Kinder sollen immer früher und immer professioneller gefördert werden. Sie sollen möglichst früh, möglichst viele Kenntnisse erwerben. Ob das nun positive oder negative Auswirkungen auf die Kinder hat, ist ein umstrittenes Thema, dem man eine eigene Arbeit widmen könnte.

Abschließend zu diesen Punkten sei gesagt, dass diese Umstrukturierung des Kindseins und der Erziehung auch eine Änderung in ihrer Umwelt, also in den Kindertagesstätten, in den Schulen und den Kindergärten nach sich zieht. Dass die Räume heute einfach nicht mehr so sein können, wie noch vor ein paar Jahren rückt heute immer mehr in das Bewusstsein der hierfür Verantwortlichen und wird auch berücksichtigt.

3.2.2 Bedürfnisse von Kindern heute

Jeder Mensch hat Bedürfnisse, Kinder im Besonderen und es kann zu extremen Einschnitten im Leben eines Kindes führen, wenn diese Bedürfnisse nicht zufrieden stellend erfüllt werden. Kinder haben ein natürliches Bedürfnis nach Zuwendung und sozialer Anerkennung. Das hat sich auch in unserer, sich wandelnden Gesellschaft und trotz aller modernen Medien nicht geändert. Nähe und Geborgenheit spielt hier eine entscheidende Rolle. Ein Bedürfnis, das in der Schule noch nie ein großes Thema war, sondern eher in den Schoß der Familie gehört. Aber Kinder brauchen auch Erziehung und Bildung. Die Verteilung der Vermittlung bzw. der Aneignung dieser Bedürfnisse ist, wie schon angedeutet, nicht mehr so offensichtlich, wie noch vor ein paar Jahren. Erziehung und Bildung gehörte in der Schule kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fest zusammen. Ein/e LehrerIn hat in der Schule seine/ihre SchülerInnen unterrichtet, erzogen und dementsprechende Erziehungsmaßnahmen ergriffen, die allgemein bekannt waren. In der späteren Schulentwicklung galten LehrerInnen dann ausschließlich als die Vermittler von Wissen und Kenntnissen und die Erziehungsaufgabe gehörte eindeutig ins Elternhaus. Dort entstanden dann Begriffe wie „Antiautorität“ und „Laissez – faire“. In dieser Zeit entstanden viele verschiedene Erziehungsansätze, die sich bis heute noch sehr konträr gegenüber stehen.

Aber in der Frage, wer die Erziehungsaufgabe bei den Kindern zu übernehmen hat, ist man sich heute oft uneinig. Die erhöhte Berufstätigkeit der Frauen und die vermehrte Ganztagsbetreuung ist ein Argument, was viele Eltern anführen, um die Erziehung in die pädagogischen Einrichtungen abzugeben. Kinder verbringen immer weniger Zeit mit ihren Kindern und fordern so eine Erziehung durch die Institutionen, in denen sich die Kinder oft und lange befinden. Auch die vermehrte Diskussion über die Ganztagsschulen lässt die eindeutige Verteilung der Zeit der Kinder zwischen den diversen Einrichtungen und dem Elternhaus immer fragwürdiger werden. Pädagogen weisen diese Verantwortung allerdings überwiegend von sich.

Ich persönlich finde diese Debatte schon fast traurig. An dieser Stelle könnte ich seitenweise über den Verlust von gesellschaftlichen Werten oder das stetige Vernachlässigen unserer Zukunft in Form unserer Kinder sprechen, aber das ist hier wohl die falsche Plattform hierfür. Auf alle Fälle müssen sich Pädagogen immer mehr verantwortlich fühlen, sich dieser auch bewusst sein und sie in Bezug auf die Umwelt und der Umgebung, in der sich ihre „Schützlinge“ aufhalten, wahrnehmen.

