Unterrichtsentwurf zur Erzählanalyse bei den Buddenbrooks: Narration und Perspektive


Unterrichtsentwurf, 2008

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Entwurf einer fiktiven Unterrichtsreihe „Erzählanalyse“
2.1. Bedingungsanalyse
2.1.1. Notwendige Voraussetzungen und Begründung der Unterrichtsreihe
2.1.2. Einordnung der Doppelstunden in die Unterrichtseinheit
2.1.3. Sachanalyse
2.1.4. Hauptziel der Unterrichtseinheit
2.2. Planung zur Unterrichtsstunde Nr.2
2.2.1. Hauptziel
2.2.2. Feinlernziele
2.2.3. Geplanter Stundenverlauf
2.2.4. Didaktische Strukturierung
2.2.4.1. Sachanalyse
2.2.4.2. Didaktische Analyse
2.2.4.3. Methodische Analyse
2.3. Planung zur Unterrichtsstunde Nr. 4
2.3.1. Hauptziel der Unterrichtstunde
2.3.2. Feinlernziele
2.3.3. Geplanter Stundenverlauf
2.3.4. Didaktische Strukturierung
2.3.4.1. Didaktische Analyse
2.3.4.2. Methodische Analyse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Beschäftigt man sich im Deutschen mit dem „Erzählen“ oder „Erzählungen“, wird man feststellen, dass gewissermaßen in sämtlichen Alltagssituationen erzählt wird: Die Lehrer im Unterricht erzählen genauso etwas, wie die Schüler in der Pause, in Funk und Fernsehen wird erzählt, ebenso innerhalb der Familie oder im Freundeskreis. Mit einer „Erzählung“ ist jedoch unweigerlich eine literarische Erzählung verknüpft. Was aber macht eine literarische Erzählung aus?

Zunächst muss man genau definieren, was der Erzähler in einem Roman, einer Novelle oder ähnlichen Formen eigentlich erzählt. Zur Differenzierung kann Gérard Genette herangezogen werden, der „zwischen narration (dem Erzählakt des Erzählers), discours (der Erzählung als Text bzw. Äußerung) und der histoire (der Geschichte, die der Erzähler in seiner Erzählung erzählt)“[1] unterscheidet. In einem Roman wird darüber hinaus im Gegensatz zu einem Sachbuch eine fiktive Welt entworfen und erzählt, die untrennbar mit dem Erzähltext und der erzählten Geschichte verwoben ist.

Da kein Autor die wirkliche oder fiktive Welt in Gänze wiedergeben kann, hat die erzählte Geschichte auch immer etwas mit Perspektive zu tun, d.h. der Autor wählt bestimmte Aspekte, die er erzählen will, und blendet zahlreiche andere Gesichtspunkte aus.

Ein Erzähler fungiert dabei – in der verbalen Kommunikation wie in der literarischen Erzählung – als Vermittler. „Der Erzähltext gestaltet die erzählte Welt auf der Darstellung- bzw. (Text-)Ebene kreativ und individualistisch um, was insbesondere durch die (Um-)Ordnung der zeitlichen Abfolge in der Präsentation und durch die Auswahl der Fokalisierung (Perspektive) geschieht.“[2]

Diese Konstruktionen von Zeit, Perspektive etc. wirken in spezifischer Weise auf den Leser und sollten daher bei einer Beschäftigung mit erzählenden Texten thematisiert werden.

In der vorliegenden Arbeit soll daher eine fiktive Unterrichtsreihe zur Erzählanalyse der Mann’schen „Buddenbrooks“ entworfen werden. An dieser Einheit soll aufgezeigt werden, welche Möglichkeiten sich bei der Analyse erzählender Texte ergeben. In Bezug auf mediendidaktische Aspekte ergeben sich vielfältige mediale Einsatzmöglichkeiten, so dass im Rahmen der Unterrichtsreihe Medien sowohl als Hilfsobjekte im Unterricht eingesetzt, gleichermaßen jedoch als Lerngegenstand thematisiert werden können[3]. Eine detaillierte erzähltheoretische Analyse bietet zudem die Voraussetzungen für ein anschließendes medienwissenschaftliches Arbeiten, eine Filmanalyse könnte beispielsweise auf eine vorhergehende Erzählanalyse aufbauen.

Die fiktive Unterrichtsreihe, die im Folgenden dargestellt werden soll, orientiert sich an den einschlägigen Werken zu Unterrichtsentwürfen[4]. Hierbei ist zu beachten, dass eine Bedingungsanalyse mit Darlegung der Klassensituation, Lernvoraussetzungen etc. nicht vorgenommen werden kann, ersatzweise wird jedoch erläutert, warum sich Thomas Manns „Buddenbrooks“ zu einer Erzählanalyse besonders eignet und in welcher Jahrgangsstufe die Unterrichtseinheit durchgeführt werden könnte.

Nach einer Übersicht über die komplette Einheit wird jeweils eine Doppelstunde hinsichtlich der formulierten Ziele sowie der didaktischen Strukturierung ausführlich vorgestellt.

