Moderne Lyrik: OULIPO

Formzwang und das Spiel mit Sprache


Hausarbeit, 2008

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Das Lipogramm
2.1. Der Monovokalismus
2.2. Das Monogramm

3. Figurengedichte und Boule de Neige (Schneeball)

4. Das Anagramm

5. Methode S + n

6. Homophonien

7. Das Palindrom

8. Stilübungen

9. Formzwang, „Spaß“ und weitere Spielarten

10. Literaturangaben:

1. Einleitung

Spricht man von Lyrik, unterscheidet man in moderne Lyrik und in traditionelle Lyrik. Was aber zeichnet moderne Lyrik aus und wo ist hier der Schnitt zu machen? Zunächst einmal muss man sich gemeinsame Merkmale von traditioneller Lyrik vor Augen halten, um einen Unterschied oder einen Wandel in späterer Lyrik suchen und belegen zu können.

Zu den Merkmalen traditioneller Lyrik gehören der Reim, das Metrum, die Verwendung bildhafter Sprache (Metaphern, Gleichnisse, Symbole) und gehobener Sprache (nicht Umgangssprache oder Dialekt). Die moderne Lyrik unterscheidet sich von der traditionellen unter anderem durch Rhythmus anstatt eines Metrums und durch Klangqualität von Sprache (Assonanz, Alliteration, Anaphern, Vokalmotive). Auch legt die moderne Lyrik Wert auf sprachliche Originalität und verdichtete Sprache (Oxymorone, Sinn-Aufladung von Wörtern). Moderne Gedichte befreien sich von traditionellem Formzwang und poetischer Norm. Dazu gehören ein freier Umgang mit den Regeln der Grammatik, es werden Wortgruppen und Ausdrücke statt Sätzen und Nebensätzen verwendet, Satzzeichen und andere Ordnungselemente werden weggelassen; Zeilenbrüche werden nicht entlang der Satzgrammatik, sondern nach gewolltem Sinn gesetzt. Außerdem werden Neologismen geschaffen, kühne Metaphern und hermetische Chiffren verwendet.[1] So wendet sich also die „moderne Lyrik“ gegen die grundlegenden Merkmale der traditionellen Lyrik. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich über jeden Formzwang hinwegsetzt.

Mit der modernen Lyrik eng verbunden ist eine in den 1960er Jahren in Frankreich entstandene Gruppe von Poeten und Schriftstellern, die ihre eigenen Regeln hierfür aufstellte. Die Gruppe, die noch heute existiert, benannte sich mit dem Akronym Oulipo (L' Ou vroir de Li ttérature Po tentielle)[2]. Gründer der Gruppe waren François Le Lionnais und Raymond Queneau. Die sieben Gründungsmitglieder gehörten alle dem Collége de ‚Pataphasique[3] an. Hintergrundidee war es, ein Schreiblabor für experimentelle Literatur zu schaffen.[4] Oulipo besteht jedoch nicht nur aus französischen Poeten, auch der siebenbürgisch-sächsische Schriftsteller Oskar Pastior sowie der Italiener Italo Calvino zählen dazu. Pastior wurde 1993 als erster deutschsprachiger Autor bei Oulipo aufgenommen.[5] Gemeinsam haben alle Oulipo-Autoren, dass sie es sich in ihrem Schreiben zum Ziel gesetzt haben, ihre literarischen Werke einer contrainte[6], einem freiwilligen und selbst festgelegten Formzwang, zu unterwerfen, der das verwendete Sprachmaterial beschränkt. Ziel ist die „Literarisierung der Literatur“[7], nicht die Literarisierung des Lebens. In der ästhetischen contrainte wird das sprachliche Material systematisch daran gehindert, „von selbst“[8] Bedeutung zu tragen. Das Ziel ist also eigentlich eine Erweiterung der Sprache durch die contrainte.

Soll die Menschheit sich darauf ausruhen und sich damit zufrieden geben, auf neue Gedanken alte Verse zu verfertigen? Wir glauben das nicht.[9]

Durch den Formzwang entstehen neue Bedeutungen, er soll es ermöglichen, systematisch und wissenschaftlich mit (potentieller) Literatur umzugehen. Die Formzwänge, die die Oulipo-Schriftsteller sich auferlegt hatten, sind nur teilweise neu und „oulipistisch“. Die meisten, wie das Anagramm, das Palindrom oder das Lipogramm, sind „wiederbelebte“ historische Formzwänge, die die Poeten entdeckt und als Ansporn für ihr eigenes Werk herangezogen haben (analytische Arbeitsweise). Die Oulipisten waren jedoch auch im Aufstellen von neuen Formzwängen kreativ (synthetische Arbeitsweise).[10] Einige Formen oder Spielereien der contrainte stelle ich hier vor.

