Philosophische Anthropologie in der Neuzeit


Referat (Ausarbeitung), 2009

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Naturauffassungen in der Renaissance - Beginn der Neuzeit
2.1 Mirandola - „Über die Würde des Menschen“

3. Alexander Pope - "Essay on Man"

4. Immanuel Kant - Eine neue Epoche der Anthropologie

5. Naturalismus
5.1 Feuerbach - Anthropologie als Zentrum der Philosophie

6. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Diese Ausarbeitung konzentriert sich auf den Beitrag zur Entwicklung der philosophischen Anthropologie vier wichtiger Philosophen. Zu Beginn der Neuzeit, in der Renaissance wird erstmals auch auf den Menschen an sich geschaut. Nicht mehr nur auf das Übermenschliche, Göttliche. Die Aufgabe und Stellung des Menschen in der Welt wird durch den Abschnitt über Pico della Mirandola erläutert. Nach einer Pause von ca 250 Jahren bringt Alexander Pope ähnliche Fragen ans Licht, verfasst Antworten in seinem "Essay on man", welchem das folgende, dritte Kapitel gewidmet ist. Durch Kant entsteht eine ganz neue, bisher unbekannte Epoche der Anthropologie. Es wurde übergegangen vom "leichten" Blick auf den Menschen als handelndes Wesen zum Menschen als moralisch frei handelndes, vernunftbegabtes Wesen. Das Reich Gottes wird als Alleinherrschaft des reinen Religions-/Vernunftglaubens angesehen, der den Kirchenglauben (historischer Glaube) vollständig verdrängt hat. Abschließend folgt ein Kapitel zum Naturalismus in Ausführung anhand Ludwig Feuerbachs Philosophie, welche Gottes Eigenschaften als eigentlich menschliche, nuraufGott projizierte Eigenschaften sieht.

2. Naturauffassungen in der Renaissance - Beginn der Neuzeit

Die Anthropologie der Neuzeit beginnt durch den Bruch der ausschließlichen Transzendenz­gerichtetheit während der Renaissance (ca. 15.-16.Jahrhundert). Es herrscht eine humanistische Naturauffassung vor. Gianozzo Manetti (1396-1459) führt in seinem Werk „Über die Würde und Erhabenheit des Menschen“ die wichtigste und verbreitetste Sicht auf den Menschen und die göttliche Schöpfung zu Beginn der Renaissance an:

Die von Gott unvollkommen geschaffene Welt soll durch den Menschen und vom Menschen durch Häuser, Städte usw. verschönert und somit zur endgültigen Vollkommenheit geführt werden. Der Mensch ist auch Schöpfer, er ist ein Mitarbeiter Gottes. Die menschliche Weisheit ist die Fähigkeit nach der Ordnung von Gottes Schöpfung zu handeln[1] [2].

2.1 Pico della Mirandola - „De hominis dignitate“

Das erste für lange Zeit sehr bedeutende Werk der philosophischen Anthropologie wurde 1486 von Pico della Mirandola unter dem Titel „De hominis dignitate“ (lat.: Über die Würde des Menschen) veröffentlicht. Laut Mirandola schuf Gott die Welt zuerst mit Engeln, Tieren und Pflanzen, doch zuletzt „wünschte der Baumeister, es möge jemand da sein, der die Vernunft eines so hohen Werkes nachdenklich erwäge, seine Schönheit liebe, seine Größe bewundere (S.9).“ Nun hatte er aber alle Schätze verteilt, alle Plätze des Weltkreises waren belegt, doch es wäre unangemessen gewesen, hätte er bei der letzten Schöpfung versagt, als wären seine Kräfte verbraucht. Es wäre unangemessen, müsste der zukünftige Bewunderer des großen Ganzen die „göttliche

Freigebigkeit (S.10)“ bei allen anderen Geschöpfen loben und bei sich selbst verdammen. Also schuf Gott etwas, das jenes als „Gemeinbesitz [haben sollte, welches] den Einzelwesen ein Eigenbesitz war (S.10).“

Der Mensch bekam keinen bestimmten Wohnsitz, keine besondere Gabe. Er solle nach freiem Willen die eigene Lebenswelt durch Geschick gestalten. Ihm steht es frei, in die „Unterwelt des Viehes zu entarten [oder sich] in die höhere Welt des Göttlichen [...] zu erheben (S.11).“

Dies sei nach Mirandola „die höchste Freigebigkeit [des] Gottvaters und das höchste Glück des Menschen (S.10)“. Im Menschen liegen die „Samen aller Möglichkeiten und die Lebenskeime jeder Art (S.11).“

Pflegt er nur die des Wachsens, wird er nicht mehr als eine Pflanze werden, pflegt er nur die sinnlichen Keime, wird er stumpf wie ein Tier. Bei der ausschließlichen Pflege der rationalen, wird er zum himmlischen Wesen und bei der Pflege der intellektualen wird der Mensch ein Engel und Gottes Sohn. Der Mensch ist also die bewundernswerteste Schöpfung Gottes. Er hat einen freien Willen, ist geschickt und hat somit als einziges Wesen die Möglichkeit zur Gestaltung der eigenen Lebenswelt.

