Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Tragödie Phèdre von Jean Racine als ein literarisches Meisterwerk der französischen Klassik in dem Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Sprache. Die Sprache findet in der französischen Klassik neue Ausdrucksformen und spiegelt die Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst und seinen Leidenschaften, sowie der Frage der Unlösbarkeit der menschlichen Natur. Es wird mit Bezug auf bedeutende Moralisten, wie Blaise Pascal und La Rochefoucauld, der philosophisch-anthropologische Kontext dieser Epoche beleuchtet und die Einflussnahme des Jansenismus markiert. Schließlich gilt es aufzuzeigen, wie sich die negative Anthropologie nach Karlheinz Stierle am Beispiel von Racines Tragödie Phèdre in einem literarischen Werk und insbesondere in der Figur der Phèdre realisiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Sprachproblem in der französischen Klassik: Die negative Anthropologie und die condition humaine
3 Der Einfluss der jansenistischen Weltanschauung auf die französische Klassik
4 Phèdre im Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Sprache: Die Dynamik des Schweigens
5 Die Bedeutung der Götter und des Schicksals
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Jean Racines Tragödie Phèdre als Meisterwerk der französischen Klassik unter besonderer Berücksichtigung des Spannungsfeldes zwischen menschlicher Leidenschaft und sprachlichem Ausdruck. Ziel der Untersuchung ist es, die Konzepte der negativen Anthropologie und des Jansenismus auf die psychologische Struktur und das Schicksal der Titelfigur anzuwenden.
- Die Philosophie der condition humaine in der französischen Klassik
- Die jansenistische Anthropologie und ihre Kritik am Theater
- Leidenschaft, Schweigen und Selbstentfremdung in Phèdre
- Mythologische Determiniertheit durch Götter und Schicksal
Auszug aus dem Buch
4 Phèdre im Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Sprache: Die Dynamik des Schweigens
Racine erfährt seine literarische Laufbahn in diesem vom Jansenismus geprägten gesellschaftlich und religiös geprägten Umfeld, welches seine Entsprechung in der Konzeptualisierung der negativen Anthropologie in den Tragödien Racines zum Ausdruck bringt (Stierle 1985: 100). Racines Phèdre gilt als das vollkommenste Werk der französischen Klassik. Racine folgt beim Aufbau von Phèdre streng der aristotelischen Theorie von den drei Einheiten – der Einheit der Zeit, des Ortes und der Handlung. Im Vorwort zu Phèdre bezieht er sich direkt auf Aristoteles, der „a bien voulu donner des règles du poème dramatique“ (Racine 1995: 8). Der Ort der Handlung ist Trézène, eine Stadt auf der Peleponnes. Es existiert neben diesem geographischen Ort noch ein fiktiver Ort, der durch die Figurenkonstellation und die Progression der Handlung erkennbar wird, den Stierle als einen „Ort des letzten Augenblicks, eines ungewollten Verweilens derer, die schon im Begriff sind, den Ort zu verlassen oder ihn zu fliehen“ (Stierle 1985: 109) bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Tragödie Phèdre und methodische Hinführung zur negativen Anthropologie.
2 Das Sprachproblem in der französischen Klassik: Die negative Anthropologie und die condition humaine: Untersuchung der menschlichen Zerrissenheit nach dem Sündenfall bei Blaise Pascal und La Rochefoucauld.
3 Der Einfluss der jansenistischen Weltanschauung auf die französische Klassik: Erläuterung der jansenistischen Ablehnung von Leidenschaft und Theater im Kontext der augustinischen Glaubenslehre.
4 Phèdre im Spannungsfeld zwischen Leidenschaft und Sprache: Die Dynamik des Schweigens: Literarische Analyse der Figur Phèdre und ihres inneren Kampfes sowie der Rolle der Sprache als Versuch der Identitätsfindung.
5 Die Bedeutung der Götter und des Schicksals: Analyse der mythologischen Verwobenheit und der Unausweichlichkeit des menschlichen Schicksals in Racines Tragödie.
6 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der vollendeten negativen Anthropologie und des zwangsläufigen Scheiterns der Protagonistin.
Schlüsselwörter
Jean Racine, Phèdre, französische Klassik, negative Anthropologie, Jansenismus, condition humaine, Leidenschaft, Sprachproblematik, Schweigen, Selbstentfremdung, Götter, Schicksal, Blaise Pascal, La Rochefoucauld, griechische Mythologie
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Tragödie Phèdre von Jean Racine unter dem Aspekt der negativen Anthropologie und analysiert, wie sich die innere Leidenschaft der Figur in einer krisenhaften Sprache manifestiert.
Welche philosophischen Einflüsse werden untersucht?
Der Fokus liegt auf der negativen Anthropologie nach Karlheinz Stierle, dem Jansenismus sowie den moralphilosophischen Schriften von Blaise Pascal und La Rochefoucauld.
Was bezeichnet der Begriff "condition humaine" in diesem Kontext?
Er beschreibt den Zustand des nach dem Sündenfall dezentrierten Ichs, das in seiner Zerrissenheit nach einer verlorenen Einheit sucht.
Welche Rolle spielt die Sprache innerhalb des Werkes?
Sprache wird als Medium verstanden, das Bedürfnisse und Leidenschaften offenbart, gleichzeitig aber auch als ein Instrument der Selbstentfremdung in einer dynamischen, instabilen Identität dient.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des philosophisch-anthropologischen Hintergrunds, die Analyse der spezifisch jansenistischen Sicht auf die Welt und die detaillierte literarische Interpretation der Figur Phèdre und ihres schicksalhaften Untergangs.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die philosophische Konzepte und zeitgenössische theologisch-anthropologische Diskurse auf ein dramatisches Werk anwendet.
Wie wirkt sich das Schweigen konkret auf die Handlung von Phèdre aus?
Das Schweigen funktioniert als ein Mechanismus, der Informationen zurückhält und die Missverständnisse zwischen den Charakteren verschärft, was die Protagonisten letztlich in ihr Verderben führt.
Welche Bedeutung haben die griechischen Götter für den Handlungsverlauf?
Die Götter agieren als eine Form der mythologischen Fatalität, die von den Beteiligten sowohl als Zeugen für ihre Taten als auch als Racheinstanzen wahrgenommen wird, was die Unentrinnbarkeit des Schicksals unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Zahra Raoui (Autor:in), 2022, Leidenschaft und Sprache in Jean Racines "Phèdre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1296748