Hesiods Werke und Tage

Ein Ruf nach einer Kodifizierung des Rechts?


Hausarbeit, 2009

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bilder und Mythen in den Έργα
2.1 Der Weltaltermythos
2.2 Das Gleichnis vom Habicht und der Nachtigall
2.3 Stadt der Gerechtigkeit und Stadt des Unrechts

3 Der zentrale Begriff der δίκη

4 δίκη als „Schlachtruf“ der unteren Schichten

5 Ein Ruf nach einer Kodifizierung des Rechts?

6 Fazit

7 Verwendete Literatur

1 Einleitung

Hesiod, der Bauernsohn aus Askra in Böotien, schrieb zur Zeit Homers[1] neben der Theogonie ein zweites größeres, jedoch im Umfang in keinem Fall mit dem der Odyssee zu vergleichendes, Gedicht: die Werke und Tage. Die Έργα setzen sich aus zwei großen Teilen zusammen und beinhalten neben einigen Mythen, Bildern und Gleichnissen ganz praktische Anweisungen, welche Bedingungen etwa für eine ertragreiche Feldarbeit erfüllt werden sollten. Darüber hinaus können sie auch als Anklageschrift gegen Hesiods Bruder Perses gelesen werden. Eine eindeutige und abschließende Interpretation der Έργα gestaltet sich aufgrund der Vielzahl von verschiedenen Breichen, die das Werk anspricht, auch als außergewöhnlich schwierig. Des Weiteren scheint der erste Teil von Hesiods Gedicht (Έργα) nicht so recht zum zweiten (den Ημέραι) zu passen. Folglich ist dieses Opus in der Literatur bereits in vielerlei Hinsicht interpretiert und analysiert worden.

Für die vorliegende Eruierung ist vor allem der erste Teil der Έργα (Vers 1-381) von Interesse. Es soll bei der Untersuchung dieser Verse der Frage nachgegangen werden, inwieweit Hesiods Forderung, das Recht zu achten und einen redlichen Lebensstil zu verfolgen, ein (implizites) Postulat darstellt, in einer Polis das Recht zu kodifizieren. Auf den ersten Blick erscheint die Fragestellung leicht beantwortbar, (1) da solch ein Postulat in dem sonst sehr detailreichen Text nirgends aufgestellt wird. (2) Andererseits ist dies vielleicht auch gar nicht erforderlich, da es sich – wie noch zu zeigen sein wird – notwendigerweise aus der Argumentation Hesiods ergibt. Das Ziel dieser Arbeit besteht also darin, diese beiden Gedanken (1 und 2) sowie die dafür wesentlichen Textstellen zu erörtern, um schlussendlich durch Abwägen zu einer Aussage über die jeweilige Wahrscheinlichkeit zu gelangen – Wahrscheinlichkeit deshalb, weil der Text wohl eine definitive Antwort nicht erlaubt und viel der individuellen Interpretation überlassen bleiben wird.

Der Aufbau der Beweisführung dieser Arbeit vollzieht sich wie folgt: Um überhaupt einen Zugang zu Hesiods Denken und Argumentation zu bekommen, werden nacheinander seine Theorie der Weltzeitalter, das Gleichnis des Habichts und der Nachtigall sowie das Bild der zwei Städte vorgestellt. Diese dienen als Grundlage, um sich anschließend eingehend mit der von Hesiod so vehement geforderten δίκη auseinandersetzen zu können. Dabei soll nicht nur zur bloßen Häufigkeit des Wortes und seiner unterschiedlichen Sinnrichtungen im Text Stellung bezogen werden, sondern auch auf den Bedeutungswandel, der δίκη in den Έργα zum „Schlachtruf“ der unteren Bevölkerungsschichten machte.[2] Aus diesem lassen sich dann Rückschlüsse für die weitere Argumentation ziehen. Zu guter letzt sollen aus der verfügbaren Sekundärliteratur Gedanken angeführt werden, die eine unterstützende Rolle beim Abwägen der aufgestellten These einnehmen.

2 Bilder und Mythen in den Έργα

2.1 Der Weltaltermythos

Um den Appell an seinen Bruder Perses eindrucksvoll zu untermauern und somit ihm und dem Leser zu zeigen, welche Lebenseinstellung die Göttern bei den Menschen gern sähen, nämlich durch redliche und ehrlich Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, führt Hesiod verschiedene Mythen und ein Gleichnis an. Der Mythos der Weltalterlehre (V. 110-200) soll im Rahmen dieser Arbeit zumindest skizzenhaft vorgestellt werden, da dies eine wichtige Grundlage für den weiteren Gang der Argumentation darstellt.

Hesiod berichtet, dass sich das zu seiner Zeit lebende Menschengeschlecht bereits im fünften Weltzeitalter befinde und stellt die vier vorangegangenen jeweils kurz vor. Das erste sei das Goldene Zeitalter gewesen, in dem die Menschen mit Reichtum und allerlei Gütern gesegnet waren, weder an Krankheiten litten, noch einen qualvollen Tod starben. Auch die Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes war dem Menschen dieser paradiesischen Epoche weitestgehend fremd. Es ereignete sich nun, dass Prometheus durch eine List das Feuer vom Göttervater stahl und es den Menschen brachte. Zeus, durch diesen Betrug höchst verärgert, bestrafte alle Menschen für dieses Unrecht und läutete somit das zweite, das Silberne Zeitalter für die Menschheit ein. Dieses kennzeichnet sich besonders durch die frevlerische Gewalt der Sterblichen untereinander und durch die fehlende Verehrung des Zeus. Diese Umstände erregten nun abermals den Zorn des Göttervaters derart, dass er die Erdenbürger ein weiteres Mal bestrafte und das Eherne Geschlecht – als drittes und sehr leidvolles Zeitalter – über die Menschheit verhängt. „Das Eherne Alter ist unförmig, wild und übt Krieg und Hybris; von Gerechtigkeit ist wenig zu sehen.“[3]

