Wozu Europäische Metropolregionen?

Entwicklungsperspektiven der Europäischen Metropolregionen in Deutschland


Bachelorarbeit, 2007
52 Seiten, Note: 2,15

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Einleitung und Vorstellung der Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Das Konzept der Europäischen Metropolregionen
2.1 Definition und Entwicklung
2.2 Funktionen von Metropolregionen
2.3 Die Europäischen Metropolregionen in Deutschland
2.4 Die Rahmenbedingungen der Bildung von Metropolregionen
2.5 Die Akteure in den Metropolregionen
2.6 Die Metropolregionen im Konzept der zentralörtlichen Gliederung und ihre Bedeutung für die deutsche Raumplanung

3 Metropolräume oder Metropolregionen?

4 Verflechtungen der Metropolregionen in Deutschland
4.1 Verflechtungen auf regionaler Ebene
4.2 Verflechtungen auf nationaler Ebene
4.3 Verflechtungen auf transnationaler Ebene

5 Die Zukunft der Europäischen Metropolregionen: Entwicklungsperspektiven
5.1 Kooperation und Konkurrenz
5.2 Die Wissensökonomie als Zugpferd?
5.3 Hat das polyzentrische System der deutschen Metropolregionen Zukunft?
5.4 Internationalität als Chance

6 Schlussbetrachtung
6.1 Zusammenfassung
6.2 Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abb. 1: Die Europäischen Metropolregionen in Deutschland

Abb. 2: Metropolfunktionen in Europa

TABELLENVERZEICHNIS

Tab. 1: Strukturdaten der elf deutschen Metropolregionen

Tab. 2: Die ungleiche Verteilung der Metropolfunktionen

Tab. 3: Arbeitslosenquote

Tab. 4: Bedeutungsvarianten des Begriffs „Region“

Tab. 5: Funktionsprofile deutscher Metropolregionen

1 EINLEITUNG

1.1 Einführung und Vorstellung der Fragestellung

Die Europäische Union besteht seit dem 01. Januar 2007 aus 27 Staaten. Im Zuge dieser politisch motivierten europäischen Integration verlieren die nationalen raum-ordnerischen Gliederungsebenen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig wird die Einheit „Region“1 immer wichtiger, denn Europa soll ein „Europa der Regionen“ werden. Um dies zu erreichen, sieht das „Europäische Raumentwicklungskonzept“ (EUREK) vor, die wirtschaftlichen Potenziale der „Regionen“ innerhalb der EU durch eine polyzentrische und ausgewogene Raumentwicklung zu stärken. (EUROPÄISCHE KOMMISSION 1999, S.67). In einem Wettbewerb der Regionen in Europa nehmen die „Europäischen Metropolregionen“2 eine wichtige Position ein. Ihre Aufgabe ist es, die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf wirt-schaftlicher, sozialer und kultureller Ebene zu stärken.

In Deutschland gibt es seit 2005 offiziell elf Europäische Metropolregionen. Sie scheinen im Trend zu sein, denn diese „Regionen“ erstrecken sich nicht nur auf die großen städtischen Agglomerationen und ihr Umland, wie der Name vermuten lässt, sondern auch zunehmend auf Gebiete, die man traditionell für ländlich halten würde. Doch wer nicht „dazugehört“, hat im Wettlauf um Investoren, Touristen und Unter-nehmen keine Chance, so zumindest scheinen viele Kommunen zu denken. In der Folge hat sich in Deutschland ein Netz von ganz unterschiedlich strukturierten Met-ropolregionen gebildet, welche sich teilweise sogar überschneiden.3

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, was diese Europäischen Met-ropolregionen leisten können. Sind sie nur ein Marketinggag und ein hysterischer Trend, welcher außer einer ehrfurchtgebietenden Bezeichnung nichts weiter zu bie-ten hat, und können diese Metropolregionen überhaupt Vorteile für ihre Mitglieds-kommunen bringen? Wozu können sie tatsächlich dienen? Die Grundlage der Be-trachtung bildet dabei die komplizierte Struktur der Verflechtungen, sowohl inner-halb der Metropolregionen als auch zwischen diesen auf nationaler und internationa-ler Ebene.

