Die Vertreter der Humangenetik, welche sich als Wissenschaft in engem historischen Kontext zur Eugenik entwickelte, versuchten sich bereits mehrmals ausdrücklich von den Zielstellungen und Methoden der Eugenik abzugrenzen.
Und doch wird in der Diskussion um ethische Vertretbarkeit humangenetischer Erkenntnisse bzw. deren Umsetzung in der Medizin immer wieder der Vorwurf laut, dass es sich hierbei um eine neue
Form der Eugenik handelt. Kritiker ziehen Parallelen zwischen der Humangenetik sowie den sie begleitenden biomedizinischen Technologien und der traditionellen Eugenik. Die Befürchtung, eine
kontinuierliche Entwicklung von Eugenik zu Humangenetik könnte sich eingeschlichen haben, werden erkennbar.
In dieser Ausarbeitung sollen nun die Argumentationsweisen der verschiedenen Positionen dargelegt werden. Hierfür ist vorerst eine Begriffsbestimmung der Eugenik nötig, sowie ein Blick
auf die geschichtliche Entwicklung dieser. Der historische Zusammenhang zwischen Eugenik und Humangenetik kann an dieser Stelle nur oberflächlich beleuchtet werden, ist jedoch für ein
Verständnis der verschiedenen Sichtweisen unabdingbar. Die Entwicklungen in Deutschland werden an dieser Stelle besondere Beachtung finden, da auch die Debatte um eine „Neue Eugenik“ hier aufgrund der Geschehnisse während des Dritten Reiches besonders intensiv geführt wird. In der anschließenden Diskussion werden Argumente für oder gegen die Existenz einer „Neuen Eugenik“ dargelegt, wie sie in der Literatur zu finden sind. Abschließend erfolgt eine zusammenfassende Darstellung der Argumentationslinien.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsbestimmung- Was ist Eugenik?
2.1. Die vorwissenschaftliche Eugenik
2.2. Die wissenschaftliche Eugenik
3. Eugenische Ideengeschichte und Praxis von der Antike bis heute
3.1. Eugenische Ideen in den Zeiten der Antike und des Mittelalters – PLATON, MORUS und CAMPANELLA
3.2. Der Beginn der wissenschaftlichen Eugenik - GALTON, PLOETZ und SCHALLMAYER
3.3. Die Eugenik in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland
3.4. Von der Eugenik zur Humangenetik – Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland
3.5. Fazit der geschichtlichen Betrachtung
4. Die Humangenetik als Vertreter der Neuen Eugenik?
4.1. Argumente für die Existenz einer Neuen Eugenik
4.2. Argumente gegen die Existenz einer Neuen Eugenik
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der Eugenik und analysiert kritisch, inwieweit moderne humangenetische Verfahren eine neue, auf individueller Entscheidung basierende Form der Eugenik darstellen oder sich substanziell von den eugenischen Praktiken der Vergangenheit unterscheiden.
- Historische Begriffsbestimmung und Entwicklung der Eugenik von der Antike bis zur Gegenwart.
- Analyse der eugenischen Praxis während der Zeit des Nationalsozialismus.
- Gegenüberstellung von klassischer Eugenik und moderner Humangenetik/Biomedizin.
- Diskussion ethischer Argumente für und gegen die Existenz einer "Neuen Eugenik".
- Reflektion über die Gefahr einer neuen Stigmatisierung durch moderne genetische Diagnostik.
Auszug aus dem Buch
3.1. Eugenische Ideen in den Zeiten der Antike und des Mittelalters – PLATON, MORUS und CAMPANELLA
Die älteste ausformulierte eugenische Utopie ist in PLATONs philosophischem Dialog Politeia zu finden(vgl. SCHÜLLER, 2004). Hierin entwirft PLATON das Bild eines idealen Staates, in welchem u.a. die Ehe in ihrer damaligen Form als Fortpflanzung- und Erziehungsgemeinschaft zugunsten einer staatlich reglementierten Fortpflanzung und Erziehung abgeschafft wird. In der Idee des Philosophen entscheidet der Staat durch gezielte Zusammenführung von Männern und Frauen über die Qualität der Nachkommen und die Quantität der Zusammenkünfte: Die Auswahl der Partner und Partnerinnen erfolgt in PLATONs Vorstellung analog der Zucht von Haustieren, wie es in der vorwissenschaftlichen Eugenik oft zu finden ist. Auch die Erziehung der so entstandenen Kinder sollte nach Ansicht des Philosophen unter behördliche Kontrolle gestellt werden, um die Entwicklung weiterhin zu beeinflussen. Kinder aus nicht kontrollierten Vereinigungen jedoch, und solche Kinder, die negativ bewertete Eigenschaften tragen, lässt PLATON in seiner Vorstellung verschwinden. In dem Fünften Buch seiner Politeia beschreibt PLATON diese Vorstellung wie folgt:
