Mittels der Reform des Wahlsystems sollte die Krise der Demokratie im Allgemeinen und des Parteiensystems im Speziellen beendet werden. Italien stand 1993/94 vor der kuriosen Situation, dass ein neues Wahlsystem von Parteien eingeführt worden war, die sich kurz danach auflösten. Ohne zu wissen, wie sich das Parteiensystem in Zukunft generieren würde, wurden an das Mehrheitswahlrecht die Erwartungen geknüpft, auf das Parteiensystem konzentrierend und auf die Regierung stabilisierend zu wirken.
Laut Nohlen sind die allgemeinen „Parameter der angemessenen Konzentrationsleistung eines Wahlsystems zum einen die Zahl bzw. die Reduzierung der Zahl der Parteien, die Parlamentsmandate erhalten, zum anderen die Bildung stabiler parteilicher oder Koalitionsmehrheiten im Parlament.“ Im von mir gewählten Fallbeispiel soll der Fokus noch erweitert werden. Es gilt die Effekte der 1993er Wahlreform in Bezug auf die Parlamentarische Repräsentation zu untersuchen: ob sich die Zahl der Parteien in den beiden Kammern und der Grad der Fraktionalisierung reduziert hat, ob sich ein nationales Muster des Parteienwettbewerbs etabliert hat und ob sich die Parteien in ein Muster von stabilen bipolaren Allianzen vereinigt haben. Zuletzt ist das Wahlsystem daran zu messen, ob es gelungen ist, die Regierungen konsistenter, langlebiger und in ihrer Arbeit effektiver gemacht zu haben.
Ich werde zeigen, dass die Effekte des Mehrheitswahlsystems in meinem Fallbeispiel nur in einigen Teilen und dann auch noch in schwacher Wirkung eingetreten sind. Mit Bezug auf die Parlamentarische Repräsentation hat sich die Zahl der Parteien in den beiden Kammern und der Grad der Fragmentierung nicht reduziert, sondern eher noch verstärkt. Dafür hat sich ein Muster eines bipolaren Wettbewerbs zwischen Wahlbündnissen entwickelt, welches das Parteiensystem nachhaltig strukturiert, auch wenn dieses Muster je nach Region erhebliche Differenzen aufweist. Die Wahlbündnisse haben sich als neuer Akteur neben den Parteien etabliert, doch hat sich der Einfluss der Parteienherrschaft dadurch nicht verringert. Das Mehrheitswahlsystem hat kaum zu einer Stabilisierung der Regierungen geführt: weder hat die Konsistenz der Regierung zugenommen, noch deren Effektivität oder Langlebigkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung: Beziehung zwischen Wahlsystem und Parteiensystem
2. Theorie: Wahlsysteme und Parteiensysteme
2.1. Wahlsysteme und Parteiensysteme: Definition
2.1.1. Parteiensystem
2.1.2. Wahlsystem
2.2. Der Einfluss von Wahlsystemen auf Parteiensysteme
2.2.1. Wirkungsrichtung von Wahlsystemen
2.2.1.1. Normativer Ansatz
2.2.1.2. Empirisch-statistischer Ansatz
2.2.1.3. Historisch-empirischer Ansatz
2.2.2. Bewertung der Auswirkungen von Wahlsystemen
2.2.3. Bedeutung von Wahlsystemen
2.3. Wahlsystemgenese
2.4. Einfluss von Kontextfaktoren auf die Wirkungsweise von Wahlsystemen
3. Geschichte des Wahl -und Parteiensystems in Italien bis 1993
3.1. Gesellschaftliche Konfliktlinien und Parteienstruktur
3.2. Parteiensystem: Elemente, Entwicklungsphasen, Eigenschaften
3.3. Zusammenbruch des Wahl- und Parteiensystems: Faktoren
4. Mehrheitswahlsystem und Parteiensystem (1993-2005)
4.1. Die Wahlsystemreform von 1993
4.1.1. Intention und Genese der Reform
4.1.2. Das Wahlrecht für Abgeordnetenhaus und Senat
4.2. Italiens Parteiensystems zwischen 1993 und 2005
4.2.1. Parteiensystem der ersten Ebene: die Koalitionen
4.2.1.1. Koalitionsstrukturen 1993-1994
4.2.1.2. Koalitionsstrukturen 1995-1998
4.2.1.3. Koalitionsstrukturen 1998-2005