Das darauf folgende Geschlecht der Heroen sei zwar zumindest zum Teil gerechter und besser (δικαιότερον καì άρειον, V. 158) gewesen, doch vernichtete sich der Großteil dieses Menschengeschlechts in den Kämpfen vor Theben und Troja selbst. Die Gerechteren und Besseren wurden am Rande der Erde auf den Inseln der Seligen (εν μακάρων νήσοισι, V. 170) angesiedelt und führten dort ein Dasein, das nah an das des Goldenen Zeitalters heranreicht.

Der Tenor dieser Passage lautet schlicht: Gerechtigkeit zahlt sich aus. Der Teil der Menschen, der sich durch eine redliche Lebensführung auszeichnet, wird von Zeus bedacht und mit einem fast sorgenfreien Leben am Rande des Weltenkreises belohnt. Im letzten und aktuellen (Eisernen) Zeitalter, in dem Hesiod lebt, sind Edles und Schlechtes vermischt. Der Autor lässt keinen Zweifel daran, dass Zeus auch dieses Geschlecht vernichten und ein sechstes Zeitalter heraufbeschwören wird, wenn die jetzt lebenden Menschen versagen sollten, das heißt wenn sie Frevel und Missetaten (V. 240) verübten. Hesiod eröffnet bei der Beschreibung des letzten Zeitalters den Zusammenhang von Glück und Gerechtigkeit, denn auch in dieser Zeit sei ein glückliches Leben möglich, wenn das Recht (δíκη) strikt eingehalten werde. Dann nämlich würde diesen Menschen die Stadt gedeihen (τοîσι τέθηλε πόλις, V. 226).

2.2 Das Gleichnis vom Habicht und der Nachtigall

Unmittelbar im Anschluss an die Weltalterlehre schließt sich die Erzählung vom Habicht und der Nachtigall an (V. 201ff.). Hesiod wendet sich eingangs direkt an die Richter (βασιλεύσι, V. 201), denen er mit seiner Geschichte vor Augen führen möchte, dass sie dem Grundsatz folgten, Macht sei Recht. Der Habicht – als ein starker Raubvogel – packt eine Nachtigall, hält sie in seinen Fängen fest und fliegt mit ihr in die Wolken, um ihr seine Überlegenheit vorzuführen. Er könne sie fressen, weiterhin festhalten oder wieder fliegen lassen. Dieses Recht stehe ihm zu, da er von Natur aus der um einiges Stärkere (πολλόν αρείων, V. 206) sei. Er besitzt folglich die Macht, mit dem schwächeren Lebewesen zu tun, was er will. Zeus hat dem steten Daseinskampf der Tiere aber die von ihm an die Menschen verliehene δίκη gegenübergestellt. „Es ist also eine Art von Naturordnung, die Zeus festgesetzt hat und durch die die zwei großen Klassen von Lebewesen charakterisiert werden.“[4]

Hesiod will damit aufzeigen, dass dieser Grundsatz von den βασιλής nicht missachtet werden darf, da die Existenz der menschlichen Art an die Wahrung des von Zeus verliehenen Rechts geknüpft ist. Dieses Recht stellt den einzigen Unterschied zur Tierwelt dar, und es liegt im Belieben des Göttervaters, es den Menschen auch wieder zu entziehen.

Hesiod wirft den βασιλής vor, sie würden nach dem Grundsatz „Macht = Recht“ handeln. Diese Missachtung der δίκη werde jedoch vom höchsten Gott nicht toleriert. Vielmehr führen das Faustrecht und die damit verbundene Hybris zur Vernichtung der Menschen. Wie in der Beschreibung des vierten Weltzeitalters angedeutet, kann jedoch derjenige selig leben, der keinen Deut vom Recht abweicht.

Hesiod führt uns nun das Bild der zwei Städte vor Augen, um den Eindruck zu vermeiden, einem rechtschaffenen und ehrlichen Menschen könne die Verhöhnung der δίκη durch andere Bürger gleichgültig sein, so lange nur er selbst für seine Lebensweise belohnt werde.

[...]


[1] Die Diskussion in der Forschung, ob er nun eine oder zwei Generationen nach Homer schrieb oder gar noch vor ihm, ist für diese Arbeit absolut vernachlässigbar.

[2] Vgl. Ehrenberg, Viktor: Die Rechtsidee im frühen Griechentum. Untersuchungen zur Geschichte der werdenden Polis, Darmstadt 1966, S. 61.

[3] Hesiod: Tage und Werke. Griechisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schönberger, Stuttgart 2007, Nachwort, S. 71.

[4] Ehrenberg: Rechtsidee (wie Anm. 2), S. 115.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Hesiods Werke und Tage
Untertitel
Ein Ruf nach einer Kodifizierung des Rechts?
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Staat und Staatlichkeit bei den Griechen
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V129247
ISBN (eBook)
9783640354788
ISBN (Buch)
9783640355051
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hesiods, Werke, Tage, Kodifizierung, Rechts
Arbeit zitieren
Daniel Sosna (Autor), 2009, Hesiods Werke und Tage , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129247

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