Ein gemachter Bestseller? - Hans Stadens "Wahrhaftig historia" von 1557 im Kontext der deutschen Südamerikaliteratur der Zeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
34 Seiten, Note: 6

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zur Gattung „Reisebericht“
1.2 Forschungsüberblick

2 Glaubwürdigkeit und Authentizität
2.1 Die Widmung an Philipp den Grossmütigen
2.2 Die Vorrede von Johann Dryander
2.3 Die Beschlussrede von Hans Staden
2.4 Kannibalen im Bild
2.5 Neue Welten für Europa

3 Die „Wahrhaftig historia“ im Kontext zeitgenössischer deutscher Reiseberichte aus der Neuen Welt
3.1 Philipp von Hutten und Nicolaus Federmann
3.2 Ulrich Schmidl
3.3 Hans Staden im Vergleich

4 Fazit

5 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Hans Staden, um 1525 in der Nähe von Marburg im heutigen Bundesland Hessen geboren, war ein deutscher Söldner in portugiesischen Diensten. Zwischen April 1547 und Oktober 1548 unternahm er als Büchsenschütze eine erste Brasilienreise. Dieser ersten Reise räumt Staden in seinem Bericht allerdings nur wenige Seiten ein.

Ein halbes Jahr später unternahm Staden eine zweite Reise nach Südamerika. Sein Ziel war „das Goltreiche landt Pirau“ (Peru), das er allerdings nie erreichte. Das Schiff, zu deren Besatzung er gehörte, sank vor der Küste Brasiliens und Staden strandete im Hafen von Santa Catarina. Ganze zwei Jahre will Staden mit den restlichen Überlebenden dort festgesessen und sich von Ratten, Eidechsen und „andere seltzame getier“ ernährt haben, bevor sie sich entschlossen, den Versuch zu wagen mit einem Boot zur nahe am Festland gelegenen Insel San Vicente zu gelangen. Dort wurden sie von den Portugiesen, die die Insel kontrollierten, freundlich aufgenommen. Der erfahrene Büchsenschütze Staden beschloss darauf, gegen guten Sold den Kommandantenposten einer gegen die Ureinwohner errichteten Festung im nahe gelegenen Bertioga anzutreten. Nach rund zweijähriger Dienstzeit wird Staden eines Tages auf der Jagd von Indianern aus dem Stamm der Tupinambà überwältigt und verschleppt. Seine Beschreibung der Gefangennahme liest sich wie das Drehbuch zu einem schlechten Hollywood-Film aus den 1950er Jahren: „Wie ich nun so durch den waldt gieng/ erhuob sich uff beyden seiten des wegs eyn gross geschrey auff der wilden leut gebrauch/ unn kamen zuo mir ingelauffen/ da erkante ich sie/ und sie hatten mich alle rund umbher bezirckt/ und ire bogen uff mich mit pfeilen gehalten.“1

Neun Monate lebte Staden nach eigener Aussage als Gefangener unter den Tupinambàs, die er als „ nackte grimmige Menschenfresser Leuthe“ beschreibt. Dabei will er mehrmals beobachtet haben wie andere europäische Gefangene erschlagen, zerteilt, geröstet und schliesslich „unter gar grossem geschrey“ aufgefressenen wurden. Durch die „hilff Gottes“ gelingt es Staden zu überleben und schliesslich an Bord eines französischen Handelsschiffes in seine Heimat zurückkehren zu können, wo er im Frühjahr 1555 nach sechsjähriger Abwesenheit eintrifft.2 Nur zwei Jahre später erscheint 1557 sein Erlebnisbericht, die „Wahrhaftig historia“.3 Der Bericht ist in zwei Bücher aufgeteilt. Das narrative erste Buch, in dem Staden vor allem von den Schrecknissen aus den neun Monaten seiner Gefangenschaft erzählt, umfasst 53 Kapitel, das deskriptiv-ethnographische zweite Buch, in dem Staden über Flora und Fauna Brasiliens, sowie über Lebensgewohnheiten, Religion und kannibalistische Praktiken der Ureinwohner berichtet, 36 Kapitel.

