Diese Arbeit stellt zunächst wesentliche Elemente der funktionalistischen Systemtheorie vor, um Luhmanns Konzeption des politischen Systems und dessen Funktion nachvollziehen zu können. Hierbei wird das Verhältnis der Politik zur Gesellschaft beleuchtet, denn Luhmann konzipiert seine Theorie auf der Makroebene der Gesamtgesellschaft. Dies führt uns in einem zweiten Schritt zur beispielhaften Analyse eines speziellen Gebietes des Luhmannschen Theoriegebäudes, das er selbst als soziologische Aufklärung bezeichnet. Darunter werden zeitdiagnostische Beiträge subsumiert, die sich mit modernen Problemkonstellationen der Gesellschaft befassen. Die Problematisierung alltagsweltlicher sowie akteurstheoretischer Ansichten, die Luhmann in diesen Ausführungen aus der Beobachterperspektive zweiter Ordnung vornimmt, soll hier am Beispiel der Kritik des expansionistischen Wohlfahrtsstaates erläutert werden. Die Frage nach der Möglichkeit von politischer Gesellschaftssteuerung wird dabei ein Leitmotiv dieser Analyse sein.
Auf der Grundlage dieser Ausführungen wird im letzten Teil dieser Hausarbeit versucht, hinter die Kulissen der antinormativistischen Theorie der Politik zu schauen. Die These von Stefan Lange, wonach auch diese Konzeption des politischen Systems nicht ohne einen Polity-Rahmen auskommt, der bei Luhmann in der Überhöhung des gesellschaftlichen Differenzierungsmusters zur unhintergehbaren Norm besteht, soll dabei im Vordergrund stehen. Versteckt sich unter dem Deckmantel der universalen Theorie der Politik nicht doch eine politische Theorie?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundbegriffe der Theorie autopoietischer funktional differenzierter Systeme
2.1 Das politische System – Operation und Funktion
2.2 Kommunikationsmedium und Code des politischen Systems
2.3 Binnendifferenzierung des politischen Systems
3. Wohlfahrtsstaat und Steuerungsutopie
4. Auseinandersetzung mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, Niklas Luhmanns systemtheoretische Konzeption des politischen Systems zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, ob seine als „Theorie der Politik“ deklarierte Analyse in Wahrheit eine versteckte „politische Theorie“ enthält. Dabei steht insbesondere die Frage im Fokus, ob und wie Gesellschaftssteuerung im Rahmen seiner Theorie möglich ist und worin die Funktion des politischen Systems in einer funktional differenzierten Gesellschaft besteht.
- Grundlagen der autopoietischen Systemtheorie Luhmanns
- Die Funktion und Binnendifferenzierung des politischen Systems
- Die Rolle des Wohlfahrtsstaates als Steuerungsutopie
- Kritische Auseinandersetzung mit dem normativen Gehalt der Systemtheorie
Auszug aus dem Buch
2.1 Das politische System – Operation und Funktion
Luhmann entwickelt die Theorie des politischen Systems auf der Grundlage seiner allgemeinen Gesellschaftstheorie, weshalb André Brodocz anmerkt, dass hier im Unterschied zu politischen Theorien, die auf einer Mesoebene verortet sind, eine Theorie der Politik ausgebreitet wird, die auf der Makroebene „das Verhältnis der Politik zu anderen Bereichen der Gesellschaft“ behandelt. Diese Theorie setzt sich das Ziel, das Politische ohne Zuhilfenahme traditionell normativer Denkmuster der etablierten von Luhmann als »alteuropäisch« verschmähten Akteurtheorien zu erklären.
Den Kern dieser Theoriearchitektur stellt Luhmanns Differenzierungstheorie dar. Demnach hat sich die Gesellschaft in einem historischen Evolutionsprozess in einzelne Teilsysteme ausdifferenziert, um dem steigenden Komplexitätsniveau der Gesamtgesellschaft Stand halten zu können. Charakteristisch für diese Systeme ist, dass jedes einzelne eine spezifische Funktion zur Erhaltung der Reproduktionsprozesse der Gesellschaft übernimmt. Das System der Politik wird auf diese Weise als ein Funktionssystem neben anderen, sei es das Wissenschafts-, Wirtschafts-, Erziehungs-, oder Rechtssystem, beschrieben.