4. DER KLASSENRAUM ALS LERNFAKTOR

4.1 Das Klassenzimmer

In dieser Arbeit verwende ich die Begriffe Klassenzimmer, Stammraum, Klassenraum, Schulraum und Unterrichtsraum in dieser Bedeutung:

„Der Klassenraum […] wird einer Klasse/Lerngruppe als hauptsächlicher Lern- und Aufenthaltsort in der Schule zugewiesen. Und von der Klasse wir er in der Regel täglich mehrere Stunden benutzt. Für andere Schüler steht er nur in Ausnahmefällen (zum Beispiel bei Differenzierungen) zu Verfügung. Es ist auch der wichtigste Arbeitsraum für den zuständigen Klassenlehrer und zeitweiliger Arbeitsplatz für die in der jeweiligen Klasse unterrichtenden Fachlehrer.“[14]

Der Arbeitskreis Grundschule e.V. hat sich schon früh mit dem Thema Schulraum beschäftigt und so wurden bereits 1977 folgende Forderungen an die Gestaltung des Klassenzimmers gestellt und folgende Hinweise gegeben:

„Jede Grundschulklasse muss einen eigenen Klassenraum haben, in dem binnen-differenzierter Unterricht möglich ist; das bedeutet:[15]

- Für jeden Schüler einen Arbeitsplatz
- Schränke, Regale, Borde, Ablagen als Stell- und Ablageflächen
- Reichlich bemessene Bewegungsfläche in der allgemeinen Unterrichtszone
- Einrichtung von „Ecken“ für verschiedene Aktivitäten. Lesen, Spielen, Malen,

Werken, Experimentieren u.a.m.

- Mindestgröße: Für einen Grundschulunterricht, der heutigen grundschulpädagogi

schen Erkenntnissen und Anforderungen entspricht, ist für 20 Schüler ein Klassenzimmer von 60 qm (3 qm je Schüler) erforderlich. Diese Raumgröße kann in vielen Grundschulen nur durch bauliche Veränderungen erreicht werden (z.B. ein Klassenraum aus zwei Räumen mit großer Verbindungstür)“

Diese Forderungen sind heute weitgehend erfüllt, und teilweise auch bereits überholt. Die Gedankengänge bewegen sich ein ganzes Stück weiter. Klassenzimmer soll nicht mehr nur das altbekannte Klassenzimmer sein, sondern dem/der SchülerIn soll eine Lernwelt bzw. eine Lernumgebung geschaffen werden.

4.2 Das Klassenzimmer als Lernumgebung

Bevor man die Lernumgebung und dessen Optik betrachtet, muss man sich zunächst einmal folgendes klar machen und sich darüber bewusst sein:

„Grundschulkinder sind darauf angewiesen, in ihren schulischen Lebens- und Lernräumen Geborgenheit zu finden. Deshalb ist es erforderlich, die Räume auf die sinnlichen, leiblichen und emotionalen Bedürfnisse der Kinder abzustimmen. […] Kinder haben ein Recht auf Räume, in denen sie sich wohl fühlen und Empfindungen des Zu – Hause – Seins entwickeln können, als elementare Voraussetzung für die Bildungsprozesse.“[16]

Weiterhin muss der Raum speziell auf die Kinder ausgerichtet sein und Möglichkeiten der Auslebung ihrer Natur bieten, weil

„Der Raum, der dem Kind zu seinem Entwicklungsspiel angeboten wird, muß seinen Lebensprozessen auf genaueste entsprechen. Eine bauliche Umweltplanung ist nur dann kindgemäß, wenn sie Projektion und Provokation seiner Prozesse ist. Mit anderen Worten: die auf das Kind bezogene Architektur hat die raumzeitliche Ermöglichungsform der Entwicklungsprozesse des Kindes zu sein.“ (H. Künkelhaus)[17]

4.2.1 Die „Lernumgebung“

„Damit die Schule zum Lebensraum für das Kind wird, muß sie ihm als gestaltetes Zusammenleben, als gestaltbarer Raum und als gestaltbare Zeit erfahrbar werden. Eine sorgfältig vorbereitete, anregende Lernumgebung und eine ermutigende Lernatmosphäre wecken Freude am Lernen und an der Schule.“[18]

Im Vorgänger unseres momentan geltenden Bildungsplanes, also der Lehrplan von 1994, wird die Gestaltung des Raumes als ein wichtiges Merkmal zur Unterrichtsgestaltung hervorgehoben und es wird zur Schaffung einer Lernumgebung und -atmosphäre aufgerufen. Diese Verankerung in den „Richtlinien“, an die sich jede/r LehrerIn halten muss, zeigt bereits seine Bedeutung.

