Veränderungen der deutschen Gegenwartssprache unter dem Einfluss von Formen elektronischer Kommunikation

Eine vergleichende Untersuchung von Textsorten aus Internet und Printmedien


Examensarbeit, 2006

127 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung
1.1 Fragestellung und Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

I. THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2. Forschungsüberblick
2.1 Internet und Internet-Nutzer
2.2 Internetspezifische Kommunikationsbedingungen
2.3 Konzeptionelle Mündlichkeit
2.4 Internetspezifische Merkmale
2.4.1 Sprachliche Merkmale
2.4.2 Bildliche Merkmale
2.4.3 Intendierte Abweichungen und Fehler
2.5 Erklärungen für Sprachwandel
2.6 Zwischenfazit
3. Grundlagen der Analyse
3.1 Ausgangspunkte
3.2 Die Untersuchungsmethode
3.3 Die Materialgrundlage

II. EXEMPLARISCHE ANALYSE
4. Exemplarische Analyse von Anzeigentexten aus Internet und Printmedien
4.0 Vorbemerkungen
4.1 Kontextuelle Kriterien von Internet und Printmedien
4.2 Private Kontaktanzeigen
4.2.0 Vorbemerkungen
4.2.1 Kommunikationssituation
4.2.2 Materielle Textgestalt
4.2.3 Textfunktion
4.2.4 Thema des Textes
4.2.5 Sprachliche Gestaltung
4.2.6 Zwischenfazit
4.3 Private Verkaufsanzeigen
4.3.1 Kommunikationssituation
4.3.2 Materielle Textgestalt
4.3.3 Textfunktion
4.3.4 Thema
4.3.5 Sprachliche Gestaltung
4.3.6 Zwischenfazit
4.4 Werbeanzeigen
4.4.0 Vorbemerkungen
4.4.1 Kommunikationssituation
4.4.2 Materielle Textgestalt
4.4.3 Textfunktion und Thema
4.4.4 Sprachliche Gestaltung
4.4.5 Zwischenfazit
5. Analyseergebnisse
5.1 Klassifikation der Textexemplare
5.2 Sprachveränderungen
5.3 Einflüsse auf nicht-internetbasierte Kommunikation
5.4 Gründe für Sprachveränderungen
5.4.0 Vorbemerkungen
5.4.1 Sprachökonomie und sprachliche Innovation
5.4.2 Anonymität und sinkendes Normbewusstsein
5.4.3 Interaktivität
5.4.4 Einfluss von Varietäten

III. FAZIT UND AUSBLICK
6. Fazit
7. Ausblick: Didaktisches Potenzial internetbasierter Texte
8. Anhang

1. EINLEITUNG

1.1 FRAGESTELLUNG UND ZIELSETZUNG

Es ist unbestritten, dass elektronische Kommunikation Sprache und Kommunika-tionsverhalten nachhaltig beeinflusst. In der Fachliteratur spricht man deshalb vom Internet als Auslöser einer „digitalen Revolution“ (BITTNER 2003, 131) bzw. der „zweiten Gutenberg-Revolution“ (SCHLOBINSKI 2005b, 140).

„Möglicherweise wird sich herausstellen, dass einiges von dem, was wir heute als Trends und Tendenzen beobachten können, normal und alltäglich geworden sein wird, anderes wird wieder verschwunden sein. Mit ziemlicher Sicherheit wird, um ein Beispiel zu geben, die Alltagssprache zunehmend von den gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen im Bereich der Computer-Kommunikation betroffen werden – wir stecken mitten in einer technischen Revolution, die unweigerlich auch in der Sprache ihre Spuren hinterlassen wird.“ (Glück/Sauer 1990, 199)

Durch Neue Medien, insbesondere der internetbasierten Kommunikation, hat sich gewandelt, wie Sprache und Texte rezipiert und produziert werden. Es haben sich neue Kommunikationsformen und Textsorten – wie beispielsweise E-Mail, Chat, SMS und Homepage – entwickelt und etabliert.

Der Computer und das Internet haben innerhalb weniger Jahre tiefgreifende Veränderungen des Alltagslebens bewirkt: Digitale Medien sind für viele Bereiche sprachlichen Handelns zu zentralen Rahmenbedingungen geworden, sodass das Internet immer mehr zu einem sozialen Raum wird, in dem Millionen von Nutzern1 ihre Texte selbst gestalten und veröffentlichen können.

Durch die Entwicklung des Internets von einer reinen Informationsplattform zu einem selbst zu gestaltenden Unterhaltungsmedium kann sich der Internet-Nutzer als Textproduzent kreativ und frei entfalten, was das Erscheinungsbild von Sprache stark verändert.

Die internetspezifischen Formen auf Wort- und Satzebene sind mittlerweile vielfach beschrieben und gedeutet worden. Grundlegende Untersuchungen zur Sprache im Internet stellen u.a. die Publikationen von WEINGARTEN (1997), RUNKEHL/

SCHLOBINSKI/SIEBER (1998, 2005), SCHMITZ (1995, 2004) und SCHLOBINSKI (2006) dar. Neue Kommunikationsformen und Textsorten wie E-Mail, Chat, Homepage und Weblog wurden u.a. von DÜRSCHEID (2002, 2005, 2006), BITTNER (2003, 2005) und SCHLOBINSKI/SIEVER (2005) untersucht.

Welche Folgen die unterschiedlichen medialen Bedingungen auf die Gestaltung von konventionellen Textsorten haben, wenn diese im „WWW“ erscheinen, wurde bisher in der Literatur nur am Rande behandelt. Gegenstand dieser Arbeit ist es deshalb, zu untersuchen, inwiefern sich Internettexte durch die neuen medialen Bedingungen des Internets von etablierten Textsorten in Printmedien unterscheiden.

Es soll erstens untersucht werden, wie sich konventionelle Textsortenmuster im „WWW“ und insbesondere die sprachliche Gestaltung von Texten verändern bzw. welche Sprachveränderungen durch internetbasierte Kommunikation auftreten. Zweitens soll untersucht werden, ob diese Veränderungen im internetbasierten Sprachgebrauch Sprache in Printmedien beeinflussen.

Die Veränderungsprozesse im Internet werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Welche Faktoren hier eine bedeutende Rolle spielen und inwieweit die neuen Kommunikationsbedingungen im Internet diese Prozesse beeinflussen, soll weiter untersucht werden.

Dazu werden exemplarisch Texte aus dem Internet mit Texten in Zeitungen verglichen, die, so lässt es sich aufgrund des ihnen zugrunde liegenden kommunikativen Zwecks annehmen, der gleichen Textsorte angehören. Dement-sprechend sollen Veränderungen durch die neuen medialen Bedingungen auf sprachlicher und materieller Gestaltungsebene beschrieben, analysiert und bewertet werden.

1.2 AUFBAU DER ARBEIT

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in drei größere Abschnitte: Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen dargestellt (Kapitel 2) und der methodische Rahmen der Arbeit skizziert, indem wichtige Termini definiert und ein Analyse-modell entwickelt werden (Kapitel 3).

Im zweiten, empirischen Teil werden drei kleine Textkorpora aus dem Internet und den Printmedien vergleichend beschrieben, analysiert und schließlich ausgewertet (Kapitel 4 und 5).

Der dritte und abschließende Teil fasst die Ergebnisse dieser Arbeit zusammen, zeigt auf, in welchen Feldern eine weitere Forschungsarbeit notwendig erscheint (Kapitel 6), und bietet einen Ausblick auf das didaktische Potenzial internetbasierter Texte (Kapitel 7).

