Zwischen Wort und Syntagma

Analyse von Zweifelsfällen der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der Substantiv-Verb-Verbindungen


Hausarbeit, 2007
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Problematischer Grenzbereich: Zusammensetzung oder Wortgruppe?
2.1 Wort und Syntagma – Definitionsversuch
2.2 Untrennbare und trennbare Verben

3 Relationsprinzip vs. Wortbildungsprinzip
3.1 Das Relationsprinzip
3.2 Das Wortbildungsprinzip
3.2.1 Konversion
3.2.2 Rückbildung
3.2.3 Univerbierung und Inkorporation

4 Exemplarische Analyse der Substantiv-Verb-Verbindung radfahren
4.1 Grammatikalitätstests
4.2 Interpretation der Ergebnisse

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Internetressourcen

1 Einleitung

Auch nach der Rechtschreibreform von 1996 sowie der „Reform der Reform“ 2004 und 2006 gibt es nach wie vor problematische Regelbereiche. Insbesondere die Getrennt- und Zusammenschreibung[1] ruft bei zahlreichen Schülern Kopfzerbrechen hervor. Zwar überwiegen die unproblematischen Fälle, beispielsweise wenn durch Wortbildungsprozesse reguläre Komposita entstehen (Haustür, Lieblingsfilm), doch bestehen ebenso schwierige Zweifelsfälle. Besonders das Gebiet der Substantiv-Verb-Verbindungen[2] gestaltet sich schwierig: heißt es nun radfahren, rad fahren oder Rad fahren ? Aus eigener Erfahrung als Nachhilfe-Lehrerin konnte ich feststellen, dass dieser Regelbereich von Schülern sehr kompliziert empfunden wird. Selbst nach ausführlicher Besprechung und Übung von Regeln, Merksätzen usw. wurden bei den SVV Fehler gemacht. Dabei klingt der Regeltext relativ einfach: „Die Getrennt- und Zusammenschreibung betrifft Einheiten, die im Text unmittelbar benachbart und aufeinander bezogen sind. Handelt es sich um Bestandteile von Wortgruppen, so schreibt man sie getrennt. Handelt es sich um die Bestandteile von Zusammensetzungen, so schreibt man sie zusammen“ (Deutsche Rechtschreibung 2006, S.33). Doch was ist überhaupt ein Wort bzw. eine Zusammensetzung? Was gilt als Wortgruppe bzw. Syntagma? Erst wenn klar ist ob Verbindungen den Status eines Wortes oder eines Syntagmas besitzen, kann man eine fundierte Entscheidung über Getrennt- oder Zusammenschreibung treffen.

Die vorliegende Arbeit soll dieses Grundproblem der GZS näher beleuchten: Was ist überhaupt eine Wortgruppe und was ist eine Zusammensetzung? Wo liegt die Schwierigkeit der Abgrenzung zwischen Syntagma und Wort? Da dies Fragen der Grammatik sind, wird sich die Arbeit hauptsächlich mit grammatischen Fragen beschäftigen. Dies ist jedoch auch nicht weiter verwunderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es für eine korrekte Schreibung eines bestimmten grammatischen Wissens bedarf. Die Regeln zur GZS beruhen daher auch zu einem Großteil auf dem grammatischen Prinzip, durch welches Teile von Texten gegliedert und besonders gekennzeichnet werden können. Bezüglich der GZS geschieht dies durch den Wortzwischenraum, der als Grenzsignal fungiert und an der Grenze von grammatisch selbstständigen Wortformen steht (Gallmann u. Sitta 1996, S.38). Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird weiterhin auf den SVV liegen, da dieser Regelbereich die meisten Irritationen hervorruft.

Neben der Unterscheidung von Wortgruppen und Zusammensetzungen in den klassischen Zweifelsfällen, ist im Bereich der SVV eine Differenzierung zwischen trennbaren und untrennbaren Verben notwendig. Während der Wortstatus bei den untrennbaren Verben relativ eindeutig ist (brandmarken / handbaben), ist er bei den trennbaren Verben umstritten (radfahren / rad fahren / Rad fahren ?).

Zur Beantwortung der Frage was ein Wort ist, kann zudem eine Untersuchung der Wortbildungsprozesse sehr aufschlussreich sein. Daher sollen im dritten Kapitel die eher untypischen Prozesse Rückbildung, Univerbierung und Inkorporation analysiert werden, da die Zweifelsfälle der SVV selten durch den normalen Prozess der Komposition gebildet werden. Zu beachten ist allerdings, dass das Wortbildungsprinzip nur gilt, wenn das Relationsprinzip keine Anwendung findet. Daher wird das Relationsprinzip vorangestellt und kurz erläutert.