4.2.2. Parteiensystem der zweiten Ebene: die Parteien
4.3. Zwischenfazit: Begrenzte Effekte des Wahlsystems
5. Einflussfaktoren auf die Wirkung des Wahlsystems
5.1. Gesellschaftliche Struktur
5.1.1. Politische Kultur
5.1.2. Zahl und Tiefe der Konfliktlinien
5.1.2.1. Katholizismus
5.1.2.2. Neue Konfliktstrukturen
5.2. Parteiensystem
5.2.1. Fragmentierungsgrad
5.2.2. Interaktionsmuster der Parteien
5.2.3. Institutionalisierungsgrad des Parteiensystems
5.3 Wählerschaft und Wählerverhalten
5.3.1. Regionale Streuung der Wählerschaft
5.3.2. Wählerverhalten
6. Fazit: Mehrheitswahl ohne Mehrheitskultur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der Wahlsystemreform von 1993 auf das Parteiensystem in Italien und analysiert, warum die Reform nicht die erhoffte Stabilität und Vereinfachung des Parteiensystems bewirken konnte. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Kontextfaktoren die Wirkungsweise des Mehrheitswahlsystems in Italien beeinflusst haben.
- Transformation des italienischen Parteiensystems nach 1993
- Einfluss von Kontextfaktoren (gesellschaftliche Struktur, Wählerverhalten, Parteiensystem)
- Historische Analyse der Ersten Republik (1946–1993)
- Bewertung des Mehrheitswahlsystems und dessen begrenzte Wirksamkeit
- Rolle von Wahlbündnissen und Parteistrukturen
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Wirkungsrichtung von Wahlsystemen
Für den Erkenntnisgewinn dieser Arbeit ist es von großer Bedeutung herauszufinden, welche Wirkung Wahlsystemen in Richtung des Parteiensystems im Allgemeinen zugeschrieben wird. Doch hier liegt schon das erste Problem, denn „über die politischen Auswirkungen von Wahlsystemen bestehen weit mehr Annahmen als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse.“ Dieser Einschätzung zufolge, stehen viele Thesen im Bereich der Wahlsystemforschung auf tönernen Füßen, doch gleichzeitig wird bestätigt, dass es sehr wohl auch einen wissenschaftlich fundierten Erkenntnisstand gibt. So ist es eigentlich unbestritten, dass sich die Differenz der Kräfteverhältnisse der Parteien außerhalb und innerhalb des Parlaments ohne weiteres auf das Wahlsystem zurückführen lässt. Das Wahlsystem ist in diesem Fall eindeutig als direkte Ursache auszumachen, dessen unmittelbarer und mechanischer Effekt es ist, konzentrierend auf das Parteiensystem zu wirken. Das liegt auch daran, weil Wahlsysteme – egal welchen Typs – dazu tendieren, große Parteien zu bevorzugen und kleine Parteien zu benachteiligen. Sie reduzieren also die Zahl der Parteien im Übergang vom außerparlamentarischen in das innerparlamentarische System. Trotz einer solchen Reduktionsleistung kann Wahlsystemen jedoch nicht zugesprochen werden, eine genau Zahl von Parteien zu bewirken, zumindest nicht unmittelbar. Indirekt können von Wahlsystemen hingegen schon Effekte ausgehen, die bestimmte Verhaltensweisen bei den politischen Akteuren und den Wählern auslösen, und darüber das Parteiensystem tangieren. Diese psychologischen Effekte sind allerdings schwer nachzuweisen. Als gesicherte Erkenntnis bleibt lediglich festzuhalten, dass alle Wahlsysteme die Zahl von relevanten Parteien unmittelbar reduzieren, und dass Wahlsysteme psychologische Effekte auf die politischen Eliten und das Wahlvolk ausüben können und darüber auch Einfluss auf die Zahl der Parteien nehmen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Beziehung zwischen Wahlsystem und Parteiensystem: Einleitung in die Problematik des italienischen Systems und Darlegung der Zielsetzung der Arbeit unter Einbeziehung von Kontextvariablen.
