Das Ziel dieser Hausarbeit ist die Untersuchung der Fastnachtspiele des 15. und 16. unter dem Aspekt der zwei Theorien, und zwar einerseits unter dem Aspekt der Lachkultur von Michail Bachtin und anderseits unter dem Aspekt der religiösen Theorie von Dietz- Rüdiger Moser. Eine einleitende Annäherung zu diesem Thema bildet die Darstellung der Theorie des grotesken Körpers und der Lachkultur von M. Bachtin und von Dietz- Rüdiger Mosers als Reaktion auf die Theorie von Bachtin. Diese zwei so gegensätzlichen Theorien geben zwei verschiedene Blickwinkel der Betrachtung der mittelalterlichen Fastnachtspiele. Michail Bachtin gibt einen profanen Blick auf die Fastnachtspiele, der tief in der volkstümlichen Kultur verankert ist. Dietz- Rüdiger Moser steht mit seiner tief im christlichen Glauben festgelegten Anschauung Bachtins Theorie gegenüber. Im Hauptteil dieser Arbeit werden ausgewählte Fastnachtspiele im Bezug auf diese zwei Theorien untersucht. In dem Fastnachspiel `Das spyl von der Vasnacht und Vaßten recht` von Hans Rosenplüt (Kapitel 5.1) versuche ich die Zusammenhänge zwischen dem Karneval und dem strengen, christlichen Glauben darzustellen. In `Das Eggerziehen` von Hans Rosenplüt (Kapitel 5.2) wird das volkstümlicher Ritual des Blockziehens und damit verbundenes Auslachen der unverheirateten Frauen. Im Fastnachtspiel `Nasentanz` von Hans Sachs (Kapitel 5.3) wird Bachtins groteske Darstellung des Körpers präsentiert und in `Das Kälberbrüten` von Hans Sachs wird der Schwerpunk auf die Verkehrung der Geschlechterrolle gelegt. Die strengen Grenzen zwischen dem profanem und heiligen in Fastnachtspielen werden im Resümee erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grotesk: was ist Grotesk?
3 Bachtins Darstellung des grotesken Körpers
3.1 Lachkultur und Karneval
3.2 Karnevalisierung
4 Dietz- Rüdiger Moser: Lachkultur des Mittelalters. Michael Bachtin und die Folge seiner Theorie
4.1 Karneval als christliches Fest
5 Analyse: Untersuchung der Fastnachtspiele im Bezug auf die Theorie von Bachtin und Moser
5.1 Das spyl von der Vasnacht und Vaßten recht von Hans Rosenplüt als christliches Fastnachtspiel
5.2 Das Eggerziehen von Hans Rosenplüt und das Ritual des Blockziehens
5.3 Nasentanz von Hans Sachs und die groteske Darstellung des Körpers
5.4 Das Kälberbrüten von Hans Sachs und die Verkehrung der Geschlechterrollen
6 Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Fastnachtspiele des 15. und 16. Jahrhunderts unter Berücksichtigung der gegensätzlichen Theorien von Michail Bachtin, der die volkstümliche Lachkultur und das Groteske betont, und Dietz-Rüdiger Moser, der das christlich-liturgische Fundament dieser Spiele hervorhebt.
- Die Theorie des grotesken Körpers bei Bachtin
- Kritik an Bachtin und die religiöse Deutung durch Moser
- Analyse der Interdependenz von Karneval und christlicher Fastenzeit
- Die Darstellung von Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Normen im Fastnachtspiel
- Das Spannungsfeld zwischen profanem Lachen und didaktischer Moral
Auszug aus dem Buch
3 Bachtins Darstellung des grotesken Körpers
Wie ist also der groteske Körper? Mit diesem Thema setzte sich der russische Sprach- und Literaturwissenschaftler Michail Bachtin auseinander. Bachtins Modell des grotesken Körpers ist in einen karnevalesken Aufführungszusammenhang eingebetet. Bachtin schreibt in seinem Buch „Rabelais und seine Welt“, dass „ Grundlage aller grotesken Motive ist eine besondere Vorstellung vom Körperganzen und den Grenzen dieses Ganzen. Die Grenzen zwischen Körper und die Welt und zwischen verschiedenen Körpern verlaufen in der Groteske völlig anders als in klassischen oder naturalistischen Motiven“. Das Innovative bei Bachtin ist, dass er im Gegensatz zu den früheren Konzeptionen, die das Groteske in die Nähe des Absurden und Phantastischen rücken, von einem grotesken Realismus spricht, der das Marginalisierte wieder ins Zentrum des Geschehens rückt. „ Der klassische Realismus stellte die Wirklichkeit dar, wie sie den Normen einer kulturellen Ordnung zufolge sein sollte, der groteske Realismus zeigt die Wirklichkeit, wie sie trotz dieser Ordnung existiert.“
Der groteske Leib bei Bachtin ist ein werdender Leib. „Es ist nie fertig und abgeschlossen. Es ist im Entstehen begriffen und erzeugt selbst stets einen weiteren Körper; er verschlingt die Welt und lässt sich von ihr verschlingen.“ Hierbei gewinnen vor allem der Unterleib, und Phaullus als wichtigste Körperteile führende Rolle, und die Ausstülpungen und Öffnungen des Körpers erhalten eine besondere Bedeutung, da „ an ihnen die Grenze zwischen zwei Körpern oder Körper und Welt überwunden wird.“ Nach Bachtin stellen die Ein – und Ausgänge des menschlichen Körpers alle Akte des Körperdramas (Essen, Trinken, Verdauung, Kot, Urin, Schwangerschaft, Beischlaf) dar, was als Beginn und Ende des Lebens zu verstehen ist, das immer Interaktion mit der Umgebung ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein und erläutert die beiden gegensätzlichen Theorien von Bachtin und Moser, die den theoretischen Rahmen der Analyse bilden.
