Der vorliegenden Hausarbeit liegt die Grundthese zugrunde, dass verschiedene individuelle Wirklichkeiten zeitgleich koexistieren. Deshalb können Urteile darüber, ob literarische Werke realistisch sind oder nicht, auch verschieden ausfallen – je nachdem, wen man fragt. Um herauszufinden, welche Konsequenzen es für das Konzept des Realismus als ästhetischen Kunstbegriff hat, wenn man ihn aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive betrachtet, soll hier exemplarisch jeweils ein Werk des lateinamerikanischen magischen Realismus und des deutschen poetischen Realismus verglichen werden. Ersterer postuliert nämlich ein Verständnis von Wirklichkeit, das dem von Europäer*innen in einigen Punkten zuwiderläuft. Zuvor ist aber zunächst noch eine weitergehende Erläuterung zur sozialen Konstruiertheit von Wirklichkeit vonnöten, und warum diese zu mehreren Interpretationen von Wirklichkeit führt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die soziale Differenzierung von Wirklichkeit(en)
2.1 Ursprünge und Folgen der Differenzierung
2.2 Bedeutung für die Literatur
3 Magischer Realismus als Alternative zum europäischen Realitätsverständnis
3.1 Kurze Einführung in die Programmatik des magischen Realismus
3.2 Die Einbindung des Magischen in der Realität – ein Vergleich
3.2.1 Theodor Storm: Der Schimmelreiter
3.2.1.1 Der Schimmel
3.2.1.2 Die abergläubische Dorfgemeinschaft
3.2.2 Miguel Ángel Asturias: Die Maismenschen
3.2.2.1 Gaspar Ilóm und der Fluss
3.2.2.2 Die Rache der Natur
3.3 Zusammenführung
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept des Realismus aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive, indem sie die Koexistenz individueller Wirklichkeiten analysiert und deren Auswirkungen auf die literarische Darstellung des Spannungsverhältnisses zwischen Mensch und Natur vergleicht.
- Soziale Konstruktion von Wirklichkeit und ihre Bedeutung für die Literatur.
- Kontrastive Analyse zwischen europäischem Realitätsverständnis und magischem Realismus.
- Thematisierung des Mensch-Natur-Verhältnisses in Theodor Storms "Der Schimmelreiter".
- Untersuchung magischer Elemente und Naturmagie in Miguel Ángel Asturias’ "Die Maismenschen".
- Kritik an rationalistischen Weltbildern und der Aufklärung.
Auszug aus dem Buch
3.2.2.1 Gaspar Ilóm und der Fluss
Wie auch im Schimmelreiter spielt Wasser in Die Maismenschen eine besondere Rolle. Während bei Storm allerdings das Meer eine sehr prominente Stellung innerhalb der Erzählung einnimmt, taucht bei Asturias das Motiv des Flusses immer wieder auf. Die Verknüpfung von Handlung und Fluss nimmt ihren Ausgangspunkt im Giftattentat auf Gaspar Ilóm:
Gaspar Ilóm erschien mit der Morgenröte, nachdem er den ganzen Fluß ausgetrunken hatte, um den Durst zu stillen, dessen Ursache das Gift war. Er hatte es sich aus den Gedärmen und aus dem Blut gewaschen, er hatte sich den Tod vom Leibe gerissen, […] er hatte ihn in den Fluß geworfen und den Fluß ihn forttragen lassen (Asturias 1983, 28).
Hier steht die Natur (zunächst) nicht in einem antagonistischen Verhältnis zum Menschen, im Gegenteil: Durch den Fluss ist es Gaspar ermöglicht worden, das Trinken eines eigentlich tödlichen Gifts zu überleben. Die Art und Weise wie das ganze vonstattengeht ist derweil überaus bemerkenswert: Gaspar hat den Fluss ausgetrunken, was bei einem fließenden Gewässer eigentlich unmöglich ist. Das bedeutet, er muss den Fluss in Gänze in sich aufgenommen haben, mit ihm eins geworden sein. Gaspar war nicht einfach ein Körper, der im Fluss schwamm, der Fluss war in ihm und hat ihm das Gift aus dem Leib gespült.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die sozialkonstruktivistische Perspektive auf Realismus ein und stellt die Forschungsfrage zur Vergleichbarkeit lateinamerikanischer und deutscher Literaturkonzepte.
2 Die soziale Differenzierung von Wirklichkeit(en): Dieses Kapitel beleuchtet, wie individuelle Wissensbestände und soziale Sozialisationsprozesse unterschiedliche Wirklichkeiten erzeugen, die im Alltag durch intersubjektive Verständigung koordiniert werden.
3 Magischer Realismus als Alternative zum europäischen Realitätsverständnis: Dieser Hauptteil analysiert, wie "Der Schimmelreiter" und "Die Maismenschen" das Verhältnis zwischen rationaler Kultur und einer magisch konnotierten Natur verhandeln und so unterschiedliche Realismus-Konzepte repräsentieren.
4 Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Bewertung literarischer Werke stark vom persönlichen Hintergrund abhängt und plädiert für ein vielfältigeres Verständnis von Realismus durch den Einbezug nicht-europäischer Perspektiven.
Schlüsselwörter
Realismus, Sozialkonstruktivismus, Magischer Realismus, Wirklichkeit, Literaturwissenschaft, Natur-Mensch-Verhältnis, Aufklärung, Soziologie, Theodor Storm, Miguel Ángel Asturias, Narrativik, Kultur, Identität, Wissenssoziologie, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie literarische Werke Wirklichkeit konstruieren und ob diese Werke als "realistisch" bezeichnet werden können, wenn man den Begriff aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive betrachtet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die soziale Konstruktion von Realität, die Kritik am rationalistischen Weltbild der Aufklärung sowie das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Natur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, exemplarisch an je einem Werk des deutschen poetischen Realismus und des lateinamerikanischen magischen Realismus zu zeigen, wie unterschiedliche kulturelle Vorausetzungen zu divergierenden Realitätswahrnehmungen führen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin oder der Autor für den Vergleich?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Vorgehensweise in Verbindung mit soziologischen Theorien, insbesondere zur Konstruktion von Wirklichkeit, um die unterschiedlichen Weltbilder in den Texten freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Untersuchung zur Sozialkonstruiertheit von Wirklichkeit und einen anschließenden Vergleich der Werke "Der Schimmelreiter" und "Die Maismenschen" bezüglich ihrer Darstellung von Natur und Magie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Relevante Schlüsselbegriffe sind Realismus, Sozialkonstruktivismus, magischer Realismus, Natur-Mensch-Verhältnis und Wissenssoziologie.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Natur im "Schimmelreiter" von der in den "Maismenschen"?
Während im "Schimmelreiter" die Natur als gegnerische, antagonistische Kraft zur menschlichen Zivilisation auftritt, wird sie in den "Maismenschen" als untrennbare Einheit mit den Menschen dargestellt, in der Magie und Wirklichkeit verschmelzen.
Welche Rolle spielen die "Glühwurmzauberer" im Roman von Asturias?
Die Glühwurmzauberer fungieren als schamanische Verteidiger der indigenen Welt, die mit der Natur verbunden sind, durch ihre Flüche Vergeltung für das Massaker an Gaspar Ilóm üben und die moralische Ordnung des Romans repräsentieren.
- Arbeit zitieren
- Patrick Nehren (Autor:in), 2022, Realismus in multiplen Wirklichkeiten. Eine sozialkonstruktivistische Perspektive auf ein literaturwissenschaftliches Konzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1293254