Die Kreuzliedproblematik bei Friedrich von Hausen und Hartmann von Aue im Vergleich zu Neidharts Sommerlied 12


Hausarbeit, 2005

12 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Kreuzlieder des klassischen Minnesangs
2.1 Friedrich von Hausen Min herze und min lip diu wellent scheiden
2.2 Hartmann von Aue Ich var mit iuweren hulden, herren unde mage

3 Neidharts SL 12 Komen sint uns die liehten tage lange im Vergleich

4 Fazit

5 Literatur

1 Einleitung

In der Zeit des Mittelalters stellte der Aufruf zum Kreuzzug die Minnesänger vor eine völlig neue Problematik: Sie mussten sich entscheiden zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zur Herrin.

Mit der Bekennung zu Gott war damals unweigerlich die Teilnahme am Kreuzzug verbunden. Denn nach Auffassung der Zeitgenossen wurde von Gott selbst, durch den Mund des Papstes, dazu aufgefordert. So war ein Kreuzzug Bußübung und Kriegszug zugleich und als Werk der Buße umrahmt von liturgischen Handlungen, ähnlich wie sie im Pilgerwesen vorkamen.1

Von der Teilnahme am Kreuzzug versprach sich der Ritter vor allem die Vergebung seiner Sünden und die ewige Seligkeit.

Die Frauenminne hingegen gestaltete sich als ein Konstrukt, bei dem der Sänger sich selbst und auch die von ihm auserkorene Dame durch seinen Gesang gesellschaftlich erhob.

Der innere Konflikt, in dem sich der Sänger nun befindet, kommt in den so genannten Kreuzliedern zum Ausdruck.

Jedoch wurden diese im Laufe der Entwicklung des Minnesangs von den einzelnen Dichtern sehr unterschiedlich gestaltet.

Die Mannigfaltigkeit innerhalb der deutschen Kreuzzugslyrik soll im Folgenden an dem Vergleich zweier klassischer Kreuzlieder mit einem Kreuzlied Neidharts ersichtlich werden:

Zunächst wird Friedrichs von Hausen Lied Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden hinsichtlich Inhalt und Form analysiert und interpretiert, anschließend mit dem Lied Ich var mit iuwern hulden, herren unde mage des Dichters Hartmann von Aue verglichen. Dabei wird besonders auf die Konfliktbewältigung von Gottesdienst contra Frauenminne Bezug genommen.

Danach werden die beiden klassischen Werke dem Neidhartschen Kreuzlied Komen sint uns die liehten tage lange gegenübergestellt.

2 Kreuzlieder des klassischen Minnesangs

2.1 Friedrich von Hausen Min herze und min lip diu wellent scheiden

Von Friedrich von Hausen ist belegt, dass er selbst am Kreuzzug von 1189/90 teilgenommen hat. In seinem Lied Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden2 , das in die Zeit des klassischen Minnesangs (etwa von 1190-1210/20) einzuordnen ist, benennt er schon in der ersten Strophe klar das zentrale Problem: Der „lîp“ will in den Kreuzzug ziehen, das „herze“ hingegen hat sich eine Frau erwählt und wehrt sich deshalb gegen den Wunsch des „lîp“.

An dieser Symbolik wird der Zwiespalt zwischen Gottesdienst und Frauendienst ersichtlich, in dem sich der Sänger befindet. Dabei werden jedoch nicht etwa Ereignisse, Vorgänge oder Handlungen geschildert, sondern Absichten. Auch verliert der Sänger über den zu erwerbenden Verdienst, der mit der jeweiligen Entscheidung verknüpft wäre, kein einziges Wort.3 – Auffallend ist, dass „herze“ und „lîp“ auf der einen Seite Teile des hier sprechenden Ichs sind, auf der anderen Seite aber als eigenständige Personen handeln, denn sie „wellent scheiden“ und der „lîp will gerne vehten“. – Der Dichter vermag aus eigener Kraft keine Lösung zu finden, weshalb der Konflikt weiterhin andauern wird („iemer sit").4 Auch durch die äußere Form wird die inhaltliche Problematik veranschaulicht: Das Lied, das aus vier Strophen mit jeweils acht Versen besteht, weist ein interessantes Reimschema auf: Getreu der Grundform ababbaab lassen sich ineinander verschlungen je ein Kreuzreimpaar und zwei umarmende Reime finden. So bildet die Anordnung der Reime die formale Darstellung des Verhältnisses von „herze“ und „lîp“. Sie gibt das thematische Widerspiel der beiden Organe wieder, führt aber gleichzeitig auch vor, wie „herze“ und „lip“ sich gegenseitig einklammern. Zwischen diesem Gleichgewicht hält sich das Ich des Sprechers frei für seine Entscheidungen.5

Zu Beginn des Liedes scheint der Dichter noch um größte Objektivität bemüht zu sein und überlässt den Streit den beiden Organen, den allein Gott entscheiden müsse. Erst in der zweiten Strophe bezieht er Stellung, indem er das „herze“ direkt anspricht. – Dabei muss er einsehen, dass er es nicht bekehren kann, mit dem „lîp“ übereinzustimmen. Im Zuge der Erkenntnis der Unvereinbarkeit von Frauenminne und Gottesdienst bittet er schließlich Gott, dieser möge das „herze“ an einen Ort senden, wo man es wirklich haben möchte. – Daran wird eine Kritik an der unerwiderten (Frauen-) Minne deutlich.

