Die Rolle der fiktiven Personen in "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth

Hausarbeit für das Hauptseminar "Das Drama nach 1945“


Hausarbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Geschichte und literarische Fiktion

2. Die fiktiven Personen im Drama und ihre Rolle
2.1. Pater Riccardo Fontana und die Schuldfrage
2.2. Jakobson und die Judenverfolgung
2.3. Der Doktor und die Frage nach Gott

3. Resümee

4. Bibliografie:

1. Geschichte und literarische Fiktion

Achtzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam ein sehr umstrittenes Theaterstück uraufgeführt von Erwin Piscator auf die Bühne – Der Stellvertreter von Rolf Hochhuth. Dieses Theaterstück ist umstritten, weil Hochhuth sich darin mit dem Zweiten Weltkrieg und besonders mit der Tatenlosigkeit des Papstes Pius des Zwölften zwischen August 1942 und Oktober 1943 angesichts der Verfolgung und Ermordung der Juden auseinandersetzt.

In Piscators Vorwort zu der Buchausgabe des Stückes[1] wird Der Stellvertreter als „ein episches Stück, episch- wissenschaftlich, episch- dokumentarisch“[2] bezeichnet. Dokumentarisch ist dieses Theaterstück deswegen, weil ein historischer Stoff den Kern seiner Handlung bildet. Hochhuth schöpft ihn aus zahlreichen historischen Dokumenten, Biografien, Berichten und Geschichtsbüchern und zitiert daraus sogar einige Passagen, was er auch in seinen Kommentaren zu dem Drama Historische Streiflichter[3] zum Ausdruck bringt. Im Stück treten auch zahlreiche historische Figuren auf, wie Papst Pius der Zwölfte, der Nuntius von Berlin- Cesare Orsenigo, der Diplomingenieur Kurt Gerstein, der Heidelberger Anatomie-Professor August Hirt und Karl Adolf Eichmann.

„Der Stellvertreter ist in erster Linie eine Sammlung von Fakten, ein Protokoll. Eichmann selbst und viele andere wirkliche Personen jener Zeit werden in diesem Stück dargestellt; was die Gestalten sagen, stammt aus historischen Protokollen.“[4] Der Historischer Hintergrund, die geschichtlich wahren Personen und die genaue Bezeichnung des Zeitrahmens und der Orte der Handlung des Stückes sorgen für den Eindruck eines historischen Theaters und besonders für das Gefühl von Wirklichkeitsnähe.

Obwohl es in diesem Drama so viele Anknüpfungen an die wahre Geschichte gibt, darf man nicht vergessen, dass es ein Theaterstück, d.h. eine literarische Kunstform ist, in der sich Faktizität und dramatische Gestaltung vermischen. Dem Dokumentarischen steht das Epische gegenüber und in dem Epischen besteht die eigentliche künstlerische Leistung dieses Dramas. Die zahlreichen und ausführlichen Beschreibungen des Exposes, die epischen Kommentare des Erzählers und die epische Handlungsstruktur machen aus dem Stellvertreter nicht nur ein historischwahrhaftiges Dokumentardrama, sondern auch ein künstlerisch anspruchsvolles Theaterstück.“ Dokumentarisch und Künstlerisch sind untrennbar ineinander übergangen.“[5] Die Handlung des Dramas ist zwar fiktiv, aber die dokumentarisch belegten Fakten geben ihm einen hohen Wirklichkeitsgrad. Geschichte und Kunst, die ineinander übergehen, verleihen dem Drama eine doppelte Deutungsmöglichkeit. Ist das Drama eher eine politisch- moralische Kritik an historischen Ereignissen, eine philosophische Fantasie, eine bloße Erinnerung an die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges als Reaktion auf das Schweigen des Papstes oder ist es mehr eine kunstvolle Geschichtsdarstellung? Diese Frage ist der Ausgangspunkt meiner folgenden Untersuchung.

2. Die fiktiven Personen im Drama und ihre Rolle

Es ist schwierig über die fiktiven Figuren in dem Stellvertreter zu schreiben, weil es wenige Literaturwissenschaftler gibt, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Sogar solche Autoren, wie Gunter Sasse[6] oder Egon Schwarz[7], die man als Kenner Hochhuths Dramen bezeichnen kann, haben sich kaum zu der Funktion der fiktiven Personen geäußert. Wenn man Publikationen über den Stellvertreter liest, fällt auf, dass nur sehr wenige Autoren sich mit diesem Thema beschäftigt haben.