Die „Wahrhaftig historia“ gilt als „Klassiker der Reiseliteratur“. Er fehlt weder in „Kindlers Literaturlexikon“4, noch haben ihn Film und Fernsehen übersehen.5 Bereits im Erscheinungsjahr 1557 erlebte das Original zwei Auflagen zur Fasten- und Herbstmesse. Stadens „historia“ hat eine breite Rezeption erfahren. Im 16. Jahrhundert wurde der Augenzeugenbericht europaweit nachgedruckt. Bis heute sind zahlreiche weitere Auflagen in acht verschiedenen Sprachen und über 80 Ausgaben – vom Faksimile bis zur jugendgerechten Nacherzählung - erschienen.6

Trotz (oder gerade wegen?) des spektakulären Inhalts und der effektheischenden Fokussierung auf Menschenfressergeschichten galt die „Wahrhaftig historia“ für Zeitgenossen Stadens, wie für Historiker und Ethnologen bis weit in die 1970er Jahre und darüber hinaus als authentischer Reisebericht und verlässliche Quelle über die indigene Bevölkerung Brasiliens des 16. Jahrhunderts. Die vorliegende Arbeit möchte nicht bewerten, was in der „historia“ authentisch und was Fiktion ist. Dies wäre auch wenig ergiebig, da die Frage sowieso nicht abschliessend beantwortet werden kann. Mit ganz wenigen Ausnahmen existieren nämlich keine weiteren Quellen zum Aufenthalt von Hans Staden in Brasilien, als der Reisebericht, den er selbst verfasst hat.

Dieser Arbeit liegt die Annahme zugrunde, dass das Überzeugen der Rezipientenschaft von der Authentizität des Berichteten eine entscheidende Voraussetzung für den anhaltenden Erfolg des Buches war, und dass die „historia“ nicht zum „Klassiker“ avanciert wäre, wenn es bloss als Volksbuch und nicht als glaubwürdiges Zeugnis fremder Lebenswelten verstanden worden wäre. Im Kapitel „Glaubwürdigkeit und Authentizität“ soll zunächst die Frage untersucht werden, wie es Staden gelingt, der spektakulären Geschichte ebendiese Glaubwürdigkeit zu verleihen. Was für Strategien sind aus dem Text erkennbar? Ist die „Wahrhaftig historia“ gar ein gemachter Bestseller aus dem 16. Jahrhundert?

Deutsche Kartographen wie Lorenz Fries, Martin Waldseemüller oder Sebastian Münster spielten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit ihren Cosmographiae, in denen auch Schriften von Vespucci und Kolumbus in deutscher Übersetzung enthalten waren, eine wichtige Rolle bei der Integration der Neuen Welt in den Denkhorizont der Europäer.7 Selbstzeugnisse deutscher Südamerikareisender gibt es erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, und auch dann in überschaubarer Anzahl. Der anonym veröffentlichte Briefbericht Philipp von Huttens (1550) und die Reisebücher Hans Stadens (1557), Nikolaus Federmanns (1557) und Ulrich Schmidls (1567) sind die einzigen Zeugnisse deutscher Amerikareisender, die im 16. Jahrhundert nachweislich zur Publikation gelangten.8 Will man den Textstrategien in der „Wahrhaftig historia“ nicht selbst aufliegen, ist es unablässlich, sie zu kontextualisieren und in Beziehung zu den Texterzeugnissen anderer deutscher Südamerikareisender der Zeit zu setzen. Dies geschieht in einem zweiten Schritt im Kapitel „Die `Wahrhaftig historia` im Kontext zeitgenössischer deutscher Reiseberichte aus der Neuen Welt“.

