In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, in welcher Weise die Schule dazu beiträgt, die zwischen den Geschlechtern existierende Differenzen zu verstärken beziehungsweise hervorzuheben und wie in einer geschlechtersensiblen Pädagogik eine ungewollte Reifizierung von Geschlecht vermieden werden kann.
Der soziale Wandel im 21. Jahrhundert unterliegt vielen Einflussfaktoren – von zunehmender Globalisierung über demografischem Wandel bis hin zur Modernisierung. Der Prozess des Wandels variiert je nach Gesellschaft, auch wenn sich dabei auf der internationalen Ebene Gemeinsamkeiten erkennen lassen. Auch das Verständnis von Geschlecht und die damit verbundenen Rollen haben sich im Laufe der Zeit verändert.
Heute kann man sich in einigen westlichen Ländern ein "drittes Geschlecht" offiziell in den Personalausweis eintragen lassen, was vor einigen Jahren unvorstellbar wäre. Auch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland ist ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft sich von der Heteronormativität und Geschlechterstereotypen loslöst.
Trotz der positiven Entwicklung des Geschlechtsverständnisses in den westlichen Ländern wird das Thema „Geschlecht“ nach wie vor sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Die Zweigeschlechtlichkeit scheint die soziale Ordnung einer Gesellschaft zu dominieren.
Bei der Geburt wird dem Säugling anhand seines Genitals ein Geschlecht zugewiesen: weiblich oder männlich. Wie bereits erwähnt, ist die Eintragung des "dritten Geschlechts" erst seit vor kurzem in einigen Ländern möglich. Dies stellt aber eine Ausnahme dar. Schon mit der Zuweisung eines Geschlechts beginnt die Sozialisation des Kindes. Es eignet sich bestimmte Normen und Werte der jeweiligen Gesellschaft an und lernt, wie es sich zu verhalten hat, um als ein Mann oder eine Frau wahrgenommen zu werden.
Die Zuordnung nach "weiblich" und "männlich" brachte schon immer und bringt immer noch Benachteiligung mit sich, die sich in vielen Bereichen des Lebens beobachten lassen. Beispielsweise verdienen die Frauen in denselben Positionen immer noch weniger als Männer.
Neben der Familie spielt auch die sekundäre Sozialisationsinstanz Schule eine bedeutende Rolle, wenn es um die Entwicklung des Geschlechterbewusstseins bei den Kindern geht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlecht als soziale Konstruktion
2.1. Sex und Gender
2.2. Doing Gender
2.3. Einfluss von Geschlecht auf schulische Lernprozesse
3. Geschlechtsbedingte Benachteiligung im schulischen Kontext
3.1. Forderungen nach Jungenförderung
4. Geschlechtersensibler Unterricht aus Sicht von Plaimauer
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Schule bei der Entwicklung des Geschlechterbewusstseins und analysiert, wie geschlechtersensible Pädagogik dazu beitragen kann, die Reifizierung von Geschlechternormen zu vermeiden und Bildungsungleichheiten abzubauen.
