Robert Musil thematisiert in "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" das Aufwachsen der Zöglinge eines Konvikts und rückt hierbei die Pubertät und die erwachende Sexualität der Jungen in den Fokus. Vor dem Hintergrund der autoritären Gesellschaftsstrukturen bestimmt insbesondere das sadistische und masochistische Handeln einzelner Figuren die Handlung maßgeblich. Ziel dieser Untersuchung ist, diese Neigungen mithilfe der literaturwissenschaftlichen Methode des close readings herauszustellen, wobei die Figuren Törleß und Basini im Zentrum des Interesses stehen werden. Diese Figuren erwecken den Anschein, einer Neigung zuordenbar zu sein, stellen sich bei näherer Betrachtung allerdings als komplexer und doppelsinniger dar, wodurch sie für eine genaue Analyse besonders geeignet erscheinen. In der Untersuchung sollen sowohl das Verhalten beider Figuren in ihrer unmittelbaren Begegnung als auch Bezugspunkte im vorherigen und nachfolgenden Geschehen beleuchtet werden, da diese als Vorausdeutungen oder Rückblenden fungieren können und somit die Wahrnehmung der zentralen Szene beeinflussen.
Um der Literaturtheorie des close readings gerecht zu werden und eine präzise Untersuchung zu ermöglichen, erfolgt die Analyse größtenteils im Hinblick auf eine Szene – die Begegnung zwischen Törleß und Basini während der Abwesenheit der anderen Zöglinge in einer kurzen Ferienzeit. Insbesondere durch die Absenz der Mitschüler Beineberg und Reiting enthält diese Szene das Potenzial, das Handeln Törleß' und Basinis präzise zu betrachten. Dennoch werden auch Handlungsmomente aus vorangegangenen und nachfolgenden Szenen hinzugezogen, insofern sie sich auf das Geschehen in der hauptsächlich untersuchten Szene auswirken oder beziehen lassen.
In Vorbereitung auf die Textstellenanalyse wird zunächst in die Methode der Literaturtheorie des close readings eingeführt. Ein anschließender Überblick über die Begrifflichkeiten des Sadismus und Masochismus und die damit verbundenen Theorien führt in den motivischen Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit ein. Hierbei liegt der Fokus auf einer allgemeinen Übersicht, der die Theorie Freuds, Ergänzungen durch Reick und die Ansichten Fromms skizziert.
In Kapitel 3 erfolgt final die Anwendung der Literaturtheorie des close readings unter Berücksichtigung einer Analyse der Motive des Sadismus und Masochismus in der Begegnungsszene zwischen Törleß und Basini.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodische und begriffliche Grundlagen
2.1 Die Literaturtheorie des close readings – Methode
2.2 Zum Begriff des Sadismus
2.3 Zum Begriff des Masochismus
3. Sadismus und Masochismus in Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
3.1 Die Begegnung zwischen Törleß und Basini
3.2 Der Sadismus Törleß'
3.3 Der Masochismus Basinis
3.4 Der Masochismus Törleß'
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sadistischen und masochistischen Neigungen der Figuren Törleß und Basini in Robert Musils Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß unter Anwendung der literaturwissenschaftlichen Methode des close readings, um deren komplexe und doppelsinnige Verhaltensweisen in ihrer zentralen Begegnung zu analysieren.