So wie sich im Drama Geschichtsdarstellung mit Kunst vermischt, steht auch den historischen Personen die Konstellation der fiktiven Figuren gegenüber. Die bedeutendste Rolle im Drama spielen drei Figuren: der Priester Riccardo Fontana, dessen Schicksal im Drama mit dem Leben des polnischen geistlichen Maksymilian Kolbe (1894-1941) vergleichbar ist, Jakobson, der bei Gerstein untergetaucht ist und der Doktor, der die Züge von Mengele trägt.

Von den fiktiven Figuren wird die christlich-moralische Intention des Autors zum Ausdruck gebracht. Hochhuth setzt sich durch sie mit der Endlösung und mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander.

In der ersten Instanz wird durch die Person Priesters Fontana die moralische Qualität des Dramas dargestellt (Kapitel 2.1.). Durch die Figur Riccardos wird auf die Schuldfrage und die Verantwortung für das Massaker hingewiesen. Fontana fragt den Zuschauer: Ist der, der dem Mord zuschaut und nichts dagegen tut, ebenfall ein Mörder?

In der zweiten Instanz ist die Figur des Juden Jakobson ein Symbol der Verfolgung, Demütigung und Ermordung des jüdischen Volkes(Kapitel 2.2.). Im Schicksal Jakobsons und der aus Rom deportierten Juden spiegelt sich das Bedürfnis des Autors, „dass das Leid der Juden sich der Bevölkerung anders einprägt und dass sich dieses Wissen um das Judenschicksal verbreitet werden soll“[8] wider.

In der dritten Instanz, und zwar durch die Figur des Doktors, der einen Gegenpol zu Riccardo bildet, wird nach Gott und Glauben in solch düsteren Zeiten gefragt (Kapitel 2.3.). In dieser Gegenüberstellung – Riccardo und der Doktor- wird die Theologische Bedeutung des Dramas wiedergegeben.

Zitiert wird ach Akt, Szene und Seite nach der Ausgabe von Rowohlt (Nr. 10997)

2.1. Pater Riccardo Fontana und die Schuldfrage

Der Jesuitenpater Riccardo Fontana repräsentiert im Drama eine aktiv handelnde Figur, die Gersteins Worte von der Verantwortung der Kirche für die Judenverfolgung sofort ernst nimmt. Riccardo will sofort mit einer emotionalen Heftigkeit reagieren und garantiert nicht nur, dass der Papst reagieren und helfen wird, sondern auch fährt selbst nach Rom, um persönlich über die Situation genau zu berichten.

Riccardo (sehr sicher, feierlich):

Der Vatikan wird handeln- weiß Gott

Es wird geschehen, ich verspreche es Ihnen. (1/3, S.113)

Von Anfang an und das ganze Drama hindurch ist Riccardo eine im Namen der christlich gebotenen Nächstenliebe handelnde Person. Das Reden über die Gräueltaten der Nazis und über Gegenmaßnahmen ist für Riccardo moralisch begründet. Das Gefühl der Schuld, zu dem er sich im Drama offensichtlich bekennt, gibt ihm Kraft, sich dem Versprechen zu widersetzen.

Meine Mitschuld

Ich bin doch auch schon schuldig. (2/1, S. 213)

[...]


[1] Rolf Hochhuth, Der Stellvertreter, Reinbek Rowohlt, 38, 2005

[2] Ebda. S. 13

[3] Ebda. S. 381

[4] Susan Sonntag, Gedanken zu Hochhuths „ Der Stellvertreter“, in: Eingriff in die Zeitgeschichte, Essays zum Werk, hrsg. v. Walter Hinck, Reinbek, Rowohlt 1981 S. 107

[5] Ebda. S. 15

[6] Gunter Sasse, Faktizität und Fiktionalität, Literaturtheoretische Überlegungen am Beispiel am Dokumentartheaters, in Zeitschrift: So- Wirkendes- Wort- Deutsche- Sprache- in- Forschung – und- Lehre, (Jan –Feb) Düsseldorf 1986

[7] Egon Schwarz, Der Stellvertreter, Rolf Hochhuths Verhältnis zur Geschichte, in: Geschichte als Schauspiel, Deutsche Geschichtsdramen, Interpretationen, hrsg. v. Walter Hinck , Frankfurt Surkamp 1891

[8] A.a.O. Carl Jaspers, Nicht Schweigen, in: Hochhuth Der Stellvertreter, S. 502

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der fiktiven Personen in "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth
Untertitel
Hausarbeit für das Hauptseminar "Das Drama nach 1945“
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1.3
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V129261
ISBN (eBook)
9783640358960
ISBN (Buch)
9783640359271
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Personen, Stellvertreter, Rolf, Hochhuth, Hausarbeit, Hauptseminar, Drama
Arbeit zitieren
Irena Glodowska (Autor), 2006, Die Rolle der fiktiven Personen in "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129261

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