Vergleich der Wissenssoziologien von Karl Mannheim und Alfred Schütz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenssoziologie Alfred Schütz
2.1. Biografie
2.2. Wissenssoziologie
2.2.1. Sinnprovinzen
2.2.1.1. Alltagswelt
2.2.1.2. Phantasiewelt
2.2.1.3. Theoretisch-wissenschaftliche Welt
2.2.2. Entstehung von subjektivem Wissen
2.2.2.1. Drei Wissensarten
2.2.3. Entstehung des gesellschaftlichen Wissens

3. Wissenssoziologie Karl Mannheim
3.1. Biographie
3.2. Wissenssoziologie
3.2.1. Ideologie
3.2.2. Transformierung von Wissen

4. Vergleich
4.1. Ziele der Wissenssoziologie
4.2. Das subjektive Wissen
4.3. Das gesellschaftliche Wissen
4.4. Fazit des Vergleichs

5. Literaturliste

Vergleich der Wissenssoziologien von Karl Mannheim und Alfred Schütz

1. Einleitung

Wir leben heute in einer multimedial geprägten Welt. Es sollte mit der fortschreitenden Technik immer einfacher werden, Antworten zu finden. Mussten vor einigen J ahren noch Bibliotheken durchforstet werden, reicht heute ein Computer mit Internetanschluss aus, um an riesige Wissensbestände heranzukommen. Bei der Suche nach einer eindeutigen Antwort zu gewissen Fragen tauchen dann aber schnell mehrere Antworten auf. Ein Philosoph wird die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Beispiel mit dem Begriff „Erfahren“ beantworten, während ein Biologe die Fortpflanzung als den Sinn des Lebens betrachtet. Selbst ein Wahnsinniger sieht seine in „normalen Augen“ wahnsinnige Welt als Wirklichkeit an. Oder betrachten wir nur einmal die verschiedenen Weltkonstruktionen jeglicher Religionen. Selbst bei einfacheren Fragen werden je nach Perspektive die Antworten unterschiedlich ausfallen. Es liegt daher nahe, dass es nicht eine richtige Wahrheit gibt. Vielmehr gibt es viele Wahrheiten, welche sich durchaus unterscheiden können. Die soziologische Disziplin der Wissenssoziologie beschäftigt sich mit diesem Problem. Wie entsteht Wissen? Wer bestimmt, welches das „richtige Wissen“ ist? Und wie wird dieses entstandene Wissen konserviert oder transformiert? Möglich wurde diese neue Sicht der Dinge durch die Entdeckung des Beobachters, welcher bildlich einen Schritt zurückgeht, um das Ganze von „ausserhalb“ zu betrachten. Dabei kommt die Disziplin zum Schluss, „[...]dass Wirklichkeit gesellschaftlich konstruiert ist - und - dass die Wissenssoziologie die Prozesse zu untersuchen hat, in denen dies geschieht“ (Berger und Luckmann 1969: V).

Diese Disziplin kann nicht einem einzelnen Autor zugeschrieben werden. Diese Arbeit konzentriert sich auf den deutschen Raum. Als einige der wichtigsten Mitbegründer dürften Alfred Schütz und Karl Mannheim zählen. Entstanden ist die Wissenssoziologie in den 1920er J ahren (Berger und Luckmann 1969: 3f).

Es gilt nun, das theoretische Konstrukt der Wissenssoziologie von Schütz und Mannheim zu verstehen. Es erscheint dabei am einfachsten, jeden von ihnen zuerst einzeln unter die Lupe zu nehmen.

Die Herangehensweise an das Problem der Wissenssoziologie ist bei beiden Autoren ziemlich unterschiedlich. Es wird versucht, ihre Wissenssoziologien anhand der wesentlichsten Punkte verständlich zu machen. Am Ende folgt ein Vergleich, welcher zeigen wird, dass trotz der Unterschiede ein gemeinsamer Nenner existiert.

2. Wissenssoziologie Alfred Schütz

2.1. Biografie

Um zu verstehen, warum das Werk von Alfred Schütz für die Wissenssoziologie erst in den 1960er-J ahren wichtig wurde, muss kurz auf seine Biografie eingegangen werden.

