Flucht und Ausreise aus der DDR. Ein Überblick über Verlauf und Prozedur


Referat (Ausarbeitung), 2007

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fluchtbewegung
2.1 Republikflucht bis zum Mauerbau
2.2 Republikflucht nach dem Mauerbau

3 „Ständige Ausreise nach dem Ausland“
3.1 Überblick über Verlauf und Prozedur
3.2 Beispielfall

4 Fazit und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Durch die „Abstimmung mit den Füßen“ (zit. nach Kempe 1998: 8) verdeutlichten die Bürger ihre Haltung gegenüber dem SED-Regime. Das Verlassen der DDR kann entsprechend als Barometer der Stimmungslage und Absage an das sozialistische System verstanden werden (vgl. Eisenfeld 2000: 130). Die DDR wandelte sich durch illegale Flucht und Ausreise nach dem Stellen eines „Antrags auf ständige Ausreise nach dem Ausland“, unfreiwillig zu einem Auswanderungsland.

Wie verlief die Fluchtbewegung vor allem nach dem Bau der Mauer 1961? Wie war den Bürgern eine Flucht dann überhaupt noch möglich? Diese Fragen sollen im ersten Teil dieser Arbeit beantwortet werden. Dabei stehen nicht die Motive, die die Bürger veranlassten, ihrem Heimatland den Rücken zu kehren, im Vordergrund, als viel mehr der Verlauf der Flucht- und Ausreisebewegung. Ergänzend werden knapp die Reaktionen seitens der DDR-Regierung.

Im zweiten Teil wird der Frage nachgegangen, unter welchen Voraussetzungen Ausreisewillige einen positiven Bescheid auf einen Antrag erhielten. War dies bestimmten Personenkreisen vorbehalten und wie änderte sich das Prozedere bis 1989? Um den Weg vom Stellen des Antrages bis zum Verlassen der DDR besser verdeutlichen zu können, wird hier ein Beispielfall herangezogen.

Diese beiden Möglichkeiten die DDR zu verlassen, haben gewiss zu einem bestimmten Ausmaß Anteil, am Verfall von Autorität und Stabilität der SEDHerrschaft im Jahr 1989.

2 Fluchtbewegung

Die Republikflucht bezeichnet das illegale Verlassen der DDR, ohne Genehmigung der Behörden und wurde von der SED in die Nähe des Landesverrats gerückt. Entsprechend wurde dieses Vergehen strafrechtlich drastisch verfolgt. Zeitlich betrachtet, erhielt die Fluchtbewegung durch den Mauerbau einen harten Einschnitt. Als Konsequenz nahm die Zahl der „Republikflüchtlinge“, wie die Flüchtlinge von der SED bezeichnet wurden (vgl. Bade 1994: 47), sprunghaft ab.

2.1 Republikflucht bis zum Mauerbau

Seit der Gründung der DDR bis zum Mauerbau im Jahr 1961 gelang mindestens 2,7 Mio. Menschen die Flucht in die Bundesrepublik (vgl. Eisenfeld 2000: 130). Republikflucht bezeichnet das illegale Verlassen der DDR, ohne Genehmigung. Die Zahl der Flüchtlinge wurde bis dahin stark von politischen Ereignissen beeinflusst. 1953, im Jahr des Volksaufstandes vom 17. Juni, verließen rund 331.000 Menschen den SED-Staat. Ein Jahr zuvor forcierte die DDR-Regierung verstärkt den Aufbau des Sozialismus. Zwischen 1955 und 1957 flohen jährlich ca. eine Viertel Millionen DDR-Bürger u.a. als Folge der Volksaufstände in Polen und Ungarn.1 Schließlich stieg die Zahl der Flüchtlinge im Jahr 1960 bis zum Bau der Mauer, aufgrund der forcierten Kollektivierung der Landwirtschaft, erneut an (vgl. ebd.). Diese enorme Abwanderung von Menschen brachte den jungen Staat an den Rand des Zusammenbruchs. Der Flüchtlingsstrom wurde schließlich mit dem Stopfen des Schlupfloches Berlin2, durch den Bau der Berliner Mauer, stark eingedämmt.

Die Abwanderung hatte natürlich Folgen für den Staat. Bis zum Jahr 1955 entstanden bereits in einigen Gebieten Engpässe, verursacht durch den Ausfall von Fachkräften. Diese konnten noch ersetzt werden. Es war aber hier schon abzusehen, dass die entstehende Lücke nicht auf Dauer zu schließen sein würde. Das SED- Regime reagierte mit Kontrollen und Reglementierung von Reisen in die BRD und Erhöhung des Strafmaßes. Außerdem wurde 1952 ein fünf Kilometer breiter Sperrstreifen an der innerdeutschen Grenze errichtet (vgl. Heidemeyer 1994: 63). Seit Mitte der 1950er konnten die Lücken nicht mehr geschlossen werden. Der Verlust des Humankapitals, vor allem junge Personen, Akademiker und Arbeiter, verließen die DDR, ließ die Schrumpfung der DDR-Bevölkerung befürchten. Diese Gefahr wurde durch den Ausfall der Geburten zusätzlich verstärkt. Die DDR-Regierung sah letztendlich nur eine Möglichkeit das Arbeitskräftepotential im eigenen Land zu halten: den Verbleib der Bürger zu erzwingen (vgl. ebd.: 64f.). In einer Gesetzesänderung 1957 wurden bereits die Vorbereitung und der Versuch einer Flucht unter Strafe gestellt. Um den Massenexodus völlig zu unterbinden, wurde im August 1961 die Berliner Mauer errichtet: „Um ein Ausbluten der DDR zu verhindern, musste potentiellen Abwanderern auch die letzte Möglichkeit genommen werden, sich der SED-Herrschaft zu entziehen.“ (Kempe 1998: 11).