1.1 Zur Gattung „Reisebericht“

Es soll im Folgenden darum gehen, eine kurze literarische Einordnung der verwendeten Quellentexte zu geben und ein paar allgemeine Bemerkungen zur Charakteristik von Reiseberichten als historische Quellentexte gemacht werden. Alle behandelten Quellentexte sind authentische, nicht-fiktionale Reiseberichte. Im Rahmen dieser Berichte werden demnach Reisen, die tatsächlich stattgefunden haben, dargestellt. Der Begriff authentischer Reisebericht lässt grundsätzlich einen hohen Wahrheitsgehalt der so klassifizierten Texte vermuten. Allerdings mischen sich nicht selten fiktionale Elemente in Erzählung und Beschreibung.9

Zentraler Gegenstand der Quellentexte ist die individuelle Erfahrung eines Reisenden, der seine Heimat verlässt und in eine für ihn fremde Welt aufbricht. Der Reiseverlauf bestimmt meist auch die Struktur der späteren Berichterstattung: Die Texte besitzen einen narrativ-chronologischen Rahmen, der Hin- und Rückreise beinhaltet, sowie einen darin eingeschlossenen Hauptteil mit deskriptivem Charakter, der über Flora und Fauna, Elemente der fremden Kultur und manchmal auch nautisches Fachwissen (Routen, Ankerplätze, Strömungen etc.) informiert.

Darüber hinaus können individuelle Erfahrungen sowie deren spätere schriftliche Reproduktion kaum eine objektive, alle Strukturmerkmale fremder Wirklichkeit erfassende Darstellung gewährleisten. Die persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen des Reisenden bestimmen dabei den Charakter des Reiseberichts, begrenzen zugleich aber auch seinen Informationswert.10

Die Frage, ob der Reisebericht als seriöse literarische Gattung akzeptiert werden könne, wird bis in die Gegenwart kontrovers diskutiert.11 Viele Reiseberichte sind – abgesehen von den oben genannten immer wiederkehrenden Strukturmerkmalen – inhaltlich und stilistisch ganz unterschiedlich gestaltet: So können etwa die narrativen und deskriptiven Elemente jeweils verschieden stark ausgeprägt sein, überwiegen in manchen Berichten demnach erzählende Passagen, die sich auf die Wiedergabe des abenteuerlichen Reiseverlaufs konzentrieren, und nehmen in anderen Werken wiederum präzise landeskundliche Abhandlungen den größten Raum ein. Einige Berichte enthalten philosophische Überlegungen, andere sind streckenweise als religionspolitische Traktate zu lesen, und in vielen Texten findet man Reflexionen des Verfassers über seinen Erkenntnis- und Schreibprozess. Auch die ästhetische Gestaltung kann jeweils unterschiedlich ausfallen.

Insgesamt gehören ohne Zweifel auch die authentischen Reiseberichte zu den literarischen Werken. Sie sind per definitionem zwar nicht-fiktional, enthalten aber durchaus Ausschmückungen und fiktionale Passagen.

Reisende nach Amerika waren, wie die Trennung „Alte Welt – Neue Welt“ schon sagt, immer Reisende zwischen den Welten. Reiseberichte sind somit eine Methode der „Weltenverbindung“. Die persönliche Erfahrung, zwischen zweier Welten zu stehen, wird anderen zugänglich gemacht, die diese Erfahrung bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannten.

Reiseberichte dienten auch dazu, die Gereisten als Helden auszuzeichnen, die Gefahren überstanden und Versuchungen getrotzt hatten und sie so von den „Daheim-Gebliebenen“ zu unterscheiden.12 Der Reisende befindet sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Ausgangs- und Zielkultur.13 Das kulturell Fremde mit dem Vokabular des kulturell Eigenen zu beschreiben, ist anspruchsvoll. Zur Verarbeitung des Fremden wird deshalb oft zu bereits bekannten, stereotypen Kategorien gegriffen wie „Barbaren“, „Wilde“, „Heiden“ oder „Menschenfresser“.

Es gibt wohl kaum ein historischer Reisebericht, dem nicht schon konstatiert wurde, letztendlich mehr Informationen über den Beschreibenden, als über das Beschriebene preiszugeben. Diese Feststellung trifft auch auf die deutschen Südamerikaberichte des 16. Jahrhunderts zu. Es gilt stets zu beachten, dass Reisende nie als völlig unbeschriebenes Blatt aufbrechen, sondern mit einem Rucksack voller Vorwissen, Bildern und Vorstellungen darüber, was sie an ihrem Ziel erwarten wird. Es darf nicht übersehen werden, dass Staden, Schmidl und Federmann, als sie in die Neue Welt aufbrachen, sich schon aus einem halben Jahrhundert europäischer Expansionstätigkeit nach Südamerika gespeisten Reservoir von Erzählungen, Geschichten und Americana bedienen konnten, um, damit wir im Bild bleiben, ihren Rucksack zu packen.14

