Funktion und Prestige des Niederdeutschen


Hausarbeit, 2006

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Domänen des Niederdeutschen – Wo wird Niederdeutsch verwendet?
2.1 Familie und Freunde
2.2 Arbeitswelt
2.3 Medien
2.4 Theater
2.5 Literatur
2.6 Kirche
2.7 Zwischenfazit

3 Prestige des Niederdeutschen
3.1 Bewertung des Niederdeutschen
3.2 Gründe pro und contra Plattdeutschsprechen
3.3 Weitergabe an nachfolgende Generationen

4 Förderungsmöglichkeiten
4.1 Theorie
4.2 Praktische Beispiele
4.2.1 Online-Lernkurs
4.2.2 Plattdeutsche Weihnachtsgedichte
4.2.3 Gitterrätsel und Wortschlangen

5 Ausblick auf die Zukunft des Niederdeutschen

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wir leben in einer Region, in der nach wie vor von vielen Menschen Plattdeutsch gesprochen wird, sodass dem Niederdeutschen und insbesondere dem Bestreben nach Förderung und Erhalt des Niederdeutschen eine bedeutende Rolle zukommt.

Bei vielen Jugendlichen tritt mittlerweile jedoch das Phänomen auf, dass zwar in ihrer Familie Platt gesprochen wird und sie selbst auch über eine gute passive Kompetenz verfügen, sie aber selbst kein Plattdeutsch sprechen.

In dieser Arbeit wollen wir mögliche Ursachen hierfür erläutern. Wir möchten darstellen, in welchen Bereichen Plattdeutsch überhaupt (noch) verwendet wird, wo und von wem es also gesprochen wird und in welchen Domänen es weiterhin noch zum Einsatz kommt.

Ebenso möchten wir klären, wie das Niederdeutsche bewertet wird. Häufig hört man von Vorurteilen, wie z.B. Plattdeutsch wäre eine „Bauernsprache“ bzw. die Sprecher seien weniger intelligent und in der Regel bereits älter. Wir möchten herausfinden ob diese Vorurteile einerseits wirklich so verbreitet oder nur die Meinung einzelner Personen sind und ob sie mit der Realität übereinstimmen. Hierzu werden uns auf Umfrageergebnisse der letzten Jahre stützen. Insbesondere werden wir die GETAS-Umfrage von 1984 heranziehen, bei dieser Umfrage handelt es sich um eine indirekte Erhebung der Gesellschaft für angewandte Sozialpsychologie Bremen und des Instituts für Niederdeutsche Sprache in Bremen. Die zentrale Fragestellung dieser Befragung lautete wer mit wem, an welchen Orten, bei welchen Gelegenheiten und mit welcher Absicht Plattdeutsch spricht.

Zu beachten ist allerdings, dass diese Daten bereits 23 Jahre alt sind und heute eventuell nicht mehr in jedem Punkt so Bestand haben wie 1984. Eine neuere Erhebung der jetzigen Verhältnisse wäre wünschenswert.

Ferner möchte wir neben den verschiedenen Domänen und dem Prestige des Niederdeutschen auf unterschiedliche Förderungsmöglichkeiten eingehen. Was kann jeder Einzelne tun, um Plattdeutsch zu bewahren? Hierzu werden wir einige Vorschläge exemplarisch vorstellen und erläutern. Ebenso werden wir einen Ausblick auf die Zukunft des Plattdeutschen vornehmen und uns mit der Frage beschäftigen, ob die niederdeutsche Sprache in einigen Jahren bzw. Jahrzehnten ausgestorben sein wird oder ob verschiedene Förderungsmaßnahmen Aussicht auf Erfolg versprechen und Plattdeutsch somit als Gebrauchssprache bewahrt werden kann.

2 Domänen des Niederdeutschen – Wo wird Niederdeutsch verwendet?

Bei der Kompetenz und Verwendung des Niederdeutschen fallen besonders regionale Unterschiede auf, aber auch die Sprachumgebung beeinflusst die Verwendung von entweder der Standardsprache oder dem Niederdeutschen.

Generell kann man sagen, dass es hinsichtlich der Sprachkompetenz und Ausübung ein starkes Nord – Süd Gefälle gibt. Im Norden Niedersachsens findet man eine sehr gute bis gute aktive Kompetenz bei etwa 50 % der Erwachsenen vor, im Süden Niedersachsens liegt der Durchschnittswert nur bei 26 %. Auch die Schreib – und Lesekompetenzen unterliegen diesem Gefälle[1].