Abb. 1: Die Europäischen Metropolregionen in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Planungsverband Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main (2007): http://www.planungsverband.de/index.phtml?sNavID=1169, 01.06.07)

1.2 Aufbau der Arbeit

Nach dieser Einführung wird zunächst das Konzept der „Europäischen Metropolre-gionen“ vorgestellt, wie es von der „Ministerkonferenz für Raumordnung“ (MKRO) und dem „Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung“ (BBR) vertreten wird. Zu diesem Zweck wird versucht, eine Definition des Begriffs „Metropolregion“ zu ge-ben, danach werden die Entwi]cklung und die Funktionen der Metropolregionen vor-gestellt. Anschließend erfolgt eine Erläuterung der Rahmenbedingungen ihrer Bil-dung. Darüber hinaus werden die Akteure, welche am Geschehen in den Metropolre-gionen beteiligt sind, kurz vorgestellt. Dieses Kapitel schließt mit der Einordnung der „Europäischen Metropolregionen“ in das Konzept der zentralen Orte der deutschen Raumplanung. Diese politisch-raumplanerische Perspektive wird anschließend durch ein Kapitel ergänzt, in dem der Begriff der Metropolregion aus geographisch- wissenschaftlicher Sicht betrachtet wird. Im fünften Kapitel werden die Arten der wirtschaftlichen Verflechtungen, in welche die Regionen eingebunden sein können, skizziert. Dies dient als Grundlage für das folgende Kapitel, in dem einige Entwick-lungsperspektiven der Metropolregionen untersucht werden. Bezug genommen wird dabei auf aktuelle Diskussionen innerhalb der Forschung. Es werden die Fragen ge-stellt, ob ein Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz innerhalb wie auch zwischen den Metropolregionen erreicht werden kann, inwieweit die polyzent-rale Struktur des deutschen Städtesystems ein Vor- oder Nachteil für die Metropolre-gionen in Deutschland ist und ob die vielbeschworene „Wissensökonomie“ ein be-deutender Standtortfaktor sein kann. Darüber hinaus wird das Thema Internationali-tät angesprochen und die Möglichkeiten skizziert, die sich daraus für die Metropol-regionen ergeben. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung und einem Fazit.

2 DAS KONZEPT DER EUROPÄISCHEN METROPOLREGIONEN

2.1 Definition und Entwicklung

Ausgangspunkt dafür, dass wir heute von Metropolregionen sprechen können, sind die Metropolisierungsprozesse, welche im Zusammenhang mit der industriellen Re­volution im 18. und 19. Jahrhundert einsetzten. Die Industrie benötigte für den Im-und Export der produzierten Güter ein gutes und verlässliches Transportsystem. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Eisenbahn. Eine gute Infrastruktur war vor allem in den städtischen Zentren zu finden, was dazu führte, dass es dort zu einer Agglomera­tion von Industriebetrieben kam. Gleichzeitig wuchs die Nachfrage nach Arbeitskräf-ten immer weiter. Von der Aussicht auf Arbeitsplätze anzogen und begünstigt durch besser werdende Verkehrsverbindungen, zogen immer mehr Menschen in die Städte. Diese wuchsen schnell und erreichten vorher nie gekannte Einwohnerzahlen. Ausge-hend von Großbritannien, dem Pionier der industriellen Revolution, verbreitete sich dieses Städtewachstum, auch als „Metropolisierungswelle“ bezeichnet, zunächst auf die aufstrebenden Industrieländer Europas und die USA. Ab Mitte des 20. Jahrhun-derts wurde dieser Prozess zu einer weltweiten Erscheinung (GÖDDECKE-STELLMANN et al. 2000, S. 647ff.).

Die Metropolen blieben jedoch nicht von den Suburbanisierungstendenzen ver-schont, welche im 20. Jahrhundert einsetzten. Der dadurch eingeleitete Bedeutungs-verlust der Kernstädte führte zu einem Bedeutungszuwachs des suburbanen Raumes.

Die Vernetzung des Stadtzentrums mit seinem Umland durch Informations- und Transportsysteme führte zu einer stärkeren Verflechtung der „Metropole“ mit der sie umgebenden „Region“ und somit zur Vorstellung von „Metropolregionen“.