2.2 Republikflucht nach dem Mauerbau

Die Sogwirkung der BRD sowie der Wille, den Staat auch unter gewachsenen Risiken zu verlassen, blieben ungebrochen. Die Zahl der Flüchtlinge ging drastisch zurück: Nach dem Mauerbau schafften es noch ca. 300.000 Menschen als Flüchtlinge die BRD aus dem Gebiet der ehemaligen DDR zu erreichen (vgl. Kempe 1998: 13/Eisenfeld 2000:131). Der Mehrheit gelang es vor allem zwischen 1975 und 1988, sich als „Verbleiber“ in der BRD niederzulassen, d.h. sie kehrten nach einer genehmigten Privat- oder Dienstreise nicht in die DDR zurück. Mit zunehmenden Ost-West-Reiseverkehr seit 1986 nahm die Zahl sprunghaft zu. Allerdings waren ein angepasstes Verhalten bzw. scheinbar „eine positive oder zumindest loyale Einstellung zur DDR“ und „feste ideelle, materielle und familiäre Bindungen“ Voraussetzung (zit. nach Eisenfeld 2000: 131). Nur Bürger mit diesen Einstellungen und Bindungen durften überhaupt reisen. Andere Möglichkeiten, der DDR den Rücken zu kehren, sahen die Betroffenen beispielsweise im Tunnelbau, mittels Heißluftballon oder durch direkte oder indirekte Fluchthilfe über die innerdeutsche Grenze als „Sperrbrecher“3 oder über Drittländer (vgl. Bade/Oltmer 2004: 91/Eisenfeld 2000: 131). Nur unter 50.000 Menschen gelang eine Flucht als „Sperrbrecher“. Indirekte Hilfe wurde in Form von Angeboten von Integrationshilfen durch die BRD-Bürger geleistet. Hilfe in direkter Form konnte beispielsweise durch die Ausstellung bundesdeutscher Pässe oder durch Unterstützung der Fluchtpläne durch andere DDR-Bürger stattfinden. Am deutlichsten wurde die direkte Hilfe beim Ausschleusen von Fluchtwilligen. Tunnelfluchten waren vor allem in den ersten Jahren nach dem Bau der Mauer vorherrschend (vgl. Eisenfeld 2000: 132.) Aufgrund der steigenden Risiken an der innerdeutschen Grenze verlagerten sich die Schleusungen in den 1980er Jahren auf die Westgrenzen der CSSR und Ungarns. Teilweise inszenierte das SED-Regime für gefasste, dubiose Fluchthelfer öffentliche Schauprozesse4. Fluchthelfer und Flüchtlinge, die scheiterten, wurden zur Abschreckung zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt (vgl. ebd.).

[...]


1 Helge Heidemeyer (1994) gibt unter Berufung auf das Statistische Jahrbuch von 1963 folgende Zahlen an: 1953 - 408.100 Zuzüge aus der DDR in die BRD; für die Jahre 1955 bis 1957 liegen die Zahlen zwischen 381.800 und 396.300. Die Zahl, die Eisenfeld für das Jahr 1953 angibt, bezeichnet bei Heidemeyer die Anzahl der Antragsteller im Bundesaufnahmeverfahren für 1953. (Heidemeyer 1994: 44f).

2 Nach der Sperrung der Zonengrenze bzw. Schaffung der sicht- und schussfreien Sperrzone im Jahr 1952 war die Flucht nur noch über Berlin möglich. Dieser Weg wurde seit 1951 von weit über der Hälfte der Flüchtlinge gewählt.

3 „Sperrbrecher“ ist die West-Bezeichnung, die DDR bezeichnete Flüchtlinge, die über die innerdeutsche Grenze die BRD erreichten als „Grenzverletzer“ (vgl. Kempe 1998: 13).

4 Siehe dazu: Eisenfeld, B. (2000): Schauprozesse. In: Veen, H.-J./Eisenfeld, P. u.a. (Hrsg.) Lexikon Oppostion und Widerstand in der SED Diktatur. Berlin: Propyläen. S. 317ff. 5

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Flucht und Ausreise aus der DDR. Ein Überblick über Verlauf und Prozedur
Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
12
Katalognummer
V129242
ISBN (eBook)
9783668329065
ISBN (Buch)
9783668329072
Dateigröße
817 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
flucht, ausreise, überblick, verlauf, prozedur
Arbeit zitieren
Sabine Roeber (Autor), 2007, Flucht und Ausreise aus der DDR. Ein Überblick über Verlauf und Prozedur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129242

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