Nach Mirandola wurde die Welt nicht unvollkommen geschaffen, der Mensch ist nicht als „Mitarbeiter“(vgl. Manetti) Gottes geschaffen worden. Er kann zwar seine Lebenswelt nach eigenem Belieben gestalten, doch ist es nicht seine Aufgabe. Er ist lediglich Beobachter der wunderbaren Schöpfung Gottes, um ihre Schönheit zu erkennen und ihre Größe zu bewundern.[3]

3. Alexander Pope - „Der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste“

Das nächste wichtige Werk der philosophischen Anthropologie erschien erst ca. 250 Jahre später (1733) von Alexander Pope. Dieser hatte sich zuvor bei Dichtern unbeliebt gemacht. Mit seinem neuen Werk brachte er nun auch die Christen gegen sich auf. Aus diesem Grund veröffentlichte er sein "Essay on man" zunächst anonym und bei einem anderen Verlag, als seine bisherigen Schriften. So kam es, dass einige seiner stärksten Gegner (z.B. Leonard Welsted, Bezaleel Morrice) das Werk in höchsten Tönen lobten, ehe sie erfuhren, wer der Verfasser war. Nach der Enttarnung konnten jene sich ohne Gesichtsverlust nicht mehr von ihrer ursprünglichen Ansicht distanzieren. So wurde das "Essay on Man" international berühmt. Pope -der ein Lieblingsdichter Kants war- greift darin auch viele Gedanken Pascals auf.

Das englische Lehrgedicht besteht aus 4 Briefen, welche in der deutschen Übersetzung die folgenden Titel tragen:

Brief I: Von der Natur und Stellung des Menschen im Verhältnis zum Universum

Brief II: Erörterung über die Natur und Stellung des Menschen hinsichtlich seiner selbst als Individuum

Brief III: Erörterung der Natur und Stellung des Menschen in Bezug auf die Gesellschaft Brief IV: Erörterung der Natur und Stellung des Menschen hinsichtlich des Glücks.

Um Popes Sicht auf den Menschen näher darzustellen, werden im Folgenden einige Merkmale des Menschen aus dem "Essay on Man" herausgearbeitet.

Zu Beginn des ersten Briefes widerspricht Pope der damaligen, allgemeinen Ansicht, der Mensch sei der Herrscher der Welt. Er behauptet, der Mensch sei Sklave Gottes.

Der Mensch solle die Zukunftsblindheit als Gabe sehen, denn würde er mehr erkennen, würde er unglücklich. Würde ein Pferd bspw. erkennen, warum wir es antreiben und zügeln, würde es sich wehren oder wäre unglücklich. Die Natur ist unvollkommen, wie der Mensch und das Tier auch. Aber die allgemeine Ordnung bleibt, was immer geschieht, erhalten.

Menschen wünschen sich selber immer intelligenter oder gar Engel zu sein, transzendente Fähigkeiten zu besitzen, vollkommener zu sein, während Tiere uns weiterhin "dumm" dienen sollen, dabei ist die vorhandene Ausgeglichenheit nach Pope optimal. Jedes Wesen hat seinen bestimmten Platz, so hat Gott alles passend geschaffen. Die Natur ist eine Kunst, die der Mensch nicht kennt. Alles hat nach Gott seinen Grund, den wir nicht erkennen können. Wir nennen es "unsichtbare Fügung" oder "Zufall". Doch "was immer ist, ist recht! (Brief I, V.294)"

Im zweiten Abschnitt des zweiten Briefes erläutert Pope die Arbeitsweisen von Eigenliebe und Vernunft. Beide beherrschen den Menschen, sie streben danach den Schmerz klein zu halten, die Lust dagegen groß. Doch die Versuchung übertrifft jedes Argument, also ist die Eigenliebe stärker als die Vernunft. Ohne Eigenliebe wäre der Mensch inaktiv, ohne Vernunft liefe das Leben aus dem Ruder.

Außerdem solle der Mensch nicht Gottes Kraft sondern den Menschen selber erforschen. "Weise ist Gott, auch wenn der Mensch ein Narr. (Brief II, V.294)"

Der dritte Brief verdeutlicht, wie Pope das Individuum in der Gesellschaft und die Zweisamkeit von Menschen sah. Im ersten Teil heißt es, die Welt wurde nicht für den Menschen geschaffen. Nichts ist ausschließlich für sich selbst gemacht noch ausschließlich für einen anderen. Gott wirkt zum Wohl aller Geschöpfe. Doch dient der eine dem andern, und dieser einem dritten. Pope erklärt das Verhältnis der Wesen untereinander wie das, innerhalb einer Kette, welche niederes und höheres zusammenhält (Interdependenz).

