Manche Lesarten wurden bereits gefunden für das kleine Werk Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord von Alfred Döblin, eine davon ist die literarische. Der deshalb legitim als Erzählung zu bezeichnende Text wurde erstmals 1924 im Rahmen der Schriftenreihe Außenseiter der Gesellschaft. Die Verbrechen der Gegenwart veröffentlicht. Döblin rekonstruiert darin den historischen Fall zweier Freundinnen, die den Ehemann der einen mit Arsen töten. Der Fall und besonders das verhältnismäßig milde Urteil, das den Täterinnen auferlegt wurde, erregte zur damaligen Zeit sehr viel Aufmerksamkeit. Döblin beschäftigte sich daraufhin eingehend mit der Anklageschrift und dem Prozess und montierte in sein Werk viel Authentisches.
Auffallend an der Erzählung ist deshalb der stark dokumentarische Stil, der ihr zugrunde liegt. Dieser dient jedoch nicht allein dem peniblen Berichten von Tatsachen, sondern ist Teil des Programms, das Döblin entwickelt:
Die Schwierigkeiten des Falles wollte ich zeigen, den Eindruck verwischen,
als verstünde man Alles oder das Meiste an diesem massiven Stück Leben.
Diese Worte können als zentrale These der Erzählung betrachtet werden. – Inwiefern es Döblin gelingt, sie umzusetzen, soll nun im Folgenden untersucht werden.
Zunächst wird das Beziehungsgeflecht dargestellt, das Netz von Faktoren, die auf die Hauptcharaktere einwirken, diese in ihrem Handeln beeinflussen und – als Teil eines „Konvolut[s] von Tatsachen“ – den Mord herbeiführen. Dabei werden auch psychologische und wissenschaftliche Erkenntnisse, die Döblin in die Erzählung hat einfließen lassen, beleuchtet.
Die Konsequenz des Döblinschen Programms soll anschließend an der Einordnung der Erzählung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit ersichtlich werden. Dies erscheint besonders in Hinblick auf die sprachliche Gestaltung und das dokumentarische Schreiben interessant, soll aber vordergründig die Umsetzung der oben genannten These behandeln.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Untersuchung der Einflussfaktoren
2.1 Das Beziehungsgeflecht
2.2 Der Bereich des Psychoanalytischen
3 Theoretische Ideen
3.1 Nietzsche und die Kritik an der Zuverlässigkeit der Sprache
3.2 Zeitgeschichtliche Theorien
4 Einordnung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit
4.1 Dokumentarisches Schreiben
4.2 Sprache
4.3 Das Paradoxon von der Tatsächlichkeit der Tatsachen
5 Fazit
6 Literatur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Alfred Döblins Erzählung „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ mit dem Ziel, die von Döblin aufgestellte These der „Schwierigkeiten des Falles“ zu analysieren und zu prüfen, wie der Autor die vielschichtigen Einflussfaktoren auf die Charaktere dokumentiert und darstellt.
- Die psychologische Determination durch das Beziehungsgeflecht und die Elterngeneration.
- Die Anwendung psychoanalytischer Konzepte und deren Umschreibung durch den Autor.
- Die sprachkritischen Ansätze in Anlehnung an Friedrich Nietzsche.
- Die Einordnung der Erzählung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit unter besonderer Berücksichtigung des dokumentarischen Stils.
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Bereich des Psychoanalytischen
Döblin, der gleichzeitig Autor und Psychiater war, hatte sich seit 1919 zunehmend mit Schriften zur Psychoanalyse seines Zeitgenossen Sigmund Freud beschäftigt. Außerdem bezeichnete er sich in den 20er Jahren selbst als Psychoanalytiker.
Doch äußerte Döblin gelegentlich auch prinzipielle Kritik an der Psychoanalyse. So zweifelte er an Freuds Menschenbild und an monokausalen Erklärungsmustern. Dieser Monokausalität stellt er in der Erzählung eine überaus vielseitige Betrachtung gegenüber. Zu dieser gehören auch psychoanalytische Aspekte.
In der Erzählung vermeidet Döblin allerdings so weit es geht, Fachausdrücke zu gebrauchen. So fällt zum Beispiel auf, dass er statt des psychoanalytischen Fachbegriffs „unbewusst“ das eher alltagssprachliche Wort „unterirdisch“ verwendet. – Es war eine „unterirdische Enttäuschung“ für Elli, dass sie sich in Link getäuscht hat. Oder, an anderer Stelle, es sei der „unterirdische Wille zu einer Tat in ihr [bereits] gediehen“. Mit Bezug auf Link heißt es: „Das war schon ein glatter Todeswunsch, aber sie [Elli] verhüllte ihn sich: bewußt wollte sie den Link noch nicht beseitigen.“ – Daraus wird ersichtlich, dass Döblin sich nicht scheut, das Wort „bewusst“ einzusetzen, aber den Bereich des Unbewussten immer wieder umschreibt. Womöglich, weil das Unbewusste einen weniger klar definierten Bereich darstellt als das Bewusste.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte von Alfred Döblins Werk ein und definiert die zentrale These, die die Schwierigkeit einer vollständigen Aufklärung menschlicher Schicksale betont.