2 Grotesk: was ist Grotesk?: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Grotesken im Kontext des mittelalterlichen Dualismus zwischen weltlichem Recht und Reich Gottes.
3 Bachtins Darstellung des grotesken Körpers: Hier wird Bachtins Theorie des grotesken Realismus und der Lachkultur vorgestellt, die den Körper als unfertigen, kollektiven und sich ständig erneuernden Organismus betrachtet.
3.1 Lachkultur und Karneval: Dieses Kapitel beschreibt den Karneval als inoffizielle Gegenwelt, in der soziale Hierarchien aufgehoben sind und das Lachen als Ausdruck volkstümlicher Freiheit dient.
3.2 Karnevalisierung: Hier wird der Einfluss der volkstümlichen Lachkultur auf die Literatur untersucht, den Bachtin als Karnevalisierung bezeichnet.
4 Dietz- Rüdiger Moser: Lachkultur des Mittelalters. Michael Bachtin und die Folge seiner Theorie: Dieses Kapitel präsentiert Mosers Gegenposition, die Bachtin einen Mangel an historischen Befunden vorwirft und den Karneval fest in die christliche Tradition einbindet.
4.1 Karneval als christliches Fest: Moser führt hier seine Lehre vom Zwei-Staaten-Modell des Hl. Augustinus aus, um den Karneval als Teil der christlichen Ordnung zu deuten.
5 Analyse: Untersuchung der Fastnachtspiele im Bezug auf die Theorie von Bachtin und Moser: Dieser Abschnitt leitet die praktische Untersuchung der Fastnachtspiele unter Anwendung der zuvor vorgestellten theoretischen Konzepte ein.
5.1 Das spyl von der Vasnacht und Vaßten recht von Hans Rosenplüt als christliches Fastnachtspiel: Das Kapitel analysiert das Stück im Hinblick auf seine religiösen Motive und die Einbettung in das kirchliche Ostermysterium.
5.2 Das Eggerziehen von Hans Rosenplüt und das Ritual des Blockziehens: Hier wird der volkstümliche Brauch des Blockziehens als Mittel zur Bestrafung unverheirateter Frauen und zur sozialen Disziplinierung untersucht.
5.3 Nasentanz von Hans Sachs und die groteske Darstellung des Körpers: Dieses Kapitel befasst sich mit der grotesken Überzeichnung des Körpers im Fastnachtspiel und ordnet diese Bachtins Lachkultur zu.
5.4 Das Kälberbrüten von Hans Sachs und die Verkehrung der Geschlechterrollen: Das Stück wird hinsichtlich der Rollenumkehr analysiert, wobei sowohl das komische Element als auch die erzieherische Absicht herausgearbeitet werden.
6 Resümee: Das Schlusswort zieht eine Bilanz der Analyse und kommt zu dem Ergebnis, dass die Theorien von Bachtin und Moser in den Fastnachtspielen oft ineinandergreifen.
Schlüsselwörter
Fastnachtspiele, Michail Bachtin, Dietz-Rüdiger Moser, grotesker Körper, Lachkultur, Karneval, Mittelalter, Hans Rosenplüt, Hans Sachs, Fastenzeit, Geschlechterrollen, Volkskultur, Didaktik, Karnevalisierung, Ostermysterium.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Genre der Fastnachtspiele des 15. und 16. Jahrhunderts im Spannungsfeld zwischen volkstümlicher Lachkultur und kirchlich-christlicher Didaktik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte des grotesken Körpers nach Bachtin, die Rolle des Karnevals als Gegenwelt sowie die religionsgeschichtliche Einordnung der Fastnacht als christliches Fest.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Fastnachtspiele nicht einseitig zu betrachten, sondern die theoretischen Positionen von Bachtin und Moser gegenüberzustellen und ihre Relevanz anhand ausgewählter Textbeispiele zu prüfen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, bei der ausgewählte Fastnachtspiele auf die Anwendbarkeit der Theorien von Bachtin und Moser hin untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Werken Hans Rosenplüts und Hans Sachs' wie etwa dem "Nasentanz" oder dem "Eggerziehen", um die theoretischen Aspekte zu exemplifizieren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Groteske, Lachkultur, Karneval, christliche Tradition, Geschlechterrollen und didaktische Moral.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise von Dietz-Rüdiger Moser von der Bachtins?
Während Bachtin den Karneval als befreiende, inoffizielle Gegenwelt zum Christentum sieht, argumentiert Moser, dass Fastnachtsfeste tief in die christliche Liturgie und Tradition eingebunden sind.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Rolle von Geschlechterrollen im "Kälberbrüten"?
Die Autorin folgert, dass die Verkehrung der Rollen zwar komisch wirkt und der Lachkultur zuzuordnen ist, gleichzeitig jedoch eine moralische und erzieherische Funktion erfüllt, indem abweichendes Verhalten verspottet wird.
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- Irena Glodowska (Author), 2006, Komische Gegenwelten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129262