1.2 Forschungsüberblick

Der Forschungsstand zu deutschen Amerikareisenden des 16. Jahrhunderts ist sehr unterschiedlich. Während es zu den Schriften von Philipp von Hutten, Nikolaus Federmann und Ulrich Schmidl nur wenig Literatur gibt, und sie meist nur als Randnotiz einer ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Bericht Hans Stadens aufscheinen, ist die Literatur zu Stadens „Wahrhaftig historia“ kaum mehr zu überblicken. Neuauflagen der Reiseberichte der drei erstgenannten sind denn auch nur schwer erhältlich und es liegt zu keinem der drei Texte eine kritische Ausgabe vor. Stadens „historia“ hingegen ist nebst verschiedenen Übertragungen ins Neuhochdeutsche erstmals im Jahr 2007 in einer kritischen Ausgabe, als Faksimile und in einer Übersetzung ins Portugiesische, erschienen.15

1916 wurde in Sao Paolo das „Instituto Hans Staden“ gegründet. Es hat sich der Erforschung des deutsch-brasilianischen Kulturaustausches verschrieben. Seit 1953 erscheint jährlich das Staden-Jahrbuch, eine Sammlung verschiedenster Publikationen zum deutsch-brasilianischen Kulturaustausch. Ein Blick auf das Beitragsverzeichnis der vergangenen 50 Jahre zeigt, dass sich auffallend viele Beiträge, aus historischer, ethnologischer, wie literaturwissenschaftlicher Herangehensweise, dem Thema des Kannibalismus widmen.16

Der Ethnologe Mark Münzel spricht von vier verschiedenen Lesarten der deutschen Reiseberichte aus Südamerika aus dem 16. Jahrhundert über die Jahrhunderte. Stets geht es dabei um die Frage der Anthropophagie. In der prä-anthropologischen Lesart ist sie eine schreckliche Realität; in der anthropologischen ist sie eine interessante Realität; in der literarischen eine groteske Satire auf die brasilianische Kultur; in der literaturkritischen Lesart schliesslich wird sie dekonstruiert.17 Die vier Lesarten sind nicht so zu verstehen, dass sie in linearer chronologischer Reihenfolge reibungslos ineinander übergehen. Sie können sich vielmehr vermischen und nebeneinander existieren.

Der Verdienst der literaturkritschen Lesart ab den 1970er Jahren besteht darin, dass sie die einfache Vertrauensseligkeit der Wissenschaft, und hier vor allem der Anthropologie, in ethnohistorische Quellen zur Rekonstruktion von indigenen Kulturen untergraben hat. Bis dahin wurde meist argumentiert, man könne Reisenden wie Staden glauben, da ihre Beobachtungen ja durch andere zeitgenössische Reisende bestätigt würden. Nun jedoch wurde das Argument gerade umgekehrt: Die Übereinstimmungen deuteten auf Intertextualität, auf gegenseitige Beeinflussungen, also darauf, dass jene Autoren nicht das Beschriebene, sondern einander unter Autoren konsultiert hätten, sozusagen in einem von der Realität abgeschotteten europäischen Zirkel.

Repräsentativ für die bis dahin (und teilweise darüber hinaus) bestehende Forschermeinung soll hier mit Karl Fouquet einer der engagiertesten Staden- und Schmidl-Forscher aus dem 20. Jahrhundert zu Wort kommen. Fouquet schreibt, Stadens Americanum sei eine der „verlässlichsten Quellen aus der Zeit der Landnahme Brasiliens und gehört als Reisebericht zu dem Ergreifendsten, das die deutsche Literatur bietet“; „ohne es zu wollen“ habe sich der Verfasser „in seinem Buche selbst dargestellt“ und sei „als aufrecht, tapfer, kameradschaftlich, selbstlos, scharf beobachtend, wahrheitsliebend und als glaubensstarker Christ“ zu charakterieren.18

