Sequenzanalyse der Musicalnummer "Make 'Em Laugh" aus dem Film "Singin' in the Rain"


Hausarbeit, 2006

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2. „Singin’ in the Rain“ – Das wohl beste Filmmusical Hollywoods aller Zeiten
2.1 Anfänge und allgemeine Merkmale des Filmmusicals
2.2 Das Filmmusical der 50er Jahre
2.3 Das Showmusical nach Altman

3. Sequenzanalyse zu „Make `Em Laugh“
3.1 Wie gelingt die „dramatische Integration“ der Sequenz in die Rahmenhandlung des
Films?
3.2 Beschreibung der filmischen Handlung
3.3 Ton
3.3.1 Musik
3.3.2 Dialog / Gesang
3.3.3 Geräusche
3.4 Mise-en-scène
3.4.1 Ort / Kulisse / Ausstattung
3.4.2 Einstellungsgrößen
3.4.3 Kameraperspektive
3.4.4 Kamerabewegung

4 Fazit

5 Anhang

6. Quellenverzeichnis
6.1 Bibliographie
6.2 Filmographie
6.3 Sonstige Quellen

1 Einleitung

„Singin’ in the Rain“ – so lautet der Titel des wohl besten Hollywood-Filmmusicals überhaupt, das 1952 als Werk der Regisseure Gene Kelly und Stanley Donen in die Kinos kam. 1982 kürte die Zeitschrift „Sight and Sound’s“ es sogar zum viertbesten Film aller Zeiten. (vgl. Wollen 1997: 9) Das Filmmusical spielt in der turbulenten Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm in den Hollywood-Filmstudios der späten 20er Jahre und gibt in humorvoller, selbstironischer Art die damit verbundenen Umstellungsprobleme wieder. Der romantische Plotteil basiert auf einer sich entwickelnden Liebesgeschichte zwischen dem berühmten Schauspieler Don Lockwood und dem Tanzgirl Kathy Selden, wobei deren Beziehung bis zum Happy End ständig durch echte und befürchtete Trennungen gefährdet ist.

Die Musik zum Film lieferten die Songschreiber Freed und Brown, allerding wurden lediglich zwei Lieder speziell für diesen komponiert; den Rest übernahm man aus früheren Musicals. (vgl. http://www.filmsite.org/sing)

Eines dieser Lieder ist die Solonummer „Make `Em Laugh“ des Darstellers O’Connor alias Cosmo. Seine akrobatische Höchstleistung in dieser Sequenz, die er mit clownesker Mimik und Gestik paart, bleibt wohl jedem Zuschauer im Gedächtnis und bringt ihn zudem ordentlich zum Lachen. Mit welchen filmischen Mitteln gelingt es dem Film O’Connor in dieser Sequenz in Szene zu setzen? Nach Klärung theoretischer Grundlagen zum Genre „Musical“, wird die folgende Sequenzanalyse zu „Make `Em Laugh“ zunächst untersuchen, auf welche Art und Weise die dramatische Integration dieser Showeinlage in die Filmhandlung gelingt. Danach erfolgt die Analyse einiger ausgewählter filmischer Gestaltungsmittel, deren Einsatz es gilt, mithilfe einer „Genre-Motivation“ zu begründen. Inspiration zu dieser Sequenzanalyse lieferte im Übrigen die Analyse zum Titellied des Films, „Singin’ in the Rain“, von Peter Wollen in dessen gleichnamigen Buch.

2. „Singin’ in the Rain“ – Das wohl beste Filmmusical Hollywoods aller Zeiten

2.1 Anfänge und allgemeine Merkmale des Filmmusicals

Das Filmmusical konnte sich erst mit der Ära des Tonfilms etablieren, die 1927 mit dem Film „The Jazz Singer“ einsetzte. 1929 wurde der erste Musikfilm, „The Broadway Melody“, veröffentlicht, wobei die für die ersten Filmmusicals noch typische Broadway-Orientierung bereits am Titel ersichtlich wird. Die frühen Musikfilme wurden damals jedoch keineswegs als „Musical“ bezeichnet, selbst im heutigen Sinne klassische Musicals trugen diese Benennung nicht. Das Wort „musical“ kam erst nur als Adjektiv zur Beschreibung von Komödien, Melodramen u. a. zum Einsatz; als Substantiv und Genrebezeichnung wird es erst seit den späten 30er Jahren verwendet. (vgl. Altman 1999: 31-34) Das Filmmusical diente in der Anfangszeit als Testfeld für viele technische Innovationen Hollywoods, wie z. B. für den Tonfilm oder das Playback-System. (vgl. ebd. 1989: ix)

Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Merkmale des Filmmusicals aufgezeigt werden: Das Genre zeichnet sich durch eine Symbiose aus Schauspiel, Tanz und Gesang aus, wobei die Shownummern, die aus dem Geschehen erwachsen, dramaturgische und ästhetische Höhepunkte in der Rahmenhandlung darstellen. Als in die Handlung integrierte Formen unterbrechen sie dabei die Handlungsdynamik und Erzähllogik des Films nicht. Körpersprache und Tanzbewegungen der Darsteller veranschaulichen die emotionale Aussage des gesungenen Textes oder transportieren zusätzliche Informationen (vgl. Koebner 2002: 398-403) Das Menschenbild im Musical ist von maschineller Perfektion geprägt: Die Filmtechnik ermöglicht es z. B. durch Einsatz von Playback, sowie Erholungs- und Schminkpausen, große Einzelanstrengungen der Schauspieler zu einer Einheit zusammenzufügen und somit menschliche Schwächen auszumerzen.

Für das Musical im Allgemeinen zutreffend, wird dem Genre ein künstliches und somit unglaubwürdiges Wesen zugeschrieben. Die Antirealität liegt ihm als inhaltliches und ästhetisches Konzept zu Grunde, was zur Folge hat, dass Mimik, Gestik und Bewegungen der Darsteller besonders in den Showeinlagen unnatürlich wirken. Das Musical unterliegt einer Eigengesetzlichkeit, die jeglicher Kausalität entsagt. Scheinbare Zufälle werden stets geplant und inszeniert. (vgl. Pollach u. a. 2003: 13-39)

Das Musical im Allgemeinen kann dazu dienen, Musik- und Tanzstile unterschiedlicher Art zusammenzuführen. Thematisch sind ihm keine Grenzen gesetzt; meist wird es jedoch als Komödie konzipiert. Zudem kann es mit anderen Filmgenres, wie z. B. dem Western oder Thriller, kombiniert werden. (vgl. Koebner 2002: 398-403)

2.2 Das Filmmusical der 50er Jahre

Das gleich bleibend hohe Niveau des Hollywood-Musicals der 50er Jahre erreichte man durch eine sorgfältige Produktion: Es wurde viel Zeit und Geld in die aufwendig inszenierten Gesangs- und Tanzpassagen, das Dekor und die Entwicklung der Drehbücher investiert, um eine möglichst große Harmonie von Klang, Farbe, Dekoration und Filmcharakteren herzustellen. Der in dieser Zeit an Bedeutung gewinnende Konkurrent des Filmmusicals, das Fernsehen, galt es durch Originalität und Einfallsreichtum, sowie neue technische Errungenschaften, wie dem Einsatz von Stereo-Ton und Technicolor, zu übertrumpfen. Statt Künstlichkeit sollte nun Realismus die Darstellung beherrschen. Trotz aller Anstrengungen der Filmbranche sanken die Einnahmen, was eine Sparpolitik verbunden mit Stellenabbau zur Folge hatte. Dies ging zu Lasten der Experimentierfreudigkeit der Banche, die man zu einem Großteil einbüßte. (vgl. Jubin 1995: 29-34)

2.3 Das Showmusical nach Altman

Altman unterteilt das Genre „Musical“ in drei Subgenres: Das „Fairy Tale Musical“, das „Show Musical“ und das „Folk Musical“. Da er „Singin’ in the Rain“ dem Showmusical zuordnet, sollen dessen Merkmale nun kurz betrachtet werden: Eine Quelle des Showmusicals ist das amerikanische Vaudeville1. Wie dessen locker aneinander gereihte Lieder, Tänze und artistische Darbietungen, werden im Showmusical kurze komische Episoden in die filmische Rahmenhandlung eingefügt, wobei die Erzählung das „Reale“ und die Nummer das „Ideale“ verkörpert. Die Performance als das Ende der darstellerischen Suche bzw. dessen Strebens steht für die momentane Utopie und Flucht aus der Welt. (vgl. Encarta 2005: Vaudeville)