- Soziale Konstruktion von Geschlecht (Sex vs. Gender)
- Prozesse des "Doing Gender" im Schulalltag
- Geschlechtsbedingte Benachteiligung und Förderstrategien
- Methoden und Ansätze für geschlechtersensiblen Unterricht
- Die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit und Sprache in der Schule
Auszug aus dem Buch
2.2. Doing Gender
Eine weitere Theorie von Sex und Gender, die Candace West und Don H. Zimmermann darlegten, lässt die Natur aus dem Spiel und begründet die Konstruktion des Geschlechts anhand der Interaktion. Geschlecht ist hiernach eine Dar- und Herstellung vom Geschlecht im Alltag. Das Wissen darüber, wie man sich als Mann oder Frau zu verhalten hat ist grundlegend für das Haben des Geschlechts. Demnach „hat“ man ein Geschlecht aufgrund des „Tuns“, auch bekannt als „Doing Gender“. Ein Außenstehender kann anhand des dargelegten Verhaltens deuten, ob Mann oder Frau. Die soziale Konstruktion von Geschlecht wird erfasst anhand der Unterscheidung drei voneinander unabhängigen Faktoren. Das körperliche Geschlecht „Sex“, sozial festgelegte biologische Kriterien, die das Geschlecht in männlich und weiblich unterscheiden. Die soziale Zuordnung zum Geschlecht „Sex Category“, die soziale Akzeptanz eines Geschlechts. Die Zuordnung erfolgt im Alltag und wird aufrechterhalten durch die Darstellung, durch eine erkennbare Zuordnung zum bestimmten Geschlecht. Sex wird unterstellt und ersetzt. Das Alltagshandeln wird vom Geschlecht bestimmt, welches die Zugehörigkeit bekräftigt. Das soziale Geschlecht „Gender“, das während der Interaktion intersubjektiv bestätigt und bestimmt wird. Sex und Gender können sich unterscheiden, indem man die soziale Zugehörigkeit beansprucht, obwohl man den biologischen Voraussetzungen nicht entspricht. Das soziale Geschlecht ist eine Handlung, es ist ein Tun. Doing Gender „is to engage in behavior at the risk of gender assessment“ (Faulstich-Wieland & Horstkemper 2012, S. 32 zitiert nach West & Zimmerman 1991, S.23).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des gesellschaftlichen Wandels und der Relevanz des Geschlechterthemas für die sekundäre Sozialisationsinstanz Schule.
2. Geschlecht als soziale Konstruktion: Theoretische Auseinandersetzung mit der Differenzierung von biologischem Geschlecht, Gender und dem performativen Ansatz des "Doing Gender".
3. Geschlechtsbedingte Benachteiligung im schulischen Kontext: Analyse von Leistungsunterschieden, Stereotypen im Lehrberuf und kritische Betrachtung von Fördermaßnahmen für Jungen.
4. Geschlechtersensibler Unterricht aus Sicht von Plaimauer: Darstellung pädagogischer Strategien zur Sensibilisierung für Geschlechterrollen, sprachlicher Diskriminierung und Gruppendynamik.
5. Fazit: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung einer geschlechtersensiblen Haltung zur individuellen Potenzialentfaltung von Kindern.
Schlüsselwörter
Geschlechtersensible Pädagogik, Soziale Konstruktion, Doing Gender, Sex, Gender, Schule, Sozialisation, Geschlechterrolle, Jungenförderung, Unterrichtsplanung, Geschlechtergerechtigkeit, Heteronormativität, Gender Mainstreaming, Stereotype, Bildungsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung des Geschlechts im schulischen Kontext und untersucht, wie eine geschlechtersensible Pädagogik dazu beitragen kann, einschränkende Stereotype zu hinterfragen und die Chancengleichheit zu fördern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die soziale Konstruktion von Geschlecht, das "Doing Gender"-Konzept, geschlechtsbedingte Benachteiligungen (bspw. PISA-Ergebnisse) und konkrete didaktische Anregungen für den Schulalltag.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern Schule existierende Geschlechterdifferenzen verstärkt und wie eine geschlechtersensible Pädagogik eine ungewollte Reifizierung (Verdinglichung) von Geschlecht vermeiden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Seminararbeit, die auf einer Literaturauswertung erziehungswissenschaftlicher Texte (u.a. Faulstich-Wieland, Horstkemper, Plaimauer) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Geschlechterforschung, die empirische Analyse von Benachteiligungen im System Schule sowie die Diskussion pädagogischer Handlungsstrategien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere Doing Gender, Sozialisation, Geschlechterdemokratie, Geschlehtersensible Pädagogik und Heteronormativität.
Warum ist die Sprache in der Schule laut Autorin problematisch?
Die verwendete Sprache (z.B. geschlechtsspezifische Berufsbezeichnungen) kann dazu führen, dass sich Kinder in ihrer Berufswahl und Identitätsbildung eingeschränkt fühlen, da sie unterbewusst Geschlechterzuordnungen zementiert.
Was kritisieren Experten an der aktuellen Jungenförderung?
Kritiker merken an, dass eine spezifische Jungenförderung oft die Geschlechterdifferenzen weiter dramatisiert und es Schülern, die nicht den gängigen Stereotypen entsprechen, noch schwerer macht.
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- Ruslani Balievi (Author), 2021, Geschlechtersensible Pädagogik in der Schule. Möglichkeiten und Grenzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1298436