Nachdem er das „herze“ fortgeschickt hat, erzählt der Sänger in der dritten Strophe, dass er sich dafür entschieden hat, Gott zu Ehren das Kreuz zu nehmen. – Damit bleibt das Grundproblem jedoch ungelöst, denn das „herze“ fügt sich nicht dem Willen des „lîp“. Noch schlimmer, es ist ihm nach Meinung des Sängers egal, wie schlecht es ihm ergeht.6

In der vierten Strophe vollzieht der Dichter schließlich den Schritt, den die vorangegangenen Strophen bereits vorbereitet haben: die Aufkündigung des Minnedienstes7.

Doch damit geht eine Gefährdung der für die Minnesänger so wichtigen „staetekeit“ einher. Zu dieser hatte sich der Sänger noch in der dritten Strophe bekannt. – Um seinen gesellschaftlichen Status zu wahren, verlangt er nun, niemand dürfe ihm die Aufkündigung des Minneverhältnisses als „unstaete“ auslegen: „Niemen darf mir wenden daz zunstaete, ob ich die hazze die ich dâ minnet ê"8. Auf diese Weise sagt er sich endgültig von der Herrin los, ohne dass er den Vorwurf der „unstaete“ verdient.9

Denn die Dame habe den Sänger nicht angemessen für seine Darbietungen belohnt, sondern, im Gegensatz dazu, seinen Gesang schlichtweg ignoriert: „sô tuot si rehte, als sis niht verstê“. Er selbst, bekräftigt der Sänger, wäre ein Narr, wenn er diese „tumpheit“ der Dame gutheißen würde. Daher sei es nur legitim, das Minneverhältnis zu ihr zu beenden.10

Doch bleibt schließlich offen, ob der Sänger erst nach der Erkenntnis, dass Gottesdienst und Frauenminne unvereinbar sind, der Dame die Absage erteilt und am System der Frauenminne Mängel sieht. – Als sicher kann lediglich angesehen werden, dass er die Unmöglichkeit einer Synthese von Gottesdienst und Minnedienst im Augenblick der Kreuznahme erkennt und daraus für sich die letzte Konsequenz zieht: die Absage an die Frauenminne.11

[...]


1 Lexikon des Mittelalters, hrsg. von ROBERT HENRI BANTIER, München/Zürich 1991 [Bd. 5], S. 1508.

2 Des Minnesangs Frühling, hrsg. von HUGO MOSER und HELMUT TERVOOREN, 38., erneut revidierte Aufl. mit einem neuen Anhang. Stuttgart 1998, S. 81ff.

3 Vgl. KLINGER, UDO: Gottesdienst und Minnedienst in der Kreuzzugslyrik der Stauferzeit, www.udoklinger.de/kreuzzugsdichtung (Download: 4.2.2005)

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Minnesangs Frühling, S. 82, Strophe 3, Zeile 6f.

7 Der Minnedienst sah eine Dreierkonstellation aus Dame, Sänger und Gesellschaft vor, die nach ganz bestimmten Regeln funktionierte. So wurde die Dame gesellschaftlich aufgewertet durch den Gesang des Sängers. Auch der Sänger selbst wurde von der Gesellschaft höher angesehen, wenn er eine Dame besang. Körperlicher ‚Lohn’ oder erfüllte Liebe war hingegen innerhalb der Gesellschaft verpönt.

8 Minnesangs Frühling, S. 83, Strophe 4, Zeile 1f.

9 Klinger, Udo: Gottesdienst und Minnedienst

10 Ebd.

11 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Kreuzliedproblematik bei Friedrich von Hausen und Hartmann von Aue im Vergleich zu Neidharts Sommerlied 12
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Neidhart
Note
2,3
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V129531
ISBN (eBook)
9783640357703
ISBN (Buch)
9783640357963
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzliedproblematik, Friedrich, Hausen, Hartmann, Vergleich, Neidharts, Sommerlied
Arbeit zitieren
Anonym, 2005, Die Kreuzliedproblematik bei Friedrich von Hausen und Hartmann von Aue im Vergleich zu Neidharts Sommerlied 12, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129531

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