Es stellt sich nun die Frage, welche Bedeutung sich hinter dem Begriff Metropolre-gion verbirgt. Wie bereits beschrieben setzt sich das Wort aus den Bestandteilen „Metropole“ und „Region“ zusammen. „Metropole“ stammt aus dem Griechischen und ist eine Zusammensetzung aus „mätär“ und „polis“, übersetzt bedeutet das „Mut-terstadt“. In der Antike wurde diese Bezeichnung für Städte verwendet, welche sel-ber Kolonien gründeten (BOMBA/FROMMER 2004, S. 4). Heute gibt es keine ein-deutige Definition des Begriffs, in der Regel wird er jedoch auf einwohnerstarke Städte angewendet, die politisch oder wirtschaftlich bedeutender sind als andere Städte eines Landes. Der zweite Wortbestandteil, „Region“, stammt vom lateinischen Wort „regio“, was soviel bedeutet wie Bezirk oder Landschaft. Darunter wird meist ein räumlich klar abgrenzbares Gebiet unterhalb der Ebene des Staates verstanden (KNEMEYER 1994, S. 25f.). Da der Begriff „Region“ oft beliebig verwendet wird, ist eine genauere Untersuchung notwendig. Diese wird in Kapitel 3 durchgeführt.

Nach Göddecke-Stellmann und Adam wird mit dem Begriff der Metropole eine in wirtschaftlicher, kultureller und politischer Hinsicht führende Stadt innerhalb eines Landes verstanden (ADAM/GÖDDECKE-STELLMANN 2002, S. 513). Zu beach-ten ist, dass eine Metropole nicht zwingend auch eine „Global City“ ist. Nach Sassen sind letzteres Städte, die im Zentrum eines neuen transnationalen Städtesystems ste-hen und in denen sich Steuerungsfunktionen für Dienstleistungs- und Industrieunter-nehmen sowie unternehmensorientierte Dienstleistungen konzentrieren. Eine Metro-pole hat aber in erster Linie eine Bedeutung für die „Region“, in der sie sich befindet. Inwieweit die Voraussetzungen für eine „Global City“ erfüllt sind, muss jeweils ü-berprüft werden. Es lässt sich eine Abhängigkeit der Metropole von der Region fest-halten. Daraus zu schließen, dass der Begriff der „Metropolregion“ grundsätzlich zutreffender ist als der der Metropole, ist sicherlich verständlich (ADAM/ GÖDDECKE-STELLMANN 2002, S. 513f.).

Doch was wird heute in der Raumplanung unter Europäischen Metropolregionen verstanden? Der Begriff als solcher ist noch relativ neu und wurde erst 1995 durch den Beschluss der MKRO zum „Raumordnerischen Handlungsrahmen“ eingeführt (BUNDESMINISTERIUM FÜR RAUMORDNUNG 1995, S. 28). Als Hintergrund für diese Einführung kann die wachsende Bedeutung der europäischen Raumord-nungspolitik für die Raumordnungspolitik Deutschlands gesehen werden. 1995 wur- den zunächst sieben Europäische Metropolregionen von der MKRO in Deutschland ausgewiesen. Diese sind Berlin-Brandenburg, Hamburg, Rhein-Ruhr, Rhein-Main, Stuttgart und München, 1997 kam das Sachsendreieck4 dazu. In einem weiteren Schritt wurden im Jahr 2005 noch Bremen-Oldenburg, Hannover-Göttingen-Braunschweig sowie Rhein-Neckar und Nürnberg in den Kreis der Metropolregionen aufgenommen (BLOTEVOGEL 2007, S. 2). Im gleichen Jahr wurden auch die Leit-bilder und Handlungsstrategien der Raumentwicklung in Deutschland durch die MKRO neu formuliert. Die drei Bereiche „Wachstum und Innovation“, „Daseinsvor-sorge“ und „Ressourcen bewahren“ sollen die Eckpfeiler der zukünftigen Entwick-lung darstellen. Besonders Metropolregionen wird bei der Erreichung von Wachstum und Innovation große Bedeutung beigemessen (IKM 2006a, S. 2).