- Was ist aber nun eine sorgfältig vorbereitete, anregende Lernumgebung ?

Ich werde hier die Begriffe „Lernumgebung“ und „Lernatmosphäre“ nicht allumfassend untersuchen, sondern ich beziehe mich ausschließlich auf den schulischen und pädagogischen Kontext.

Die „Lernumgebung“ könnte auch „Lernumwelt“ genannt werden (i. F. synonym verwendet). Es ist schwierig, die Begriffe ganz explizit abzugrenzen und eindeutig zu definieren. Allgemein wird, die Lernumgebung

„als gebaute und eingerichtete räumlich – dingliche Umgebung für schulisches Lernen“[19]

bezeichnet. Dies bezieht sich im Gegensatz zum Begriff „Lernraum“ nicht nur auf architektonische und bautechnische Bedingungen. Es kann als Wechselspiel zwischen räumlichen, dinglichen bzw. materiellen Bedingungen, die der Raum mit sich bringt und den individuellen, persönlichen und sozialen Voraussetzungen, die die im Raum Handelnden benötigen, gesehen werden. Man muss deshalb aufpassen, dass man in Bezug auf die Lernumgebung nicht nur den innenarchitektonischen Bereich des Schulbaus oder des Klassenzimmers betrachtet, sondern auch die Raumatmosphäre und das Leben der im Raum handelnden Personen nie außer Acht lässt. So kann erst einmal allgemein gesagt werden, dass eine für das Lernen anregend wirkende, produktiv angelegte und angenehme Raumatmosphäre auch positive Auswirkungen auf den Menschen, der sich darin bewegt, hat. Auf diese Art und Weise kann aus einer Raumatmosphäre eine Lernatmosphäre (vgl. Zitat Bildungsplan) werden (i. F. synonym verwendet). Hildegard Kasper sagt dazu eindeutig, dass

„für die Schüler diese Gebäude nicht ablösbar (und) vom gesamten schulischen Leben realisierbar“[20]

sind, und somit auch die Beziehungen der in der Umgebung Agierenden untereinander zur Bereicherung einer Lernatmosphäre beitragen.

Für SchülerInnen gehört das Gebäude, in dem sie unterrichtet werden und das schulische Leben, das darin stattfindet, zusammen. Sie bilden für sie eine Einheit und sind gedanklich nur schwer zu trennen. Diese Faktoren müssen aus diesem Grund zusammen als ein Bild gesehen werden.

4.2.2 Lernumgebung im Klassenzimmer

„Kinder und Jugendliche verbringen einen großen Teil ihres Lebens in Schulen und Klassenräumen. Ob diese als „Entfaltungsmöglichkeit“ oder als „Widerstand“ erlebt werden, welche Bedeutungen sich mit ihnen verbinden, welche Art das in ihnen stattfindende Denken und Handeln ist und wie es sich entwickelt, hängt in entscheidendem Maße von ihrer Äußeren Gestaltung ab.“[21]

Der Sinn der Schule besteht ja auch zu einem gewissen Teil darin, dass die Heranwachsenden durch systematische Planung, Kontrolle und Organisation das Lernen lernen. Die Kinder sollen sich in einem Raum bewegen, den sie als angenehm empfinden und in dem das Lernen lernen, ohne dass eine von außen kommende Einschränkung möglich ist. Um das zu erreichen, ist der möglichst nahe Bezug zur eigenen Lebenswelt der Kinder unerlässlich, da das Leben im Klassenzimmer eine zentrale Einflussgröße in der Welt der SchülerInnen ist und ihre Lernerfahrungen prägt.

Wir müssen dafür sorgen, dass das Klassenzimmer nichts Ungewöhnliches für die Kinder ist und sie sich, wie bereits in der Einleitung erwähnt, dort fast schon zu Hause fühlen.

„Kinder lernen mit um so stärkerer innerer Beteiligung und mit um so weniger

Lernwiderständen und somit um so intensiver, je stärker die Schule auf ihre Lebensbedürfnisse eingeht und ihnen zu leben hilft. […] Die Grundschule muss als erstes eine dem Leben der Kinder bekömmliche Stätte sein.“[22]

Weiterhin ist festzuhalten, dass sich die Qualität der gestalteten Lernumwelt auf die Arbeitsqualität und die Zufriedenheit des einzelnen Lernenden auswirkt. Dieser Umstand soll das zentrale Thema dieser Arbeit sein und wird im Folgenden immer wieder aufgegriffen.