Die Ortsgröße und der urbane Charakter einer Sprachgemeinschaft beeinflussen ebenfalls den niederdeutschen Sprachgebrauch: Je größer die Einwohnerzahl, desto geringer ausgeprägt ist die Kompetenz und Verwendung von Plattdeutsch[2], was daran liegen mag, dass der niederdeutsch sprechende Bekannte auf dem Land gegenwärtiger ist als in einer großen Stadt. In Norddeutschland gibt es jedoch eine Großstadt, die sich von diesem Trend abhebt. Hamburg scheint in jedem Bereich ein besonderer Ort für das Niederdeutsche zu sein. Hier wird mehr Plattdeutsch gesprochen als in anderen Großstädten und auch das niederdeutsche kulturelle Angebot wir hier stärker angenommen als in anderen Regionen[3].

2.1 Familie und Freunde

In der Kommunikation mit der Familie oder Freunden hat das Niederdeutsche im Vergleich zu anderen Alltagsbereichen den höchsten Stellenwert[4].

Kinder lernen von Familienmitgliedern Plattdeutsch, in 67 % der Fälle von den Eltern, 15 % von den Großeltern, 1,7 % von anderen Verwandten. Die Schule spielt bei der Sprachvermittlung keine Rolle und auch Freunde, Kollegen, Nachbarn und andere haben im Vergleich nur einen geringen Anteil am Spracherwerb[5].

Doch auch im familiären Bereich scheint das Niederdeutsche nicht gerade auf dem Vormarsch zu sein: Selbst in Nordniedersachsen sprechen nur 29 % der Eltern mit ihren Kindern unter 14 Jahren in häuslicher Umgebung immer oder überwiegend Plattdeutsch, im Süden von Niedersachsen sind es 0 % , während 71 % in dieser Region im Alltag niemals zum Platt greifen[6].

Das Niederdeutsche wird meistens dann aktiv verwendet, wenn ein Sprecher von seinem Gesprächspartner weiß, dass dieser die Sprache mag und beherrscht. Besonders viel wird auch im plattsprechenden Freundeskreis niederdeutsch gesprochen, nämlich bei 68 %, während auf dem Arbeitsplatz und im Gespräch mit Arbeitskollegen nur 16 % den Dialekt wählen[7] [8].

2.2 Arbeitswelt

Auch in der Arbeitswelt hat das Niederdeutsche einen festen, wenn auch kleinen Standpunkt. Besonders in den Arbeitsbereichen Land, - Forst, - und Bauwirtschaft , in den Werften und in handwerklichen Kleinbetrieben wird oft zum Niederdeutschen gegriffen. Man kann jedoch sagen, dass es nur eine sehr kleine Minderheit von Betrieben gibt, die ein ausschließlich standarddeutsches Sprachmilieu haben.

2.3 Medien

Medien haben eine wichtige Funktion, wenn es um das öffentliche Bewusstsein über die Regionalsprache und das Prestige des Niederdeutschen geht. In den verschiedenen Medien, besonders in Lokalzeitungen und lokalen Radiosendern, bildet das Niederdeutsche einen festen Bestandteil und fördert so den aktuellen Bezug sowie den alltäglichen Umgang mit der Regionalsprache. Der NDR hat das umfangreichste und differenzierteste Programm, dessen Themen von Nachrichten über Kultur – und Verbrauchertipps bis hin zu „Nachbarschaftsgeschichten“ reicht. Es ist allerdings festzustellen, dass das Programm in der Regionalsprache meist auf ein älteres Publikum ausgerichtet ist. Der „Jugendsender“ FFN hält mit dem „platten Gag“ dagegen, ein auf niederdeutsch vorgetragener Witz, der im Anschluss auf Hochdeutsch übersetzt wird. Auch die Moderatorin und Komikerin Ina Müller hat ein niederdeutsches Programm, das Jugendliche und junge Erwachsene anspricht und erfahrungsgemäß sehr gut beim jungem Publikum ankommt. Man kann also sagen, dass ein Großteil des niederdeutschen Medienprogramms noch immer auf die ältere Generation ausgerichtet ist, es sich aber zeigt, dass auch jüngere Niedersachsen mit einem altersgemäßen und modernen Programm durchaus angesprochen werden können.

2.4 Theater

Das mundartliche Spiel auf der Bühne hat sich zu einem sehr wichtigen Medium des Niederdeutschen entwickelt. Auch hier entsprechen die Aufführungen meist den Erwartungen eines älteren Publikums. Desweiteren ist niederdeutsches Theater auch heute noch dadurch gekennzeichnet, dass meist Amateurschauspieler auf der Bühne stehen und der Spaß vor dem professionellen Anspruch überwiegt. Ein Aufbrechen dieser Strukturen in Richtung eines modernen, anspruchsvollen regionalsprachlichen Theaters wird jedoch stetig und behutsam vorangetrieben.

Wie auch in den anderen Domänen findet sich auch hier wieder das Nord – Süd – Gefälle, mit Höhepunkt in Nordniedersachsen, wo 42 % der Plattdeutschkompetenten regelmäßig niederdeutsches Theater besuchen[9].

