Mariane – Opfer gesellschaftlicher Einflüsse oder ihrer eigenen Triebhaftigkeit?

Eine Szeneninterpretation zu Lenz' Werk "Die Soldaten"


Hausarbeit, 2009

16 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Figurenkonstellation
2.2 Analyse
2.2.1 Erster Akt, dritte Szene – Desportes überredet Mariane, ihn in die Komödie zu begleiten
2.2.2 Die Rolle der Komödie und des Komödienbesuchs für Mariane
2.2.3 Erster Akt, fünfte und sechste Szene – Mariane beichtet ihrem Vater den Komödienbesuch
2.2.4 Marianes gesellschaftlicher Absturz – die Trennung von Desportes und der Rettungsversuch der Gräfin de la Roche

3. Fazit

4. Quellenangaben

1. Einleitung

Sowohl „Die Soldaten“ als auch „Der Hofmeister“ sind wesentlich gesellschaftskritische Stücke: Weder Läuffer noch Mariane sind ausschließlich als Person verantwortlich für das Unglück, das sie trifft, sondern sie sind vor allem Opfer allgemeiner gesellschaftlicher Mißstände.[1]

In Lenz´ Werken dominiert die Bedrängtheit der Figuren, d.h. sie stehen in einer Gesellschaft, die durch Zwänge und hohe Ansprüche auf sie einwirkt. Dadurch werden sie in Bahnen gedrängt, die sie nicht mehr realistisch einschätzen oder gar durchschauen können.[2] Im Gegensatz dazu stehen die Triebhaftigkeit und der Drang nach sozialer Anerkennung, durch welche die Helden beherrscht werden. Seine Figuren stehen in einem ständigen Konflikt zwischen der Gesellschaft und sich selbst.[3] Mariane, die Protagonistin in Lenz´ Komödie[4] Die Soldaten, erlebt, gekennzeichnet von eigener kindlicher Naivität sowie äußerlichem Druck, einen gesellschaftlichen Abstieg, der auch durch den Rettungsversuch der Gräfin de La Roche nicht aufgehalten werden kann. Das zentrale Thema, welches in Lenz' Werk thematisiert wird, ist, ob eine Hure immer eine Hure sei oder ob sie erst dazu gemacht würde.[5] Diese allgemeine Fragestellung möchte ich in dieser Arbeit konkretisieren und an Hand von für diese Analyse wichtigen Szenen, klären, ob Mariane ihren sozialen Abstieg selbst verschuldet hat oder ob sie Opfer von gesellschaftlichen Normen und Regeln geworden ist.

2. Hauptteil

An dieser Stelle möchte ich kurz auf die autobiographischen Züge zu Lenz' eigenem Leben, als dieser bei den Gebrüdern Kleist im Dienste stand, eingehen.

Lenz diente seit 1772 als Begleiter und auch Bediensteter Friedrich Georg und Ernst Nikolaus von Kleist. In dieser Zeit fungierte er nicht nur als Beobachter, sondern auch als selbst Handelnder in der Affäre von Friedrich Georg Kleist und Susanna Cleophe Fibich. Diese war Tochter des Goldschmieds und Juweliers Johann Philipp Fibich, welcher die Beziehung der beiden duldete, da er sich Hoffnung auf einen Aufstieg seiner Tochter in adlige Verhältnisse machte. Nach einem schriftlichen Eheversprechen verschwand Kleist unter einem Vorwand und kehrte nie wieder zurück. Hier lassen sich eindeutige Bezüge zu dem 1774/75 verfassten Stück Die Soldaten und vor allem zu den Komödienfiguren des adligen Desportes und der bürgerlichen Mariane herstellen. Nach der Abreise von Friedrich Georg Kleist bemühte sich ebenfalls der jüngere Bruder Ernst Nikolaus und schließlich auch Lenz selbst, wie er in Tagebuchaufzeichnungen angibt, um die verlassene und verzweifelte Susanna Cleophe Fibich. Auch Desportes verlässt Mariane und ungeachtet von ihm erlebt sie den sozialen Abstieg. Anzunehmen ist auch, dass Lenz selbst in die Rolle des Stolzius, ein Tuchhändler, dem Mariane bereits versprochen ist, schlüpft und Ernst Nikolaus von Kleist durch die Rolle des Mary, einem Freund des Desportes, in Die Soldaten verkörpert wird.[6] Daher ist stark anzunehmen, dass in diesem Werk Lenz eben gerade die Zeit, die er im Dienst der Kleist-Brüder verbracht hat, darstellt.