2. Entwurf einer fiktiven Unterrichtsreihe „Erzählanalyse“

2.1. Bedingungsanalyse

2.1.1. Notwendige Voraussetzungen und Begründung der Unterrichtsreihe

Zu Beginn dieser Arbeit stellte sich die Frage, warum man Thomas Manns „Buddenbrooks“ überhaupt in der Schule thematisieren sollte.

Manns Werk bietet Schülern die Chance, sich mit einem bedeutenden Stück deutscher Literatur auseinanderzusetzen, Manns Roman wird nicht umsonst als „Jahrhundertroman“ bezeichnet und nicht zuletzt erhielt Thomas Mann für sein herausragendes Werk den Literaturnobelpreis. „Der 1901 erschienene Roman gehört inhaltlich und formal dem 19. Jahrhundert an, repräsentiert und thematisiert aber auch eine Phase des Übergangs. Vorstellungswelten und Denkmuster des Epochenumbruchs vom 19. zum 20. Jahrhundert können […] verdeutlicht werden.“[5] Der Einsatz der „Buddenbrooks“ bietet daher zahlreiche Ansatzpunkte einer textimmanenten Annäherung an das komplexe Werk, wie auch der Beachtung der Philosophie, Kunst und Musik des 19. Jahrhunderts, die ihren Eingang in das Werk gefunden haben. Zahlreiche Verfilmungen legen zudem nahe, eine ausführliche Filmanalyse vorzunehmen, was bezüglich der starken Gewichtung der Medienkompetenz von entscheidender Bedeutung ist. Darüber hinaus bietet der Roman nahezu alle Facetten der erzähltheoretischen Kategorien, so dass diese mit Hilfe des Werkes erschöpfend behandelt werden können.

Anzusetzen ist die Unterrichtsreihe aufgrund der komplexen Zusammenhänge in der Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe bzw. in der Kursstufe in einem Kurs auf grundlegendem Niveau. Je nach den entsprechenden Schwerpunktthemen für das Zentralabitur wäre jedoch auch eine Behandlung in einem Kurs auf erhöhtem Niveau denkbar. In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass das Fach Deutsch im Umfang von vier Stunden pro Woche unterrichtet wird und somit wahrscheinlich zwei Doppelstunden von je 90 Minuten zur Verfügung stehen.

2.1.2. Einordnung der Doppelstunden in die Unterrichtseinheit

Die folgende Übersicht zeigt, wie die jeweiligen Doppelstunden in die Einheit einzuordnen sind. Hervorgehoben sind die Stunden zwei und vier, auf die sich die Kapitel 2.2. und 2.3. beziehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.3. Sachanalyse

Thomas Manns Roman „Buddenbrooks – Verfall einer Familie“ gilt bis in die heutige Zeit als literarischer Meilenstein und findet nach wie vor große Beachtung, denn auch in jüngster Vergangenheit sind Produktionen rund um den Literaturnobelpreisträger Mann und sein ‚Jahrhundertwerk’ entstanden[7].

Die Behandlung des Romans im Unterricht bietet vielfältige thematische Anknüpfungspunkte; in der von uns konzipierten Unterrichtsreihe steht die Erzählanalyse literarischer Texte im Vordergrund. In Thomas Manns Werk lassen sich nahezu alle Facetten der erzählerischen Gestaltung ausmachen, so dass man wichtige Fachbegriffe zur Erschließung von Literatur anhand der „Buddenbrooks“ erarbeiten lassen kann.

In den von uns geplanten Stunden werden den Schülerinnen und Schülern nahezu alle relevanten Erzähl-Kategorien begegnen: Zeit, Modus und Stimme[8].

Die Zeitverhältnisse beim Erzählen lassen sich in erzählte Zeit und Erzählzeit differenzieren. Die erzählte Zeit meint dabei die Dauer der erzählten Geschichte, während die Erzählzeit die Zeit bezeichnet, die zum Erzählen benötigt wird. Aus dem Verhältnis dieser beiden Größen ergibt sich das Erzähltempo. Weiterhin sind die Reihenfolge sowie mögliche Wiederholungen des Erzählten von erzähltheoretischer Bedeutung.

Die Ereignisse, von denen erzählt wird, stehen unweigerlich in einem zeitlichen Nacheinander. Allerdings ist die Reihenfolge, die Ordnung, in der sie erzählt werden, nicht festgelegt. Die Chronologie der Erzählung kann von der Chronologie der erzählten Geschichte abweichen. Tritt dies ein, spricht man von einer narrativen Anachronie, einer Umstellung der chronologischen Ordnung der Ereignisfolge. Eine Rückwendung (Analepse) ist ebenso möglich wie eine Vorausdeutung (Prolepse).

Die jeweiligen Anachronien sind abhängig von der Erzählperspektive: Erfolgen sie aus der Sicht einer handelnden Figur oder aus der Sicht eines souveränen Erzählers (Bezug zu Modus und Stimme)?