Der Begriff der Europäischen Metropolregion wird von der MKRO und dem BBR dabei folgendermaßen definiert:

„Metropolregionen sind räumliche und funktionale Standorte, deren heraus-ragende Funktion im internationalen Maßstab über die nationalen Grenzen hinweg ausstrahlen. Als Motoren der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, so-zialen und kulturellen Entwicklung sollen sie die Leistungs- und Konkurrenz-fähigkeit Deutschlands und Europas erhalten und dazu beitragen, den euro-päischen Integrationsprozess zu beschleunigen.“ (BUNDESMINISTERIUM FÜR RAUMORDNUNG 1995, S. 28)

Diese Definition macht deutlich, dass eine entwicklungspolitische Zielsetzung vor-folgt wird, gleichzeitig aber auch eine Standortpolitik vertreten wird, welche auf die internationalen Verflechtungen der Metropolregionen ausgelegt ist (BLOTEVOGEL 2007, S. 3f.). Erkennbar ist, dass die Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung ein wichtiges Ziel des Konzeptes der Europäischen Metropolregionen ist.

Die Abgrenzung und Einordnung der Metropolregionen gestaltet sich derzeit noch schwierig. Es gibt keine allgemein akzeptierten Definitionen und Kriterien (KUNZMANN 2002 S. 341). Der Begriff Metropolregion hat, so viel kann man si-cher sagen, einen funktionalen wie auch einen räumlichen Bezug. Nach Heinrich Blotevogel besteht eine Metropolregion aus einer oder mehreren naheliegenden Großstädten und dem mit diesen verflochtenen Umlandgebieten. Problematisch wird die räumliche Perspektive, wenn, wie es derzeit zu beobachten ist, immer mehr Um-landkommunen versuchen sich der Metropolregion anzuschließen. Wahrscheinlich erhoffen sich die Kommunen, an den erwarteten Wachstumsimpulsen der Metropol- region teilzuhaben (BLOTEVOGEL 2007, S. 3). Diese Entwicklung muss kritisch betrachtet werden, denn es stellt sich zu Recht die Frage, was beispielsweise am Landkreis Uckermark noch metropolitan ist.5

Ein sinnvoller Weg zur Abgrenzung der Metropolregionen besteht möglicherweise darin, die funktionalen wirtschaftlichen Verflechtungen unabhängig von den politi-schen und administrativen Grenzen zu betrachten. Dieser Logik folgend sind Metro-polregionen Knoten in einem von der Fläche unabhängig gemachten Raum. Der Raum wird wiederum durch Netzwerkbeziehungen bestimmt. (FICHTER 2002, S. 313). Diese Betrachtungsweise ignoriert allerdings die Tatsache, dass administrative Grenzen existieren und mit ihnen zwangsläufig umgegangen werden muss.

2.2 Funktionen von Metropolregionen

Es herrscht, zumindest in der Raumplanung, mittlerweile ein großer Konsens über die Funktionen von Metropolregionen. Nach Heinrich Blotevogel lassen sich drei typische Funktionen erkennen, welche jedoch nicht unabhängig voneinander sind und sich gegenseitig beeinflussen (KUJATH 2002a, S. 290ff.). Es sollte bei der Be-trachtung dieser Funktionen im Hinterkopf behalten werden, dass es bei ihnen um die Bedeutung als Impulsgeber für die politische, wirtschaftliche und soziale Raument-wicklung geht und nicht die Versorgung privater Haushalte im Sinne des „Zentrale-Orte-Konzeptes“6 im Vordergrund steht (BLOTEVOGEL 2002a, S. 346). Ein direk-ter Zusammenhang zwischen der Bevölkerungszahl und der Metropolfunktion lässt sich daher nicht annehmen.