2. Das Lipogramm

Beim Lipogramm werden bewusst ein oder mehrere Buchstaben ausgelassen. In Deutschland sind Lipogramme vor allem in der Barockzeit eine beliebte sprachliche Spielform. Der deutsche Schriftsteller Christian Weise (1642-1708) schrieb innerhalb seines Textes Die drei ärgsten Erznarren der ganzen Welt eine Rede ohne r für einen verliebten Mann, der das r nicht aussprechen konnte.[11]

Das e ist der häufigster Vokal im Deutschen, Spanischen, Französischen und Englischen, trotzdem schaffte es Georges Perec, einer der bekanntesten Oulipo-Schriftsteller einen leipogrammatischen Roman, in dem der Buchstabe e kein einziges Mal vorkommt, zu schreiben (La Disparition, 1969). Perec dazu:

(…) je ferai un reproche á La Disparition : c’est trop systématique. L’artifice formel sur lequel se fonde le livre, la disparition du « e » permet de raconter l’histoire mais est frustrant par rapport au bon lecteur. On peut toujours dire : « Oui, c’est un livre sans «e» »; « Ah bon, c’est une farce. »[12]

Der Roman wurde unter dem Titel Anton Voyls Fortgang ins Deutsche übersetzt, wobei er die Einschränkung, kein e zu verwenden, beibehielt:

’N Nachbar, human und schonungsvoll, ging mit ihm zur Konsultation ins Hospital Cochin. (…) Anton rückt sofort das Moos raus, da Anton will, daß man ihm hilft. Darauf horcht man ihn mitm Horchapparat ab, klopft an ihm rum, röntgt ihn. Anton läßts mit sich tun.[13]

Lipogramme gestalten sich im Deutschen oft schwieriger als in anderen Sprachen; hier ein Beispiel aus dem englischen Sprachraum. Bei dem Sprachrätsel muss der Satz „You are too sweet to be forgotten“ als Lipogramm wiedergegeben werden. Es ist kein Vokal außer o und u erlaubt, insgesamt dürfen nur 12 Zeichen verwendet werden[14]:

U R 2 [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] 2 B 4GOT10

Die Doppelbedeutung des Wortes sweet macht die Lösung möglich. A sweet ist ein Bonbon, eine Süßigkeit, sweet als Adjektiv bedeutet jedoch süß. Im Englischen wird ganz bewusst mit Lipogrammen gespielt, vor allem in der Werbung: B2B lautet beispielsweise der Slogan von Calvin Klein, bei dem kein Vokal verwendet wird.

Eugen Helmlé, der Georges Perecs ins Deutsche übersetzt hat, hat selber auch zwei lipogrammatische Kurzromane geschrieben – beide ohne e. Sie heißen Knall und Fall in Lyon und Im Nachtzug nach Lyon. Das 112-seitige, englischsprachige Werk Eunoia[15] (2001) von Christian Bök gehört neben Perecs La Disparition zu den umfangreichsten durch Formzwang beschränkten Werken: jedes Kapitel ist ein Lipogramm, das nur einen einzigen Vokal enthält.. Einen weiteren Formzwang hat sich Bök darin auferlegt, in jedem seiner fünf Kapitel auf Schreibkunst, eine Speise, eine (unzüchtige) Orgie, ein Landschaftsgemälde und eine Seereise hinzuweisen. Außerdem versucht Bök Wiederholungen zu vermeiden und so viele Worte des Lexikons wie möglich zu verwenden. – Eunoia ist übrigens das kürzeste englische Wort, das alle Vokale enthält, es kommt vom griechischen Wort εύνοια und bedeutet Wohlwollen.