2.1 Figurenkonstellation

Um die Beziehung der einzelnen Personen untereinander besser deutlich zu machen, möchte ich diese in einem Schaubild darstellen und erläutern.[7]

Im Mittelpunkt des Werkes steht Mariane Wesener. Die Pfeile des Schemas sollen anzeigen, inwieweit die Personen auf sie einwirken. Erkennbar ist, dass nahezu alle Personen des Werkes direkt oder indirekt auf sie Einfluss nehmen.

Die roten Pfeile verdeutlichen, von welchen Figuren sie umworben wird; die blauen Pfeile zeigen, wer erzieherisch und familiär auf sie einwirkt. Der Feldprediger Eisenhardt hat zwar keinen direkten Einfluss (gestrichelte Linie) auf Mariane, allerdings steht er durch seine Meinung über die Soldaten und ihren Umgang mit dem weiblichen Geschlecht, worauf ich später noch genauer eingehen möchte, im direkten Gegensatz zu ihnen. Die Anordnung der Personen im Schema zeigt gleichzeitig ihren Rang in der gesellschaftlichen Ordnung. Die Adligen stehen dabei im Kontrast zu der bürgerlichen Familie und die Soldaten im Kontrast zu den Geistlichen. Desportes tendiert als Soldat in Richtung Adel, während Stolzius als Tuchhändler zu der bürgerlichen Schicht gehört.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Analyse

Um den gesellschaftlichen Abstieg Marianes deutlich zu machen, werde ich den chronologischen Ablauf des Werkes beibehalten und meine Analyse an Hand der verschiedenen Kapitel der Reihenfolge nach aufbauen. Hierbei möchte ich besonders auf die Szenen eingehen, in denen Mariane in Konversation mit ihrem Vater, mit Desportes und letztlich mit der Gräfin de la Roche tritt.

Mariane wird in dem gesamten Werk sehr kindlich-naiv dargestellt. Sie ist ein „lebhaft-natürliches, kindlich-unerfahrenes […] Geschöpf“[8] PAUTLER beschreibt sie als Mädchen, welches mit einer intensiven Lebensvielfalt ausgestattet ist und dadurch die Männer in ihren Bann zieht.[9] Ihre Naivität drückt sich vor allem in ihrem Umgang mit dem männlichen Geschlecht aus, wie in der ersten Szene gezeigt wird. Mariane schreibt einen Brief an Stolzius, mit welchem sie bereits verlobt ist, und bittet ihre Schwester Charlotte, sie beim Schreiben und Formulieren des Briefes zu unterstützen. Mariane zeigt sich in dieser Szene zurückhaltend und schüchtern. Selbst den Schluss ihres Briefes möchte sie vor ihrer Schwester geheimhalten. Als ihre Schwester sie auf ihre Verliebtheit zu Stolzius anspricht, blockt Mariane ab und beginnt zu weinen, wie es den Regieanweisungen dieser Szene zu entnehmen ist.

Charlotte: Sie wollte mir den Schluß nicht vorlesen, gewiß hat Sie da was Schönes vor den Herrn Stolzius.

Mariane: Das geht dich nichts an.

Charlotte: Nu seht doch, bin ich denn schon schalu darüber gewesen? Ich hätte ja eben so gut schreiben können als du, aber ich habe dir das Vergnügen nicht berauben wollen deine Hand zur Schau zu stellen.