2. FORSCHUNGSÜBERBLICK

2.1 INTERNET UND INTERNET-NUTZER

Da im Folgenden immer wieder von Internet und internetbasierter Kommunikation die Rede sein wird, sollen zunächst diese Begriffe erklärt werden.

Das Internet ist ein globales Netzwerk lokaler und dezentralistischer Computernetz-werke, das von seinen Teilnehmern dazu genutzt wird, Informationen abzurufen und zu kommunizieren. (Vgl. RUNKEHL/SCHLOBINSKI/SIEVER 1998, 27) Auf diese Weise ist eine schnelle und weitreichende Kommunikation möglich.

Die Entwicklung des Internets erfolgt in mehreren Phasen: In der Frühphase der sechziger Jahre wird durch militärische Überlegungen der Grundstein für das Internet gelegt und die Technologie zur Anwendungsfähigkeit entwickelt. Es folgt die Entwicklung in Wissenschaftsnetzen, von denen eine internationale Ausbreitung und eine „Demokratisierung des Netzes“ (SCHLOBINSKI 2005a, 1) ausgeht, aus der dann schließlich die kommerzielle Nutzung des Internets folgt. Seit den neunziger Jahren steigt die Zahl der Benutzer kontinuierlich an.

Nach einer Untersuchung der ARBEITSGEMEINSCHAFT ONLINE-FORSCHUNG e.V. (2005) verfügen heute etwa 63 % der Bevölkerung über einen Internetanschluss (vgl. FORSCHUNGSGRUPPE WAHLEN ONLINE 2005, 1). In den Altersgruppen 18-24 Jahre, 25-29 Jahre, 30-39 Jahre bzw. 40-49 Jahre haben 82%, 80%, 82%, bzw. 79% einen Internet-Zugang.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Internet-Zugang in den Altersgruppen

Abbildung 2 zeigt, dass 83% der Menschen mit Hochschulreife über einen Internetzugang verfügen; 42% der Internet-Nutzer haben einen Hauptschulabschluss mit Lehre (ohne Lehre: 22%). Daraus folgt, dass der größte Teil der Internet-Nutzer gut ausgebildet ist; allerdings ist das Internet heute nicht mehr nur einer bestimmten Bildungs-Elite vorbehalten, sondern für Nutzer aller (Bildungs-) Schichten offen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Internet-Zugang in den Bildungsgruppen

Aus der Untersuchung folgt, dass Internet-Nutzer ein durchschnittlich hohes Bildungsniveau haben. Es ist zu erwarten, dass sie den Ansprüchen, die das Internet an sie stellt, gewachsen sind. Zu den besonderen Ansprüchen zählen insbesondere die Nutzungsvoraussetzungen des Computers bzw. des Internets sowie die kognitiven Fähigkeiten, im Internet Texte über den Bildschirm zur rezipieren bzw. über Bildschirm und Tastatur zu produzieren.

Das Internet ist ein neues Medium und besonders bei jungen Menschen beliebt. Eine Studie von ARD/ZDF-Online zur Sozialstruktur des Internets sagt aus, dass die junge Generation im Internet überdurchschnittlich repräsentiert ist und die „Klassisch Kulturorientierten“ (EIMEREN/GERHARD/FREES 2004, 353) weniger vertreten sind. Letztere würden altbewährte Medien wie Zeitung, Hörfunk und Fernsehen dem Internet als Informationsmedium vorziehen. Die „Klassisch Kulturorientierten“ bezweifeln, dass das Internet die gesellschaftliche und individuelle Weiterentwicklung fördert. (Vgl. ebd. 353) Die Studie unterstützt die These WEINGARTENS, der konstatiert, dass das Internet stark durch die Sprache der Jugend geprägt ist (vgl. WEINGARTEN 1997, 52).

2.2 INTERNETSPEZIFISCHE KOMMUNIKATIONSBEDINGUNGEN

Zu den typischen Besonderheiten der Netzkommunikation gehören die Beschleunigung des Lesens und Schreibens, die Nutzung der Schrift für die informelle Alltagskommunikation sowie die Ausdifferenzierung von Textsorten und Gesprächsformen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. (Vgl. ebd.)

Das Internet bietet dem Nutzer zahlreiche neue formale und technologische Elemente, die ihm in anderen Massenmedien nicht zur Verfügung stehen. Dazu zählen insbesondere die Merkmale Multimedialität, Hypertextualität und Inter-aktivität, die besonders für die Internet-Werbung von grol3em Nutzen sind. (Vgl. JANICH/RUNKEHL 2006, 311 f.) Diese Eigenschaften sind die zentralen Mehrwerte für Kommunikate im Internet und stellen die Basis für individuelle Gestaltungsweisen in der Textproduktion dar.

Der Begriff der Multimedialität umfasst zum einen die Integration und Präsentations-möglichkeit verschiedener Darstellungsformen wie bspw. Text, Ton, statische und animierte Bilder in einem Gerät, zum anderen die Verschmelzung all dieser Formen in dem Medium Internet, sodass diese gemeinsam verwendet werden können. Durch die Technik des Verlinkens, auch Hypertextualität genannt, ist eine prinzipielle Mediennutzung ohne Medienbruch durchführbar und die Möglichkeit der Individualisierung des Rezeptionsvorgangs gegeben. Zudem spielt der Aspekt der Interaktivität, die aus den oben genannten Merkmalen mehr oder weniger resultiert eine grol3e Rolle, indem durch Interaktivität eine Einflussnahme durch den Internet-Nutzer auf die Inhalte des Internets stattfinden kann.

Im Folgenden soll ein Überblick über die Sprache im Internet gegeben werden, die durch diese technischen Eigenschaften des Mediums beeinflusst wird. Zunächst soll auf ein zentrales Merkmal internetbasierter Texte eingegangen werden, nämlich die konzeptionelle Mündlichkeit.

2.3 KONZEPTIONELLE MÜNDLICHKEIT

Die Kommunikation im Internet ist je nach Kommunikationssituation synchron (z.B. Internet-Telefonie), quasi-synchron (z.B. Chat) oder asynchron (z.B. E-Mail) und damit immer bemüht, kommunikative Distanz durch eine konzeptionelle Mündlichkeit auszugleichen; besonderes Merkmal der internetbasierten Kommunikation ist die konzeptionell mündliche Ausdrucksweise, die außerhalb des Internet in Formen öffentlicher schriftbasierter Kommunikation befremdend wäre, aber im Netz schon fast nicht mehr auffällt (vgl. DÜRSCHEID 2006, 113).

KOCH/OESTERREICHER (1985, 1996) unterscheiden zwischen dem Medium und dem Konzept einer sprachlichen Äußerung und differenzieren damit zwischen der Art der medialen Realisierung (phonisch bzw. graphisch) und der Konzeption (geschrieben bzw. gesprochen). Sie wollen damit ausdrücken, dass auch in schriftlicher Realisierung sprachliche Merkmale der gesprochenen Sprache auftreten und umgekehrt. Mit der Bezeichnung konzeptionell mündlich werden demnach Texte kategorisiert, die in ihrer sprachlichen Gestaltung stark an die mündliche Kommuni-kation angelehnt sind. Typische Versprachlichungsstrategien mündlich konzipierter Texte sind ein geringer Planungsaufwand, Spontaneität und die Präferenz für nicht-sprachliche Kontexte, die dann durch graphostilistische Mittel in die geschriebene Sprache übertragen werden. (Vgl. SCHLOBINSKI 2005a, 7)

Auf dem Nähe/Distanz-Modell nach KOCH/OESTERREICHER (1985) lassen sich im medial schriftlichen Bereich Textsorten und Kommunikationsformen anordnen. Je nachdem, wo Texte auf diesem Kontinuum angeordnet sind, werden mehr oder weniger Elemente konzeptioneller Mündlichkeit zu erwarten sein.