Alfred Schütz wurde 1899 in Wien geboren und studierte J ura und Staatswissenschaften. Nach seinem Studium arbeitete er als Finanzjurist, widmete seine Freizeit jedoch der Forschung. Er veröffentlichte verstreut einige Aufsätze, welche aber nicht viel Aufmerksamkeit erregten. Nach dem Anschluss Österreichs an das deutsche Reich musste Schütz in die USA fliehen. Seit 1943 arbeitete er nebenberuflich an der New School for Social Research in New York. Erst 1952 verlagerte sich seine Tätigkeit voll und ganz auf eine Professur. Nur sieben J ahre später, 1959, starb Alfred Schütz. Sein geplantes Werk „Strukturen der Lebenswelt“ konnte er nicht mehr niederschreiben. Diese Aufgabe übernahm einer seiner Schüler, Thomas Luckmann. Mithilfe von anderen Schülern und Schützs Frau Ilse wurden seine Werke in vier Bänden „Collected Papers“ zusammengefasst. Erst anhand diesen begann Alfred Schütz Einfluss auf die Wissenssoziologie zu nehmen (Srubar 2007: 63ff).

2.2. Wissenssoziologie

Laut Schütz (1945: 181-240) kann die Welt in drei wesentliche Teile unterschieden werden. Zum einfachen Verständnis seines Konstruktes werden in den folgenden Abschnitten zuerst die Alltagswelt, die Phantasiewelt und die theoretische-wissenschaftliche Welt einzeln betrachtet. Danach geht es um die Entstehung des subjektiven Wissen und wie dieses in gesellschaftliches Wissen transformiert wird.

2.2.1. Sinn provinzen

Ein Individuum besitzt selber verschiedene Wirklichkeiten. Wichtig ist dabei, dass die Person unter diesen, wie Schütz (1945: 206) sie nennt, „geschlossenen Sinnprovinzen“ unterscheiden kann.

Obwohl ich in einem Traum fliegen kann, erschüttert dies nicht das Bild der Alltagswelt. Ich werde in der Alltagswelt nicht plötzlich den Glauben haben, zu Fliegen imstande zu sein. Diese kurze Erläuterung soll nur aufzeigen, warum eine Unterscheidung dieser drei Sinnprovinzen sinnvoll und notwendig ist.

2.2.1.1. Alltagswelt

Die Alltagswelt ist die „Welt des täglichen Lebens“ (Schütz 1945: 182). Die Welt, welche als „wirklich“ angesehen wird. Auch hier ist das Wort „wirklich“ gefährlich, handelt es sich dabei immer um eine subjektive Ansicht der Wirklichkeit. Zuerst folgt nun eine Betrachtung der Alltagswelt aus der Sicht des Individuums selber, danach folgt die soziale Struktur dieser geschlossenen Sinnprovinz.

Es geht um die Welt, in welcher das Individuum „wach“ ist. In dieser Sinnprovinz gelten gewisse Regeln. Es gibt Gegenstände, welche Widerstände setzen. Handlungen haben Auswirkungen auf den Handelnden selber und auf die Umwelt. Diese Auswirkungen können nach Ausübung der Handlung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dabei müssen den Handlungen Sinn zugesprochen werden. Sinn ist „das Ergebnis der Interpretation einer vergangenen Erfahrung, die vom gegenwärtigen J etzt in reflektierter Einstellung betrachtet wird“ (Schütz 1945: 184). Zum Begriff des Wissensvorrats folgt mehr im Abschnitt „Entstehung von subjektivem Wissen“.

Die Perspektive des Individuums richtet sich dabei räumlich und zeitlich auf sich selber. Das bedeutet folgendes. Zuerst einmal ist der eigene Körper der Mittelpunkt der Alltagswelt. Dinge und Personen in Erreichbarkeit spielen dabei eine wichtige Rolle. Alles andere kann im Moment getrost vernachlässigt werden. Natürlich kann durch Fortbewegung der Mittelpunkt verschoben werden, aber hier kommt schon der zweite Faktor zum Zug, die Zeit (Schütz 1945: 200ff).