Entscheidungs- und Kontrollfunktion

Metropolregionen sind oft Sitze von Führungsabteilungen großer nationaler und transnationaler Unternehmen. Sie erfüllen eine „Headquarter“-Funktion7. Daneben konzentrieren sich auch Einrichtungen des Finanzwesens wie Banken und Börsen. Des Weiteren sind hier verstärkt staatliche Stellen sowie Einrichtungen internationa-ler Organisationen, beispielsweise der UNO oder der EU, zu finden. Die Anzahl der Entscheider, die in einer Metropolregion anwesend sind, legt den Grad der Entschei-dungs- und Kontrollfunktion fest (BLOTEVOGEL 2002a, S. 346f.). Die Metropolre- gion Rhein/Main mit Frankfurt als Zentrum ist ein geeignetes Beispiel für eine Met-ropolregion mit bedeutenden Stärken in diesem Funktionsbereich.8

Innovations- und Wettbewerbsfunktion

Hierbei ist die Rolle der Metropolregionen als Motoren des wirtschaftlichen Wandels und des Wachstums von Bedeutung. Um diese Rolle auszufüllen, ist eine bestimmte Dichte an Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen, wie Universitäten oder wis-sensintensive Dienstleister, notwendig, damit eine Atmosphäre der Kreativität ge-schaffen werden kann (ADAM 2006, S. 15). Diese Dichte ist in Metropolregionen häufig besonders groß. Das fördert die Schaffung und Verbreitung von Wissen sowie geistigen Strömungen. Zu diesem Funktionsbereich gehören aber auch soziale und kulturelle Innovationen, die durch das verstärkte Vorhandensein von Theatern, Mu-seen und ähnlichen Einrichtungen in der Metropolregion angeregt werden (IKM 2003, S. 22). Darüber hinaus bieten Metropolregionen die infrastrukturellen Voraus-setzungen zur Ausrichtung von sportlichen und kulturellen Großveranstaltungen. Junge, kreative Wissenschaftler und Führungskräfte werden durch diese Angebote in die Metropolregionen gelockt, wo sie zu Innovationen beitragen (ADAM 2006, S. 15).

Gateway-Funktion

Unter Gateway-Funktion versteht man die Eigenart von Metropolregionen, als Kno-ten im Siedlungs- und Verkehrssystem zu fungieren (IKM 2003 S. 22). Dies gilt so-wohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene. Deutlich wird dieser Funkti-onsbereich besonders durch die hochrangige Verkehrsinfrastruktur, die typisch für Metropolregionen ist. Ein Netzwerk aus internationalen Flughäfen, Eisenbahnsyste-men und Autobahnen sorgt für eine gute Erreichbarkeit und Anbindung an anderen „Zentren“ der Welt (ADAM 2006, S. 15). Aber mit der Gateway-Funktion ist auch der Zugang zu Wissen und zu Märkten gemeint. Kennzeichnend für den Wissenszu-gang ist die Existenz von Bibliotheken und Medieneinrichtungen wie Fernsehanstal-ten oder Radiosendern sowie großen Bildungseinrichtungen wie Hochschulen. Im Hinblick auf den Zugang zu Märkten sind vor allem Messen und Kongresse zu er-wähnen. (IKM 2003, S. 22). Deutlich wird dabei eine teilweise Überschneidung mit dem Bereich der Innovations- und Wettbewerbsfunktion.

Aktuell wird von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung empfohlen, eine vierte Funktion in die Diskussion einzubeziehen: die Symbolfunktion . Zu dieser Funktion gehört das Erscheinungsbild der Metropolregion, also die Gestalt der Kern-stadt (möglicherweise symbolisiert durch die Skyline), das Image der Metropolregi-on sowie die „Kultur“9 (BLOTEVOGEL 2007, S. 4). Ob diese vierte Funktion in der Raumplanung eine ähnliche Akzeptanz erfahren wird wie die anderen Funktionen muss sich noch zeigen.

Die oben genannten Funktionen lassen sich nicht nur in Metropolregionen finden. Dort ist aber eine Konzentration dieser Funktionen erkennbar. Vor dem Hintergrund, dass immer noch der Grundsatz für die deutsche Raumplanung gilt, gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet zu schaffen, muss eine solche Konzentration jedoch kritisch betrachtet werden. Der Grund für ihre Existenz liegt in erster Linie in den Agglomerationsvorteilen, die sich aus der Konzentration ergeben (BLOTEVOGEL 2002a, S. 346).