Die ebenfalls in den USA entstandene Minstrel-Show2 als weitere Inspirationsquelle des Showmusicals liefert das Konzept des so genannten „internen Publikums“. Das externe Filmpublikum wird dabei gezwungen, sich mit einem im Film gezeigten anderen Publikum zu identifizieren. In „Singin’ in the Rain“ ist ein solches internes Publikum z. B. am Filmbeginn zu sehen, als es den roten Teppich bei einer Premierenfeier säumt und alle Schauspieler mit hysterischer Gespanntheit erwartet. Das externe Publikum nimmt jedoch nicht nur wahr wie das interne Publikum eine Show sieht, sondern es hat außerdem die Möglichkeit die Probe zur Show zu betrachten und kann somit sein natürliches Bedürfnis hinter die Kulissen schauen zu wollen befriedigen. Das heißt, die Show selbst verliert ihre Vorrangstellung und statt ihrer rückt die Showproduktion und –überwachung durch eine voyeuristische Kamera in den Vordergrund. Allerdings werden lediglich das höherstufige Produktionspersonal und die –darsteller, nicht die eigentliche Handwerksarbeit, mit einem romantisierten „Mittelklasse-Blick“ gezeigt. (vgl. Altman 1989: 207-212)

Die Burleske3 als dritte Quelle gewann zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg in den USA an Popularität und hat großen Einfluss auf das Geschlechterverhältnis im Showmusical genommen. Frauen werden nicht als eine dem Mann gleichberechtigte Partnerin, sondern vielmehr nur als schöne Tänzerin dargestellt. (vgl. ebd.: 209) Der Mann hingegen ist Regisseur, Produzent, Songschreiber, Lehrer, aber auch Liebender, unfähig sein Objekt der Begierde zu besitzen. Die Frau wird somit auf die Quelle des männlichen Begehrens und auf ein Produkt männlicher Kreativität reduziert. Der Mann als Betrachter konsumiert das Bild der Frau. Wird die Stimmung der Liebenden im Musical wiedergegeben, dann verkörpert die Show eine Paarungsfeier, das Urbild der Vereinigung von Mann und Frau. Oder wie Altman schlicht resümiert: „[...]love is the show[...].“.

Für Altman existiert die Show im Musical unabhängig von individuellen Darstellern, frei nach dem Motto, das auch Cosmo in „Make `Em Laugh“ anführt: „The Show must go on!“ (vgl. Altman 1989: 213-271)

3. Sequenzanalyse zu „Make `Em Laugh“

3.1 Wie gelingt die „dramatische Integration“ der Sequenz in die Rahmenhandlung des Films?

Die Musikeinlagen in „Singin’ in the Rain“ sind nicht nur auf den „Film im Film“ beschränkt, sondern tauchen regelmäßig in der Rahmenhandlung auf; sie „stechen“ gewissermaßen in sie hinein. Diese Art Musik im Filmmusical einzusetzen, geht auf Entwicklungen im Broadway-Bühnenmusical der 1940er zurück: Statt nur Gelegenheit für spektakuläre Tanzeinlagen zu bieten, werden Tänze nun auch in die Handlung integriert, um Stimmungen und Gefühle der Charaktere auszudrücken. Ziel war es eine möglichst große „dramatische Integrität“ zu erreichen. Um diese zu gewährleisten, übertrug man die Verantwortlichkeit für den Tanz im Musical vom „stage director“, vorwiegend für das Schauspiel zuständig, auf den „Choreographen“, der sich speziell dem dramatischen Tanz widmete und bald zur wichtigsten Person der Musicalproduktion aufstieg. (vgl. Wollen 1997: 12) Für den Handlungsfortgang selbst ist eine Musikeinlage, die lediglich die Gefühle der Charaktere reflektiert, nicht relevant und müsste demzufolge „unnatürlich“ auf den Zuschauer wirken. Denn wohl selten fängt eine Person im Alltag auf einmal zu tanzen und singen an, um ihren Gefühlen wiederholten Ausdruck zu verleihen. Mit welchen filmischen Mitteln gelingt die „natürliche“ Integration einer Nummer in die Rahmenhandlung nun in einem konkreten Beispiel wie dem Filmmusical „Singin’ in the Rain“? Im Folgenden sollen zur Klärung dieser Frage die ersten Einstellungen der Sequenz „Make `Em Laugh“ analysiert werden.