Dieses Modell wurde bereits erweitert, indem die Ausdrücke „Sprache der Nähe“ und „Sprache der Distanz“ durch „Mündlichkeitspol“ und „Schriftlichkeitspol“ ersetzt wurden (vgl. DÜRSCHEID 2003, 53ff.). Die vorliegende Arbeit zeigt eine Darstellung aus SCHLOBINSKI (2005a, 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Nähe/Distanz-Kontinuum nach Koch/Oesterreicher (nach SCHLOBINSKI 2005, 7)

Ein signifikantes Merkmal konzeptioneller Mündlichkeit stellen auf textueller und pragmatischer Ebene die sogenannten Gesprächswörter und ähnliche Verfahren dar, die auf Situationseinbettung, geringe Planung, Dialogizität und Emotionalität ausgerichtet sind. Hierzu gehören u.a. Gliederungssignale, Interjektionen und Abtönungsverfahren (vgl. KOCH/OESTERREICHER 1996, 590). Als weitere sprachliche Merkmale von konzeptioneller Mündlichkeit sind insbesondere sprechsprachliche lexikalische Spezifika, einfachere Syntax, typisch sprechsprachliche Satzkonstrukti-onen, unklare Satzgrenzen, mehr Floskeln, variationsärmere Lexik, unscharfe Kohäsionsmittel zu nennen. (Vgl. SIEBER 1998, 186) Auf syntaktischer Ebene finden sich in konzeptionell mündlichen Texten „nicht-wohlgeformte“ und „nicht-satzförmige Aüßerungen“ (vgl. KOCH/OESTERREICHER 1996, 590), also insbesondere elliptische Satzkonstruktionen und Worttilgungen.

Durch Computerkommunikation kommt in der Sprache der Nähe eine zusätzliche Distanzkomponente hinzu, da nonverbale Signale der Mündlichkeit (wie z.B. Gestik und Mimik) durch andere Mittel ersetzt werden müssen. Dieses Problem hat bspw. die Chat-Kommunikation für sich gelöst. Auch E-Mails sind prototypische Beispiele für medial schriftlich und konzeptionell mündliche Texte; deshalb werden

sprachliche Merkmale dieser Kommunikationsformen im Folgenden beispielhaft beschrieben.

In Anlehnung an LÖFFLER (2005) kann man in diesem Zusammenhang von einem Phänomen der Destandardisierung sprechen: Durch Rückkopplungseffekte aus der gesprochenen Sprache, dazu gehören insbesondere grammatische Normverstöße, die im mündlichen Sprachgebrauch akzeptiert sind, werden die rigiden Normansprüche der Schriftsprache aufgelockert. (Vgl. LÖFFLER 2005, 22f.)

2.4 INTERNETSPEZIFISCHE MERKMALE

2.4.1 SPRACHLICHE MERKMALE

In der Literatur ist die Meinung vertreten, dass die Sprache im Internet eine eigene Varietät darstellt; vor allem deshalb, weil in der Schriftsprache des Internets immer mehr Normabweichungen auftreten und akzeptiert werden. CRYSTAL (2001) bezeichnet die Sprache im Internet als „a genuine language variety“ (CRYSTAL 2001, 92). Im Gegensatz zu CRYSTAL und weiteren Tendenzen in der Literatur, den Sprachgebrauch im Internet als „Websprache“ (RUNKEHL/SCHLOBINSKI/SIEVER 2005), „Cyber-Deutsch“ (BÄR 2000) etc. zu bezeichnen, gibt es Autoren, die die eingrenzende Bezeichnung des Sprachgebrauchs im Internet als sprachliche Varietät ablehnen; u.a. deshalb, weil viele für das Internet typische sprachliche Merkmale auch in anderen Kontexten auftreten und diese nicht generell, sondern nur situations-und sprecherabhängig verwendet würden (vgl. DÜRSCHEID 2004, 147).

In Anlehnung an SCHLOBINSKI (2000) könne weder von einer Internetsprache noch von einer sondersprachlichen Varietät ausgegangen werden, da es im Internet einfach viel zu viele verschiedene heterogene Textsorten gebe, sodass man nicht von der Netzsprache oder dem Sprachgebrauch im Internet sprechen könne. In Anlehnung an SCHLOBINSKI stellt der internetspezifische Sprachgebrauch einen spezifischen Stilmix dar. (Vgl. SCHLOBINSKI 2000, 77)

Aufgrund ihrer besonderen Rahmenbedingungen hat die internetbasierte Kommunikation „funktionale Schriftsprachvarianten“ (SCHLOBINSKI/SIEVER 2005, 71) und neue Kommunikationsformen sowie Textsorten wie Homepage, E-Mail, Chat und Weblogs hervorgebracht2. Diese sind - mehr oder weniger - durch einen mündlichen Schreibstil gekennzeichnet, der von jugendsprachlichen Merkmalen und der englischen Sprache geprägt ist. (Vgl. HAASE ET.AL. 1997, 52)

Die Chat- und E-Mail-Kommunikation sind die neuen Kommunikationsformen, die von der Sprachwissenschaft besonders intensiv erforscht wurden. Im Folgenden werden beispielhaft Merkmale der E-Mail- und insbesondere Chat-Kommunikation aufgeführt, um den internetspezifischen Schreibstil zunächst allgemein zu beschreiben und schließlich auf der Basis dieser Erkenntnisse weitere Internettexte zu analysieren. Die Chat-Kommunikation kann als prototypisch für eine schriftbasierte, zugleich mit Merkmalen der gesprochenen Sprache durchsetzte Kommunikationsform angesehen werden. Metasprachliche Handlungen, die in der Face-to-Face-Kommunikation durch Gestik und Mimik ausgedrückt werden, werden in der Chat-Kommunikation mit Schriftzeichen kompensiert. Auch auf andere Kommunikationsbereiche wurden Emoticons (wie z.B. Smileys) übertragen, die hochgradig sprachökonomisch sind, da sie mit zwei oder drei einfachen Zeichen Gefühlszustände übertragen können (vgl. SIEVER 77). Weiter typisch für die Sprache in der Chat- bzw. E-Mail-Kommunikation sind eine hohe Zahl von orthografischen Normverstößen, die häufig damit zu erklären sind, dass internetbasierte Texte nicht redaktionell nachgearbeitet werden, sodass der Text unverändert ins Netz kommt. Außerdem sind die Planungszeit und der Schreibprozess bei internetbasierten Texten kürzer als bei Texten in Printmedien, sodass viele Tippfehler auftreten, die als „produktionsbedingte Normabweichungen“ (BITTNER 2003, 185) bewertet werden und folglich nicht ausschließlich auf mangelnde Kenntnisse zurückzuführen sind.

Abkürzungen, Kurzwörter und die konsequente Kleinschreibung werden häufig verwendet, um die Tipp-Geschwindigkeit zu erhöhen. Bestimmend ist dabei überwiegend die Privatheit, mit deren Zunahme auch die Merkmale der mündlichen Sprache, Sprachkreativität, Kurzformen etc., ansteigen (vgl. SIEVER 2006, 81). Des Weiteren signifikant auffällig in der Chat-Kommunikation sind Klitisierungen wie bspw. siehste und biste und aussprachebedingte Lauttilgungen am Ende eines Wortes (vgl. ebd. 77).

