Ziel dieser Arbeit soll sein, aufzuzeigen, dass die Begriffe Schmollen und Freundlichkeit im Rahmen dieser Novelle als klare Gegensätze aufgefasst werden und der Umschwung vom schmollenden zum freundlichen und kommunikativ versierten Pankraz von seiner Lektüre determiniert wird.
Daher ist es sinnvoll, noch unter den Punkt der Einleitung gefasst, den Begriff Schmollen zu definieren und den zeitlichen Ablauf seines Schmollverhaltens herauszuarbeiten. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass das Schmollen im Rahmen dieser Novelle in seiner Vielfältigkeit niemals gänzlich zu erfassen sein wird. Der Versuch einer Definition versteht sich daher nur als Orientierung der darauf aufbauenden Analyse. Weiterhin ist es unerlässlich, Schmollen und Schweigen in ein einander bedingendes Verhältnis zu setzen. Darauffolgend soll gezeigt werden, wie das Schmollen und Pankraz‘ Fehllektüre aufeinander Einfluss nehmen. Schmollen ist für Pankraz im Verlauf der gesamten Novelle ein Selbstschutzmechanismus. Dieser kann, muss aber nicht, mit einem Unwillen verbunden sein. Da das Schmollen als „Unart“ nicht die von Pankraz gewünschte Wirkung entfaltet, wird Aggressivität, die sich vor allem in den soldatischen Episoden zeigt, zu seiner Überwindungsstrategie. Abschließend wird auf seine Fehllektüre eingegangen, um diese in einem Resümee in ein wechselseitiges Verhältnis mit den Begriffen Schmollen und Freundlichkeit zu setzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Versuch einer Definition
1.2 Etappen des Schmollens
2. Wechselseitige Einflussnahme von Schmollen und Fehllektüre
2.1 Schmollen zum Selbstschutz
2.2 Aggression als Überwindungsstrategie
2.3 Fehllektüre
2.4 Motiv der Freundlichkeit
3. Resümee
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Schmollens in Gottfried Kellers Novelle „Pankraz, der Schmoller“ und analysiert, wie dieses Verhalten als Schutzmechanismus sowie als Ausdruck eines gestörten Kommunikationsverhaltens fungiert. Die Arbeit verfolgt zudem das Ziel aufzuzeigen, wie Pankraz’ durch Lektüre geprägte Imagination seine Beziehung zur Realität sowie seine Entwicklung vom schmollenden Jungen zum vermeintlich gereiften Soldaten bestimmt.
- Analyse der Begriffe „Schmollen“ und „Freundlichkeit“ als gegensätzliche Konzepte in der Novelle.
- Untersuchung des Schmollens als Selbstschutzmechanismus und dessen Einfluss auf die zwischenmenschliche Kommunikation.
- Die Rolle von Fehllektüre (insbesondere Shakespeare) bei der Idealisierung der Welt und der Täuschung durch Lydia.
- Aggression als Überwindungsstrategie innerhalb des Konflikts zwischen Wunsch und Realität.
Auszug aus dem Buch
2.3 Fehllektüre
Pankraz kompensiert den Mangel an Realem (dargestellt durch die Armut der Familie) durch die Fülle seiner Imaginationskraft. Mit Geschichts- und Geographiebüchern beginnt er, die Welt zu strukturieren (Vgl. PS, S. 4). Als Beispiel hierfür kann der Sonnenuntergang als Naturbeobachtung, „die an alltagsbestimmender Regelhaftigkeit nichts zu wünschen übrig läßt“ herangezogen werden. Da es sich bei dieser Lektüre um Sachbücher handelt, kann deren Übertragung auf die Wirklichkeit gelingen.
Da ich nun durch das allmählige Auswendiglernen unsres Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden Bescheid wußte, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen. (PS, S. 17)
Pankraz tritt damit als Autodidakt auf, der das, was er liest, anwendet, um sich in der realen Welt zurecht zu finden. Dabei orientiert er sich „an materiellen Referenzen und vertritt damit die im 19. Jahrhundert erwartbare und der Wissenschaftsgläubigkeit entsprechende Dokumentengläubigkeit“. Pankraz glaubt an „die Darstellbarkeit der Welt“ und zieht einen „Eins-zu-eins-Vergleich von Welt und Repräsentation“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird der Titelheld eingeführt und das Ziel der Arbeit definiert, die Begriffe Schmollen und Freundlichkeit als Gegensätze in der Novelle zu untersuchen.