Dem renommierten Ethnologen Reinhard Maack (1892-1969) diente Stadens „historia“ noch 1964 als verlässliche und autoritäre Quelle, wenn er schreibt, dass „das Verzehren von Menschenfleisch“ der brasilianischen Ureinwohner nicht durch „rituelle Tötung und rituelles Brauchtum“ zu erklären, sondern auf „grausame Veranlagung und Gier nach Menschenfleisch zurückzuführen“ sei.19

Für Gustav Faber, 1982 Herausgeber einer ins Neuhochdeutsche übertragenen Version der „historia“, ist Stadens Bericht von einem Wahrheitsethos sondergleichen geprägt. Faber schreibt: „Wo andere Reisende unkontrollierbar von mehrköpfigen Ungeheuern kolportieren, schildert der schlichte Armbrustschütze und Kanonier aus Homberg die Wirklichkeit so, wie er sie gesehen hat, ohne Sensations-Hascherei.“20

In derselben Zeit um 1980 bekam das Vertrauen in die Wahrhaftigkeit von Reiseberichten wie dem Hans Stadens vermehrt Risse. In seinem Buch „The man-eating myth“ von 1979 griff der amerikanische Anthropologe William Arens generell die historischen Reiseberichte über Anthropophagie aus Amerika, Afrika und Asien an und sprach ihnen ihren ethnologischen Wert ab, was teilweise heftige Gegenreaktionen auslöste. Was seine Kritik an Stadens „historia“ angeht, so haben Ivan Brady („The Myth-Eating man“, 1982) und Donald Forsyth („Three Cheers for Hans Staden: The Case for Brazilian Cannibalism“, 1985) sie energisch zurückgewiesen.

Im Folgenden sollen kurz die Forschungspositionen der deutschen Historikerin Annerose Menninger und des deutschen Literaturwissenschaftlers Franz Obermeier, zwei der engagiertesten und bedeutendsten Forscher über deutsche Südamerikareisende des 16. Jahrhunderts der vergangenen 20 Jahre, skizziert werden.

Menninger hat intensiv die Intertextualität zwischen verschiedenen Reiseberichten aus der Neuen Welt im 16. Jahrhundert untersucht und mehrere Publikation zu deutschen und anderen europäischen Reiseberichten aus der Neuen Welt vorgelegt. Ihre Publikationen sind geprägt durch eine sehr starke literaturkritische Lesweise der Reiseberichte. In ihrem Buch „Die Macht der Augenzeugen“ (1995) stellt sie bei Hans Staden eine starke Rezeption der Schriften Amerigo Vespuccis fest. Staden soll nicht nur ethnologische Beobachtungen und die aufsehenerregende Beschreibung der Verspeisung eines jungen Matrosen durch die Tupinambà, sondern mit der Aufteilung in ein narratives und ein deskriptives Buch die ganze Grundstruktur seines Berichts von Vespucci übernommen haben.21 In den Schriften des Jesuitenmissionars Manoel da Nóbrega sieht sie eine weitere Vorlage, aus der sich Staden bedient haben soll.22 Menninger hegt zudem Zweifel am Gefangenenschicksal Stadens, und zieht gar seine Autorenschaft des Berichts in Zweifel.

[...]


1 Staden (1978), Buch I Kap. XVIII. Zitate aus der „historia“ folgen dem Faksimiledruck von Günther Bezzenberger (1978), online verfügbar unter http://www.obrasraras.usp.br/obras/000152/.

2 Die europäische Expansion nach Brasilien ist im 16. Jahrhundert stark geprägt durch die Rivalität zwischen Frankreich und Portugal. Das Ausnützen von Feindschaften zwischen verschiedenen Indianerstämmen und das Pflegen von Handelsbeziehungen zur indigenen Bevölkerung waren dabei entscheidende Faktoren der französischen und portugiesischen Expansionspolitik. Zwei der wichtigsten indianischen Stämme an der brasilianischen Küste waren die Tupinambàs und die Tupiniquins. Während die Tupinambàs Handelsbeziehungen zu den Franzosen unterhielten, hatten die verfeindeteten Tupiniquins ein Bündnis mit den Portugiesen. Für eine breiteren historischen Kontext der europäischen Expansionsgeschichte nach Amerika: Urs Bitterli: „Die Entdeckung Amerikas“