Der oben benannte Erfahrungsraum der Kinder lässt sich in zwei große Bereiche trennen, in dem sie sich bewegen. Zum einen ist die Wohnwelt der Kinder zu benennen, der sich auf den Wohnort, bzw. das Umfeld der Familie bezieht und zum anderen der schulische Kontext, in dem sich Kinder fünf Tage pro Woche aufhalten. Diese beiden Welten sollten sich zum gegenseitig ergänzen und untereinander nicht einschränken.

Die Aufgabe eines Pädagogen ist es, die Lernumwelt der SchülerInnen mit einer anregenden Vielfalt zu schaffen, in der sich Kinder wohl fühlen und auch Parallelen zu ihren Empfindungen in ihrer Wohnwelt entwickeln können.

4.2.3 Die Lernumgebung bei einigen ausgewählten Reformpädagogen

Reformpädagogen haben verschiedene Ansätze von Umstrukturierung in Schule, Unterricht und der allgemeinen Erziehung durchgeführt. Die Reformpädagogik selber wird im Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts angesiedelt und richtet sich ganz eindeutig gegen die sog. „Paukerschulen“, die einen reinen Frontalunterricht und eine starre Sitzordnung mit einheitlichem Blick der Kinder nach vorne charakterisiert. Ab dieser Zeit wurde das erste Mal öffentlich über eine Erneuerung der Schule geredet. Auch die liberale Grundhaltung und das starke soziale Engagement zeichneten die Reformpädagogen aus, aus deren Philosophien viele Alternativschulen entstanden. Schlagworte, die diese Denkrichtungen zusammenfassen, wären: Selbstständigkeit der SchülerInnen, freie Gespräche, Erlebnispädagogik, praktische Tätigkeiten und Lernen durch Handeln.

Um diese Grundsätze auch praktisch durchsetzten zu können musste sich automatisch die optische Gestaltung und Ausstattung der Räume ändern. Hier werden nun einige Beispiele für die Umsetzung bekannter Reformpädagogen aufgezeigt.[23]

4.2.3.1 Rudolf Steiner (1861 – 1925)

Der Begründer der deutschen Waldorfschulen war Naturwissenschaftler und Architekt. Er hatte somit die idealen Voraussetzungen zur Einrichtung von Unterrichtsräumen. Die meisten Waldorfschulen sind anthroposophisch gestaltet und befinden sich außerhalb der Stadt und sind ganz bewusst asymmetrisch gebaut. Auch die Klassenzimmer haben keine regelmäßigen Formen und sind oft sechseckig. Jede Schule verfügt über einen Schulgarten einen Eurythmiesaal und einen Festsaal. Der Innenhof, der in einigen Schulen auch seinen festen Platz hat, soll ein Zusammengehörigkeitsgefühl ausdrücken.

Die Farbgebung in Waldorfschulen ist sehr individuell. Ihr wird eine therapeutische Wirkung zugesprochen. Sie ist auffallend, denn es soll auf eine Raumgestaltung Wert gelegt werden, die möglichst menschengemäß ist. So sind die Gruppenräume in Waldorfschulen beispielsweise in einem kräftigen rosa gestrichen, da diese Farbe nach Goethes Farbenlehre sehr beruhigend wirken soll.

Die Klassenzimmer wiederum beginnen für die Erstklässler bei einem kräftigen Rot, das einen gewissen Ernst, Würde und Anmut ausstrahlen soll. Dieser Farbton wandert dann weiter durch ihre Grundschulzeit bis zu einem Orange für die vierte Klasse. Gelb, die Farbe der Reinheit, Grün, das für Ruhe und Beruhigung steht und Blau, das gleichzeitig reizen und beruhigen soll werden in der Sekundarstufe, also auch im Pubertätsalter der Kinder, eingesetzt.[24]

Zur Raumform der Klassenzimmer war es Steiner wichtig, dass sie dem Entwicklungsstand und dem Alter der Kinder angepasst sind. Die uns so bekannte rechteckige Form hält er für ungeeignet, weil sie dem künstlerisch gestalteten Unterricht nicht genügt und nicht unterstützend wirkt für das Lebendige.

