Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, die Strukturen und Merkmale des klassischen Artusromans zu untersuchen und zu entscheiden, ob Wirnt von Grafenbergs "Wigalois" dieser Typkonstante zugeordnet werden kann. Dabei soll vergleichend der klassische Artusroman "Erec" von Hartmann von Aue genutzt werden, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu finden und die Einstufung des "Wigalois" zu begründen. Deshalb werden in beiden Romanen die Aventiureketten genauer betrachtet. Zusätzlich wird der Begriff der Minne, die Funktion der Zauberdinge und die Rolle des Artushofs in die Analyse einfließen, da sie enormen Einfluss auf die Erfolge der Aventiuren haben. Abschließend kann die Frage beantwortet werden, ob es sich bei dem Roman "Wigalois" auch um einen klassischen Artusroman handelt oder welche Bedeutung mögliche Unterschiede für die Klassifizierung bedeuten.
Der Artusroman, rund um die Erzählungen des König Artus und seine Ritter der Tafelrunde, fasziniert die Menschen seit dem 12. Jahrhundert und wird auch heute noch mit großer Begeisterung gelesen. Der Mediävist Kurt Ruh erklärt diese Faszination mit der Begründung, dass uns "im Artusroman eine dichterische Welt begegnet, die nicht ihresgleichen hat", deren "Zauber so stark ist, daß sie vielfach auf das Leben zurückzuwirken vermochte." Es wird deutlich, dass der Artusroman eine hohe Wirkung auf die Menschen ausübt und diese durch das Lesen inspiriert werden. Voller Begeisterung verfallen sie den Geschichten, denn "die Dichtung läutert die Gesinnung manch eines Menschen, denn er findet darin leicht das, was ihm zur Besserung gereicht." Menschen streben oft nach Idealen, die in Romanen, Gedichten und Geschichten dargestellt werden. So verbreitete sich der Artusroman in ganz Europa und immer mehr Autoren fanden Interesse an den Themen rund um König Artus. Beispielsweise sorgte Hartmann von Aue mit seiner Übersetzung des "Erec" dafür, dass sich der Artusroman in Deutschland verbreitete. Weitere bekannte deutsche Artusromane sind "Iwein", "Wigalois" oder "Lanzelet" und aufgrund dieser verschiedenen Werke, der europaweiten Verbreitung und der unterschiedlichen Textgestaltung, spricht man in der deutschen Literaturforschung von klassischen und nachklassischen Artusromanen.
Gliederung
1. Einführung
2. Der klassische Artusroman
3. Aventiureketten im Wigalois und Erec
3.1. Die Erste Aventiurekette
3.2. Die Zweite Aventiurekette
4. Bedeutung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten
5. Reflexion und Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die strukturellen Merkmale des klassischen Artusromans, um zu klären, ob Wirnt von Grafenbergs „Wigalois“ dieser Gattung zugeordnet werden kann. Durch einen komparativen Vergleich mit Hartmann von Aues „Erec“ werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Aventiurestruktur, der Bedeutung der Minne und dem Einsatz von Hilfsmitteln analysiert, um eine fundierte Einordnung in klassische bzw. nachklassische Artusliteratur vorzunehmen.
- Strukturelle Analyse der Aventiureketten und der Doppelwegstruktur
- Vergleichende Untersuchung der Protagonisten Erec und Wigalois
- Rolle der Minne und deren Einfluss auf den ritterlichen Erfolg
- Funktion und Wirkung von Zauberdingen und magischen Hilfsmitteln
- Abgrenzung zwischen klassischem und nachklassischem Artusroman
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Erste Aventiurekette
Die Geschichte, rund um den Protagonisten Erec, beginnt am Artushof in Karadigan und steigt unmittelbar im Geschehen ein. Während er die Königin begleitet, wird eine der Damen von einem Zwerg geschlagen. Daraufhin reitet Erec zu dem Zwerg, um in Erfahrung zu bringen, was seine Absichten seien und weshalb er die Dame geschlagen habe.7 Als nun auch er von dem Zwerg geschlagen wird, fühlt sich Erec zutiefst gedemütigt, dass ihm solch eine Schande widerfahren ist. Um diese Zwergenschande zu überwinden, sieht er keinen anderen Ausweg als seine Ehre zurückzugewinnen, indem er sagt: „ir gesehet mich nimmer mêre / ichn gereche mich an disem man / von des getwerge ich mâl gewan.“8 Mit Erlaubnis der Königin begibt sich der Protagonist auf die Suche nach Aventiure, um seine Rittertüchtigkeit zurückzuerlangen. Im klassischen Artusroman ist also davon auszugehen, dass sich der Held gezielt auf die Suche nach Aventiuren begibt, um seine Ehre zurückzugewinnen und sich als geeigneter Ritter für die Tafelrunde zu beweisen.