2 Untersuchung der Einflussfaktoren: In diesem Kapitel werden die verschiedenen psychologischen und sozialen Faktoren analysiert, die das Handeln der Hauptfiguren bestimmen, wobei besonders die Rolle der Familie und zwischenmenschlicher Abhängigkeiten hervorgehoben wird.
2.1 Das Beziehungsgeflecht: Hier wird das komplexe Netz aus familiären Prägungen und partnerschaftlichen Enttäuschungen untersucht, welches letztlich die Dynamik der Täterinnen und ihres Umfeldes beeinflusst.
2.2 Der Bereich des Psychoanalytischen: Dieses Kapitel erläutert, wie Döblin als Psychiater tiefenpsychologische Erkenntnisse wie das Zusammenspiel von Eros und Destruktion in seine Erzählstruktur integriert, dabei jedoch Fachterminologie vermeidet.
3 Theoretische Ideen: Hier wird untersucht, welche philosophischen und zeitgeschichtlichen Konzepte Döblin nutzt, um die Grenzen der menschlichen Erkenntnis und die Problematik von Kausalität zu verdeutlichen.
3.1 Nietzsche und die Kritik an der Zuverlässigkeit der Sprache: Dieses Kapitel verknüpft Döblins Sprachkritik im Epilog mit Nietzsches Aufsatz über Wahrheit und Lüge und zeigt auf, wie Sprache ein Zerrbild der Wirklichkeit erzeugt.
3.2 Zeitgeschichtliche Theorien: Hier wird dargelegt, wie Döblin das klassische naturwissenschaftliche Prinzip von Ursache und Wirkung hinterfragt, beeinflusst durch zeitgenössische Ansätze in der Physik und Medizin.
4 Einordnung in den Kontext der Neuen Sachlichkeit: Dieses Kapitel ordnet den Text in die literarische Strömung der Neuen Sachlichkeit ein, die eine Rückkehr zu den Tatsachen bei gleichzeitigem Durchschauen deren Strukturen forderte.
4.1 Dokumentarisches Schreiben: Hier wird analysiert, wie Döblin durch die Montage authentischer Materialien wie Briefe, Zeitungsnotizen und Prozessakten den dokumentarischen Charakter der Erzählung verstärkt.
4.2 Sprache: Dieses Kapitel beleuchtet den schmucklosen und sachlichen Stil der Erzählung, der typisch für die Neue Sachlichkeit ist, wobei jedoch die Grenzen zwischen dokumentarischer Objektivität und auktorialer Fiktionalität aufgezeigt werden.
4.3 Das Paradoxon von der Tatsächlichkeit der Tatsachen: Hier wird das zentrale Paradoxon zusammengefasst, dass trotz penibler Dokumentation die ontologische Wahrheit hinter den Tatsachen verborgen bleibt.
5 Fazit: Das Fazit resümiert, dass es Döblin gelingt, ein großes Fragezeichen hinter die Tatsachen zu setzen, und unterstreicht die vage, aber tiefe Erkenntnis der wechselseitigen menschlichen Symbiose.
6 Literatur: Auflistung der für die Hausarbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Alfred Döblin, Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord, Neue Sachlichkeit, Psychoanalyse, Dokumentarisches Schreiben, Sprachkritik, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Kausalität, Tatsachenbericht, Psychologie, Literaturwissenschaft, Determinismus, Symptomkomplexe, Erzähltheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Alfred Döblins Erzählung „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“ vor dem Hintergrund ihrer literarischen, psychologischen und theoretischen Einbettung.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der psychologischen Determination der Figuren, der Sprachkritik, den Einflüssen der Psychoanalyse sowie der Einordnung in die literarische Epoche der Neuen Sachlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, wie Döblin seine These umsetzt, die „Schwierigkeiten des Falles“ aufzuzeigen und dabei den Anspruch, die Wirklichkeit vollständig erklären zu können, kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text strukturiert untersucht und ihn in einen Kontext mit psychologischen (Freud), philosophischen (Nietzsche) und zeitgenössischen wissenschaftlichen Theorien stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert untersucht?
Im Hauptteil werden das komplexe Beziehungsgeflecht der Figuren, die Anwendung psychoanalytischer Triebtheorien, sprachkritische Aspekte sowie die dokumentarischen Verfahren des Autors ausführlich analysiert.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit am besten beschreiben?
Die wichtigsten Schlagworte sind Döblin, Neue Sachlichkeit, Psychoanalyse, Sprachkritik, Dokumentarisches Schreiben und Kausalität.
Wie geht die Arbeit mit dem Begriff der „Tatsachen“ um?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Döblin die scheinbare Objektivität der Tatsachen als bloßes Konstrukt entlarvt, da Dokumentation allein die tiefere ontologische Wahrheit nicht erfassen kann.
Warum spielt die Person des „Erzählers“ eine wichtige Rolle für die Analyse?
Der Erzähler ist nicht rein neutral, wie ein psychiatrischer Bericht es fordern würde, sondern wertet an vielen Stellen, was das Paradoxon der neusachlichen Darstellung in dieser Erzählung verdeutlicht.
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- Anonym (Autor:in), 2005, Die Tatsächlichkeit der Tatsachen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129532