Jugendkriminalität und mediale Berichterstattung. Einfluss der Medien auf die Bevölkerung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriminalität bei Jugendlichen

3. Einfluss der Medien
3.1 Reaktion der Gesellschaft auf Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen
3.1.1 Die Fälle James Bulger und Silje Marie Redergård im Vergleich
3.2 Umgang der Medien mit Migrationshintergrund bei Jugendlichen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Jeder ist in der Zeitung schon einmal auf einen Bericht gestoßen, der sich mit Kriminalität bei Jugendlichen befasst. Ob es sich dabei um einen tatsächlichen Fall oder eine Analyse der Jugenddelinquenz handelt, ist zweitrangig. Auffällig sind die Gefühle, die diese Berichte hinterlassen. Doch wie real ist die Medienwelt wirklich? Und welchen Einfluss hat sie auf das Denken der Bevölkerung?

Diese Hausarbeit setzt sich primär mit der Berichterstattung über kriminelle Jugendliche auseinander und welchen Einfluss sie wirklich auf die Bevölkerung haben. Dabei soll nicht nur die mediale Berichterstattung kritisch hinterfragt werden, sondern auch, welche Folgen diese auf Täter und Bevölkerung haben können. Zunächst soll geklärt werden, was genau unter Kriminalität bei Jugendlichen zu verstehen ist, wie sie sich von der Kriminalität bei Erwachsenen abgrenzt und welche tendenzielle Entwicklung in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnen ist.

Der Hauptteil dieser Hausarbeit beschäftigt sich mit der Leitfrage, welchen Einfluss Medien im Umgang mit jugendlichen Straftätern ausüben und welche Folgen daraus entstehen können. Um den Umgang der Medien mit Straffälligkeit bei Minderjährigen genauer zu beleuchten, werden zwei realen Mordfälle, durch Kinder verursacht miteinander verglichen und an diesen Beispielen verdeutlicht, welcher Effekt eine erhöhte Konzentration durch Medien eintreten kann. Als weiterer Punkt, welcher ebenfalls stark in medialem Zusammenhang steht, ist die Fokussierung dieser auf Straftaten durch Jugendliche mit Migrationshintergrund und wie dies ebenfalls einen Eindruck in der Bevölkerung hinterlässt.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, die Berichterstattung durch Medien und diese mediale Realität zu durchleuchten und vor allem zu hinterfragen. Gerade dieser Teil, der so zentral in jedermanns Leben vertreten ist, ob durch Zeitungen, Fernsehen oder Radiosendungen kann einen unterbewussten Einfluss auf Meinungen und Menschen haben und sollte daher besonders kritisch betrachtet werden.

2. Kriminalität bei Jugendlichen

Als Jugendkriminalität wird ein Phänomen beschrieben, welches häufig bei „jungen Männern im Alter von etwa 18 Jahren einen Höhepunkt erreicht, bei jungen Frauen im Alter von etwa 16 Jahren“ (Albrecht 2016, S. 397). Es ist deshalb ein Phänomen, da es bestimmten Merkmalen unterliegt, die sich von der Kriminalität bei Erwachsenen unterscheidet, aber in jeder Generation auftritt. Jugendkriminalität wird daher als ubiquitär bezeichnet, d.h. sie betrifft eigentlich fast jeden Jugendlichen, zwar selten im schweren, kriminellen Bereich „aber bagatellhafte bis mittelschwere Straftaten werden nach Befragungen so gut wie von allen Jugendlichen begangen“ (Ostendorf 2018, S. 168).

Außerdem ist „in den meisten Fällen […] die kriminelle Auffälligkeit nur vorübergehend und im Übrigen auf leichte Delikte (einfache Diebstähle, leichte Körperverletzungen, Sachbeschädigungen) und mit Kraftfahrzeugen bzw. Motorrädern zusammenhängende Kriminalität beschränkt“ (Albrecht 2016, S. 397). Kriminalität bei Jugendlichen ist also in den meisten Fällen ein vorübergehendes Problem, welches mit zunehmendem Alter meist verschwindet. Des Weiteren begeht nur ein geringer Teil der kriminellen Jugendlichen schwere Straftaten oder wird auch im Erwachsenenalter wieder straffällig, weshalb diese typischen „Jugendverfehlungen […] als Bagatelldelinquenz und in der Tatbegehung als unprofessionell [gelten]“ (Schnütchen 2020, S. 208). Meistens werden die Taten aus einer spontanen „Laune“ heraus verübt und sind weniger perfide geplant, wie z.B. die meisten Straftaten der Wirtschaftskriminellen (vgl. Albrecht 2016, S. 397). Ebenfalls ein wichtiges Kriterium der Jugenddelinquenz ist der Fakt, dass Jugendliche nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer gesehen werden müssen, die ihre Straftaten und Probleme mit der Hilfe mündiger Erwachsener aufarbeiten und nicht, wie es oft dargestellt und verlangt wird, zur Abschreckung eine hohe Strafe erwarten sollten. Die Rückfallquote gestaltet sich sehr viel höher, wenn Jugendkriminalität mit hohen Strafen sanktioniert wird (vgl. Dollinger/Schmidt-Semisch 2010, S. 11).