- Wirtschaftliche Agglomerationsvorteile werden durch die räumliche Bünde-lung von Aktivitäten derselben oder verschiedener Wirtschaftszweige in der Metropolregion erzeugt. Heinrich Blotevogel zufolge ergeben sich positive externe Skaleneffekte10, die zu einer höheren Arbeits- und Kapitalproduktivi-tät von Betrieben in Metropolregionen führen und in der Folge auch zu Wett-bewerbsvorteilen (BLOTEVOGEL 2002a, S. 346).

Dazu kommt, dass durch die große Anzahl von Dienstleistern im Informati-onsbereich eine hohe Kommunikationsdichte erzeugt wird, welche die Kosten für den Transfer und die Gewinnung von Informationen reduziert und die Ge-schwindigkeit ihrer Verbreitung erhöht (KUJATH 2002a, S. 290f.). Außer-dem führt die Ballung von Wissen und qualifizierten Arbeitskräften zu Über-tragungseffekten zwischen den Unternehmen.

- Agglomerationsvorteile auf sozialer Ebene können durch eine große Anzahl an kulturellen Einrichtungen und privaten wie auch öffentlichen Dienstleis-tungsangeboten erreicht werden. Hochqualifizierte und erfolgsorientierte Ar-beitskräfte werden verstärkt in die Metropolregionen gelockt. Darüber hinaus bieten sich besonders gute Möglichkeiten für „face to face“ - Kontakte, also persönliche Kontakte ohne Zuhilfenahme technischer Lösungen. Das fördert den Aufbau von Vertrauen und Sicherheit und erleichtert die Verbreitung von Wissen und Informationen (BLOTEVOGEL 2002b, S. 2). Von einigen Auto-ren wird die Ansicht vertreten, dass es angesichts immer neuer Kommunika- tionstechnologien und der damit einhergehenden Abnahme der Bedeutung physischer Nähe zu Dekonzentrationserscheinungen innerhalb der Metropol-regionen kommen müsste (DANIELZYK/OßENBRÜGGE 2003, S. 18f.). Die Vorteile von „face to face“ - Kontakten können eine Erklärung sein, warum dies nicht passiert.

Diesen positiven Agglomerationseffekten stehen auch negative gegenüber. Das wirft die Frage auf, inwieweit eine Konzentration von Funktionen in den Metropolregio-nen überhaupt sinnvoll ist. Negative Effekte sind beispielsweise höhere Steuern und Abgaben, hier kann aber auch die Präferenz zum Wohnen im Grünen genannt wer-den. Dazu kommen ökologische Belastungen, beispielsweise durch den Verkehr und die Luftverschmutzung durch die Industrie. Eine Bilanzierung von Vor- und Nachtei-len lässt nach Ansicht Blotevogels zumindest für weite Teile des verarbeitenden Ge-werbes und des Handels Standorte im suburbanen bzw. ländlichen Raum günstiger erscheinen (BLOTEVOGEL 2002a, S. 346f.). Man kann also annehmen, dass sich in Metropolregionen in erster Linie Agglomerationsvorteile für den Dienstleistungsbe-reich ergeben.

2.3 Die Europäischen Metropolregionen in Deutschland

Nach der Erläuterung der für die Metropolregionen kennzeichnenden Funktionen ist es an dieser Stelle notwendig, den Blick gezielt auf die Metropolregionen in Deutschland zu lenken.

Tab. 1: Strukturdaten der elf deutschen Metropolregionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung, nach: Initiativkreis Europäische Metropolregionen in Deutschland IKM (Hrsg.) (2006): Regionales Monitoring 2006 , Stuttgart)

In Tabelle 1 sind die bereits in der Einleitung erwähnten Metropolregionen mitsamt einiger wichtiger Strukturdaten zu finden. Beim Blick auf diese Tabelle wird deut-lich, dass die deutschen Metropolregionen in keiner Weise homogen sind. Sie unter-scheiden sich strukturell zum Teil stark. Und das, obwohl im „Raumordnerischen Handlungsrahmen“ der MKRO verschiedene Merkmale festgelegt wurden, die für die Aufnahme in den Kreis der Metropolregionen notwendig sind:

- ein kulturelles Angebot mit internationaler Bedeutung
- Einrichtungen im Bereich Forschung und Wissenschaft
- Funktion eines Entscheidungszentrums auf wirtschaftlicher wie auch politi-scher Ebene
- eine angemessene Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl
- Bedeutung als Knotenpunkt im europäischen Verkehrssystem
- Finanz- und Dienstleistungszentrum mit Messen (BUNDESMINISTERIUM FÜR RAUMORDNUNG 1995, S. 28)

Die strukturellen Unterschiede sind, wie bereits erwähnt, groß. Die Metropolregio-nen unterscheiden sich hinsichtlich der Bevölkerungszahl, der Bevölkerungsdichte und der Fläche. So leben in der Metropolregion Rhein/Ruhr beispielsweise über 11,5 Millionen Menschen auf einer Fläche von 10.819 km2. Das entspricht einer Bevölke-rungsdichte von ca. 1064 Einwohnern/km2. Im Vergleich dazu hat die Metropolregi-on Hamburg eine Fläche von fast 19.801 km2 bei 4,1 Millionen Einwohnern, was einer Dichte von 214 Einwohnern/km2 entspricht. Die Zahlen lassen vermuten, dass es große Unterschiede im Hinblick auf den Grad der Verstädterung gibt. So ist die Metropolregion Rhein/Ruhr im Wesentlichen auf die Kernstädte und das suburbane Umland beschränkt, während die Metropolregion Hamburg auch große ländliche Gebiete einschließt.

Auch die Funktionsprofile der deutschen Metropolregionen unterscheiden sich deut-lich voneinander (KUJATH 2002b, S. 328). Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass das deutsche Städtesystem eine flache Hierarchie aufweist. Es hat sich ein System der funktionalen Arbeitsteilung in diesem polyzentrischen Städtesystem entwickelt, wobei die Metropolregionen sich auf bestimmte Funktionsbereiche spezi-alisiert haben und dort zum Teil auch internationale Spitzenpositionen einnehmen.11 Der Grund für das polyzentrische System liegt in der deutschen Geschichte.

[...]


1 Eine Betrachtung des Begriffs „Region“ aus wissenschaftlicher Sicht erfolgt in Kapitel 3.

2 Im Folgenden werden die „Europäischen Metropolregionen“ auch kurz als „Metropolregionen“ bezeichnet.

3 Ein Beispiel dafür ist der Landkreis Cuxhaven. Er gehört sowohl zur Metropolregion Hamburg wie auch zur Metropolregion Bremen-Oldenburg

4 Kernstädte des Sachsendreiecks sind Halle, Leipzig und Dresden.

5 Der Landkreis Uckermark gehört zur Metropolregion Berlin-Brandenburg. Er hat eine Bevölke-rungsdichte von 45 Einwohnern/km2 die größte Stadt hat etwa 37.000 Einwohner.

6 Näheres zu diesem Konzept in Kapitel 2.6.

7 Als „Headquarter“ kann ein Unternehmensteil verstanden werden, der Führungsentscheidungen trifft, die für das ganze Unternehmen bindend sind.

8 Frankfurt ist beispielsweise Sitz der Deutschen Bundesbank, der KfW Bank, der Europäischen Zent-ralbank und zahlreicher Privatbanken. Die Deutsche Börse AG hat hier ihren Sitz, die Autokonzerne Fiat und KIA sind mit ihren Deutschland-Zentralen vertreten.

9 Der Begriff ist für die Anwendung in diesem Kontext allerdings noch nicht ausreichend definiert.

10 Als Skaleneffekte oder „economies of scale“ wird die Abhängigkeit der Produktionsmenge von den verwendeten Produktionsfaktoren beschrieben.

11 Ein Beispiel ist Frankfurt/Main als bedeutender Standort für Finanzdienstleistungen

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Wozu Europäische Metropolregionen?
Untertitel
Entwicklungsperspektiven der Europäischen Metropolregionen in Deutschland
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Geographie)
Note
2,15
Autor
Jahr
2007
Seiten
52
Katalognummer
V129976
ISBN (eBook)
9783640360482
ISBN (Buch)
9783640360222
Dateigröße
1014 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wozu, Europäische, Metropolregionen, Entwicklungsperspektiven, Europäischen, Deutschland
Arbeit zitieren
B.A. Sascha Ehrenberg (Autor), 2007, Wozu Europäische Metropolregionen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129976

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