2.1. Der Monovokalismus

Monovokalismus bedeutet, wie der Name schon erahnen lässt, nur einen einzigen Vokal zu verwenden, wie in diesem Beispiel von Ernst Jandl:

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott[16]

Der Monovokalismus stellt einen einzigen Vokal heraus und vernachlässigt die anderen. Der längste monovokale Text ist Georges Perecs Les revenentes[17] (1972). Der französischsprachige Roman geht über hundert Seiten und kommt mit e als einzigem Vokal aus. Les revenentes[18] (dt. Übersetzung: „Dee Weedergenger“) gelingt aber vor allem ohne andere Vokale, weil Perec zahlreiche Anglizismen verwendet, die die Suche nach Synonymen für die Worte, die nicht ohne die Vokale a, i, o und u auskommen, leichter machen. Abgeschlossen wird der Roman beispielsweise mit der amerikanisch-englischen Schlussformel „The End“ (im korrekten – britischen – Englisch heißt es eigentlich „The ending“, „The End“ hat sich jedoch durch die Verwendung im amerikanischen Film eingebürgert). Auch der französische Titel der Erzählung enthält bereits einen „Schreibfehler“: Les revenentes müsste eigentlich Les revenants geschrieben werden.

Hier ein kleiner Auszug aus dem Text.

Telles des chèvres en détresse, sept Mercédès-Benz vertes, les fenêtres crêpées de reps grège, descendent lentement West End Street et prennent sénestrement Temple Street vers les vertes venelles semées de hêtres et de frênes près desqelles se dresse, svelte et empesé en même temps, l'Evêché d'Exeter.[19]

[...]


[1] Friedrich, Hugo. Die Struktur der modernen Lyrik: von Baudelaire bis zur Gegenwart. Rowohlt. Hamburg, 1965.

[2] dt.: Werkstatt für Potentielle Literatur

[3] Das Collège de ’Pataphysique ist eine Künstlergruppe, die 1948 in Paris gegründet wurde. Die sog. ’Pataphasique ist eine von dem französischen Schriftsteller Alfred Jarry (1873–1907) erfundene, absurde Wissenschaft.

[4] Boehncke, Heiner; Kuhne, Bernd .Anstiftung zur Poesie: Oulipo - Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Verlag: Manholt. Bremen, 1993. Seite 135.

[5] Ebd. Seite 133.

[6] dt: Zwang

[7] Boehncke, Heiner; Kuhne, Bernd .Anstiftung zur Poesie: Oulipo - Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Verlag: Manholt. Bremen, 1993. Seite 14.

[8] Ebd. Seite 9.

[9] Le Lionnais, François. La Lipo (Das erste Manifest). In: Boehncke, Heiner; Kuhne, Bernd .Anstiftung zur Poesie: Oulipo - Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Verlag: Manholt. Bremen, 1993. Seite 20.

[10] Ebd. Seite 10.

[11] Boehncke, Heiner; Kuhne, Bernd .Anstiftung zur Poesie: Oulipo - Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Verlag: Manholt. Bremen, 1993. Seite 82.

[12] «En dialogue avec l’époque. Pareice Fardeau s’entretient avec Gerorge Perec», in France Nouvelle, 16 avril 1979, no 1744, p.48. In : Baetens, Jan. L’ethique de la contrainte (essai sur la poésie moderne). 1. Auflage, Peeters. Leuven, 1999.

[13] Georges Perec . Hrsg. u. übers. von Eugen Helmlé. La disparition - Anton Voyls Fortgang. Dt. Erstausg., 1. Auflage. Verlag: Zweitausendeins. Frankfurt am Main, 1986. Seite 22-23.

[14] Anonymer Ursprung

[15] Bök, Christian, Eunoia. 1. Auflage, Coach House Verlag. Oktober 2001.

[16] Jandl, Ernst. Ottos Mops hopst. 1. Auflage, Verlag: Maier. Ravensburg, 1988. Seite 5.

[17] Bortlik, Wolfgang. Potentielle Literatur – Das geschriebene Wort. In: Strapazin Magazin, Heft 83.

[18] Ebd.

[19] Boehncke, Heiner; Kuhne, Bernd .Anstiftung zur Poesie: Oulipo - Theorie und Praxis der Werkstatt für potentielle Literatur. Verlag: Manholt. Bremen, 1993. Seite 94-95.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Moderne Lyrik: OULIPO
Untertitel
Formzwang und das Spiel mit Sprache
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V129721
ISBN (eBook)
9783640359073
ISBN (Buch)
9783640359387
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oskar Pastior, Oulipo, Georges Peres, Francois Le Lionnais, Poesie, Lyrik, Moderne Lyrik, Dichtung, Ernst Jandl, Gedichtformen, Figurengedichte, Boule de Neige, Monovokalismus, Monogramm, ABC-Gedichte, Zahlengedichte, Anagramme, Homophonien, Palindrome, Lipogramme, Methode s+n, Unica Zürn
Arbeit zitieren
Magistra Artium Katharina Kullmer (Autor), 2008, Moderne Lyrik: OULIPO, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129721

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