1.1 Versuch einer Definition: Ein linguistischer Abriss zur Einordnung des Begriffs Schmollen, der als paradoxes Kommunikationsverhalten identifiziert wird.
1.2 Etappen des Schmollens: Chronologische Analyse von Pankraz’ Schmollverhalten, unterteilt in Phasen des Selbstschutzes und aggressive Überwindungsstrategien.
2. Wechselseitige Einflussnahme von Schmollen und Fehllektüre: Einleitung des Hauptteils, in dem die interdependente Dynamik zwischen Pankraz' Kommunikation und seinen Lektüreerfahrungen thematisiert wird.
2.1 Schmollen zum Selbstschutz: Analyse des schmollenden Protests als Ausdruck von Gerechtigkeitssuche und gescheitertem Kommunikationsversuch gegenüber der Familie.
2.2 Aggression als Überwindungsstrategie: Betrachtung der gewalttätigen Episoden wie des Ebermords und der Löwenjagd als notwendige, aber destruktive Bewältigungsversuche des Konflikts zwischen Wunsch und Realität.
2.3 Fehllektüre: Untersuchung der habituellen Identitätsbildung durch Lektüre, die den Protagonisten für die Täuschung durch Lydia erst anfällig macht.
2.4 Motiv der Freundlichkeit: Analyse des Wandels des Protagonisten zur Rückkehr und die kritische Hinterfragung seiner "geheilten" Persönlichkeit durch den Erzähler.
3. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnis, dass das Schmollen als Teil der Persönlichkeit über das Ende der Novelle hinaus bestehen bleibt.
4. Schluss: Finales Fazit, das die Arbeit unter dem Aspekt der Fehllektüre und der Dominanz des Imaginären über die Realität abschließt.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Pankraz, der Schmoller, Schmollen, Kommunikation, Fehllektüre, Realismus, Imagination, Selbstschutz, Identität, Aggression, Idealismus, psychologisches Profil, Literaturkritik, Wirklichkeitsverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Schmollverhalten des Protagonisten Pankraz in Gottfried Kellers Novelle und analysiert, inwieweit dieses Verhalten als Schutzmechanismus und Kommunikationsversuch zu verstehen ist.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die psychologische Dynamik des Schmollens, die Rolle von Fehllektüre bei der Identitätsbildung, das Spannungsfeld zwischen Imagination und Realität sowie das Gewaltpotenzial als Überwindungsstrategie.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Schmollen und Freundlichkeit in der Novelle als klare Gegensätze fungieren und Pankraz' Entwicklung durch seine Lektüre sowie den Versuch der Identitätswiederherstellung determiniert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die linguistische Definitionen des Schmollens mit hermeneutischen sowie rezeptionsästhetischen Ansätzen verbindet, um die Handlungen des Protagonisten zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der Wechselwirkung zwischen dem Schmollen als Selbstschutz, der traumatischen Erfahrung der Täuschung durch Lydia und der fatalen Fehllektüre von literarischen Werken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind das Schmollen als Kommunikationsversuch, die Fehllektüre als Realitätsverlust, der psychologische Selbstschutz und die kritische Distanz zum Realismus.
Welche Rolle spielt die Figur der Lydia für Pankraz?
Lydia fungiert als Projektionsfläche für Pankraz' idealisierte Vorstellungen, die er sich durch das Lesen von Shakespeare angeeignet hat, was ihn blind für ihren wahren Charakter macht.
Warum wird die Löwenjagd im Kontext des Schmollens als zentral erachtet?
Die Löwenjagd wird als „Zenitpunkt der Fremdheitserfahrung“ gedeutet, in der Pankraz versucht, durch eine lebensgefährliche Situation sein „Schmollwesen“ zu überwinden, was die Verbindung von Gewalt und Selbstheilung verdeutlicht.
Ist der Wandel von Pankraz am Ende der Novelle aus Sicht der Arbeit authentisch?
Die Arbeit stellt in Frage, ob Pankraz eine echte Reifung durchläuft oder ob die kommunikativen Fähigkeiten nur eine Fassade bleiben, da er bei Rückkehr in die Enge seiner Familie schnell in alte Muster zurückfällt.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2019, Das Verhältnis von Imagination und Wirklichkeit vor dem Hintergrund des Schmollens in Gottfried Kellers "Pankraz, der Schmoller", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1300811