Auch Tische und Stühle wurden bei Steiner schon früh an die Größe der Kinder angepasst, um spätere Haltungsschäden zu verhindern.

Hier bin ich an die Einstellung Steiners gelangt, die vielen anderen Konzepten widerspricht. Sechseckige Räume und eine ausgewählte Farbpsychologie werden in anderen Theorien für weniger wichtig erachtet. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf aufmerksam machen, dass mein Bemühen in der gesamten Arbeit darin besteht, möglichst viele Konzepte ohne Wertung darzustellen.

4.2.3.2 Maria Montessori (1870 – 1952)

„Hilf mir es selbst zu tun!“[25]

Das war der erste Satz, der mir zu Maria Montessori einfiel. Bei der sog. „Montessorimethode“ steht die Individualität im Mittelpunkt und der Eigenwert des Kindes wird in besonderem Maße anerkannt. Sie vertrat die Einstellung, dass Kinder nicht als Erziehungsobjekt verstanden werden dürfen, sondern eine ganz natürliche Motivation besitzen, von sich aus lernen zu wollen, die von der Schule gefördert werden muss. Zur Förderung dieses Grundsatzes ist das völlig freie Lernen ohne Behinderung des Kindes in irgendeiner Weise nötig. Es soll eine Fixierung auf die Bedürfnisse, Talente und Begabungen des einzelnen Kindes gesetzt werden. Die eigene Art zu Lernen, der eigene Lernrhythmus, das eigene Lerntempo, das eigene Interesse und die eigene Freude am Lernen jedes Kindes soll respektiert werden und so zu einer in sich ruhenden ausgeglichenen Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes beitragen. Hierbei ist es wichtig, sich an die sensiblen Phasen des Kindes anzupassen und die einzelnen Entwicklungsschritte des Kindes zu berücksichtigen. Für jede Phase soll das passende Material und die passende Umgebung gegeben sei.

Um den Kindern all diese Möglichkeiten zu geben, ist die vorbereitete Lernumgebung das wichtigste Merkmal dieser Pädagogik. Sie sollte einerseits schön sein, aber andererseits auch ein Bedürfnis im Kinde wecken, aktiv zu werden und eigenständig zu handeln.

„Das Kind kann sich nicht entwickeln, wenn es nicht von Gegenständen umgeben ist, die zu handeln ermöglichen. […] Diese Gegenstände sind wie Nahrung für den Geist.“[26]

Die SchülerInnen sollen Raum zum Spielen, Experimentieren und Lernen haben. Dafür sollen ihnen alle notwendigen Hilfsmittel zu Verfügung stehen und zur Eigenaktivität beitragen.

- Wie schafft man eine „vorbereitete Lernumgebung“?

Der wichtigste erste Schritt ist, dass die Umgebung kindgerecht gestaltet sein soll. Kleine Stühle, kleine Tische, kleine sanitäre Anlagen, kleine Teppiche, kleine Schränke, kleine Tischtücher und kleines Geschirr. Nicht nur die Größe der Gegenstände, sondern auch das Gewicht ist hierbei entscheidend. Es muss so leicht sein, dass die SchülerInnen völlig selbstständig, ohne fremde Hilfe damit umgehen können. Auf diese Art können die SchülerInnen ihrem Bedürfnissen und ihrem Bewegungsdrang nach handeln und sowohl Geschicklichkeit, wie auch Motorik trainieren. Ihre Schulräume wurden deshalb auch als „Kinderhäuser“ bezeichnet.

Die Lernmaterialien sollen grundsätzlich die kindlichen Sinne ansprechen und zum „Greifen und Begreifen“ anregen. Sie sind in Schränken untergebracht, die von den SchülerInnen selbst zu erreichen sind. Die Schränke sind mit Blumen und anderen Dekorationsgegenständen verziert. Des Weiteren müssen die Materialien so geschaffen sein, dass die für den momentanen Entwicklungsstand des Kindes geeignet sind und zu der jeweiligen oben schon angesprochenen sensiblen Phase des Kindes passen. Das Freiarbeitsmaterial soll, wie der Name schon sagt, zu einem freien selbstbestimmten Lernen beitragen.