Um eine gedehnte und damit als verständnislos zu interpretierende Aussprache zu simulieren wird die Iteration von Buchstaben eingesetzt. Auf der Ebene der Interpunktion werden Ausrufezeichen zur Emphase verwendet. Weiter im Bereich der Interpunktion sind die Tilgung von Interpunktionszeichen, insbesondere von Kommata und neutralen Satzschlusszeichen, und die Iteration von Ausrufezeichen zur Emphase zu nennen. (Vgl. ebd.)

„Von diesen Beispielen lässt sich ableiten, dass 1. die Geschwindigkeit und Anlage der Kommunikation (Privatheit, Überwindung der Distanz etc.) gesprochene Sprache zu begünstigen scheint und diese 2. sich nicht nur in den Texten niederschlägt, sondern tatsächlich (kognitiv) gesprochene Sprache ‚ist’.“ (Ebd., 82)

In der E-Mail- und Chat-Kommunikation haben sich also kommunikative Mittel etabliert, die vor allem dadurch entstanden sind, dass versucht wurde, Elemente mündlicher Kommunikation in den Sprachgebrauch zu integrieren. Es wurde so geschrieben, wie der Produzent gedanklich spricht, sodass hier von „emulierter Mündlichkeit“ (BITTNER 2003, 180) gesprochen werden kann. Der Grol3teil dieser Merkmale ist aufgrund von Sprachökonomie, die aus den medialen Bedingungen und der Kommunikationssituation resultiert, entstanden und hat sich so bewährt, dass diese Merkmale immer wieder verwendet werden und so andere Ausdrucksformen ersetzen.

Eine Reihe von computerspezifischen Ausdrucks- und Schreibweisen hat bereits einen Einfluss auf den Sprach- bzw. Schriftgebrauch aul3erhalb des Internet. Hierzu zählen z.B. das @-Zeichen, die Binnenpunktsetzung und Binnengrol3schreibung sowie die Verwendung von Akronymen wie HTML, FAQ, URL sowie CU und LOL. Solche Schreibweisen sind vor allem in der Werbesprache zu finden. Die Übernahme dieser Elemente ist eigentlich nicht notwendig, weil der Zeit- und Kostenfaktor, die Sprachwandel auslösen, im „Offline-Betrieb“ nicht mehr gegeben ist. Diese internetspezifischen Merkmale aul3erhalb des Kontextes Internet sollen den Anschein des Modernen und Fortschrittlichen vermitteln. (Vgl. DÜRSCHEID 2004, 144) Jedoch ist anzumerken, dass einige der Merkmale, die als charakteristisch für das Internet angesehen werden, bereits in der Privatkorrespondenz des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu finden sind. Sie sind also weder neu noch internetspezifisch. (Vgl. ebd., 147f.)

2.4.2 BILDLICHE MERKMALE

Das Internet hat nicht nur neue sprachliche Gestaltungsweisen und darüber hinaus neue Formen der Kommunikation hervorgebracht, sondern trägt maßgeblich auch dazu bei, dass die Bedeutung des Bildes im Text aufgewertet wird: Text-Bild-Gefüge im internetbasierten Text sind zu den wichtigsten Botschaftsträgern geworden, mit denen Menschen massenmedial kommunizieren. (Vgl. SCHMITZ 2004, 116) Bilder ersetzen sprachliche Textteile völlig oder teilweise, heben Elemente der Textstruktur hervor oder fassen Teile des verbalen Textes symbolisierend zusammen. Sie können Textaussagen eine andere Perspektive geben oder sie konnotativ aufladen. (Vgl. STÖCKL 2004, 385)

Kohärenz oder zusammenhängender Sinn in der Sprache könne man nicht mehr allein in Sprache erwarten, da Text und Bild heute eng zu eng verwoben sind, um sie bei der Textanalyse voneinander zu trennen. Erst in gerichteter multimedialer Lektüre gewinne der Text an Kohärenz (vgl. SCHMITZ 2004, 90).

2.4.3 INTENDIERTE ABWEICHUNGEN UND FEHLER

Viele dieser oben aufgeführten Merkmale auf grafischer, morphologischer, syntaktischer und lexikalischer Ebene können als Abweichung von der gültigen Norm betrachtet werden. Hierbei muss unterschieden werden, ob es sich um Abweichungen als Stilmittel oder um Abweichungen als Fehler handelt. Erstere werden auch als funktional intendierte Abweichungen bezeichnet, weil mit ihrem Einsatz eine bestimmte Wirkung beabsichtigt ist: In erster Linie werden abweichende Schreibweisen eingesetzt, damit der Text auffällt.

Wegen des Abnutzungseffekts ist gerade bei Abweichungsmustern mit einem schnelleren Wandel zu rechnen (vgl. FIX et.al. 2003, 192f.). Das erklärt insbesondere in der Werbesprache eine Vielzahl von sprachlichen Innovationen auf grafischer und morphologischer Ebene. „Abweichungen auf der Textebene reichen von (scheinbarer) Verletzung der Textualitätsmerkmale (z.B. Fehlen elementarer Textbausteine) bis zur Brechung oder Mischung von Textmustern.“ (Ebd., 197) Abweichungen als Fehler bezeichnen „Verstöße gegen instrumentale und situative Normen, die auf Normunkenntnis oder Normunsicherheit beruhen“ (ebd., 198). Hierzu gehören insbesondere Rechtschreibfehler.

Die Grenze zwischen intendierter Abweichung und Fehler ist manchmal schwer zu ziehen; kontinuierliche Kleinschreibung wird bspw. als intendierte Abweichung bezeichnet, wohingegen die Kleinschreibung von Substantiven generell als Fehler eingeordnet wird, wenn sie einzeln vorkommt und keine Intention zu erkennen ist. Für die Analyse ist diese Trennung von Bedeutung, da hier Abweichungen beider Typen oft zusammen auftreten und es wichtig ist, diese voneinander zu differenzieren, um schließlich über die Elaboriertheit und Wohlgeformtheit der Textexemplare urteilen zu können.

2.5 ERKLÄRUNGEN FÜR SPRACHWANDEL

Die gegenwärtige Epoche des Gegenwartsdeutsch, die ca. 1950 begonnen hat, wird mittlerweile auch als E-Hochdeutsch (BÄR 2000) bezeichnet; das „E“ steht hierbei als Variable für das Deutsch im Zeitalter der elektronischen Kommunikation; diese Bezeichnung in der Literatur belegt einmal mehr den Einfluss der elektronischen Kommunikation auf die Entwicklung von Sprache.

In der Standardsprache ist die Schriftsprache streng normiert, die gesprochene Sprache schwach normiert und schwach kodifiziert. (Vgl. LÖFFLER 2005, 22) Diese traditionelle Einteilung verändert sich durch internetbasierte Kommunikation:

„Indem Schriftsprache als standardisierte Sprache derart von zwei Seiten in die Zange genommen wird – durch die gesprochene Sprache sowie Visualisierungstechniken, und das Einfallstor sind hierbei neue Textsorten und Mediengenres der 2. Gutenberg-Revolution wie z.B. die Chat-Kommunikation – unterliegen Sprachnormen einen zunehmenden Druck, der zu sprachlichen Variationen führt und Auslöser für einzelne Sprach- und Schriftwandelprozesse sein kann.“ (Schlobinski 2005b, 140)

Die strenge Normierung der Schriftsprache wird, wie oben dargestellt wurde, verändert, indem in der Schriftsprache im Internet immer mehr Formen auftreten, die von der Norm abweichen. Moderne Medien treiben durch ihre innere Vielfalt, enorme Produktivität und immense Verbreitung sprachliche Neuerungen an und differenzieren Sprachwandel. Sie dienen so als „Agentur und sprachlicher Umschlagplatz für sprachliche Neuerungen“ (vgl. SCHMITZ 2004, 30).

