Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Genie-Begriff mit dem Begriff der Heimat und dem Prozess der Beheimatung zu verknüpfen. Folgender Fragestellung soll dabei nachgegangen werden: Gibt es in "Schlafes Bruder" Momente, in denen der Prozess der Beheimatung zu gelingen scheint, obwohl das Genie grundsätzlich als unbeheimatet gilt?
Um aufzuzeigen, warum eine solche Analyse überhaupt sinnvoll ist, ist es unerlässlich, den Roman in seinem postmodernen Kontext zu betrachten und den Vorwurf der Trivialität zu entkräften. Im Anschluss daran folgt die Analyse. Beginnend mit dem Genie-Diskurs wird zunächst die Geschichte des Genies zusammengefasst, um in den Unterkapiteln zu Elias als Genie Rückschlüsse darauf ziehen zu können, welche Facetten und Bereiche der Genie-Thematik von Schneider abgedeckt werden. Im Anschluss daran folgt die Analyse zum Themenkomplex der Heimat. Bevor ein kurzer Überblick über die Geschichte des Begriffs der Heimat gegeben wird, wird der Prozess der Beheimatung vom Heimat-Begriff abgegrenzt. Anschließend wird das Verhältnis des Genies zur Gesellschaft betrachtet. Besondere Beachtung erfahren dabei die Familienkonstellation, die Beziehung zu Peter und das Motiv der Liebe, das im Roman durch Elsbeth verkörpert wird. Im Fazit sollen die beiden Analyseschwerpunkte zusammengeführt und abschließend betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Postmoderne
2.1 Einordnung des Werks
2.2 Vorwurf der Trivialität
3. Genie und Heimat
3.1 Geniediskurs
3.1.1 Geschichte des Genies
3.1.2 Elias als Genie
3.1.2.1 Kindheit: Geburt und Taufe
3.1.2.2 Jugend: Hörwunder und Gadenzeit
3.1.2.3 Karriere innerhalb von Eschberg
3.1.2.4 Karriere außerhalb von Eschberg
3.2 Heimat und Beheimatung
3.2.1 Geschichte des Heimatbegriffs
3.2.2 Prozess der Beheimatung
3.2.3 Verhältnis zu den Romanfiguren
3.2.3.1 Innerfamiliäre Beziehungen
3.2.3.2 Eschberger Gesellschaft
3.2.3.3 Beziehung zu Peter
3.2.3.4 Motiv der Liebe (Elsbeth)
4. Fazit: Das Genie im Prozess der Beheimatung
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Untersuchung analysiert Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder" im Hinblick auf die Verknüpfung der Genie-Thematik mit dem Prozess der Beheimatung. Dabei wird untersucht, ob und unter welchen Bedingungen ein als grundsätzlich unbeheimatet geltendes Genie Momente der Beheimatung erfahren kann, während der Roman gleichzeitig in einen postmodernen Kontext eingeordnet und der Vorwurf der Trivialität kritisch hinterfragt wird.
- Analyse des Geniebegriffs in Bezug auf die Figur Elias Alder unter Berücksichtigung literaturhistorischer Epochen.
- Untersuchung des Konzepts der Beheimatung als psychologischer und sozialer Prozess.
- Erforschung des Verhältnisses zwischen dem Genie Elias und der restriktiven Eschberger Gesellschaft.
- Analyse der zentralen Motivkomplexe Musik, Liebe, Schlaf und Tod im Roman.