- Analyse von Machtdynamiken in der pubertären Entwicklungsphase
- Anwendung der Methode des close readings auf Schlüsselstellen des Romans
- Untersuchung von Sadismus und Masochismus im Kontext psychologischer und gesellschaftlicher Prägung
- Dekonstruktion von Törleß' Identität und dessen Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Norm
- Interpretation der Figur Basini als Projektionsfläche für Törleß
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Sadismus Törleß'
Noch vor der nächtlichen Begegnung mit Basini sind Hinweise auf den Sadismus Törleß' erkennbar. Bereits kurz nach der Abreise der Mitschüler fixiert er sich gänzlich auf seinen Mitschüler: „das Bewußtsein seines Alleinseins mit Basini [ergriff] herrisch von Törleß Besitz [...].“ (138) Weiter heißt es: „Vorne saß Basini, hinten er, mit den Augen ihn festhaltend, sich in ihn hineinbohrend.“ (138) Auffällig ist an dieser Stelle der Sprachgebrauch. Durch die Verwendung der Wörter „herrisch“ und „hineinbohrend“ entsteht der Eindruck von Gewalt und einem starken Machtgefälle. Auch dass „Törleß beinahe Basini überfallen[]“ (140) hätte, lässt sich in denselben Sprachbereich einordnen. Erneut wird das Bild des Angreifens angeführt, wenn es heißt: „den Schlafenden wie eine Beute zu überfallen.“ (141) Törleß hinterfragt diese Gedanken: „Er wollte ihn doch nicht prügeln? Gott bewahre!“ (141) Unübersehbar ist hier die Verwendung des Fragezeichens am Ende des Deklarativsatzes. Hatte Törleß sich, als er die Misshandlungen Basinis durch Beineberg und Reiting nur beobachtet hatte, noch geekelt und geschämt, (vgl. 103), zeigen sich nun ähnliche Tendenzen wie bei seinen prügelnden, sadistischen Mitschülern. Zwar ist durch den Mehrwortausdruck „Gott bewahre!“ zu erkennen, dass Törleß' sein Verlangen weiterhin mit seiner Moral abgleicht und sich dem sündhaften Verlangen widersetzen will, das Fragezeichen bringt diese Werte aber zumindest in einen instabilen Zustand.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der pubertären Sexualität im Kontext autoritärer Strukturen bei Musil ein und definiert das Ziel, sadistische und masochistische Züge der Figuren mittels close reading zu analysieren.
2. Methodische und begriffliche Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die Methode des close readings als werkimmanente Analyse und definiert die psychologischen Begriffe Sadismus und Masochismus als theoretisches Fundament für die Untersuchung.
3. Sadismus und Masochismus in Robert Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß: Den Kern bildet die detaillierte Analyse der Begegnung zwischen Törleß und Basini, in der sadistische Machtausübung und masochistische Unterwerfung beider Figuren untersucht werden.
4. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Törleß zwar sadistische Züge imitiert, aber zunehmend masochistische Tendenzen zeigt, und schließt eine komplexe Entwirrung der Identitätsentwicklung der Figur ab.
Schlüsselwörter
Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törleß, Sadismus, Masochismus, Close Reading, Pubertät, Machtverhältnis, Törleß, Basini, Geschlechtliche Erregung, Identitätsentwicklung, Literaturwissenschaft, Psychoanalyse, Unterwerfung, Sexualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sadistischen und masochistischen Neigungen der Figuren Törleß und Basini in Robert Musils Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die erwachende Sexualität während der Pubertät, autoritäre Gesellschaftsstrukturen in einem Konvikt sowie die emotionale und körperliche Dynamik zwischen den Figuren Törleß und Basini.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, mithilfe des close readings herauszuarbeiten, wie sich Sadismus und Masochismus im Verhalten und Denken der Figuren manifestieren und inwiefern sie sich gegenseitig beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt die literaturwissenschaftliche Methode des close readings, um eine textnahe und werkimmanente Interpretation der gewählten Romanstellen sicherzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Begrifflichkeiten geklärt, gefolgt von einer detaillierten Analyse der Begegnungsszene zwischen Törleß und Basini, unterteilt in die sadistischen Aspekte bei Törleß und die masochistischen Ausprägungen beider Figuren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sadismus, Masochismus, close reading, Machtverhältnis, Identität und Pubertät.
Wie verändert sich das Machtverhältnis zwischen Törleß und Basini im Verlauf der untersuchten Begegnung?
Törleß beginnt in einer dominanten, sadistischen Rolle, verliert diese jedoch zunehmend, da er sich mit Basinis Leiden identifiziert und infolgedessen selbst masochistische Züge annimmt, wodurch die Abgrenzung zwischen Täter und Opfer verschwimmt.
Welcher Rolle kommt der Kategorie der „Weiblichkeit“ bei der Interpretation der Figur Törleß zu?
Das Motiv der Weiblichkeit dient Törleß dazu, die Misshandlungen an Basini moralisch zu rechtfertigen und stellt gleichzeitig ein Fluchtmittel dar, das seine Auseinandersetzung mit der eigenen homosexuellen Identität innerhalb einer heterosexuell normierten Gesellschaft erschwert.
- Arbeit zitieren
- Tom Hackbarth (Autor:in), 2022, Sadismus und Masochismus in der Begegnung zwischen Törleß und Basini in Robert Musils "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1297702