Nach Keller sei es nicht das Medium, sondern der Sprachteilnehmer, der seine Sprache unbewusst verändert (vgl. KELLER 2003, 26f.). Trotzdem dürfen die Rahmenbedingungen nicht vernachlässigt werden, denn es könnte das Medium sein, das den Sprachteilnehmer dazu zwingt, seine sprachlichen Mittel der neuen Umgebung anzupassen.

Die erweiterten Möglichkeiten in der Kommunikation (vgl. Punkt 2.3) bringen immer wieder neue Sprechweisen und Sprachformen mit sich, die die herkömmlichen sprachlichen Möglichkeiten und Gewohnheiten nicht grundlegend umwälzen, aber doch entscheidend erweitern und schnell an die neuen Bedingungen anpassen. Moderne Medien beschleunigen auf diese Weise den Sprachwandel und vereinfachen bzw. erweitern gleichzeitig bekannte Muster. Der schnelle Abbau des deutschen Flexionssystems, die Verbreitung von Anglizismen und andere Entwicklungstendenzen der deutschen Gegenwartssprache würden ohne Massenmedien langsamer verlaufen. (Vgl. SCHMITZ 2004, 28 ff.)

Sprachwandelprozesse lassen sich nach POLENZ (2000, 26) anhand von folgenden Faktoren erklären: sprachliche Ökonomie, sprachliche Innovation, sprachliche Variation und sprachliche Evolution. Diese lassen sich auch auf Sprachwandelprozesse durch elektronische Kommunikation übertragen. Hier ist vor allem der Faktor der Sprachökonomie interessant, da die besonderen Nutzungs-bedingungen des Internets (wie z.B. die hohe Kommunikationsgeschwindigkeit, Zeitdruck, Lesen und Schreiben mittels Bildschirm und Tastatur; vgl. Punkt 2.2) den Druck auf den Schreib- und Rezeptionsprozess erhöhen. Zum einen zeichnet sich Sprachökonomie grundsätzlich dadurch aus, dass für sprachökonomische Realisierungen weniger Zeichen und Laute verwendet werden, zum anderen dadurch, dass auf grammatische Formen verzichtet wird, die in ihrer Bildung komplizierter erscheinen als andere Ausdruckmöglichkeiten (vgl. SIEVER 2006, 72). Demnach liege „Sprachökonomie par excellence“ (ebd., 73) dann vor, wenn mit minimalem Aufwand ein maximales Ergebnis erzielt werde. In der Chat- und E-Mail-Kommunikation wird Sprachökonomie besonders deutlich, weil der Schreibprozess hier zu Kürze und Aufwandsminimierung tendiert, was sich u.a. im Gebrauch graphostilistischer Mittel wie z.B. Smileys oder Abkürzungen wie *g* als Ersatz für lange, schriftliche Gefühlsäußerungen zeigt und für „Nicht-Chatter“ komplizierte und unverständliche Abkürzungen darstellen. Sprachliche Innovation beschreibt die Bildung von neuen Wörtern, wenn die gewohnten sprachlichen Mittel nicht mehr ausreichen, „abgenutzt und entwicklungsbedürftigt“ (POLENZ 2000, 26) sind. Vor allem die Werbesprache macht von solchen sprachlichen Mitteln Gebrauch, um die Aufmerksamkeit der Rezipienten auf sich zu ziehen. Der Faktor der sprachlichen Variation umfasst alle Formen von stilistischen Alternativen, die in der Sprache vorhanden sind. Je nach kommunikativen Bedingungen und Zwecken sind die Sprachbenutzer sehr flexibel in Bezug auf die Wahl sprachlicher Mittel. (Vgl. ebd.)

Sprachliche Evolution beschreibt das Phänomen, dass der „Sprachgebrauch und vor allem die Beeinflussung des Sprachgebrauchs durch gesellschaftliche Kräfte [...] mitunter Wirkungen auf die Sprache zur Folge [haben], die von denen, die Sprache benutzen oder zu beeinflussen versuchen, gar nicht beabsichtigt sind.“ (Ebd.)

Diesen Aspekt der unbeabsichtigten Veränderung von Sprache durch die Sprachteilnehmer berücksichtigt KELLER in seiner „Invisible-hand Theorie“, nach der Sprachwandel das kausal bestimmte Ergebnis der – unbewussten - Entscheidungen im Sprachgebrauch einzelner ist. Jeder Sprachteilnehmer hat im Sinne dieser Theorie beim Kommunizieren das Ziel seines Sprechaktes vor Augen (er will verstanden werden, Aufmerksamkeit erwecken, Gruppenzugehörigkeit oder kommunikative Distanz erzielen usw.) und wählt dazu aus den sprachlichen Mitteln diejenigen aus, von denen er sich in ihrer Wirkung den größten Erfolg verspricht. Verwenden mehrere Sprachteilnehmer die gleichen neuen Mittel, so entstehen Kumulationseffekte, die man als Sprachwandel bezeichnet (vgl. KELLER 2003, 100 f.).

2.6 ZWISCHENFAZIT

Das Internet ist ein relatives junges Medium, das in seiner Popularität, internationalen Reichweite und Technisierung allen anderen Informationsmedien überlegen ist. Besonders die junge Generation bevorzugt das Internet vor anderen Medien, um sich zu informieren und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Deshalb ist Sprache im Internet u.a. durch englische Ausdrücke und jugendsprachliche Merkmale geprägt.

Internetbasierte Kommunikation ist medial schriftlich, konzeptionell mündlich und je nach Kommunikationssituation synchron, quasi-synchron oder asynchron. Sowohl daraus als auch aus den veränderten Kommunikationsbedingungen ergeben sich innovative Ausdrucksformen, die das Kontinuum zwischen Mündlichkeits- und Schriftlichkeitspol erweitern.

Hinsichtlich der Charakterisierung des internetbasierten Sprachgebrauchs als eine sprachliche Varietät gibt es in der Literatur divergierende Meinungen: Zum einen wird die Sprache des Internets aufgrund ihrer besonderen Merkmale als „a genuine language variety“ (CRYSTAL 2001, 92) bewertet, zum anderen heißt es, dass die Sprache des Internets in sich viel zu heterogen und komplex ist und sich von daher eher als „Stilmix“ (SCHLOBINSKI 2000, 77) bezeichnen lässt.

Aufgrund der neuen medialen Bedingungen haben sich neue Kommunikations-formen (u.a. Chat, Homepages und E-Mail) entwickelt, die mit den traditionellen Formen (u.a. Telefon, Brief) konkurrieren. Über diese neuen Kommunikationsformen werden sprachliche Veränderungen verbreitet. Besonders in der Chat- und E-Mail-Kommunikation haben sich funktionale Schreibweisen herausgebildet, die auch in andere Kommunikationsbereiche des Alltags übertragen werden.

Das Internet treibt Sprachwandelprozesse voran, weil sprachliche Innovationen im Internet schnell verbreitet werden können. Außerdem entstehen aus sprachökonomischen Gründen funktionale Schreibweisen, die sich durchsetzen und auf diese Weise die „sprachliche Evolution“ (BITTNER 2005, 56) vorantreiben.