2.5 Literatur

Auf dem plattdeutschen Buchmarkt ist in der letzten Zeit ein Wandel zu beobachten. Einen Trend, den der Chef des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen mit Genugtuung beobachtet und kommentiert. Die seit neun Jahren in Hamburg jährlich stattfindende Buchmesse für niederdeutsche Literatur konnte im letzten Jahr erstmals eine Sonderausstellung zur Kinder – und Jugendliteratur eröffnen. „Es ist erfreulich, dass besonders Kinder- und Jugendbücher in größerer Zahl und sehr ansehnlicher Aufmachung zu den neuen Produktionen auf der Buchmesse gehören“, so Goltz, „denn wenn die Jugend wieder verstärkt an das Niederdeutsche herangeführt wird, trägt dies auch zur Sicherung des Sprachnachwuchses bei“[10]. Etwa 150 Neuerscheinungen gibt es jährlich, und vor ungefähr zehn Jahren waren diese Neuerscheinungen, wie alle anderen niederdeutschen Medien auch, auf ein älteres Publikum ausgerichtet. Dies scheint sich zu ändern. Es wird verstärkt auf ansprechende Kinder – und Jugendliteratur gesetzt und auch in anderen Bereichen wird der plattdeutsche Buchmarkt vielfältiger[11].

2.6 Kirche

Anders als vielleicht angenommen, ist das Niederdeutsche im kirchlichen Bereich oft weniger akzeptiert als zum Beispiel in alltäglichen Situationen. Während zwar bei seelsorgerischen Tätigkeiten und der Gemeindearbeit noch öfter plattdeutsch kommuniziert wird, wird von vielen Kirchenbesuchern eine standardsprachliche Predigt gefordert, so die GETAS Umfrage von 1984. Gründe dafür könnten sein, dass die Kirche meist ein älteres Publikum hat und diese Generation mit dem Bewusstsein aufgewachsen ist, Kirche sei etwas Besonderes und Heiliges, und man deshalb nicht zur Alltagssprache greift sondern der besonderen Stellung der Kirche auch durch eine „andere Sprache“ , also Hochdeutsch, Ausdruck verleiht[12]. Auffällig ist auch in diesem Zusammenhang, dass jüngere Kirchenbesucher dem Niederdeutschen in der Kirche etwas aufgeschlossener gegenüber stehen als die ältere Generation. Auch diese Tatsache liegt darin begründet, dass die Kirche vor nicht allzu langer Zeit eine besondere Stellung in der Gesellschaft hatte[13]. Auch in diesem Zusammenhang hat Hamburg wieder eine Sonderstellung mit besonders hoher Akzeptanz gegenüber dem Plattdeutschen in der Kirche im Vergleich zu anderen Regionen[14]

[...]


[1] Föllner: Zum Gebrauch des Niederdeutschen in der Gegenwart, Seite 107

[2] Stellmacher: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Seite 29

[3] Stellmacher: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Seite 22

[4] Stellmacher: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Seite 32

[5] Diagramm zur Vermittlung von Niederdeutsch, Anhang Seite 1

[6] Menge: Zum Status des Niederdeutschen, Seite 15

[7] Stellmacher: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Seite 32

[8] siehe Diagramm: Gesprächspartner in der niederdeutschen Kommunikation, Anhang Seite 2

[9] Stellmacher: Wer spricht Platt?, Seite 41

[10] zitiert nach Best: http://www.tagesspiegel.de/kultur/nachrichten/plattdeutsche-buchmesse/79973.asp

[11] http://www.tagesspiegel.de/kultur/nachrichten/plattdeutsche-buchmesse/79973.asp

[12] Stellmacher: Wer spricht Platt? Zur Lage des Niederdeutschen heute, Seite 40

[13] Grosskopf: Wie gefragt ist Niederdeutsch? Das Bedürfnis nach Niederdeutsch in der Kirche, Seite 107

[14] Grosskopf: Wie gefragt ist Niederdeutsch? Das Bedürfnis nach Niederdeutsch in der Kirche, Seite 108

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Funktion und Prestige des Niederdeutschen
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Übung: Standardsprache, Regiolekt und Dialekt
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V129776
ISBN (eBook)
9783640359189
ISBN (Buch)
9783640359516
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Plattdeutsch, Gebrauchssprache, Standardsprache, Sprachkompetenz, Sprachverwendung, Kulturgut, Dialekt, regionale Identität, Institut für niederdeutsche Sprache, Zweisprachigkeit im Kindergarten, Plattdeutsch in der Schule, Regionalsprache, Regiolekt
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Britta Wehen (Autor), 2006, Funktion und Prestige des Niederdeutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129776

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