3 Der vollständige Titel lautet: „Wahrhaftig historia und beschreibung einer Landtschafft der Wilden/Nacketen/Grimmigen Menschfressen Leuthen/in der Newenwelt America gelegen/vor und nach Christi geburt im Land zu Hessen unbekant/biss uff disenechst vergangene jar/Da sie Hans Staden von Homsberg aus Hessen durch sein eygne erfarung erkant/und yetzo durch den truck an tag gibt.

4 Kindlers Neues Literaturlexikon, hier Bd. 15, 858-859.

5 1971 drehte der brasilianische Regisseur Nelson Pereira dos Santos einen Spielfilm in Anlehnung an die Reiseabenteuer Stadens mit dem Titel „Como era gostoso o meu francês“. Deutsche Fernseherstaufführung unter dem Titel „Mein kleiner Franzose war sehr lecker“ im Fernsehsender ARTE am 6. September 1993. 1999 erschien zudem ein Film des brasilianischen Regisseurs Luis Alberto Pereira unter dem Titel „Hans Staden“ auf DVD.

6 Menninger (1996), S. 509.

7 Brenner (1990), S. 120; Menninger (1992), S. 70f.

8 Menninger (1995), S. 62f.

9 Harbsmeier (1994), S. 35ff.

10 Hupfeld (2007), S. 20f.

11 Vgl. hierzu Brenner (1990), Einleitung.

12 Harbsmeier (1994), S. 20f.

13 Brenner (1990), S. 27.

14 Zur Gattungsgeschichte von Reiseliteratur konsultiere man die einschlägige Forschungsliteratur, hier vor allem Brenner, Peter J. (1990): Der Reisebericht in der deutschen Literatur. Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte. Tübingen: Max Niemeyer (Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Sonderheft, 2); Harbsmeier, Michael (1994): Wilde Völkerkunde. Andere Welten in deutschen Reiseberichten der Frühen Neuzeit. Frankfurt am Main: Campus-Verlag (Historische Studien, Bd. 12); Neuber, Wolfgang (1991): Fremde Welt im europäischen Horizont. Zur Topik der deutschen Amerika-Reiseberichte der Frühen Neuzeit. Berlin: Schmidt (Philologische Studien und Quellen, H. 121).

15 Staden, Hans (2007): Warhaftige Historia. zwei Reisen nach Brasilien (1548 - 1555). Kritische Ausg. / Franz Obermeier. Übertr. ins heutige Dt.: Joachim Tiemann. Trad. ao portug.: Guiomar Carvalho Franco. Instituto Martius-Staden. Kiel: Westensee-Verl. (Fontes Americanae, 1).

16 Ein Gesamtverzeichnis der Jahrbuchbeiträge findet sich online unter www.martiusstaden.org.

17 Münzel (2006), S. 9ff.

18 Zit. nach Menninger (1992), S. 89.

19 Ebd. S. 92.

20 Faber (1982), S. 45f.

21 Menninger (1995), S. 165ff.

22 Menninger, (1996, Hans Stadens 'Wahrhaftig Historia'), S. 518f.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Ein gemachter Bestseller? - Hans Stadens "Wahrhaftig historia" von 1557 im Kontext der deutschen Südamerikaliteratur der Zeit
Hochschule
Universität Luzern  (Historisches Seminar)
Note
6
Autor
Jahr
2009
Seiten
34
Katalognummer
V130097
ISBN (eBook)
9783640359837
ISBN (Buch)
9783640359653
Dateigröße
770 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In der Schweiz ist die Note 6 die Bestnote.
Schlagworte
Bestseller, Hans, Stadens, Wahrhaftig, Kontext, Südamerikaliteratur, Zeit
Arbeit zitieren
Heinz Nauer (Autor), 2009, Ein gemachter Bestseller? - Hans Stadens "Wahrhaftig historia" von 1557 im Kontext der deutschen Südamerikaliteratur der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130097

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