3. GRUNDLAGEN DER ANALYSE

Textsorten eignen sich besonders für die Analyse von sprachlichen Veränderungen, indem sie eine zentrale Rolle für die Verbreitung und Akzeptanz sprachlicher Neuerungen spielen. Sie liefern das notwendige heuristische Bindeglied zwischen sprachexternen (sozialen, kulturellen) Faktoren und sprachinternen Wandeler-scheinungen (vgl. ZIEGLER 2002, 27). Ein Vergleich von Textsorten aus Internet und Printmedien bietet sich hier an, da im kontrastiven Vergleich internetspezifische sprachliche Veränderungen besonders deutlich werden.

Für die Analyse von Internettexten kann auf konventionelle Methoden der Textlinguistik zurückgegriffen werden, weil Textstrukturen internetbasierter Kommunikation makro- als auch mikrostrukturell auf Elementen und Mustern basieren, die die Sprachteilnehmer bereits aus traditionellen Texten kennen. Jedoch müssten die textlinguistischen Perspektiven modifiziert werden. (Vgl. ZIEGLER 2004, 171f.)

Deshalb wird für die Analyse von Internettexten ein holistisches Analysemodell verwendet, das sich bei der Analyse von Textsorten allgemein bewährt hat. Dieses wird um die Dimension der materiellen Textgestalt erweitert. Nur so können die Veränderungen in den sprachlichen und materiellen Gestaltungsweisen angemessen herausgearbeitet werden.

Es werden zunächst die Analysegrundlagen erläutert; anschließend wird ein Analysemodell entwickelt, mit dem Internettexte und Texte aus Printmedien miteinander verglichen werden können, und die Auswahl der Textexemplare dargestellt.

3.1 AUSGANGSPUNKTE

Die moderne Textlinguistik wird wesentlich durch zwei Grundpositionen bestimmt. Zum einen durch die strukturalistische, sprachsystematisch ausgerichtete Konzeption, zum anderen durch den kommunikativ-pragmatischen Ansatz. Nach dem kommunikativ-pragmatischen Ansatz sind nicht nur die sprachliche Form und der Inhalts eines Textes zu untersuchen, sondern auch der kommunikative Zweck (Vgl. BRINKER 2001, ADAMZIK 2004); denn ein Textproduzent hat konkrete Vorstellungen darüber, was er beim Leser erreichen will, und genauso muss der Leser wissen, welche kommunikativen Ziele der Textverfasser mit seinem Text verfolgt. Nach BRINKER (2001) werden Texte demnach hinsichtlich der Textfunktion kategorisiert, „die als im Text konventionell ausgedrückte dominierende Kommunikationsintention des Emittenten definiert wird“ (ebd., 148).

Die Sprechakttheorie nach Austin und Searle mit ihrem handlungstheoretisch definierten Sprachbegriff eignet sich besonders dafür, einem Analysemodell die adäquate sprachtheoretische Basis zu geben. Hiernach wird der Sprechakt in verschiedene Teilakte aufgegliedert: einem illokutionären Akt, einem propositionalen Akt und einem Äußerungsakt. Der illokutionäre Akt ist der kommunikativ-pragmatischen Ebene zuzuordnen, der propositionale Akt der thematischen Ebene und der Äußerungsakt der sprachlich-grammatischen Ebene. (Vgl. LINKE/NUSSBAUMER/PORTMANN 2001, 186ff.) Für die Textanalyse ist der illokutionäre Akt relevant, indem dieser Aufschluss über die dem Text zugrunde liegende dominierende Textfunktion gibt.

„Der Illokutionsstrukturanalyse liegt die Auffassung zugrunde, dass die dominierende illokutive Handlung auf das Globalziel des Textes, also auf seine kommunikative Gesamtfunktion verweist.“ (BRINKER 2001, 95)

In Anlehnung an die Sprechakttheorie nach AUSTIN/SEARLE, die die Sprechakte in Repräsentative, Direktive, Kommissive, Expressive und Deklarative aufteilt, stellt BRINKER fünf textuelle Grundfunktionen heraus: Informationsfunktion, Appellfunktion, Obligationsfunktion, Kontaktfunktion, Deklarationsfunktion. (Vgl. ebd., 107f.) Dabei knüpft Brinker an das Organon-Modell nach BÜHLER an, der entsprechend den drei grundlegenden Fundamenten einer sprachlichen Äußerung (Sender, Dinge und Empfänger) die Ausdrucks-, Darstellungs- und Appellfunktion unterscheidet. (Vgl. BÜHLER 1965, 24ff.)

So soll im Folgenden die Textfunktion der Textexemplare untersucht werden, um die Zugehörigkeit eines Textes zu einer bestimmten Textsorte zu belegen. Jedoch kann die Funktion des Textes nicht losgelöst von der Intention des Textproduzenten und der Wirkung auf den Rezipienten analysiert werden. Ein Text kann darüber hinaus auch mehrere Funktionen haben (vgl. ROLF 2000, 423), die entweder hierarchisch untergeordnet sind oder einer anderen Ebene angehören. Diese Textfunktionen werden im Folgenden als Zusatzfunktionen bezeichnet.

Diese Arbeit basiert auf dem Verständnis von Text als „eine begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganze eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert“ (BRINKER 2001, 17). Jeder Text repräsentiert eine bestimmte Textsorte, die nach BRINKER als „konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen“ (ebd., 135) definiert wird.

Textsorten lassen sich als Verbindungen von kontextuellen/situativen, kommunikativ-funktionalen und strukturellen Merkmalen beschreiben. Um einen Text zu einer Textsorte zuzuordnen, wird auf ein Textsortenmusterwissen zurückgegriffen, das sich in der Sprachgemeinschaft historisch entwickelt und im Alltagswissen der Sprachteilnehmer etabliert hat. Solches Textsortenmusterwissen wurde vom Rezipienten internalisiert. Die Zuordnung basiert also auf dem Wiedererkennen konventioneller Muster in einem Text (vgl. HEINEMANN, W. 2000, 518) Im Gegensatz zu stark normierten Textsorten wie Wetterbericht, Kochrezept usw., gibt es bei anderen Textsorten wie Werbeanzeigen besonders in struktureller Hinsicht unterschiedliche Möglichkeiten der Ausführung. Es handelt sich dabei nicht nur um „Spielräume für die individuelle Textgestaltung“ (BRINKER 2001, 136); diese Textsorten erscheinen vielmehr in „verschiedenen typischen Ausprägungen oder Varianten, die ebenfalls konventionalisiert sind und die man als Subtypen der betreffenden Textsorten bezeichnen könnte“ (ebd.).

Die Subtypen sollen hier als Textsortenvarianten verstanden werden, die zwar ähnliche Merkmalbündel haben, aber auf niedrigerer Abstraktionsebene andere oder zusätzliche Textmerkmale aufweisen, durch die sie sich von Textklassen auf höherer Abstraktionsebene unterscheiden (vgl. STEIN 2004, 185).

3.2 DIE UNTERSUCHUNGSMETHODE

Es soll ein Analysemodell erstellt werden, das der Fragestellung dieser Arbeit gerecht wird, zum einen der Frage nach sprachlichen Veränderungen durch internetbasierte Kommunikation, zum anderen der Frage, inwiefern sich Internettexte durch die neuen medialen Bedingungen des Internets von etablierten Formen abweichen.