„Du also, fuhr ich fort, als Gesetzgeber wirst ihnen,wie du die Männer ausgewählt hast, so auch die Weiber auswählen und sie so gleichgeschaffen wie möglich übergeben; [...], so werden sie natürlich beisammensein; und [...] von der angeborenen Notwendigkeit zur Vermischung mit einander getrieben werden;[...] Ordnungslos sich zu vermischen oder irgend etwas anderes zu tun wäre eine Sünde in einem Staate von Glücklichen, und die Regierenden werden es nicht zugeben. Es wäre auch nicht gerecht [...]. So ist also klar, daß wir weiterhin nach Kräften möglichst heilige Hochzeiten einführen werden; heilig aber wären die nützlichsten. [...] Nimmst du nun alle gleicherweise zur Zucht, oder wählst du dazu womöglich die Vorzüglichsten? Letzteres. Und dann, die jüngsten oder die ältesten oder möglichst die im besten Alter? Die letzteren. [...] Es müssen ja nach Zugegebenen die besten Männer den besten Weibern möglichst oft beiwohnen, und die schlechtesten Männer den schlechtesten Weibern möglichst selten; [...] Es werden denn gewisse Feste vorzuschreiben sein, bei denen wir die Bräute und die Bräutigame zusammenbringen werden, [...]. Die Zahl der Vermählungen aber werden wir die Regierenden bestimmen lassen, damit sie möglichst die gleiche Zahl von Männern erhalten, indem sie auf Kriege und Krankheiten und alles Derartige Rücksicht nehmen, so daß uns der Staat womöglich weder zu groß noch zu klein werde. [...] Und wie die Kinder geboren sind, übernehmen sie allemal die hierüber gesetzten Behörden aus Männern oder Weibern oder aus beiden; denn gemeinsam für Weiber und Männer sind ja auch die Ämter? Ja.[...]" (PLATON, Politeia, Fünftes Buch, ca. 370 v. Chr.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass eugenische Denkweisen historisch tief verwurzelt sind und heute im Kontext humangenetischer Entwicklungen neu diskutiert werden.
2. Begriffsbestimmung- Was ist Eugenik?: Dieses Kapitel differenziert zwischen der vorwissenschaftlichen und der wissenschaftlichen Eugenik und legt die begrifflichen Grundlagen für die weitere Untersuchung.
3. Eugenische Ideengeschichte und Praxis von der Antike bis heute: Dieser Teil beleuchtet die historische Entwicklung von den antiken Utopien über die nationalsozialistische Rassenhygiene bis hin zur modernen Humangenetik nach dem Zweiten Weltkrieg.
4. Die Humangenetik als Vertreter der Neuen Eugenik?: Dieses Kapitel analysiert die aktuelle Debatte um die sogenannte "Neue Eugenik" und stellt die gegensätzlichen Argumente von Befürwortern und Kritikern gegenüber.
6. Zusammenfassung: Hier werden die Ergebnisse reflektiert und die Schwierigkeit betont, eine endgültige Antwort auf die Existenz einer "Neuen Eugenik" in demokratischen Staaten zu finden.
Schlüsselwörter
Eugenik, Humangenetik, Rassenhygiene, Biomedizin, Neue Eugenik, Pränataldiagnostik, Fortpflanzung, Genpool, Stigmatisierung, Ethik, Nationalsozialismus, Selektion, Lebensdesign, Behinderung, Genom.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der geschichtlichen Entwicklung des Eugenik-Begriffs und untersucht, ob moderne humangenetische Methoden eine neue, ethisch fragwürdige Form der Eugenik darstellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Ideengeschichte, die NS-Rassenhygiene, die Abgrenzung zur modernen Humangenetik sowie ethische Debatten über medizinische Selektion und individuelle Lebensentscheidungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Argumentationsweisen beider Seiten in der Debatte um die "Neue Eugenik" darzustellen und zu hinterfragen, ob wir es mit einer Kontinuität oder einem Bruch zu alten eugenischen Vorstellungen zu tun haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Auswertung historischer und aktueller Fachpublikationen, um die eugenische Argumentationsgeschichte nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Betrachtung von der Antike bis zum 20. Jahrhundert und eine aktuelle Analyse der Argumente für und gegen die Existenz einer "Neuen Eugenik" im Rahmen der modernen Biomedizin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben der Eugenik vor allem die Humangenetik, Rassenhygiene, ethische Selektion und die Problematik von genetisch bedingter Diskriminierung.
Warum wird Platon in einer Arbeit über Eugenik angeführt?
Platon wird als frühes Beispiel für eine eugenische Utopie genannt, da er bereits in seiner "Politeia" staatliche Eingriffe in die Fortpflanzung zur Verbesserung der Gesellschaft forderte.
Inwiefern unterscheidet sich die "Neue Eugenik" von der Eugenik der NS-Zeit?
Während die klassische Eugenik meist staatlich verordnet war und kollektive Ziele verfolgte, basiert die "Neue Eugenik" laut Befürwortern auf individuellen Entscheidungen der Eltern innerhalb rechtlicher Rahmenbedingungen.
Welche Rolle spielt die Pränataldiagnostik in dieser Debatte?
Sie ist ein zentrales Instrument, das einerseits medizinische Heilungschancen verspricht, andererseits aber laut Kritikern zu einem "Sieben" nach als lebensunwert empfundenen Eigenschaften führt.
- Quote paper
- Marie Koch (Author), 2009, Humangenetik und Biomedizin als Vertreter einer Neuen Eugenik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129723