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung der Jugendkriminalität, da es sich um ein immer wiederkehrendes Phänomen handelt, lassen sich die verschiedenen Kohorten auch gut miteinander vergleichen. Als Ergebnis wird folgendes festgehalten:

Seit Mitte der 1990er Jahre wird ein Rückgang der jugendlichen Kriminalitätsrate festgestellt (vgl. Albrecht 2016, S. 395), obwohl „noch Anfang der 1990er Jahre in den USA ein weiterer dramatischer Anstieg insbesondere von Gewaltdelikten prognostiziert worden [war]. Diese Prognosen stützten sich zum einen auf die Annahme, dass sich mit der zunehmenden Größe von Geburtskohorten, die in den 1990er Jahren in kriminell besonders aktive Altersphasen einrücken würden, auch die Zahl der […] kriminell sehr aktiven Jugendlichen und Heranwachsenden (Karrierestraftäter) deutlich erhöhen werde“ (Albrecht 2014, S. 363). Zudem wurde angenommen, dass Jugendliche nicht mehr die moralischen Werte und Gesetze der vorherigen Generationen vertreten und die Jugendlichen in ihrem Verhalten viel skrupelloser werden würden (vgl. Albrecht 2014, S. 363). Letzterer Punkt ist wahrscheinlich auch dadurch begründet, dass „auf Änderungen im Erscheinungsbild der Jugend besonders sensibel reagiert“ und „heutzutage […] vor allem im Zusammenhang mit dem Thema der Gewaltkriminalität die Jugend als Bedrohung beschworen“ (Reuband 2010, S. 507) wird.

Eine genaue Analyse des Rückgangs der Jugenddelinquenz würde den Rahmen dieser Hausarbeit überschreiten. Ziel dieses ersten Einstiegs zur Jugendkriminalität und die Definition dieser ist es, darauf hinzuweisen, dass diese sich nicht in dem Ausmaß entwickelt, wie es vielerorts prognostiziert und verbreitet wird. Der genaue Zusammenhang wird im nächsten Teil deutlich, der sich mit der medialen Berichterstattung von kriminellen Fällen bei Jugendlichen beschäftigt.

3. Einfluss der Medien

Kriminalität durch Jugendliche ist bei Einwohnern Deutschlands ein stark diskutiertes Thema. Und vor allem die mediale Berichterstattung spielt eine zentrale Rolle, da sie die mitunter einzige Quelle für Bürger ist, um sich über Kriminalität in Deutschland zu informieren. Denn „im Wesentlichen [stehen] nur die Polizeilichen Kriminalstatistiken und weitere offizielle Datenbestände zu strafrechtlichen Verurteilungen und zum Strafvollzug zur Verfügung, um langfristige Entwicklungen zu beobachten und abzubilden“ (Albrecht 2016, S. 395) und da stellen öffentlich mediale Berichterstattungen den einfacheren Zugang her.

Eine erhöhte Fokussierung auf jugendliche Täter kann man in deutschen Fernsehberichten eigentlich nicht beobachten, mit Ausnahme des Jahres 2014, „damit ist im Untersuchungszeitraum 2014 der Anteil jugendlicher Tatverdächtiger dreimal so hoch wie ihrem statistischen Anteil entspräche. Eine systematische Fokussierung auf Jugendgewalt lässt sich daraus aber nicht ablesen“ (Hestermann 2018, S. 74).