Für die holistische Beschreibung von Texten, die textinterne und textexterne Spezifika umfasst, erstrecken sich die Texteigenschaften auf mehreren Ebenen, die bei der Textkonstitution zusammenwirken. Als grundlegend gelten dabei insbesondere die folgenden vier Dimensionen: Situativität, Funktionalität, Thematizität, Formulierungsadäquatheit (vgl. HEINEMANN/HEINEMANN 2002,147; vgl. ADAMZIK 2004, 59). Bei der Betrachtung von internetbasierten Texten fällt schnell auf, dass sich besonders die materielle Gestalt stark von der konventionellen Form modifiziert ist. Deshalb ist es erforderlich, diese gängigen Analysemodelle um die Dimension der materiellen Gestalt zu ergänzen.

Wie oben bereits erwähnt, ist eine ganzheitliche Textsortenbeschreibung notwendig, um der besonderen materiellen Gestalt (z.B. Typografie, Bild) und sprachlichen Gestalt (z.B. individueller Stil, konzeptionelle Mündlichkeit) der Texte eine größere Gewichtung in der Analyse eingeräumt werden. Bei einer ersten Durchsicht des Textexemplars wurde bereits deutlich, dass die Analyse der Textfunktion und des Themas für die Zielsetzung dieser Arbeit keine wichtigen Erkenntnisse bringen wird, die Dimensionen der materiellen und sprachlichen Gestalt jedoch umso mehr. Deshalb wird bei der Analyse die Dimensionen der Textfunktion und des Themas auf das Wichtigste verkürzt dargestellt, um Raum für die Analyse vor allem der sprachlichen Textgestalt zu gewinnen.

Hinsichtlich dieser Grundlagen wird für die vergleichende Betrachtung der Textexemplare aus Internet und Printmedien das nachfolgende holistische Analysemodell verwendet (vgl. Bachmann-Stein 2004):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Modell zur ganzheitlichen Analyse von Anzeigentexten in Internet und Printmedien Bei der Analyse wird vom Aul3ersprachlichen zum Sprachlichen vorgegangen:

1. Kommunikationssituation: Auf dieser Ebene werden das Medium, der Handlungs-bereich und das Verhältnis zwischen Produzent und Rezipient beschrieben. Dabei werden die Kontexte des Internets in Abgrenzung zu den Bedingungen in Printmedien zunächst in einem Vergleich dargestellt (Kapitel 4.1), um Redundanzen in den darauf folgenden Analysen der jeweiligen Textsorten auf dieser Ebene zu vermeiden. Schliel3lich wird die spezifische Kommunikationssituation der jeweiligen Textsorten beschrieben.
2. Materielle Textgestalt: Auf dieser Ebene berühren sich textexterne und textinterne Faktoren, da die nonverbalen Texteigenschaften einerseits zur individuellen Textsortenrealisierung dienen, andererseits durch Vorgaben von aul3en limitiert sind. Diese Eigenschaften, vor allem die Funktion des Bildes, bilden eine grundsätzliche Unterscheidungskomponente zwischen Texten in Internet und Printmedien, weil die unterschiedlichen Vorgaben zur Gestaltung von Texten voneinander variieren.
3. Textfunktion: Auf dieser Ebene wird die kommunikative Funktion des Textes herausgearbeitet, um zu überprüfen, ob sich die Texte in Internet und Printmedien in ihrer Funktion unterscheiden. Es wird davon ausgegangen, dass diese identisch sind, da die Textexemplare der gleichen Textsorte zugeordnet werden. Es können ggf. noch weitere Zusatzfunktionen bestimmt werden (vgl. BRINKER 2001, 150).
4. Thema: Das Thema von Gebrauchstexten wird von der Textfunktion dominiert (vgl. SANDIG 2000, 98), sodass es im Rahmen der Textfunktion erarbeitet werden kann. Die Realisierung des Themas ist in Anzeigentexten weniger wichtig, hier dominiert die kommunikative Funktion des Textes.
5. Sprachliche Gestalt: Unter der Perspektive des Sprachwandels wird auf dieser für die vorliegende Arbeit signifikantesten Ebene untersucht, wie etablierte Textsortenformulierungsmuster im Internet verändert werden. Darüber hinaus werden die Anzeigen auf Wohlgeformtheit (Orthografie), Elaboriertheit, Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit und weitere besondere sprachliche Mittel auf verbaler (Syntax, Lexik, Morphologie) und paraverbaler Ebene (graphostilistische Mittel, emulierte Mündlichkeit) mit dem Ziel untersucht, Veränderungen im Sprachgebrauch durch internetbasierte Kommunikation zu belegen.

Im Folgenden wird nun beschrieben, wie die zu untersuchenden Texte ausgewählt wurden.

3.3 DIE MATERIALGRUNDLAGE

Als Untersuchungsgegenstände wurden Textexemplare aus der Textklasse „Anzeigentexte“ ausgewählt, nämlich private Kontaktanzeigen, private Verkaufsanzeigen und professionelle Werbeanzeigen. Bei den privaten Kontaktanzeigen und privaten Verkaufsanzeigen handelt sich um Textbeispiele, die von privaten Internet-Nutzern selbst produziert wurden, Werbeanzeigen hingegen werden professionell gestaltet. Alle drei Anzeigentypen eignen sich besonders für einen intermedialen Vergleich, da es die Textsorten private Kontaktanzeigen, private Verkaufsanzeigen sowie Werbeanzeigen in Zeitungen und Internet gibt. Sie blicken in Printmedien auf eine lange Tradition zurück. Die Leser „sind in der Regel mühelos in der Lage, Textexemplare unterschiedlicher Art zu identifizieren und auf sie situativ und sozial angemessen zu reagieren“ (HEINEMANN/HEINEMANN 2002, 141). So können Textexemplare im Internet etablierten Textsorten zugeordnet werden.

Das Internet bietet so viel Textmaterial, dass es unmöglich ist, alle Texte zu erfassen. Da man diesen Faktor nicht vollständig ausblenden kann, hat diese Arbeit nicht den Anspruch, repräsentativ zu sein. Hinsichtlich dieser Schwierigkeiten beschränkt sich das Korpus auf eine geringe Anzahl von Textexemplaren, die exemplarisch analysiert werden. Um trotzdem eine möglichst repräsentative Auswahl von Texten zu haben, wird der Untersuchungsgegenstand auf einer niedrigen Abstraktionsebene definiert. Bei einer niedrigen Abstraktionsmenge (z.B. Anzeigen zu einem bestimmten Thema) reicht eine kleine Bezugtextmenge bzw. ein kleines Korpus aus (vgl. LÜGER/SCHÄFER 2005, 22f.).

Die Textexemplare wurden zufällig ausgewählt. Von den Kontaktanzeigen wurden 15 Textbeispiele ausgesucht, die beim Internetanbieter „Dating Café“3 erschienen sind. Dieser Internetanbieter wurde aus einer Auflistung der beliebtesten Internet-Kontaktanzeigen-Anbieter ausgewählt. Bei den Textproduzenten handelt es sich um Erwachsene im Alter von 25 bis 45 Jahren. Um ein möglichst äquivalentes Vergleichskorpus zu haben, wurden 15 Kontaktanzeigen aus Printmedien ausgewählt, die vermutlich einen möglichst ähnlichen Adressatenkreis haben: die „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“ (Nr. 258/2006) und das Lüneburger Stadtmagazin „Stadtlichter“ (Nr. 11/2006). Die Kontaktanzeigen wurden den Medien an einem Tag stichprobenartig entnommen.