Im vierten Kapitel soll ein typischer Zweifelsfall der GZS im Bereich der SVV geklärt werden: radfahren / rad fahren / Rad fahren. Hierzu werden einige Grammatikalitätstests wie Artikelfähigkeit, Erweiterbarkeit oder Vorfeldfähigkeit durchgeführt, um den Status der substantivischen Einheit rad zu klären und einen Rückschluss auf die korrekte Schreibweise zu erhalten.

2 Problematischer Grenzbereich: Zusammensetzung oder Wortgruppe?

2.1 Wort und Syntagma – Definitionsversuch

Die Hauptschwierigkeit bei der GZS liegt in der Abgrenzung zwischen Wort und Syntagma. Was versteht man unter einer Zusammensetzung bzw. Wortgruppe? Gallmann und Sitta (1996, S.109) schreiben dazu: „Eine Wortgruppe besteht aus mehreren grammatisch selbständigen Wortformen. Eine Zusammensetzung bildet als Ganzes eine einzige Wortform [graphematisch ein Wort]. Sie besteht aus zwei oder mehr Wortteilen.“ Bei dieser Definition stellt sich jedoch ein weiteres Problem: Wie definiert man eine selbstständige Wortform? Was versteht man unter einem Wortteil?

Um diese Fragen klären zu können, ist eine genauere Kenntnis des Wortbegriffs notwendig. In dieser Arbeit wird ein graphematischer Wortbegriff wichtig sein (vgl. Weinberger 2005, S.3), da schließlich von Interesse ist, wie man zusammengehörende Wörter notiert. Allerdings eignet sich ein graphematisches Kriterium nicht zur Abgrenzung des Wortbegriffs, da durch dieses keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden können, es heißt lediglich „Wörter werden zusammengeschrieben“ und „Wörter erkennt man daran, dass zusammengeschrieben wird“ (Dürscheid 2004, S.163-164).

Morphologisch-syntaktische Kategorien eignen sich daher besser zur Entscheidung ob eine einzige Wortform, dies meint ein Wort, vorliegt. Hierzu muss zunächst das Kriterium der Nichtunterbrechbarkeit erfüllt sein. Die in dieser Arbeit betrachteten SVV stellen allerdings einen Sonderfall dar, denn sie sind morphologisch trennbar, z.B. er fährt das Auto probe (probefahren)[3]. Zur morphologischen Trennbarkeit zählen ebenfalls ge- und zu, wie bei teilzunehmen. Im Nebensatz sind die SVV syntaktisch jedoch häufig nicht trennbar: *dass ich probe das Auto fahre. Für trennbare Verben muss also hinsichtlich dieses Kriteriums eine genauere Betrachtung erfolgen, ausschlaggebend für das Vorliegen eines Wortes ist die „Nichtunterbrechbarkeit im Nebensatz“ (Fuhrhop 2007, S.8 ff.)

Damit grammatische Einheiten echte morphologische Wörter und kein Syntagma sind, ist ein weiteres Kriterium notwendig, die einheitliche Flexion. Dies meint, dass das substantivische Erstglied nicht selbstständig flektiert (Fuhrhop 2007, S.9). Zur Verdeutlichung dieser Kriterien sollen diese mithilfe der Verschiebe- und Flexionsprobe an vier Beispielen überprüft werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im ersten Beispiel kann man Kleider bügeln durch will und sie unterbrechen, bei der Flexionsprobe wird die Reihenfolge des Ausgangssatzes verändert. Zudem ist Kleider das Akkusativobjekt von bügeln, sodass Kleider bügeln syntaktisch eindeutig eine Wortgruppe ergibt. Folglich ist dieses Syntagma getrennt zu schreiben. SVV dieser Art ergeben bei der Schreibung meist keine Probleme.

Das zweite Beispiel zeigt weder bei der Verschiebeprobe noch bei der Flexionsprobe eine Unterbrechbarkeit des Ausgangssatzes. Bei SVV dieser Art handelt es sich um untrennbare Zusammensetzungen[4], die zusammengeschrieben werden. Auch bei diesem Bereich gibt es durch die eindeutigen Proben orthographisch kaum Probleme.