Mariane: Hör Lotte laß mich zufrieden mit dem Stolzius ich sag dir´s, oder ich geh gleich herunter und klag´s dem Papa. (I, 1)

[...]


[1] Müller, Udo: Lektürenhilfen J.M.R. Lenz „Der Hofmeister“, „Die Soldaten“. Stuttgart Klett Verlag für Wissen und Bildung, 1991. S. 35

[2] Vgl. Ebd. S. 49

[3] Vgl. Pautler, Stefan: Jakob Michael Reinhold Lenz: Pietistische Weltdeutung und bürgerliche Sozialreform im Sturm und Drang. Gütersloh: Kaiser, Gütersloher Verlags-Haus, 1999. S. 208

[4] Lenz selbst bezeichnet dieses Stück als Komödie, allerdings entspricht die Grundkonstellation des Werkes der Form eines „bürgerlichen Trauerspiels“. Nachweislich benutzte Lenz selbst verschiedene Begriffe für die Bezeichnung seiner Werke. Beispielsweise bezeichnete er Der Hofmeister im Manuskript als „Lust- und Trauerspiel“, im Druck wurde er als „Komödie“ bezeichnet und in einem Brief sprach Lenz von einem „Trauerspiel“. Die Tragödie, welche durch den Konflikt und die Vernichtung der Figuren gekennzeichnet ist, grenzt sich klar von der Komödie, die durch die Unschädlichkeit der Figuren charakterisiert wird, ab. Diese Unschädlichkeit geht allerdings in Lenz´ Werken verloren. Mariane, die durch ihre Unerfahrenheit oft lächerlich und komisch wirkt, verliert allerdings ihre bürgerliche Integrität und Stolzius, der aus Rache Desportes und sich selbst durch Gift tötet, wirkt ganz und gar nicht komisch. Wie die Schlussszene durch die Versöhnung von Vater und Tochter, die als Möglichkeit eines Neubeginns gewertet werden kann, allerdings zeigt, hat Lenz das Tragische nicht erreicht. Zusammenfassend kann man sagen, dass „die Unschädlichkeit des Komischen und die Sinngebung des Tragischen fehlen“ (Vgl. Müller, S. 68) und man daher dieses Werk der Gattung der Tragikkomödie zuordnen kann.

[5] Vgl. I,4

[6] Vgl. Müller, Udo: Lektürenhilfen J.M.R. Lenz „Der Hofmeister“, „Die Soldaten“. Stuttgart Klett Verlag für Wissen und Bildung, 1991. S. 34

[7] Einige Figuren, die für meine Fragestellung und die damit verbundene Analyse nicht von Bedeutung sind, wurden in dieser Darstellung nicht berücksichtigt. Genannt sind daher lediglich die Figuren, die unmittelbar mit Mariane in Zusammenhang stehen und/oder auf sie in besonderem Maß Einfluss nehmen.

[8] Demuth, Volker: Realität als Geschichte: Biographie, Historie und Dichtung bei J.M.R. Lenz. Königshausen und Neumann: Würzburg 1994. S. 256

[9] Vgl. Pautler, Stefan: Jakob Michael Reinhold Lenz: Pietistische Weltdeutung und bürgerliche Sozialreform im Sturm und Drang. Gütersloh: Kaiser, Gütersloher Verlags-Haus, 1999. S. 208

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Details

Titel
Mariane – Opfer gesellschaftlicher Einflüsse oder ihrer eigenen Triebhaftigkeit?
Untertitel
Eine Szeneninterpretation zu Lenz' Werk "Die Soldaten"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V129698
ISBN (eBook)
9783640446247
ISBN (Buch)
9783640446629
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mariane, Opfer, Einflüsse, Triebhaftigkeit, Eine, Szeneninterpretation, Lenz, Werk, Soldaten
Arbeit zitieren
Mareike Gruse (Autor), 2009, Mariane – Opfer gesellschaftlicher Einflüsse oder ihrer eigenen Triebhaftigkeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129698

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