- Kritische Würdigung der postmodernen Erzählstruktur und der Darstellung von Außenseiterrollen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Geschichte des Genies
Da das Genie in der Ausprägung, die für die Analyse relevant ist, ein „Produkt des 18. Jahrhunderts“ ist, fokussiert sich die folgende Ausführung auf die Epoche des Sturm und Drang (auch bekannt als „Geniezeit“) und in Ansätzen auf die der Aufklärung. Zentrale Eigenschaften des Genies in dieser Zeit sind vor allem Originalität, Schöpferkraft und die Ablehnung von bisher geltenden Regeln. Huber fügt ergänzend hinzu, dass „ein außergewöhnliches Zusammentreffen dieser Eigenschaften“ unter den Begriff des Genies zu subsumieren sei, wobei besonders der Aspekt der Individualität und Unvergleichbarkeit im Vordergrund stehe. Grundsätzlich sind die Eigenschaften, die einem Genie zugeschrieben werden, nicht erlernbar, sondern angeboren. Unter Rückbezug auf die historischen Gegebenheiten versteht sich das Genie als „Ausdruck eines umfassenden Emanzipationsstrebens“. Während Salama die Epoche des Sturm und Drang darauf reduziert, dass die jüngere Generation sich gegen die Rationalität der Aufklärung stellt, verweist Sager darauf, dass eine solche Betrachtung zu einseitig sei. Weder darf die Aufklärung einseitig als Rationalismus betrachtet noch der Sturm und Drang eindimensional auf eine gegenaufklärerische Bewegung heruntergebrochen werden. Die Epoche des Sturm und Drang ist viel eher „genuiner Ausdruck aufklärerischen Emanzipationsstrebens“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den beispiellosen Erfolg des Romans nach anfänglicher Ablehnung und legt die Forschungsfrage sowie das Vorgehen der Analyse dar.
2. Postmoderne: Dieses Kapitel verortet das Werk im Kontext der Postmoderne und entkräftet den Vorwurf der Trivialität durch den Nachweis einer bewussten, geistreichen Persiflage.
3. Genie und Heimat: Dieser Hauptteil analysiert den Geniediskurs, die Entwicklung von Elias Alder als Genie sowie den komplexen Prozess der Beheimatung in Abhängigkeit von seinen sozialen Beziehungen.
4. Fazit: Das Genie im Prozess der Beheimatung: Das Fazit führt die beiden Analyseschwerpunkte zusammen und kommt zu dem Schluss, dass für das Genie keine dauerhafte Strategie zur Überwindung der Dauerkrise existiert.
5. Schluss: Der Schluss bilanziert die Ergebnisse der Untersuchung im Hinblick auf die Inklusionsmomente des Genies und skizziert potenzielle weiterführende Forschungsfragen.
Schlüsselwörter
Robert Schneider, Schlafes Bruder, Genie, Beheimatung, Postmoderne, Elias Alder, Eschberg, Musik, Liebe, Außenseiter, Wahnsinn, Individuum, Gesellschaft, Trivialität, Literaturanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Untersuchung analysiert Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder" und verbindet dabei das Konzept des klassischen Naturgenies mit soziologischen und psychologischen Ansätzen zum Prozess der Beheimatung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Genieästhetik (insbesondere Sturm und Drang), die Theorie des Beheimatungsprozesses nach Mitzscherlich, das Verhältnis des Protagonisten zu seiner Umwelt sowie die Bedeutung akustischer und olfaktorischer Motive.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, ob es im Leben des Protagonisten Elias Alder Momente gelingender Beheimatung gibt, obwohl er als Genie grundsätzlich als „unbeheimatet“ und Außenseiter konzipiert ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die das Werk in einen postmodernen literaturtheoretischen Kontext stellt und für die Untersuchung der Beheimatung psychologische Konzepte einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historisch-theoretische Auseinandersetzung mit dem Geniebegriff sowie eine detaillierte Untersuchung des Werdegangs von Elias Alder, unterteilt in Kindheit, Jugend und Stationen seiner musikalischen Entwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Genie, Beheimatung, Postmoderne, Elias Alder, Außenseiter, Musik, sowie die spezifischen Motivzusammenhänge von Liebe, Wahnsinn und Tod.
Wie wird das Verhältnis zwischen Elias und Peter im Dokument gedeutet?
Das Verhältnis wird als eine ambivalente Freundschaft mit einem ausgeprägten Machtgefälle interpretiert, in der Peter sowohl als einziger Vertrauter als auch als potenzieller Ausbeuter und "Dämon" erscheint.
Warum ist die Rolle der Eschberger Gesellschaft für das Verständnis von Elias entscheidend?
Die Eschberger Dorfgemeinschaft fungiert als eine restriktive "Negativkulisse", deren Sturheit, Sprachlosigkeit und Gewaltbereitschaft die Genialität von Elias radikal isolieren und seine Versuche zur sozialen Integration stetig sabotieren.
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- Anonym (Autor:in), 2020, Das Genie im Prozess der Beheimatung. Eine Untersuchung zu Robert Schneiders Roman "Schlafes Bruder", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1300843