Die privaten Verkaufsanzeigen des Internetauktionators „E-Bay“4 eignen sich besonders dazu, an authentischem Textmaterial Veränderungen im Sprachgebrauch zu untersuchen. Um auch hier den Korpus einzugrenzen und trotzdem ein zuverlässiges Ergebnis zu bekommen, wurden die Textexemplare stichprobenartig an einem Tag zum Suchbegriff „Farb-TV“ entnommen. So ist die Abstraktionsebene niedrig und dadurch die geringe Untersuchungsmenge gerechtfertigt. Die Anzahl

wurde nach der Auswahl der Anzeigen auf zehn beschränkt. Das Vergleichsmaterial stammt aus einer Ausgabe des in Lüneburg erscheinenden Anzeigenblatts „Lünepost“.

In dieser Analyse werden des Weiteren Werbeanzeigen betrachtet, um zu untersuchen, welchen Einfluss unterschiedliche Kommunikationssituationen auf die Anzeigengestaltung haben. Werbeanzeigen unterscheiden sich von privaten Kontakt-und Verkaufsanzeigen u.a. dadurch, dass Sprache genutzt wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es soll untersucht werden, ob sich die prototypischen Merkmale von Werbeanzeigen durch das Internet verändern.

Dazu wurden elf Werbe-Banner bzw. Interstitials5 ausgewählt - zwei Erscheinungs-formen von Werbung im Internet, die auf den ersten Blick der Werbeanzeigen in Printmedien am ähnlichsten sind. Diese wurden stichprobenartig auf verschiedenen Internetseiten ausgewählt (z.B. <www.gmx.de>, <www.wissen.de>, <www.ebay.de>). Das Vergleichsmaterial stammt aus einer Ausgabe der Zeitschrift „Der Spiegel“ (Nr. 44/2006).

4. EXEMPLARISCHE ANALYSE VON ANZEIGENTEXTEN AUS INTERNET UND PRINTMEDIEN

4.0 VORBEMERKUNGEN

Texte unterliegen immer abgrenzbaren Kommunikationsbedingungen und situativen Faktoren, die die Ausprägung der Textstruktur wesentlich beeinflussen. (Vgl. BRINKER 2001, 137) Deshalb werden zunächst die kontextuellen bzw. situativen Merkmale der Medien Internet und Presse beschrieben und analysiert. Hierzu zählen die Bereiche „Kommunikationsform“ und „Handlungsbereich“ (vgl. ebd.). Anschließend werden die Korpora - in der Reihenfolge private Kontaktanzeigen, private Verkaufsanzeigen, Werbeanzeigen - beschrieben und analysiert. Dabei wird auf das im dritten Kapitel vorgestellte ganzheitliche Analysemuster zurückgegriffen; insbesondere werden die Veränderungen auf der Ebene der sprachlichen Gestaltung fokussiert. Darüber hinaus sollen Veränderungen prototypischer Textsortenmuster, z.B. hinsichtlich der materiellen Textgestalt, herausgearbeitet werden.

4.1 KONTEXTUELLE KRITERIEN VON INTERNET UND PRINTMEDIEN

Internet und Printmedien sind an das Medium „Schrift“ gebunden. Damit verbunden sind eine monologische Kommunikationsrichtung, das zeitliche sowie räumliche Getrenntsein der Partner und die geschriebene Sprache. (Vgl. BRINKER 2001, 138).

Die Kommunikation in Internet- sowie Zeitungstexten ist asynchron, d. h. der Rezipient bekommt die Nachricht erst mit zeitlicher Verzögerung. Hinsichtlich der raum-zeitlichen Situierung ist zu sagen, dass durch das Internet die Zugangsmöglichkeiten zu einer Vielzahl von Dokumenten erheblich erleichtert werden. Jedoch ist die Phase der Veröffentlichung von Internettexten stark begrenzt. Die durchschnittliche „Lebensdauer“ von Internetseiten liegt bei etwa 44 Tagen (vgl. ADAMZIK 2004, 82). Eine Verkaufsanzeige beim Internetanbieter „E - Bay“ existiert tatsächlich nur solange, wie die Auktion läuft, üblicherweise sind das sieben Tage. Danach verschwindet der Text für immer. Das gleiche gilt für private Kontaktanzeigen, die nur für eine bestimmte Anzahl von Tagen im Netz veröffentlicht werden.

Internettexte sowie Zeitungstexte sind als Medien der Massenkommunikation dem öffentlichen Kommunikationsbereich zuzuordnen. Beide Medien haben deshalb einen hohen Öffentlichkeitsgrad.

Texte beider Medien unterscheiden sich auf den ersten Blick in ihrer unterschiedlichen Gestaltung. Diese Unterschiede resultieren aus den ungleichen medialen Bedingungen. Im Hinblick auf den medialen Aspekt ist die Gebundenheit von Internettexten an das elektronische Medium anzugeben. Der Schreib- und Rezeptionsprozess wird durch die neuen medialen Bedingungen erheblich beeinflusst; die Texte werden über eine Tastatur eingetippt, dabei können schnell Tippfehler entstehen. Außerdem ist das Lesen am Bildschirm anstrengender, Fehler können schneller übersehen werden. Im Vergleich zu privaten Anzeigen in Zeitungen werden solche im Internet nicht redaktionell überarbeitet.

Andererseits bieten die besonderen Kontextualisierungsmöglichkeiten des Internets (Multimedialität, Hypertextualität, Interaktivität und Individualisierbarkeit; vgl. Punkt 2.2) einen viel größeren Freiraum, der einen starken Einfluss auf die textuellen Gestaltungsmöglichkeiten hat.

4.2 PRIVATE KONTAKTANZEIGEN

4.2.0 VORBEMERKUNGEN

Die private Kontaktanzeige ist eine Textsorte, die überwiegend in schriftlichen Medien erscheint, und vom Verfasser mit der Intention geschrieben wird, andere Menschen für eine Beziehung oder eine Freundschaft kennen zu lernen. Deshalb werden in einer Kontaktanzeige die Eigenschaften des Inserenten besonders positiv dargestellt. Darüber hinaus enthält eine Kontaktanzeige oft genaue Aussagen darüber, welche Art von Reaktion von welcher Person der Verfasser erwartet. (Vgl. BACHMANN-STEIN/STEIN 2005)

[...]


1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit nur die männliche Bezeichnung verwendet. Diese Sprachform schließt auch jeweils das weibliche Geschlecht mit ein.

2 Zu den Textsorten resp. Kommunikationsformen Homepage vgl. BITTNER 2003, E-Mail insbesondere DÜRSCHEID 2005, 2006; zur Kommunikation im Chat SIEVER 2006 sowie WIRTH 2006 und Weblogs SCHLOBINSKI/SIEVER 2005.

3 Die Schreibweise des Markennamens „Dating Café“ wird aus der Werbung übernommen. Im Folgenden wird Dating Café durch DC abgekürzt

4 Laut Dudenredaktion sind die Schreibweisen „eBay“ und „E-Bay“ normgerecht (vgl. Dudenredaktion 2006, 346)

5 Die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Werbung im Internet werden unter Punkt 4.4.0 beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 127 Seiten

Details

Titel
Veränderungen der deutschen Gegenwartssprache unter dem Einfluss von Formen elektronischer Kommunikation
Untertitel
Eine vergleichende Untersuchung von Textsorten aus Internet und Printmedien
Hochschule
Universität Lüneburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
127
Katalognummer
V129397
ISBN (eBook)
9783640894130
ISBN (Buch)
9783640894109
Dateigröße
9916 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
veränderungen, gegenwartssprache, einfluss, formen, kommunikation, eine, untersuchung, textsorten, internet, printmedien
Arbeit zitieren
Nathalie Schween (Autor), 2006, Veränderungen der deutschen Gegenwartssprache unter dem Einfluss von Formen elektronischer Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129397

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