In der ersten Einstellung führen Cosmo und Don beim Gang durch das Filmstudio ein Gespräch, in dem Don niedergeschlagen zugibt immer noch an Kathy Selden zu denken, obwohl ihre letzte und einzige Begegnung bereits drei Wochen zurückliegt. Cosmo versucht ihn aufzumuntern und rät ihm Kathy zu vergessen. Genau an dieser Stelle beginnt nun, für den Zuschauer unbemerkt, der gedehnte Übergang von Filmhandlung zu Cosmos Gesangs- und Tanzeinlage. Er schmettert Don die Worte „What's the first thing an actor learns? - The show must go on! Come rain, come shine, come snow, come sleet, the show must go on!“ entgegen und unterstützt diese durch theatralische Armbewegungen. Plötzlich erscheint ein Mann, der eine Garderobe an Don und Cosmo vorbeifährt, im Bild. Rein zufällig, wie dem Zuschauer scheint, doch in Wirklichkeit ein geschickter Schachzug der Regisseure um Cosmo für seine Showeinlage mit dem passenden Accessoire auszustatten: Er nimmt sich einen Hut von der Garderobe, setzt ihn auf und geht zum Klavier, welches durch seine bloße Anwesenheit schon auf eine baldige Musikperformance hinweist. Währenddessen gibt er ein Zitat einer Cavalli-Oper mit künstlich aufgesetzter Stimme zum Besten. In der zweiten Einstellung beginnt Cosmo nun durch Klavierspiel und rhythmisches Sprechen seine Showeinlage einzuleiten. Weitere Rhythmik wird erzeugt, indem er mit seinen Händen und einem Fuß aggressiv auf die Klaviertasten haut und seinen Hut geräuschvoll auf das Klavier wirft. Beim Übergang zur dritten Einstellung springt Cosmo plötzlich auf das Klavier, schreitet anschließend auf der Tastatur entlang und springt am Ende vom Klavier herunter. Genau in dem Moment, als er den Boden berührt, setzt die Musik ein.

Verallgemeinernd kann festgehalten werden, dass besonders die Sprache, Gestik und Mimik der Schauspieler zur „dramatischen Integrität“ einer Musikeinlage in die Rahmenhandlung beitragen. Rhythmisches Sprechen und übertriebene Ausrufe werden durch theatralische, künstlich wirkende Mimik und Gestik verstärkt. Weitere Rhythmik bringen Geräusche wie z. B. das Werfen des Huts oder erste Tanzschritte ins Geschehen. Zunächst wird die eigentliche Musik zur Showeinlage außen vor gelassen. Stattdessen wird nur durch die Schauspieler ein auf die Performance hinführender Rhythmus erzeugt, den dann die später einsetzende Musik übernimmt. Neben den Schauspielern, die durch ihre Äußerungen und Bewegungen auf die Musikeinlage hinweisen, lenkt auch das Dekor die Erwartung der Zuschauer in diese Richtung, wie z. B. das Auftauchen des Klaviers.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sequenzanalyse der Musicalnummer "Make 'Em Laugh" aus dem Film "Singin' in the Rain"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Filmanalyse
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V129869
ISBN (eBook)
9783640366170
ISBN (Buch)
9783640366644
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musical, Singin' in the Rain, Sequenzanalyse
Arbeit zitieren
Cornelia Steinigen (Autor), 2006, Sequenzanalyse der Musicalnummer "Make 'Em Laugh" aus dem Film "Singin' in the Rain", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129869

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