Und trotzdem hat die Bevölkerung, durch die immer fortlaufende Flut an Informationen das Gefühl, Kriminalität nehme zu oder gewinne sogar die Oberhand. Aber wie kommt dies zustande? „Diese Anmoderation und der Beitrag stehen für den Bauplan einer Gewaltberichterstattung, die emotionalisiert, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Deren wichtigstes Element ist das sichtbare Beispiel. Dabei hindert das bekundete Entsetzen, dass Jugendliche ihre eigenen Gewalttaten filmen, die Macher keineswegs daran, genau diese Filme zu zeigen, liefern sie doch erst das Material, mit dem Schreckensgeschichten wie diese so fernsehgerecht erzählt werden können“ (Hestermann 2018, S. 75). Ereignisse, von denen in den Medien berichtet wird, sind präsenter und hinterlassen einen bleibenden Eindruck, die Emotionalität, das Betroffen machen ist ein entscheidender Punkt, weshalb die Bevölkerung sich so beeinflussen lässt. „Die Massenmedien tragen zur Vergesellschaftung von Angst und Zorn bei“ (Hestermann 2018, S. 78), stark entsetzende Einzelfälle tragen zu diesen negativen Gefühlen bei. Zu suggerieren, dass dieser offensichtliche Einzelfall kein Einzelfall ist, kreiert das Gefühl, dass die Gewalt unter Jugendlichen immer weiter zunimmt. „„Immer wieder tauchten in den vergangenen Monaten ähnliche Gewaltvideos im Internet auf “, heißt es bei Sat.1 und wortgleich in den Nachrichten von Kabel eins und ProSieben“ (Hestermann 2018, S. 75), diese Verknüpfung von stark polarisierenden Einzelfällen begünstigt die Entstehung eines vermeintlich dichten Netzes an Straftaten in den Köpfen der Bevölkerung und sind der Grund, weshalb so eine Sorge über steigende Kriminalität entsteht. Selbst von Experten widerlegende Statistiken und Zahlen haben kaum etwas gegen diese Wirkmacht der Einzelfälle zu setzen, sie wirken wie versteifte Theorien und im Gegensatz dazu stehen die eindrucksvollen Bilder und Videos von Straftaten, die diese für die Bevölkerung greifbarer machen, als Statistiken und Zahlen auf einem Blatt es je könnten. Das Resultat:

„Viele in der Bevölkerung halten die Jugendstrafjustiz für zu milde, zu lasch, fordern härtere Gesetze. Dass diese Stimmung im Volk auch gemacht wird, von der Politik, von den Medien beeinflusst wird, dass der Ruf nach Sicherheit und Ordnung, nach mehr Strafrecht angeheizt wird, ist bekannt. Wir sprechen vom politisch-medialen Verstärkerkreislauf“ (Ostendorf 2018, S. 159). Aber stimmt das wirklich? Ist die Bevölkerung, trotz sinkender Kriminalitätsstatistiken punitiver eingestellt? Und welche Faktoren könnten diese Einstellungen begünstigen? Eine genauere Analyse der Einstellung der Bevölkerung zur Kriminalität unter Jugendlichen folgt im nächsten Punkt.

3.1 Reaktion der Gesellschaft auf Kriminalität bei Kindern und Jugendlichen

Immer wieder werden Stimmen, gerade hinsichtlich sehr junger Straftäter laut, die eine Herabsenkung des Strafmündigkeitsalters verlangen. Prof. Dr. Frank Neubacher gibt in einem Interview mit der Legal Tribune Online, angesichts dieser Forderungen zu bedenken, dass es „‘gute Gründe dafür‘ [gebe], warum der Gesetzgeber mit dem JGG von 1953 das von den Nationalsozialisten zuvor auf 12 Jahre abgesenkte Strafmündigkeitsalter wieder auf 14 Jahre heraufgesetzt hat. Neubacher sagt: "Warum sollte dem Verhalten von unter 14-Jährigen auch strafrechtlich begegnet werden? Ich sehe nicht, was das Strafrecht erreichen könnte, was nicht auch auf anderem Wege erzielt werden könnte, zum Beispiel durch Familiengerichte und Jugendhilfe - abgesehen vielleicht von einer 'Abschreckungswirkung', an die viel zu viele zu Unrecht glauben" (Suliak 2020). Die Überzeugung, härtere Strafen führen zu schnellerer Verbesserung des Individuums ist nicht weit hergeholt. Geht man von der Theorie aus, dass „das Individuum auf sich allein gestellt […] und nach rationaler Kosten- und Nutzen-Abwägung [handelt]“, wäre die logische Schlussfolgerung, „dass eine Erhöhung der Strafe die Kosten des Handelns vergrößert und daher zu dessen Vermeidung führt“ (Reuband 2010, S. 508). Da dies eine allgemeine Vorstellung der Gesellschaft ist, scheint es nicht verwunderlich, dass auch die Bevölkerung härtere Strafen für kriminelle Jugendliche verlangt, da sie über die Medien mit den Taten und dessen Auswirkungen konfrontiert werden.