2. Theorie: Wahlsysteme und Parteiensysteme: Theoretische Grundlegung und Definition der zentralen Begriffe sowie Diskussion der Ansätze zur Wirkungsanalyse von Wahlsystemen.
3. Geschichte des Wahl -und Parteiensystems in Italien bis 1993: Historischer Rückblick auf die Erste Republik und die Faktoren, die zum Zusammenbruch des alten Systems führten.
4. Mehrheitswahl und Parteiensystem (1993-2005): Analyse der Reform von 1993 und ihrer realen Auswirkungen auf das Parteiensystem und die Koalitionsstrukturen.
5. Einflussfaktoren auf die Wirkung des Wahlsystems: Detaillierte Untersuchung von Kontextfaktoren wie gesellschaftliche Struktur, Parteieninteraktionen und Wählerverhalten auf die Wirkung des Wahlsystems.
6. Fazit: Mehrheitswahl ohne Mehrheitskultur: Zusammenfassende Bewertung der begrenzten Effekte der Reform und kritische Reflexion des Scheiterns der ursprünglichen Zielvorstellungen.
Schlüsselwörter
Italien, Wahlsystemreform, Parteiensystem, Mehrheitswahl, Verhältniswahl, Kontextfaktoren, Erste Republik, Bipolarität, Wahlbündnisse, Regierungsstabilität, politische Kultur, Wählerverhalten, Fragmentierung, Klientelismus, Transition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert das politische System Italiens, insbesondere die Auswirkungen der Wahlsystemreform von 1993 auf das Parteiensystem und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorie der Wahlsystemforschung, die historische Entwicklung des italienischen Wahl- und Parteiensystems sowie die Analyse von Kontextfaktoren, die die Wirkung des Wahlsystems beeinflussen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, warum die Wahlsystemreform nicht alle ihre intendierten Ziele erreichen konnte und welche Kontextfaktoren (wie gesellschaftliche Struktur oder Wählerverhalten) die Wirksamkeit des Mehrheitswahlsystems limitierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein historisch-empirischer Ansatz der Wahlsystemforschung gewählt, der sich auf eine Einzelfallstudie des italienischen Wahlsystems nach 1993 bei gleichzeitiger Analyse des soziopolitischen Kontextes konzentriert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historische Ausgangslage (Erste Republik), die konkrete Reform von 1993 sowie die nachfolgenden Entwicklungen und die Wirksamkeit der Kontextfaktoren auf das Parteiensystem analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Wahlsystemreform, Parteienfragmentierung, Bipolarität, Kontextfaktoren, Wahlbündnisse und Regierungsinstabilität charakterisiert.
Warum war das italienische Wahlsystem der "Ersten Republik" blockiert?
Das System war durch eine dauerhafte faktische Suspendierung des Parteienwettbewerbs gekennzeichnet, bei der ein Machtwechsel durch den Ausschluss der Kommunisten unmöglich war und politische Entscheidungen in einem "bipartismo imperfetto" blockiert wurden.
Welche Bedeutung hatten die sogenannten "Correnti" für das alte System?
Die "Correnti" waren Faktionen innerhalb der Parteien, die als Instrumente zur Machtmaximierung der Factionsführer dienten, zu Klientelismus führten und das Parteiensystem in seiner Dynamik blockierten.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Bastian Fermer (Autor:in), 2008, Wahlsysteme ohne Wirkung? Der Einfluss der Wahlsystemreformen auf das Parteiensystem in Italien nach 1993, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129319