- Wie sieht ein Klassenraum aus, in dem das gelingen kann?

In diesen Klassenzimmern gibt es keine festen Schulbänke, da sie die Bewegungsfreiheit der SchülerInnen einschränken würde. Es soll nicht so sein, dass die Kinder nur dem/r LehrerIn zuhören. Die Zimmer sollen möglichst groß sein, um den SchülerInnen genügend Platz zu Verfügung zu stellen. Sie sollen sich frei im Raum bewegen können. Weiterhin werden die Räume als hell und ansprechend beschrieben.

„Außerdem soll die gesamte Einrichtung des Raumes geschmackvoll sein, so dass die Kinder sich in dem Raum wohl fühlen und von sich aus mit allem pfleglich umgehen.“[27]

Sehr wichtig in einer Montessori – Schule ist auch die Ordnung in einem Klassenraum. Kinder sollen keine Zeit mit dem Suchen verbringen müssen und sie sollen Ordnungssinn entwickeln.

4.2.3.3 Peter Petersen (1884 – 1952)

Die Schule wird von Petersen als Lebensgemeinschaftsschule bezeichnet. Er wollte weg von den „Lernschulen“ zu einer kinderzentrierten, selbstentfaltenden und im verantwortlichen Miteinander gestalteten Schule, in der die Gemeinschaft die größte Rolle spielt. Seine Pädagogik wurde unter der Bezeichnung „Jena–Plan“ bekannt. Das Lernen in Arbeitsgemeinschaften und Freiarbeitsphasen sind die beiden zentralen Punkte seiner Methoden.

Petersen sagt, dass die Gestalt der Schule und die des Klassenzimmers direkte Auswirkungen auf den Entwicklungsprozess des Kindes haben.

„Der Raum als solcher besitzt die größte Bedeutung, ja ist die unentbehrliche Vorraussetzung für die Bildung von Gemeinschaft.“[28]

Der von Pestalozzi geprägte Begriff der Schulwohnstube findet bei Petersen ebenfalls Verwendung. Das Klassenzimmer soll keine Belehrungszelle sein. Ein kindgerechter Raum, in dem sich das Kind wohl fühlt und sich schmutzig machen kann ist die Bedingung für intensives Lernen.

Petersens Vorraussetzungen dafür gleichen sich ein wenig mit denen, die Montessori vorgibt. So sollen auch hier die Tische und Stühle leicht beweglich sein, um sie schnell umbauen zu können und andere Methoden einsetzen zu können. Klassen sollen in Prinzip zwei Räume haben. Ein Gruppenraum, der als die oben schon angesprochene Schulwohnstube eingerichtet sein soll. Er soll mit Aquarien, Terrarien und Blumen gestaltet sein, die die Kinder selber pflegen. Die Wände sind so vorgesehen, dass sie Wandtafelflächen bis zum Boden besitzen, die zur Gestaltung der Kinder gedacht sind. Ein direkt angegliederter Werkraum ist ebenfalls Voraussetzung. Weitere Räume für die Naturwissenschaften und ein Turnsaal sollen auch vorhanden sein. Ebenso soll ein Veranstaltungsraum zur Verfügung stehen.

Diese Beschreibung erinnert mich an heutige Haupt- und Realschulen oder auch an Gymnasien. Dieser Trend hat sich allerdings (noch) nicht bis in die Grundschule durchgesetzt.