Das Prinzip der funktionalen Differenzierung, welches Luhmann als das vorherrschende Unterteilungsprinzip in modernen Gesellschaften identifiziert, lässt die Vorstellung eines Primats der Politik oder der Politik als steuernden Kopf des gesellschaftlichen Körpers nicht zu: „Man kann eine funktional differenzierte Gesellschaft nicht auf Politik zentrieren, ohne sie zu zerstören.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, skizziert die Relevanz der Systemtheorie Luhmanns für die Politikwissenschaft und legt die methodische Herangehensweise sowie die zentrale Fragestellung der Arbeit fest.
2. Grundbegriffe der Theorie autopoietischer funktional differenzierter Systeme: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen wie die Differenzierungstheorie, die Funktionsdefinition des politischen Systems und die Rolle des Kommunikationsmediums Macht erläutert.
3. Wohlfahrtsstaat und Steuerungsutopie: Hier wird analysiert, wie die Systemlogik des politischen Systems und der Druck der öffentlichen Meinung zur Expansion des Wohlfahrtsstaates führen, was Luhmann als „Steuerungsutopie“ charakterisiert.
4. Auseinandersetzung mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns: Das Abschlusskapitel reflektiert die Widersprüche in Luhmanns Theorie und diskutiert die These, dass seine vermeintlich antinormativistische Systemtheorie dennoch normative Grundannahmen in sich trägt.
Schlüsselwörter
Niklas Luhmann, Systemtheorie, Politik, Politische Theorie, Wohlfahrtsstaat, Autopoiesis, Kommunikation, Macht, Funktionale Differenzierung, Gesellschaftssteuerung, Demokratie, Regierung, Opposition, Politische Soziologie, Steuerungsutopie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Niklas Luhmanns systemtheoretische Analyse des politischen Systems und hinterfragt kritisch, ob seine theoretischen Ansätze eine rein deskriptive „Theorie der Politik“ darstellen oder doch normative Elemente enthalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die autopoietische Systemtheorie, das politische System als Funktionssystem, das Medium Macht, die Binnendifferenzierung der Politik sowie die systemtheoretische Kritik am expansionistischen Wohlfahrtsstaat.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Luhmanns Konzeption des politischen Systems zu erläutern und zu prüfen, inwieweit seine Theorie unter dem Deckmantel der Universalität eine eigene politische Theorie verbirgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Interpretation der systemtheoretischen Schriften von Niklas Luhmann sowie die Auseinandersetzung mit fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur, um die interne Logik und die Widersprüche des Theoriegebäudes aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen (Grundbegriffe), die Untersuchung der Binnendifferenzierung des politischen Systems (Zentrum/Peripherie) und die Analyse der wohlfahrtsstaatlichen Expansion als Steuerungsutopie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Systemtheorie, Autopoiesis, Macht, Wohlfahrtsstaat, Funktionale Differenzierung und die Unterscheidung von Theorie der Politik und politischer Theorie.
Wie unterscheidet Luhmann das politische System von anderen Systemen?
Luhmann definiert das politische System über seine spezifische Funktion: das Bereithalten von Kapazitäten zu kollektiv bindenden Entscheidungen, unterstützt durch das Kommunikationsmedium Macht.
Warum bezeichnet der Autor den Wohlfahrtsstaat als „Steuerungsutopie“?
Weil der Wohlfahrtsstaat vorgibt, soziale Probleme direkt steuern und lösen zu können, während die Systemtheorie postuliert, dass diese Probleme systemimmanent sind und die Politik nur eine symbolische Steuerung leisten kann.
Was meint Luhmann mit der Beobachterperspektive zweiter Ordnung?
Es ist die methodische Haltung, Kommunikation als Machteinsatz zu beobachten, ohne sich von den Absichten der Akteure blenden zu lassen, um die strukturellen Mechanismen des Systems freizulegen.
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- B.A. Sozialwisenschaften Arthur Guzy (Author), 2006, Zwischen Theorie der Politik und politischer Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129276