Im dritten Teil geht er auf die Bindung von zwei Menschen ein. Menschen, sowie Tiere, finden sich je zu zweit zusammen, um Nachwuchs zu zeugen. Während die Tiere sofort auf weitere Partnersuche gehen, schließen die Menschen sich für "längere Zeit (Brief III, V.132)" zu zweit zusammen, wodurch Gewohnheit entsteht. Auch werden sie vom Nachwuchs gepflegt, sobald sie alt sind. Dies alles geschieht durch den Instinkt.

Durch den vierten Brief soll der Leser über das Rätsel des Glücks aufgeklärt werden. Er wird gelehrt, Glück ist nicht äußerlich. In Gottes Ordnung muss mancher höher stehen als der Rest, in Dingen wie z.B. Reichtum oder Weisheit. Doch das macht Glück nicht aus. Alle sind von Gott gleich mit Glück versorgt, auch wenn es manchmal nicht so scheint. "Falls Bösen jeder Glückswunsch wird erfüllt, der eine nicht: dass gar als Gut man gilt. (Brief IV, V.91 f.)"

Zum Schluss wird erklärt, dass Gott kein Übel auf die Welt schickt oder geschickt hat. Insgesamt ist die Welt gut, nur "partiell schlecht". Der Mensch ist nicht Mittelpunkt Gottes Handeln: Er ändert nicht die allgemeinen, ewigen Gesetze zugunsten eines Favoriten dieser Welt. "Wenn lockeres Gestein droht von der Höh', soll Schwerkraft aufhörn dann in deiner Näh'? (Brief IV, V.127 f.)"

4. Immanuel Kant - Eine neue Epoche der Anthropologie

Ca. 60 Jahre nach Popes Veröffentlichung von "Essay on man" bekam die philosophische Anthropologie durch Kant neuen Auftrieb (ab 1793). Dieser stellte sich die drei Fragen der Erkenntnislehre, Ethik und derTheologie (in dieser Reihenfolge):

Was kann ich wissen?

Was soll ich tun?

Was darf ich hoffen?

Zusammengefasst ergibt sich die Frage: Was ist der Mensch?

Im Folgenden[4] sei näheraufdie letzteren beiden Fragen eingegangen.

Laut Kant nehmen wir als wesentliches der Religion an, dass Gott der allgemeine Gesetzgeber unserer Pflichten ist. Nun stellt sich die Frage: Was sind unsere Pflichten? Wie erfahren wir, was unsere Pflichten sind?

Zuerst unterscheidet Kant jene Pflichten in einerseits die moralischen und andererseits die statutarischen:

Die von Gott gestellten moralischen Pflichten können Menschen durch reine Vernunft erkennen, nicht durch Gott selber. Die Vernunft stellt dem Menschen frei, eine moralische Persönlichkeit aus sich zu machen.

Die statutarischen Pflichten der Menschen sind nur durch Offenbarung Gottes erkennbar. Daher müssen wir uns auf historische, überlieferte Traditionen und Schriften stützen.

Den auf Offenbarung gestützten Glauben nennt Kant historischen Glauben bzw. Kirchenglauben. Im Gegensatz dazu steht der reine Religionsglaube bzw. Glaube durch Vernunft. Die Vernunft ist geprägt durch eine Anlage zur moralischen Religion.

Nun besteht Gottes Wille darin, dass die Menschen die Vernunftidee in einem gemeinen moralischen Wesen ausführen. Die heilige Schrift dient der Lehre, der Strafe, sowie der moralischen Besserung, wobei letztere der eigentliche Zweck einer Vernunftreligion ist.

Die Kirchenreligion vereinigt die Menschen provisorisch zur Beförderung des Guten. Die moralische Anlage muss allmählich von Statuten befreit werden, damit zuletzt die reine

[...]


[1] Lotha Schäfer, Elisabeth Ströker (Hrsg.), Naturauffassungen in Philosophie, Wissenschaft, Technik, S. 27-30

[2] Der gesamte Abschnitt bezieht sich auf: Pico della Mirandola, Giovanni, Über die Würde des Menschen.

[3] Dieser Abschnitt bezieht sich auf: Pope, Alexander, Vom Menschen - Essay on Man, Breidert (Hrsg.)

[4] Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft: l.Vorrede, Drittes Stück.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Philosophische Anthropologie in der Neuzeit
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Theologie)
Veranstaltung
Theologische Anthropologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V130021
ISBN (eBook)
9783640368761
ISBN (Buch)
9783640369164
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Augenmerk auf folgende Philosophen gelegt: Pico della Mirandola, Alexander Pope, Immanuel Kant, Ludwig Feuerbach
Schlagworte
Anthropologie, Philosophie, Philosophische Anthropologie, Neuzeit, Pico della Mirandola, Mirandola, De hominis dignitate, Alexander Pope, Kant, Naturalismus, Renaissance, Feuerbach, Religion, Vernunft
Arbeit zitieren
Yvonne Finken (Autor), 2009, Philosophische Anthropologie in der Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130021

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