4.2.3.4 Célestin Freinet (1896 – 1966)

Freinets Pädagogik funktioniert im Groben ausgedrückt, nach vier großen Prinzipien:[29]

- Die freie Entfaltung der Persönlichkeit
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt
- Selbstverantwortlichkeit des Kindes
- Kooperation und gegenseitige Verantwortlichkeit

Freinet legt bei der Umsetzung dieser Ziele großen Wert auf den Einbezug der Natur und der direkten Umwelt der Kinder. Aber auch die Gestaltung der Lernumgebung, die er allerdings nicht nur auf die reine Raumgestaltung beschränkt, sondern auch auf andere festgelegte Prinzipien in einer Klassengemeinschaft bezieht, macht Freinet zu einer wichtigen Vorraussetzung im Schulalltag. In der nach seiner Ansicht folgende Gegebenheiten unbedingt eingehalten werden müssen:[30]

- Klassenrat
- Klassen- und individueller Arbeitsplan
- Dokumentation und (individuelle bzw. gemeinsame) Bilanz der geleisteten Arbeit
- Klassenzeitung
- Arbeitsbibliothek und Schülerarbeitskarteien (anstelle von Schulbüchern)
- Exkursionen und Erkundungen in die dörfliche Umgebung
- eine von ihm entwickelte Schuldruckerei
- Das Abtrennen von Klassenzimmerecken (sog. Arbeitsateliers)
- Korrespondenzklassen

Um all das erreichen zu können, sind in einer Klasse, die nach Freinet unterrichtet wird, genaue raumgestalterische Vorgaben zu erfüllen. Die Schule soll in Form von Arbeitsateliers gestaltet sein, in denen Gemeinschaftsarbeit und Einzelarbeit stattfinden kann. Der Gemeinschaftsraum ist somit ein traditionelles Klassenzimmer, an dem verschiedene Ateliers angeschlossen sind. Wichtig sind hierfür große Räume oder mehrere Klassenzimmer, die nebeneinander liegen. Es muss Lernzonen, Stillarbeitsbereiche, Freiarbeitsecken, Leseecken und Expertenbereiche geben. Der Grundriss eines Klassenraumes nach Freinet kann wie auf der Abbildung aussehen.[31]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ich habe versucht, die Darstellung auf unsere heutige Zeit zu übertragen.

Wichtig und das Markanteste an einem Freinet – Klassenzimmer sind die Arbeitsateliers, die in meiner Darstellung separate Räume bilden und je in einer anderen Grundfarbe dargestellt sind. Hier kann jedes Kind alleine oder auch in kleinen Gruppen arbeiten. Weiterhin gehört der Gruppenraum Gruppenarbeitssraum dazu, der für Interaktionen im Plenum gedacht ist. Die Sitzordnung ist aus der Vorlage von Willy Potthoff entnommen und bezieht sich auf die übliche Anordnung der Tische im 19. Jahrhundert.

4.3 Der „Raum“ als Lernfaktor

Dass der Faktor „Raum“ einen hohen Stellenwert in der Gestaltung der gesamten Lernumwelt der SchülerInnen darstellt, habe ich in den vorangegangenen Kapiteln bereits deutlich gemacht, und lasse das als Hypothese zunächst einmal weiterhin im Raum stehen.

Hildegard Kasper hat nun aber versucht, den Lernraum von der anderen Seite aus zu sehen und die Einflüsse, die den Faktor „Raum“ mit bestimmen zu systematisieren. Das hat sie dann in einer Aufstellung publiziert. Ihrer Ansicht nach spielen folgende Aspekte beim „Lernraum als Lernfaktor“ eine Rolle:[32]

1. Bildungspolitische Einflussgrößen
2. Pädagogisch – didaktische Einflussgrößen
3. Schulorganisatorische und schulrechtliche Einflussgrößen
4. Regionale und kommunale Einflussgrößen
5. Architektonische und baurechtliche Einflussgrößen
6. Finanzielle Investitionen als Einflussgrößen

Diese Punkte spielen zusammen und bilden das Grundgerüst für Raumstrukturen in Schulgebäuden. Ohne eine Basis dieser Art ist die Schaffung einer Lernumgebung unmöglich. Diese Aspekte wiederum bilden ich dann die nächste Ebene, die die Struktur eines Schulgebäudes ausmacht:

1. Baugliederung (z.B. Grundriss)
2. Bauausfertigung (z.B. Konstruktionstypen)
3. Raumarten (z.B. Klassenräume)
4. Innenraumgestaltung (z.B. Möblierung)
5. Freiflächen (z.B. Grünzonen)
6. Verbindung mit außerschulischen Lernorten (z.B. Bibliothek)

Aus dieser grundstruktur bildet Kasper dann eine dritte Ebene, die die Folgen aus diesen Einflüssen bildet. Diese sehen bei so aus:

1. Auswirkung auf das Schulklima und die Klassenatmosphäre
2. Psycho – somatische Auswirkungen
3. Auswirkungen auf das soziale Lernen
4. Auswirkungen aus autonomes und kreatives Verhalten

Anhand dieser Einflussgrößen ist zu erkennen, dass es zum Einen von sehr vielen verschiedenen Umständen abhängig ist, wie ein Lernraum aussieht und zum Anderen eben deshalb genau darüber nachgedacht werden muss, wie man mit diesen Faktoren umgehen muss und in welchem Maße man als Lehrperson damit beeinflussen kann.

[...]


[1] Mayer-Behrens: Grundschule – Haus für Kinder S. 10

[2] Recum: Schulleiter – Handbuch 43. Klassenräume für Schüler und Lehrer. S. 7

[3] Kolb: Leichter lernen mit Köpfchen und Spaß. S. 40

[4] Mayer-Behrens: Grundschule – Haus für Kinder S. 10

[5] Recum: Schulleiter – Handbuch 43. Klassenräume für Schüler und Lehrer S. 23

[6] Helm: Der entstreßte Klassenraum und seine Bedeutung für das sanfte Lernen. S. 99

[7] Kasper: Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung, S. 6

[8] eigene Aussage

[9] Bollow: Mensch und Raum. Entnommen aus: Gervé Friedrich: Freie Arbeit. S. 105

[10] Bollow: Mensch und Raum. S. 13

[11] Bollow: Mensch und Raum. S. 16

[12] Folgende Ausführungen aus: Kasper: Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung, S. 20ff

[13] Bollow: Mensch und Raum. S. 20

[14] Recum (u.a.): Schulleiter – Handbuch 43. Klassenräume für Schüler und Lehrer S. 7

[15] Burk, Karlheinz (u.a.): Wieviele Ecken hat unsere Schule? 1. S. 4

[16] Faust – Siehl, Die Zukunft beginnt in der Grundschule. S 54

[17] Mahlke (u.a): Raum für Kinder Ein Arbeitsbuch zur Raumgestaltung in Kindergärten. S. 9

[18] Bildungsplan für die Grundschule in Baden Württemberg (1994)

[19] Kasper: Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung, S. 18

[20] Kasper: Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung, S. 18

[21] Sander: Der Klassenraum als Lernumwelt. In: Die deutsche Schule. 1996, H.1, S. 87

[22] Schwarz: Lebens- und Lernort Grundschule. S. 11

[23] Sachinformation auch aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Reformp%C3%A4dagogik (4.8.06)

[24] Informationen von Goethes Farbenlehre aus: www.textlog.de (6.8.06)

[25] http://de.wikipedia.org/wiki/Montessorip%C3%A4dagogik (4.8.06)

[26] Noll: Montessori – Freiarbeit. S. 41

[27] Potthoff: Einführung in die Reformpädagogik. S. 92

[28] Recum: Schulleiter – Handbuch 43. Klassenräume für Schüler und Lehrer S. 23

[29] Artikel „Freinet Pädagogik“ von Dr. Hartmut Gänzel. Aus: http://freinet.paed.com/freinet/fpaed.php (4.8.06)

[30] Artikel „Freinet Pädagogik“ von Dr. Hartmut Gänzel. Aus: http://freinet.paed.com/freinet/fpaed.php (4.8.06)

[31] Graphik selbst erstellt, nach der Vorlage von: Potthoff: Einführung in die Reformpädagogik. S. 135

[32] Kasper: Vom Klassenzimmer zur Lernumgebung, S. 19

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Klassenzimmer als Lebensraum: Einflüsse der Raumgestaltung auf die Lernbereitschaft
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Autor
Jahr
2006
Seiten
115
Katalognummer
V129225
ISBN (eBook)
9783640431861
ISBN (Buch)
9783640431700
Dateigröße
8394 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klassenzimmer, Lebensraum, Einflüsse, Raumgestaltung, Lernbereitschaft
Arbeit zitieren
Lehrerin Alexandra Widmer (Autor), 2006, Klassenzimmer als Lebensraum: Einflüsse der Raumgestaltung auf die Lernbereitschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129225

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