Mit Beispiel drei gelangt man hingegen in den Problembereich der SVV. Die Verschiebeprobe zeigt zwar wie im vorherigen Beispiel, dass Probe fahren nicht unterbrechbar ist und legt somit den Schluss nahe, dass es sich bei dieser Konstruktion um ein Wort bzw. um eine Zusammensetzung handelt. Bei der Flexionsprobe wird jedoch deutlich, dass eine Umstellung des Ausgangssatzes nötig wird (* ich Probe fahre). Welches Kriterium gibt nun den Ausschlag? Handelt es sich aufgrund der Ununterbrechbarkeit bei der Verschiebeprobe um ein Wort oder liegt aufgrund des Ergebnisse aus der Flexionsprobe eine Wortgruppe vor? Da die Konstruktion gemäß der amtlichen Regelung getrennt zu schreiben ist (Plüschel 2006, S.36), wurde der Trennbarkeit bei der Flexion der Vorzug gegeben. Probe fahren wird demzufolge als Wortgruppe bewertet. Ausschlaggebend ist hierbei nicht nur die stärkere Gewichtung der Umstellung bei der Flexionsprobe, sondern auch der Aspekt der „Verblassung“. Sofern der substantivische Teil der Konstruktion (Probe in Probe fahren) die ursprüngliche Bedeutung des zugrunde liegenden Substantivs (Probe) beibehalten hat, gilt der substantivische Teil als nicht verblasst und die Konstruktion wird getrennt geschrieben[5].

Die Beurteilung des vierten Beispiels gestaltet sich ähnlich schwierig. Bei der Verschiebeprobe lässt sich zwar eine Nichtunterbrechbarkeit konstatieren, was für ein Wort spricht, die Trennung von teilnehmen in nehme teil bei der Flexionsprobe deutet jedoch auf eine Wortgruppe hin. Dennoch wird teilnehmen nach der amtlichen Regelung zusammengeschrieben, da der erste Bestandteil (teil) als verblasst gilt (Deutsche Rechtschreibung 2006, S.36).

Die Schwierigkeit bei der GZS besteht nun darin, Wortgruppen wie in (3) von den so genannten trennbaren Zusammensetzungen wie in (4) zu unterscheiden. In diesem Grenzbereich lassen sich die meisten Zweifelsfälle der GZS ausmachen. Es ist daher notwendig, nicht nur Wörter und Wortgruppen voneinander abzugrenzen, sondern ebenso untrennbare und trennbare Zusammensetzungen.

2.2 Untrennbare und trennbare Verben

Die GZS ist nicht nur abhängig davon, ob es sich um eine Wortgruppe oder ein Wort handelt, da Substantive mit Verben Zusammensetzungen bilden können. Hierbei werden

untrennbar zusammengesetzte Verben und trennbare Zusammensetzungen unterschieden. Die Deutsche Rechtschreibung (2006, S.33) erläutert hierzu: „Untrennbare Zusammensetzungen bestehen aus einem Verbstamm, dem ein Stamm eines Substantivs [...] vorausgeht. Man erkennt sie daran, dass die Reihenfolge ihrer Bestandteile stets unverändert bleibt.“ In Bezug auf die SVV ergibt sich aus §33, dass man untrennbare Zusammensetzungen aus Substantiv und Verb zusammenschreibt, wie z.B. brand + marken: ich brandmarke, i ch habe gebrandmarkt, ich plane zu brandmarken. Für einige Fälle gilt jedoch eine Empfehlung des Rechtschreibrats, nach der Zusammensetzung und Wortgruppe manchmal nebeneinander stehen, wie staubsaugen / Staub saugen (Deutsche Rechtschreibung 2006, S.34).

[...]


[1]G etrennt- und Z usammen s chreibung wird im Folgenden durch GZS abgekürzt.

[2]S ubstantiv- V erb- V erbindung wird im Folgenden durch SVV abgekürzt.

[3] Die Schreibung probefahren basiert an dieser Stelle auf dem Wortkonzept Nanna Fuhrhops, bei einer abweichenden Schreibung von der amtlichen Regelung wird immer nach dem jeweiligen Wortkonzept geschrieben. Wird keine spezielle Position aufgegriffen, wird nach den aktuellen amtlichen Regelungen notiert.

[4] Untrennbare Zusammensetzungen werden in Kapitel 2.2 näher erläutert.

[5] Dies ergibt sich als Umkehrschluss aus § 34 (3) der amtlichen Regelung, vgl. Deutsche Rechtschreibung 2006, S.36.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zwischen Wort und Syntagma
Untertitel
Analyse von Zweifelsfällen der Getrennt- und Zusammenschreibung im Bereich der Substantiv-Verb-Verbindungen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Grammatik des Deutschen
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V129761
ISBN (eBook)
9783640359134
ISBN (Buch)
9783640359462
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtschreibung, Nomen, Verb, Adjektiv, Substantiv, Rechtschreibreform, Wortgruppen, Wortbildung, Rückbildung, Univerbierung, Inkorporation, Komposition, Relationsprinzip, Zusammensetzung, Wortform, Verschiebeprobe, Flexionsprobe, untrennbare Verben, trennbare Verben, Verbzusatz, Konversion, Kombinierbarkeit, Artikelfähigkeit, Verneinungsprobe, Erweiterbarkeit, Vorfeldfähigkeit
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Britta Wehen (Autor), 2007, Zwischen Wort und Syntagma, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129761

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