Eine Erzählung kann zwar ohne Anachronien auskommen, nicht jedoch auf Veränderungen der Erzählgeschwindigkeit, bei der man zwischen fünf Grundformen unterscheidet: zeitdeckendes Erzählen (Szene), zeitdehnendes Erzählen (Dehnung), zeitraffendes/ summarisches Erzählen (Raffung), Zeitsprung (Ellipse/Aussparung) sowie die Pause.

Zeitdeckendes Erzählen realisiert sich vorwiegend in der direkten Figurenrede. Von zeitdehnendem Erzählen sprechen wir, wenn die für die Darstellung eines Ereignisses verwendete Erzählzeit deutlich länger ist, als die Zeit, die das Ereignis selbst beansprucht. Es findet meist Anwendung, wenn durch Einschübe Vorgänge im Innern von Figuren beschrieben werden.

Zeitraffung liegt dann vor, wenn die Erzählzeit kürzer ist als die erzählte Zeit. Im Wechsel mit der szenischen Erzählung bildet das zeitraffende Erzählen einen für viele Erzählungen typischen narrativen Grundrhythmus.

Mit dem Begriff Ellipse bezeichnet man die Extremform des zeitraffenden Erzählens, bei der ein Ausschnitt der erzählten Zeit übersprungen wird, d.h. die Erzählzeit steht still, während die erzählte Zeit weiterläuft.

Den Gegensatz bildet die Pause, bei der das Erzähltempo extrem verringert wird. Nicht die Erzählzeit, sondern die Geschichte/erzählte Zeit stehen still. Die Pause kann in Form von eingeschobenen Beschreibungen, Kommentaren und Reflexionen des Erzählers vorliegen, die nicht aus der Perspektive einer handelnden Figur erfolgen und somit nicht in die Zeit der erzählten Geschichte eingebunden sind.

Der Modus meint den Grad an Mittelbarkeit (Distanz) und die Perspektivierung (Fokalisierung) einer Erzählung. Folglich muss man klären, wie mittelbar das Erzählte präsentiert wird und aus welcher Sicht erzählt wird.

Die Erzählung von Ereignissen kann mit eher großer oder eher geringer Distanz erfolgen. Bei der Erzählung von Worten ebenso wie bei der Darstellung von Gedanken wird in erzählte Rede, transponierte Rede und zitierter Rede unterteilt. Die zitierte Rede ist dabei am unmittelbarsten, die erzählte Rede am mittelbarsten – die Übergänge sind meist fließend.

Zitierte Figurenrede gesprochener Worte kann als autonome direkte Figurenrede (ohne inquit-Formeln) oder als direkte Figurenrede (mit inquit-Formeln) vorliegen. Bei beiden Figurenreden kommen die Figuren scheinbar ungefiltert und unmittelbar zu Wort.

Bei der erzählten Figurenrede hingegen wird im Extremfall der Inhalt des Gesagten nicht erwähnt, lediglich das Stattfinden eines Gespräches wird genannt. Meist jedoch berichtet der Erzähler von den jeweiligen Gesprächen, der exakte Wortlaut und Sprachstil wird dem Leser nicht vermittelt (Gesprächsbericht).

[...]


[1] Fludernik, Monika: Einführung in die Erzähltheorie (= Einführung Literaturwissenschaft), Darmstadt 2006, S.10.

[2] Ebd., S.15.

[3] zur Unterscheidung siehe Barsch, Achim: Mediendidaktik Deutsch (= UTB 2808), Paderborn 2006.

[4] u.a.: Meyer, Hilbert: Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung, komplett überarb. Neuausg., Berlin 2007; Franke, Almut/ Schramke, Wolfgang: Der schriftliche Unterrichtsentwurf. Ein Leitfaden mit Beispielen aus der Geographielehrer-Ausbildung, Oldenburg 1995.

[5] Diekhans, Johannes (Hg.): Unterrichtsmodell: Thomas Mann. Buddenbrooks (Einfach Deutsch), Paderborn 2006, S. 13.

[6] Abk. für S chülerinnen u nd S chüler

[7] Dreiteiliger Fernsehfilm „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“ von Heinrich Breloer aus dem Jahre 2001 sowie der derzeitig in Produktion befindliche Kinofilm „Buddenbrooks – Ein Geschäft von einiger Größe“, der am 25.Dezember 2008 in den deutschen Kinos starten soll.

[8] Den nachfolgenden Ausführungen liegt, sofern nicht anders angegeben, zugrunde: Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie, 2. durchges. Aufl., München 2000, S.27-95.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsentwurf zur Erzählanalyse bei den Buddenbrooks: Narration und Perspektive
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V129786
ISBN (eBook)
9783640390199
ISBN (Buch)
9783640390366
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählanalyse, Erzählung, narration, histoire, discours, Erzähler, Erzählzeit, erzählte Zeit, Thomas Mann, Fiktivitätsmerkmal, Erzählperspektive, Fokalisation
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Britta Wehen (Autor), 2008, Unterrichtsentwurf zur Erzählanalyse bei den Buddenbrooks: Narration und Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129786

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