„Vor dem Hintergrund eines scheinbar dramatischen Kriminalitätsanstiegs, der scheinbar durch medial vermarktete spektakuläre Einzelverbrechen belegt wird, führt dieses medial vermittelte, hautnah erlebte fremde Opferleid zu antizipierten Opferwerdungen, zu einer gesellschaftlichen Opferfiktion“ (Ostendorf 2018, S. 160). Menschen haben also nicht nur das Gefühl, dass die Kriminalitätsrate steigt, sie fühlen sich auch persönlich davon bedroht, obwohl sie vielleicht keine direkte Kriminalitätserfahrung gemacht haben.

Einer Studie, von Reuband selbst durchgeführt, nach zu urteilen, ist es für die Bevölkerung von Interesse, ob Sach- oder Personenschaden entstanden sind, wie hoch der jeweilige Schaden ist und ob es sich bei dem Täter um Erst- oder Wiederholungstäter handelt (vgl. Reuband 2010, S. 516). Die von Reuband durchgeführte Studie, bei welcher es sich um eine postalische Befragung handelt, wird mit einer bundesweit durchgeführten Studie verglichen, da diese signifikante Unterschiede in den Antworten der Teilnehmenden aufweisen. „Setzt man die Antworten auf die Frage zum jugendlichen Einbrecher mit denen einer zeitgleich durchgeführten bundesweiten Telefonbefragung – mit nahezu gleicher Frageformulierung – in Beziehung, wird deutlich, dass punitive Orientierungen in der Städte-Untersuchung häufiger geäußert werden: So beläuft sich der Anteil derer, die sich für eine Gefängnisstrafe aussprechen, in der bundesweiten Erhebung, West- und Ostdeutschland umfassend, auf 20% (eigene Daten, vgl. auch Reuband 2003), in der hier zugrunde gelegten Erhebung auf Basis ausgewählter Städte liegt der Anteil jedoch mit 44% mehr als doppelt so hoch (Reuband 2010, S. 513). Aber wieso gibt es diesen signifikanten Unterschied in den Antworten der Befragten?

Reuband erklärt dieses Ergebnis anhand von zwei Effekten: „So verbleibt als potentiell bedeutsamer Effekt letztlich nur der Tatbestand, dass (1) die Höhe des in der Formulierung genannten Schadens zwischen den Erhebungen leicht differiert und (2) sich der Erhebungsmodus unterscheidet – in einem Fall in Form einer postalischen, im anderen Fall in Form einer telefonischen Befragung“ (Reuband 2010, S. 514). Und eben dieser zweite Grund ist sehr interessant. Datenerhebungen sowohl quantitativer, als auch qualitativer Art haben beide mit dem Effekt der Sozialen Erwünschtheit zu kämpfen, bei welcher Befragte das Gefühl haben, sie müssten eine Antwort so geben, wie es von ihnen durch die Gesellschaft erwartet wird. Und dieser Effekt hat auch zu dem Unterschied in den beiden Erhebungen geführt. Während bei der bundesweiten Erhebung durch ein telefonisches Interview eine gewisse face-to-face Situation eingetreten ist, durch welche die Soziale Erwünschtheit stärker präsent war, ist dieser Effekt bei der anonymen postalischen Befragung wahrscheinlich weniger stark ausgeprägt (vgl. Reuband 2010, S. 514). Ergo erscheint als „realistischere Interpretation […], dass sich Befragte in anonymen Befragungen bereitwilliger zu ihrer Punitivität bekennen als in Interviews, die mit einem Kontakt zu einem Interviewer einhergehen (Reuband 2010, S. 514).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Jugendkriminalität und mediale Berichterstattung. Einfluss der Medien auf die Bevölkerung
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Soziale Arbeit im Kontext der Jugendgerichtshilfe
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1292256
ISBN (Buch)
9783346756671
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, James Bulger, Silje Marie Redergard, Jugendkriminalität, Kinderkriminalität, Jon Venables, Robert Thompson, Kriminalität, Medien, Berichterstattung
Arbeit zitieren
Katharina Küssner (Autor:in), 2020, Jugendkriminalität und mediale Berichterstattung. Einfluss der Medien auf die Bevölkerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1292256

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