Abweichend ist dies bei der Artusgeschichte rund um Wigalois, denn der Leser erfährt nicht direkt von Wigalois, sondern erhält zunächst Informationen rund um seinen Vater Gawein, die Funktion des Zaubergürtels und Hintergründe für seinen Besuch am Artushof. Nachdem der Protagonist nach einer erfolgreich bestandenen Tugendprobe am Hof aufgenommen wird und dem König eine Zeit lang dient, kommt eines Tages eine Jungfrau angeritten, die um Hilfe bittet. Im Auftrag ihrer Herrin ist sie auf der Suche nach einem tüchtigen Ritter, der bei der Befreiung ihres Landes helfen soll. Wigalois entgegnete dem König: „ichn ger niht vürbaz / wan daz mir werde erloubet daz / ich die âventiure hol / sô habet ir mir gegeben wol / wer weiz ob ichz erwerben sol!“ (V. 1795ff.). König Artus gewährt ihm die Bewährungsprobe und Wigalois darf Nereja begleiten. Im Unterschied zu Erec muss sich der Protagonist nicht auf die Suche nach Aventiure begeben, sondern diese kommt zu ihm an den Artushof.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel motiviert das Thema durch die anhaltende Faszination für Artusromane und definiert das Ziel, den „Wigalois“ verglichen mit dem „Erec“ auf seine gattungstypologische Einordnung hin zu prüfen.
2. Der klassische Artusroman: Hier werden zentrale Gattungsmerkmale wie die Doppelwegstruktur, die Zentrierung auf den Protagonisten und die Rollenverteilung der Akteure nach Christoph Cormeau erläutert, die als Analysebasis dienen.
3. Aventiureketten im Wigalois und Erec: Dieser Teil untersucht die ritterlichen Bewährungsproben, wobei besonders die unterschiedliche Ausgestaltung der Aventiureketten sowie deren zeitliche und funktionale Aspekte im Vordergrund stehen.
3.1. Die Erste Aventiurekette: Der Fokus liegt auf der Motivation der Protagonisten, wobei deutlich wird, dass Erec sich aktiv auf die Suche begibt, während Wigalois‘ Aventiuren eher zufällig an ihn herangetragen werden.
3.2. Die Zweite Aventiurekette: Es wird analysiert, wie sich die Anforderungen an die Helden in der zweiten Phase erhöhen und welche Rolle Hilfsmittel sowie die Minnebeziehungen für den weiteren Handlungsverlauf spielen.
4. Bedeutung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Dieses Kapitel diskutiert die strukturellen Auswirkungen der Abweichungen von der klassischen Doppelwegstruktur und bewertet die verschiedenen Spannungskurven der beiden Werke.
5. Reflexion und Fazit: Die Arbeit schließt mit der Einordnung des Wigalois als nachklassischen Artusroman, der als Erweiterung und Wandlung der Gattung zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Artusroman, Wigalois, Erec, Aventiurekette, Doppelwegstruktur, Minne, Rittertüchtigkeit, Wirnt von Grafenberg, Hartmann von Aue, Zauberdinge, Gattungsgeschichte, Mittelalter, ritterliche Tugend, Bewährungsprobe, Transformationsprozess
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Klassifizierung des Artusromans „Wigalois“ von Wirnt von Grafenberg im Vergleich zum klassischen Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Struktur der Aventiureketten, die Funktion der Minne, der Stellenwert des Artushofs sowie die Bedeutung magischer Hilfsmittel für den Erfolg der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu begründen, ob „Wigalois“ trotz Abweichungen in der Erzählstruktur noch als klassischer Artusroman eingestuft werden kann oder ob eine Zuordnung zur nachklassischen Literatur zutreffender ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Analyse verwendet?
Es wird eine komparative Literaturanalyse angewendet, die zentrale Motive und Strukturmerkmale beider Romane gegenüberstellt, um Entwicklungslinien in der Gattungsgeschichte aufzuzeigen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Aventiureketten, die Rolle der Minne und der Zauberdinge sowie die Auswertung der strukturellen Differenzen im Aufbau der Handlung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Artusroman, Aventiurekette, Doppelwegstruktur, Minne und die literarische Einordnung in klassische und nachklassische Epochen geprägt.
Inwiefern unterscheiden sich die Aventiuren bei Erec und Wigalois?
Während Erec gezielt Aventiuren sucht, um seine Ehre wiederherzustellen, entstehen die Aventiuren bei Wigalois oft spontan und ohne vorheriges Scheitern, was zu einer unterschiedlichen Spannungskurve führt.
Welche Bedeutung haben Zauberdinge für die Einstufung der Romane?
Der verstärkte Einsatz von magischen Hilfsmitteln bei Wigalois dient als wesentliches Indiz für die Transformation zum nachklassischen Artusroman, da Hartmann von Aue im „Erec“ auf solche Mittel nahezu verzichtet.
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- Anonym (Autor:in), 2021, "Wigalois" von Wirnt von Grafenberg als nachklassischer Artusroman? Ein Vergleich zum Hartmann von Aues "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1300489