Sie verdient mehr Aufmerksamkeit, kommt es doch zu einer wichtigen Unterscheidung, welche mit der sozialen Struktur um eine dritte Art erweitert werden wird. (Schütz 1945: 189). Zeit ist eng mit der Handlung verknüpft. Auf der einen Seite gibt es die sogenannte „actio“. Dies ist die Handlung, welche noch nicht abgeschlossen ist. Es handelt sich um einen laufenden Prozess. Auf der anderen Seite gibt es das „actum“. Dies sind die abgeschlossenen Handlungen. Akteure können also ihr Handeln in der Gegenwart wahrnehmen und dabei auf das damit zu erreichende Ziel ausgerichtet sein oder sie sie reflektieren ihre vergangene Handlung und schauen somit in die Vergangenheit. Auch wenn ich in der Gegenwart mein Handeln im Moment betrachte, schaue ich dennoch in die Zukunft, denn mit dem Handeln ist ein Ziel in der Zukunft verknüpft. Der Akteur weiss, dass während er mit einer Handlung Zeit „verbraucht“, auch die Zeit in der Alltagswelt weitergeht. Er wird damit wiederum zu einem Teil der Alltagswelt. Nur bei der Reflexion tritt er zu einem gewissen Grad aus dieser Welt heraus. Der Begriff des Beobachters passt gut in diesen Zusammenhang. Aus diesen Überlegungen folgt, ,,[...]dass das vergangene Selbst niemals mehr als ein Teilaspekt des ganzen Selbst sein kann, das sich in der Erfahrung seines ablaufenden Wirkens selbst realisiert“ (Schütz 1945: 192).

Es ist hier die ganze Zeit die Rede von Handlungen, dabei gibt es weitere wichtige Punkte. Auch Gedanken existieren in der Alltagswelt, jedoch können Individuen sie verwerfen und neu formulieren. Der alte Gedanke kann vergessen werden und hat somit keinen Einfluss auf die Umwelt. Von daher sind die Handlungen an erster Stelle, ob sie nun mit einem Sinn versehen sind oder nicht. Denn auch Handlungen, welche ohne Sinn ausgeübt werden, können die Umwelt beeinflussen oder können von einem anderen beteiligten Akteur einen Sinn zugeschrieben bekommen (Schütz 1945: 193).

Diese ganze Alltagswelt wird natürlich nicht alleine bewohnt. Vorausgesetzt, die anderen Personen sind keine Konstrukte des eigenen Geistes, wird die Welt mit anderen Individuen geteilt. Diese Erkenntnis wird wie viele Andere als gegeben hingenommen. Dies erweitert natürlich einige Bereiche erheblich. Angefangen beim Begriff der Zeit. Zu den zwei vorherigen Zeitbereichen „action“ und „actum“, folgt nun laut Schütz (1945: 195ff) die „geteilte Zeit“. Wie schon erwähnt, teilen sich die Personen die Alltagswelt und damit auch Raum und Zeit. Am intensivsten kommt diese gemeinsame Benutzung bei den sogenannten Face-to-Face-Interaktionen hervor. Hierbei sind die beteiligten Akteure räumlich und zeitlich gleich anwesend. Damit solche Interaktionen für beide funktionieren, wurde die „Standardzeit“ oder bürgerliche Zeit geschaffen (Schütz 1945: 198). Dies ist die Zeit, wie wir sie von unseren Uhren ablesen können. Sie verläuft konstant, unabhängig von unserem subjektiven Zeitempfinden.

Mehrere Akteure bedeuten soziales Handeln und Kommunikation. Es kommt zu einem Wechselspiel zwischen Beteiligten. Die Handlungen des einen in der Alltagswelt, verändern die Umwelt und die Handlungen des Anderen. Eine Begrüssung von Person A bringt die Person B dazu, ebenfalls zu Grüssen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Wissenssoziologien von Karl Mannheim und Alfred Schütz
Hochschule
Universität Luzern
Veranstaltung
Wissen und Kommunikation
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V129569
ISBN (eBook)
9783640358519
ISBN (Buch)
9783640358052
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenssoziologie, Mannheim, Schütz, Vergleich
Arbeit zitieren
Matthias Rem (Autor), 2008, Vergleich der Wissenssoziologien von Karl Mannheim und Alfred Schütz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129569

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